Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1931)
- Date
- 1931-02-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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^eite 6 Nr. 8 D e r Israelit 19. Februar 1931 (Arbeiterorganisation der Aguda), die an dem Tage da siebenjährige Bestehen hrer Abendkurse beging, der Sache an. Die Festlichkeiten gingen unter der Devise: „Arbei ten und Lernen!" vor sich. Die gesamte Lodzer Ortho doxie, sämtliche Mitglieder des Rabbinates, die ortho doxen Ratmänner und alle Agudaführer waren an wesend. Die Kehilla als solche hatte Vertreter geschickt Den Höhepunkt erreichten die Feierlichkeiten am Montag mit einer Festversammlung in der Philharmonie, an der sich viele Tausende beteiligten. Rätmann Fischel Lie bermann erössnete den Abend, den der Präses der Lodzer Kehilla, H. Berger, weiterleitete. Der L u b l i n e r R a w hatte einen Delegierten zu den Festlich keilen geschickt. Mehrere Dajanim und Agudaführer hielten zündende Reden. In einer Rede wurde in er greifender Weise die innere Verbundenheit mit den Brü dern in Sowjetrußland ausgedrückt, die keine Thora feste feiern können, die mit ihrem Das Jomi auf den Dachboden und in den Keller müssen. Gründung einer Genossenschaft für sabbattreue Handwerker. - B e r l i n, 1(i. Febr. Unter dem Namen „Arewuth" Erwerbs- und Wirt schaftsgenossenschaft für das jüdische Handwerk, E. G. m b. H. wurde in Berlin eine Genossenschaft für sabbat treue Handwerker des Bauhandwerks und der ver wandten Gebiete unter dem Protektorat des Weltver bandes Schomre Schabbos gegründet. Die wirtschaftliche Notlage der sabbattreuen Handwerker, welche bei Berge bung von Aufträgen nur allzuoft übergangen werden weil sie trotz der üblichen Arbeitseinteilung den Sabbat beobachten, hat den Anlaß dazu gegeben, zur Gründung einer solchen Genossenschaft zu schreiten. Entsprechend den Resolutionen des Sabbat-Weltkongresses ist es nunmehr höchste Pflicht und Aufgabe des Weltverbandes und seiner Anhänger und Gesinnungsgenossen, dieser wichtigen Einrichtung weitgehendste Förderung angedeihen zu lassen. Da nur tüchtige selbständige Handwerker ausgenommen werden und auch die Preise günstig gestaltet werden, besteht kein Zweifel, daß diese neue Genossenschaft sich als konkurrenzfähig erweisen wird. Es ist zu Haffen, daß die jüdischen Hausverwalter und Hausbesitzer bei Vergebung von Reparatur- und Neueinrichtungsaufträgen diese Genossenschaft berücksichtigen werden. Schächwerbok in Gotha. Berlin, 12. Febr. Der Gothaer Stadtrat hat einen nationalsozialistischen Antrag auf Erlaß eines Schächtverbots für Gotha mit 17 .gegen 14 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen a n g e n o m m e n. Für das Verbot stimmten die Nationalsozialisten, die Deutschnationalen und die Wirtschafts pariei, dagegen stimmten die Sozialdemokraten, die Deutsche Demokratische Partei und die Kommunisten. Die Deutsche Volkspartei enthielt sich der Stimme. Die „C. V.-Zeitung" bemerkt dazu u. a.: Die Stellungnahme der Wirtschastspartei überrascht deswegen, weil sich die in Betracht kommenden Wirtschaftsorganisationen, die der Partei nahestehen, aufs entschiefoenste gegen das Verbot ausgesprochen haben, durch das sie schwere Schädigungen voraussahen . . . Die Gothaer Vor gänge beleuchten in dankenswerter Weise die Grundsatz treue gewisser Parteien und gestalten einen Vorausblick auf die Geschehnisse im thüringischen Landtag, wo bekanntlich in Kürze ein Betäubungszwangsgesetz für ganz Thüringen, in klarem Deutsch: ein Schächtverbot zur Abstimmung gelangen wird. Politische Morgenfeier des Central-Vereins. Berlin, 16. Febr. Am Sonntag, den 15. Februar, fand im Logenhaus zu Berlin eine vom Landesverband Groß-Berlin des Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete Morgenfeier statt, zu der sich ein überaus zahlreiches Publikum eingesunden hatte, um die Ausführungen von Dr. Bruno Weil und Dr. Ludwig Holländer über das Thema: „Die geistige Widerstandskraft der jüdischen Deutschen" zu hören. In seiner Eröffnungsansprache erklärte der Vorsitzende der. Ortsgruppe Schöneberg des Central-Vereins, Dr. Stephan S1 e i n h a r t e r, die Feier sei nicht einer politischen Auseinandersetzung, sondern dem Zwecke der Einkehr, der Besinnung und Kundgabe politischer Gesinnung der deutschen Juden gewidmet. Nach einer eindrucksvollen Vorlesung des Mitglieds des Staatlichen Schauspielhauses, Heinrich Schnitzler, aus dem Buche Jakob Wassermanns „Mein Weg als Deutscher und Jude" hielten R.