Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1931)
- Date
- 1931-02-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450660--77661-2535305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
>19. Februar 1931 Der Israelit Nr. 6 Seite 9 j München, 16. Febr. Am Rüsttage des Neumondes Adar ist eine der markantesten jüdischen Frauen Deutschlands in ein besseres Jenseits abberusen worden. Frau Rosa Adler geb. Marx ist nach längerer Krankheit im 77. Jahre ihres der Thora und den Mizwaus gewidmeten Lebens ihrem vor 9 Jahren dahingegangenen Manne Adolf Adler gefolgt. Ihr Leben war buchstäblich der Thora und den Mizwaus gewidmet (noch in den letzten Tagen ihrer schweren Krankheit lehrte sie ihre Enkelkinder Chumesch): als Tochter des ob seiner großen Frömmigkeit und einer hohen sozialen Stellung allgemein geachteten Leb Marx aus Freudenthal (später Stuttgart) hat sie den unbeugsamen Sinn ihres Vaters geerbt und betätigt, wo es sich um Ausrechterhaltung der Jüdischkeit handelte. Sie hat im Leben auch schwere Zeiten mitgemacht, aber mit seltenem Willen und Opfermut es durchgesetzt, daß alle ihre 11 Kinder ein jüdisches Leben in ihrem und ihres Mannes. Sinne leben, und auch, daß keines von ihnen trotz größter Versuchung durch ihre ausgedehnten geschäftlichen Unternehmungen z. V. auch nur daran gedacht hat, den auch nur zu verkürzen. Von der ungeheuren Willenskraft und Energie zeugt am besten der Umstand, daß Frau Rosa Adler ganz so beherrschte, daß sie wohl — als Frau eine ganz vereinzelte Erscheinung — jeden Bibelvers auswendig mit Kapitel und Verszahl zitierte, von ihrer außerordentlichen Intelligenz, daß sie ax’Ji’ 'r-H '.des öfteren, wenn es sich um rnp iinönn-a handelte, Ivor die Größten hintrat und sie aufklärte, vor Erzbischöfe so gut wie vor weltliche Machthaber. Daß diese seltene Frau alle anderen jüdischen Frauentugenden übte, daß sie wohltätig war.usw., braucht nicht erst hervorgehoben zu werdeM ' Möge Ihr rvor uns allen und besonders ihren Kindern beiftehen und ihnen Kraft geben, in ihrem Sinne weiter zu leben und zu wirken. rr'a’iMv Sprechsaal. Zur Schächtfrage in Bayern. Im Sprechsaal der Nr. 7 Ihres Mattes empfiehlt ein Personalien. Rabbi Mosche Sokolowski yxf Wilna, 11. Febr. Plötzlich und unerwartet traf uns die Kunde vom Ableben des Vrisker Rofch Jeschiwa, Rabbi Mosche Sokolowski. Ueber 30 Jahre lehrte der Gaon vor Hunderten seiner Schüler und übertrug auf sie auch seine herrlichen menschlichen und jüdischen Eigenschaften. Er zählte zu den größten Thoragelehrten, die das heutige Polen und Litauen besitzen. Rabbi C h a - j i m Vrisker der seinen Freund von Woloschin her kannte, holte ihn vor drei Jahrzehnten nach Vrisk an die Leitung der großen Jeschiwa. Rabbi Mosche wollte sich dem Vrisker Raw unterordnen, doch bestand dieser beharrlich darauf, daß er allein, Rabbi Mosche, den Titel des Rosch-Jefchiwa führe. Er pflegte aber bis zum Ableben Rabbi Chajims jedesmal, bevor er in die Jeschiwa ging, seine mm 'vinrn erst Rabbi Chajim vorzutragen und sie nur an seine Schüler weiter zu geben, wenn sie Rabbi Chajim als gut und richtig anerkannt hatte. So arbeiteten die beiden großen Männer Jahrzehnte hindurch zusammen, Generationen für die Thora zu gewinnen. Der Fleiß Rabbi Mosches war im Osten sprichwörtlich, nicht minder aber seine Tiefe und Gründlichkeit. Er blieb auch in Vrisk, als die Kriegsstürme über die Stadt fegten und sie fast vollkommen verwüsteten. Er harrte auf seinem Posten aus und erlebte eine neue Blütezeit. Die Durchführung eines Jeschiwan e u b a u s war seine letzte Tat, und mit der unermeßlichen Freude im Herzen am Gelingen dieses Werkes schlummerte er hinüber. Seine letzten Gedanken und Worte waren Gedanken und Worte der Thora. Der Osten und damit das gesamte Thorajuöentum verlieren einen ihrer größten und erfolgreichsten Jugendbildner. B. Chajim Pscherhofer Joka, 5. Febr. Hier wurde am Montag Chajim Pscherhofer unter großer Anteilnahme zu Grabe getragen. Er entsproß einer vornehmen rabbinischen Familie, war ein Bruder des Sereder Oberrabbiners Rabbi Mosche Mor dechai Pscherhofer und ein Schwager des Nitraer Oberharnllöst/Gemüt dem^an^v^ Einers Rabbi Mosche Katz ^r und erreichte ein 211^1: oon 81 30^en. _ Schon als?un9^n9 rlmoa 'ie5, un^ es scheint des Glaubens zu fein, daß damit die sondere geistige Vorzüge, die er rin der Jeschiwa seine. . Schäckitsraae in Bauern lomlaaen im Handumdreben Vaters, des Frauenkirchner Oberrabbiners, entwickelte jej j)a Schreiber ds. den entscheidenden Ver- »E J’ny uru? . I fjanblirngGn im Bayerischen Landtage beigewohnt hat, -5 r^e 0nTnM0 ^eruf beobadftete er den Sabbat er |n j,cr gQge, diese Meinung zu widerleaen. Der peinlich und oblag dem Studium der Thora mit beij Hauptredner der Nationalsozialisten war auch über den spielgebendem Fleiß Mit den edelsten Elgenschaf en Wbinberq'schen Apparat genau informiert, er legte soausgestattet übte er bis^zuml letzten^Atemzug vorbildlich die Nummer eines englischen Fachblattes auf den Germlus Chesed. Lange >>ahre hindurch war er Ge- ^jsch des Hauses nieder, in dem der Apparat beschrieben melndevorsttzender unbrap* *■*'«*-°xoar und behauptete natürlich, daß auch dieser Apparat men Umgangsformen und sem bescheidenes Wesen ver-.^ ößm x^rschutz diene, da schon das Eintreiben des kmnten Er hintcrUt -m° Witwe? die ihn v,,-in^m ' w°il''°7°°r"°mm°n^önnk dİ das^Tie? nicht "öom segensreichen Wirken hingebungsvoll und opferwillig [n 6tc' x^nne h-r-ing-h-, und^lltes Zuttden ziehungkm Geistsder"Th°k?gm°f°n und °l-°°mrk°nnte! fürs m°n!° kein Tier, weni,> niihen würde. Ulm«»- Chuchumim gelten und zohlre.che ^,^,^?^ch^i^nauch 'n?cht aukgchaben werden würde. Die ib gestaltete sich zu einer großen Trauerkundge pz^un auch ein Zehnmal belierer Avvarat erkunden würde bung, an der viele seiner Bekannten und Denn der Brennpunkt der ganzen Aktion des Tierichutzteilnahmen und mehrere eindrucksvolle gehalten m fmnK Vmnutr nni* monin JirZ wurden. n-ax.rn Mannheim, 12. Febr. Am 12. Februar beging Herr Vereins ist (was immer noch viel zu wenig beachtet wird) nicht das Schächten, sondern die vorherige Betäubung, und an dieser Schwierigkeit scheitern alle Fabrikbesitzer Gustav Thalheim er die Feier seines Bemühungen, auch die „unvoreingenommenen" Mitglie- 60. Geburtstages. So wenig es in dem Sinne des Ju- Landtags, geschweige denn die „sehr voreingebilars liegt, sich öffentlich gefeiert zu sehen, so wenig nommenen" Mitglieder des Tierschutzvereins zu überdarf die jüdische Allgemeinheit an diesem Ereignis zeugen. Das Betäuben ist nun einmal die große „Mode" schweigend vorübergehen. Herr Thalheimer, in Lehrenim Tierschutz, und dagegen helfen auch die schönsten steinsseld (Wrttbg.) geboren, ist der Typ jener jetzt so Apparate und der beste Wille der Schächtfreunde nicht, selten gewordenen Männer, die von kleinsten Verhältnisq5 für Möglichkeit des Schlichtens nur noch sen beginnend, in zäher Arbeit und zielbewußtem Rmeinen Weg der Reichsgesetzgebung: mißglückt auch gen auf der Stufenleiter des Erfolges immer weiter dieser, so werden wir in Deutschland in absetzbarer Zeit klimmen, bis sie zu jener Höhe emporgewachsen, die ^^destens noch eine Reihe weiterer Schächtverbote, wirtschaftlich durch die Größe des Unternehmens einer wenn nicht ganz, was G'tt verhüten möge, ein Reichs- Weltfirma, sozial durch die ehrenvolle Verwaltung geverbot des Schlichtens haben. E. kennzeichnet ist. — Hat doch Herr Thalheimer lange Zeit ■ .. , s ... in der Ludwigshafener Gemeinde und in der