-A. Dr. Bruno W e i I und Dr. Ludwig Holländer ihre Referate. Beide befaßten sich mit dem Problem, wie die deutsche Judenheft die innere Kraft zur Ileberwindung der heutigen Situation gewinnen könne. Wenn man sich jetzt auch bemüht, die Leistungen der Juden zu entwerten, so wissen wir doch, daß objektive Leistung im Laufe der Jahrhunderte anerkannt werden muß. Unsere Mtivität wird jene Kreise aus ihrer Ekeichgüitigkeit ausrütteln, die heute'noch der Schande des Nationalsozialismus ruhig zusehen. So wird es uns gelingen, die überwiegende Mehrheit der anständigen Mitbürger auf unsere Seite zu bringen. Passivität ist eine Gefahr. Wir dürfen jetzt keine Opfer scheinen, da sonst später weit schwerere Opfer gebracht werden müßten. Mit einer Vorlesung Heinrich Schnitzlers aus Schriften Gabriel Rießers fand die politische Morgenfeier des Central-Vereins ihren Abschluß. Bundeshauptversainmlung des R.). F. in Berlin. Berlin, 16. Febr. Am 15. Februar 1931 fand in Berlin >die diesjährige Bundeshauptversammlung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten E. V. statt. Die Versammlung war von Delegierten aus allen Teilen des Reiches und von allen Landesverbänden beschickt. Der Tagung ging am .Sonnabend eine Veranstaltung voraus, in welcher die Landesoerbandsoorsitzenden sich eingehend über die augenblickliche Lage in Deutschland unterhielten und in welcher insbesondere die Frage der jüdischen Berufsumschichtung und der jüdischen ländlichen Siedlung in Deutschland behandelt wurde. Aus der eigentlichen Tagung am 15. Februar sind besonders das Referat des Bundesvorsitzenden, Dr. L^o L ö w e n st e i n , Berlin, und das Referat von Dr. U r i a s , Hamburg, hervorzuheben. Der Bundesvorsitzende kennzeichnete eindeutig das politisch neutrale Programm und die Arbeit des Bundes, der sich zur Aufgabe gesetzt hat, zu einer Befriedung der politischen und geistigen Atmosphäre Deutschlands seinen Teil beizutragen und an dem Abbau der demagogischen Hetze mit allen Kräften zu wirken. Das Referat von Dr. llrias, Hamburg, schilderte eingehend die Gefahren, denen angesichts der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse das ganze deutsche Volk augenblicklich ausgesetzt ist, und brachte in Ergänzung zu den Ausführungen des Bundesvorsitzenden Gedanken vor zur Verwirklichung der Ausgaben des Bundes. An die Referate schloß sich eine rege und umfassende Diskussion, aus der insbesondere die Mitteilungen von Mar Eisenkraemer, Berlin, hervorzuheben sind, der sich bemühte, den besonderen Grundlagen und Erscheinungsformen des Nationalsozialismus gerecht zu werden und die von dieser Bewegung drohenden Gefahrenmomente in objektiver Weise darzustellen. Die Neuwahl des engeren Bundesvorstandes ergab die einstimmige Wiederwahl des Bundesvorsihenden. die Arbeitskraft eines starken Bevölkerungsteiles nicht mindern. In dieser düsteren Zeit ist unser einziger Lichtpunkt das Bewußtsein, daß die richtigen Männer heute am Ruder stehen und die Nsgierungsgeschäfte mit fester sicherer Han) leiten in einer Weife; die zweierlei Recht nach Nasse und Konfession nicht kennt. So möge die Zielstrebung aller im Glücke für alle arslaufen!" (Starker Beifall.) Kalenderreform-Konferenz in Polen. Warschau, 10. Febr. Das Handelsministerium lud die Vertreter der religiösen und wissenschaftlichen Institutionen, sowie Vertreter' wirtschaftlicher Organisationen zur Beratung, des dem Völkerbund vorliegenden Planes einer Kalenderreform ein. Der Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde, Farbstein, erklärte, die in dem Genfer Kommunique, das zur Beratung vorliegt, aufgestellte Behauptung, die jüdischen Gemeinden hätten sich für einen festen Termin des jüdischen Pessachfestes gemäß dem neuen Kalender einverstanden erklärt, sei falsch: die Abhaltung des Pessachfestes fei einzig und allein vom jüdischen Kalender abhängig. Farbstein stellte auch andere Jrrtümer im Genfer Kommunique mit Bezug auf die Stellungnahme der Juden richtig und führte aus, die Judenheit der ganzen Welt werde mit aller Energie eine Kalenderreform bekämpfen, die die Heiligkeit des jüdischen