bayerischen (Wir teilen die Meinung des Herrn Einsenders Nicht Synode an leitender Stellung gestanden und hat ihn ganz. Zwar ist ihm darin beizupflichten, daß die emnun die jüdische Gemeinde Mannheims, — der er jetzt mal festgelegten Schächtgegner auch durch den Wemanqchört — zu Stellungen berufen, in der der Jubilar>bergscheu Apparat nicht zu bekehren sind — aber der seine umfassenden wirtschaftlichen Fähigkeiten, seine Schmer noch vorhandenen Gruppe der unbefangenen große Allgemeinbildung, sein beachtliches Wissen in jüdisch-religiösen Angelegenheiten und nicht zuletzt die menschlichen Werte seiner Persönlichkeit in den Dienst einer größeren Gemeinschaft stellen darf. Und bei allem Glanze äußeren Erfolges und persönlicher Ehrungen blieb der schlichte Kern seines Wesens und Wirkens in seiner Einfachheit unberührt. Allen ist er gleich nahe mit seinem Herzen geblieben. Dies alles bezeugen ihm auch öffentlich außerjüdische Kreise. Die Fachpresse nennt .. . , , , . ihn, den Seniorchef, einen aufrechten soliden Geschäfts- ..Kaschruth »n Karlsbad. mann, die Stadt Wiedenbrück, die das ausgedehnte Un- Ohne auf den Artikel im Einzelnen einzugehen, möchte ternehmen beherbergt, hat ihn in einer Adresse einen ich nur einen Punkt besonders herausgreifen, und glaube Mann genannt mit fühlendem Herzen für die Angestellich, daß dieser auch der Hauptanlaß zur Beschwerde seiten, sozialem Empfinden für die Arbeiter, der durch die tens Herrn B. ist. Herr B. beschwert sich, daß in Karls- Geradlinigkeit seines Aufstieges, das Beispiel einer achbad orthodoxe deutsche und polnische Rabbiner in Restautunggebietenden, wirtschaftlichen und menschlichen ©Hrants essen, ohne daß dieselben eine Aufsichtsverson in scheinung geworden ist. Wir fügen noch hinzu: Möch-^jf,^^ Betriebe haben und sich lediglich auf die Kurierten doch viele so dazu beitragen, den Klang des jüdi- Lässigkeit des Inhabers verlassen. Ob mit Recht, sei haschen Namens in der Umwelt rein erklingen zu lassen,! hingestellt, denn es ist doch sehr schwer, die Grenze zu und möge es dem Jubilar vergönnt sein, noch lange ziehen, wo die persönliche Zuverlässigkeit anfängt oder diesen Weg zu gehen. oufhört. Man muß also annehmen, daß die Herren Rab- Beurteiler kann durch die Anwendung des Apparates doch mit großer Deutlichkeit gezeigt werden, daß der Schächtakt selbst, nach reibungslos vollzogener technischer Vorbereitung, die b e st e und dabei von der rohen Schädel Zertrümmerung abfehende Betäubung darstellt, die sich erfinden ließe. Red). biner im besten Glauben handeln und muß ihnen zugute halten, daß sie ihr Gewissen in keiner Weise belasten und auch nicht durch das Essen in diesen Restaurants Stellung gegen die Richtlinien des Hamburger Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser nehmen bezw. illusorisch machen. Aber, so muß ich fragen, nimmt man nun gerade Karlsbad in dieser Angelegenheit heraus? Bestehen denn nicht auch in Deutschland dieselben Verhältnisse? Gibt es denn nicht auch bei uns eine große Anzahl Hotels und Restaurants, bei denen lediglich die Herren Rabbiner durch ihre persönliche Einstellung zu den betr. Wirten dieselben als zuverlässig betrachten und. ohne den Wirten Unzuverlässigkeit vorwerfen zu wollen, dort essen und auch für den Hamburger Verein attestieren. Ich glaube mit Herrn B. einig zu gehen, daß man unbedingt von den Herren Rabbinern verlangen muß, daß ohne Rücksicht auf die betr. Wirte generell in jedem Betrieb eine Aufsicht vorhanden sein muß. Dann können solche Vorkommnisse wie in Karlsbad vermieden werden, nur dann kann jeder Betrieb in Bezug auf Kaschruth auf eine Stufe gestellt werden, und eine gleichmäßige Behandlung in Kaschruthfragen eben durch die Aufsichtsperson gewährleistet sein. Es ist leider eine bekannte Tatsache, daß es im Publikum allgemein heißt, wenn Herr Rabbiner soundso dort ißt, so kann auch ich dasselbe tun. Der Hamburger Verein würde sich einen großen Verdienst erwerben, wenn er von den Herren Rabbinern für jeden nur einigermaßen größeren Betrieb eine Aufsichtsperson verlangen würde, ganz abgesehen davon, daß in der heutigen, wirtschaftlichen Lage es vielen orthodoxen Mädchen eine Beschäftigung verschaffen würde. Ein Kenner. Die Woche. Simon Unna Es war ein Trauertag für die gesacnte jüdische Bevölkerung Frankfurts, das darf man ruhig feststellen, nicht eines Kreises oder einer Gemeinde, als wir Simon Unna, den g'ttbegnadeten Lehrer, den sangesfrohen Interpreten der heiligen Gebete, den lieben Menschen und erprobten Juden am Sonntag, erst siebenundsechzig, zu Grabe trugen. Ueber 40 Jahre stand Unna am Vorbeterpult der Synagoge der Israelitischen Männerkrankenkasse. (Kippestube). Aber er war nicht allein Chasan seiner Gemeinde. Er war in einem Matze, geistiger Führer und Mittelpunkt seines Kreises, afle es kaum einer Persönlichkeit aus größerem Posten gegönnt sein kann. Seine rührende Beschsivenheit, sein allen Lebensgeräuschen abholdes Wesen hielten ihn stets im Hintergründe. Aber seine Getreuen wußten es, und mit der Zeit wußten es doch alle weit über seine Gemeinde hinaus: hier wirkte im Stillen ein Besonderer, ein Geslehrter von Format, ein p'ix von einem schöpferischen, erzieherischen und beispielgebenden Zidkus, ein p^ya nid)t nur des Wortes, als Grammatiker, sondern im Sinne ppi», eine starke, in sich geschlossene Persönlichkeit. ein Edelmensch, ein Lehrer der Kleinen und Großen, wie ihn eine gütige Vorsehung zur Kündung des Guten, Schönen und Wahren zu uns nicht grade in großer Zahl schickt. Wenn Simon Unna vor seinem E'tte stand, wußte man: es kam kein Wort aus seinem Munde, in dessen Sinn und inneren Gehalt er nicht tief eingedrungen wäre. Wenn er in der R e l i g i o n s s ch u l e , in seiner Gemeinde und bei den zahlreich von ihm geleiteten Schiurim lehrte, so fühlte jeder: der Mann lebt.e, was er lernte und lehrte. Und darin der Schlüssel zum Geheimnis seiner suggestiven Kraft. Je weniger er durch äußere Mittel bewußt heranzog, destomehr zog er a n. Simon Unna, fern dem politischen Leben und nahe allem Wahren, Guten und G'ttlichen, hatte keine Feinde, alle die ihn kannten, waren aber seine Freunde und Verehrer. Wie überaus groß war doch diese Verehrergemeände, die ihn am Sonntag auf dem letzten Wege begleitetta und die große Trauerhalle auf dem Friedhof der Israelitischen Gemeinde bis auf den letzten Platz anfüllte. Zuerst rief Herr Rabbiner Dr. Unna aus Mannheim dem Bruder, tief ergriffen, letzten Abschiedsgruß zu. Er erzählte von der Kindheit, der Entwicklung, den Eigenschaften und Charakterzügen, der Arbeit und den Erfolgen des Heimgegangenen, zeigte ihn als Bruder, als Menschen und Lehrer, daß sein Bild noch einmal vor unseren Augen auflebte. Es betrat darauf Herr Rabbiner Dr. H o f f m a n n die Kanzel, um in schöner, gerundeter Form ein Lebensbild des Entschlafenen zu entwerfen. Er dankte für den Talmud-Thoraverein und die Rabbinische Lehranstalt, in der Unna einen erfolgreicheni"2n-Schiur gab. Es folgten Dankesworte des Herrn Rabbiner Dr. Jakob H o r o w i tz rm Namen der Nelig i o n s s ch u l e, der ein gut Teil der Kraft des Heimgegangenen gehörte. Er selbst, Redner, erinnerte sich gern der Zeit, da er diesem geliebten Leihrer noch zu Füßen saß und ihm wie all seine Schüler kindliche Verehrung entgegenbrachte. Herr Dr. Salomoti entbot letzten Gruß für die Marcus Horowitz-Loge und Herr Karl Weil sprach herzliche Worte des Dankes und der Verehrung im Namen der früheren Schüler und bisherigen Hör^c des Heimgegangenen.