Sabbat als Ruhetag irgendwie antastet. Das wirtschaftliche Motiv darf nicht allein maßgebend Mn, man müsse mit den religiös-geistigen Motiven rechnen. Die Juden haben der Welt den Wochenruhetag gegeben, man soll jetzt den Juden nicht ihren Sabbat nehmen. Der Plan der Blanko-Woche könne am besten auf folgende Weise verwirklicht werden: Festsetzung von drei Perioden zu sechs Jahren mit je einer Blanko-Woche, dann von zwei Perioden zu je fünf Jahren mit einer Blanko-Woche. — De Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirchen erklärten, der geplanten Reform nicht entgegentreten zu wollen. Der Evangele fügte noch hinzu, daß die religiösen Gefühle der Juden respektiert werden müssen. Der Vertreter des zentralen jüdischen kaufmännischen Vereins, Silberstein, erklärte, vom wirtschaftlichen Standpunkte sei eine Kalenderreform nicht so dringend, ihre Vorteile würden den Schaden nicht wettmachen, der durch eine Antastung der Grundlagen der jüdischen Religion angerichtet werden würde. Der Vorsitzende resümierte die ausgesprochenen Meinungen und erklärte, der größere Teil der Anwesender! habe sich für den Kalenderreform-Plan, der ein Dreizehn-Monate-Jahr vorsieht, ausgesprochen. Was die religiösen Bedenken der Juden betrifft, so werde man ihnen bei Einführung der Fünf-Tage-Arbeitswoche in dem Sinne entgegenkommen, daß sie nur einen der zwei vorgeschriebenen Ruhetage halten und den zweiten Ruhetag auf den Sabbat verlegen. psSerr. Die große politische Rede Oberrabbiner Lewins. Einführung Warschau, 13. Febr. Aus der Rede Rabbi Lewins in der S e j m f i t - z u ii g von Donnerstag über die wir bereits berichtet haben, fei noch folgendes wiedergegeben: Die wirtschaftliche Tschechoslowakei. Drohende Sonntagsruhe. B r a t i s l a v a , 13. Febr. Die beunruhigenden Nachrichten über die bevorstehenden der vollständigen Sonntagsruhe in unserer Stadt haben naturgemäß die ganze gesetzestreue Bevölkerung in starke Aufregung versetzt. Die Vertretungskörperschasten der Kaufleute und einzelnen Branchen- Vereinigungen sandten telegraphische Proteste an den Lage der jüdischen Bevölkerung ist katastrophal Kauf-' Handelsminister nach Prag. Am 5. Februar sprach eine Mannschaft wie Handwerk stehen vor dem Zusammenbruch. Delegation der orthodoxen Landeskanzlei, bestehend aus Der jüdische Kleinhändler kann sein Patent nicht mehr Oberrabbiner Schreiber, Bratislava, und Oberbezahlen und seine Steuern nicht mehr aufbringeu. Alles rabBiner Webe r-Piestanu in Prag vor und konferierten ichreit nach Reformierung des Patentwesens, das noch nach den alten russischen Gesetzen gehandhabt wird. Dia ministerielle Verordnung über das Salzmonopol bringt viele jüdische Familien an den Bettelstab. Das Gesetz nützt dem Staate nichts und ruiniert einen Teil seiner Bürger. Die kommunalen Steuern haben sich in achtjähriger Praxis nicht bewährt. Es ist ein Bestenrung des jüdischen Elends. Die Proteste der Städte gegen das Steuersystem wurden vom Staate nicht beachtet. Auch die Mietesteuern drücken schwer auf den jüdischen Mittelstand. Redner berührt zuletzt die Frage der Sonntagsruhe und sagt wörtlich: „Für uns ist der Sabbath ein Grundpfeiler der Religion. Ein Judentum ohne Sabbath ist einfach nicht vorstellbar,. Zwingt man uns aber zur Einhaltung von zwei Ruhetagen, so macht man uns existenzlos. In einer Zeit, wo nur die Arbeit das Land noch retten kann, darf man sowohl mit dem Handelsminister, als mit dem Minister für soziale Fürsorge. Auch das Aktionskomitee für sabbathaltendc Kaufleute unter Leitung des Herrn R e u m a n n ließ es an Anstrengungen bei den kommunalen Instanzen, nicht fehlen. Endlich begaben sich am letzten Dienstag Oberrabbiner Weber und- Vicepräses Ehrenfeld zum Landespräsidenteu, um auch dort zu intervenieren. Leider ist kaum eine Aussicht vorhanden, etwas zu erreichen und es dürfte wohl zur Einführung der Sonntagsruhe in Kürze kommen. Wir sind, der Meinung, daß alsdann trotzdem der Versuch gemacht werden muß, angesichts des starken Prozentsatzes, den die sabbathtreiue ju.ischen Bevölkerung bei un; lüdet, eine Sonderbestimmung durchzusetzen, die der Eewissensbedrücknng der fabbathhaltenden Kreise und dem Angriffe auf die Grundlagen ihrer wirtschaftlichen Existenz gegenüber einen gewissen Rechtsausgleich schafft. Die Bestimmung müßte, so wie