Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1931)
- Date
- 1931-02-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Seite 3 1'9. Februar 1931 Der Is r a e l i t Me die geschilderten Bruchstücke aus der ihre- Belange gehört, Schaatneis und noch vieles palästinensischen Wirklichkeit zeigen, wurden von andere verlangen heute gleichfalls ihre .Propaoben Herab nicht nw jüdisch, sondern auch allgetzkermtz. Die Orthodoxie müßte, in großzügiger nreiin menschlich keine Direktiven gegeben. Die; Weise und im ansprechenden, die Psyche des Publi- Worte der Bibel tönen an das Ohr: „Damals kums beachtenden Formen die Druckmaschine bewaren keine Richter in Israel; jeder tat das, was recht war in seinen Augen" .Eine unbefriedigende Unklarheit blieb stets nützen. Sie könnte, was die Disziplinierung ihrer ideellen und materiellen.. Kräfte und Propagandaeifer betrifft, von den Arbeiterparteien lernen. vorherrschend und trübte den Blick, während bei! Manch ein Orthodoxer glaubt sich auf dem rich- .zielbewußter Klarheit eine Annäherung zu den tigen Wege, feines Schöpfers Anerkennung bleibt Traditionen schon nach und selbstge-!ihm aber versagt, weil er nicht G'ttes Bote ist, die Thora an Anerkennung zu fördern. Er denkt mehr an sein Haus als an G'ttes Haus, — und er wundert sich dann über Schicksalsschläge in seinem Leben. In den zahlenmäßigen Zentren des neuen Jischmv, in Tel-Awiw, Haifa und Pethach-Tikwah, wäre neben dem Rabbinat eine tüchtige, begabte Kraft, ausgestattet mit Thorawissen und gründlicher europäischer UniversitätsbUdung, nötig. Dieses. Amt sollte die eine Aufgabe haben, Thora-Erkenntnis und -Anerkenntnis zu fördern lung des jüdischen Rationalismus gehemmt. Nicht! und so Abfall aus den trad'itionstreuen Kreisen kommen wäre, wie es der konsequente Rationalismus bedingt. N Welches Chaos noch herrscht, beweist die Aufmarschienrng von nicht weniger als neunzehn Listen zu den letzten Keneseth-Jsrael-Wahlen, die dieser Tage stattfanden. Disziplin, Aktivität,'Erziehung für bestimmte Jdoen zeigt wohl die mächtige Arbeiterorganisation, aber sie wird seelisch durch den interna- Äonalen Sozialismus mit seiner ganzen ethischen Anfchammgsrvelt in eiu-er vernünftigen Entmickeinmal von den wunderbaren, originalen sozialen Gesetzen des Thorajudentums darf Kenntnis -genommen werden. Man ist trotz allem immer noch der Jude, der aus dem Galuth gekommen, ist, geblieben, sucht das Schöne in fremden 'Ideenkreisen, aber nicht in den eigenen. * . Der Weg kann lang und kann kurz sein. Immerhin führt einmal der Weg der palästinensischen Iudenheit zum Ziele; auch, wenn sie den langem Weg geht. Bon der Propagandatätigkeit der Thoratreuen in Palästina — mögen siezum a l t e n Äis chu w z ä h l e n oder die t h o r a t r >e u e M i n d e r h e i t i m n e u e n Iischuw d a r st -e l l e n — häng t die Däner d esWeges ab. Bis jetzt wurde noch wenig getan, aber -viel versäumt. Die Mission für die Thora ist Nichtjuden gegenüber verboten, Juden gegenüber aber geboten (siehe Hirsch Pentateuch, 3. Teil, Seite 401 und 402). Woran es fehlt,W hier mit einigen Beispielen beleuchtet. Dieses Jahr ist ein Schemittahjahr. Man hat vor Ablauf des vergangenen Jahres in einer Anzahl, doch lange nicht in allen Synagogen Bekanntmachungen angeschlagen, die der eine Synagogenbesucher gelesen, der andere aber nicht gelesen hat. Auch sind vereinzelt Deraschoth über das Schemittahjahr gehalten worden. Es wäre aber eine systematische Aufklärung aller Kreise der palästinensischen Iudenheit Pflicht gewesen. Doch das ist nicht geschehen. Die Speisegesetze, die Mikwcch und was in verhüten, die traditionsfremden Kreise aber zu nähern. Es zeigt sich heute — wenn auch schüchtern — in den linken Kreisen ein Suchen nach einem stärkeren jüdischen Halt, nach einer jüdischen Vertiefung. Hebräische Sprache, Hatikwah, Horratanz und Lektüre der zionistischen Presse und Literatur-Erscheinungen genügen .doch wahrlich denkenden Menschen auf die Dauer nicht als Judentum. Das Durstgefühl ist vorhanden; — ob es befriedigt wird, hängt davon ab, daß die TradiNonstreuen den Becher zu reichen verstehen; — an dieser Entscheidung entscheidet sich aber auch die Ueberwindung des Thora-Galuth im Thora-Land. Wochenrundschau. Vierzigkagebeten. Tel-Awiw , die jüdische Stadt in Paist, wie aus vorstehendem Leitartikel erhellt, die Stadt der Gegensätze, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Auf der einen Seite rüstet man sich zu rauschenden Maskenbällen, die sich von den zweifelhaften Karnevalsfreuden in Europa durch noch größere Hemmungslosigkeit auszeichnen. Man organisiert eine Schönheitskonkurrenz und trifft schon alle' Vorbereitungen, der „Schönheitskönigin" in gebührender Weife zu huldigen. Erscheinungen, die nach Ansicht namhafter Philosophen und Wirtschaftspolitiker den Untergang des Abendlandes anzeigen, werden übernommen und mit der Liebe und d e m Eifer, der der jüdischen Assimilation immer eigen war, gepflegt. Und aus der anderen Seite? In der Synagogevon Tel-Awiw wurden vierzig Tage und Nächte ohne Unterbrechungvon Hunderten Psalmenrezitiert. Die Menschen wechselten, die Ermatteten wurden -abgelöst, aber in der Synagoge gingen die Lichter nicht aus, verstummten die Lieder des königlichen Sängers keine Minute, Tag und Nacht, vierzig Tage und vierzig Nächte lang! Kabbalistische Lehrer'hatten diese Idee ausgebracht und fromme Menschen nahmen sie auf. Warum auch nicht? In einer Zeit, da Menschen tagelang laufen, um sportlichen Rekord zu erzielen, da sie sechs Tage und sechs.. Nächte hindurch ohne Atempause auf Rädern m der Runde rennen, nur um die Kraft und die Ausdauer menschlicher Muskeln, das Wunder menschlicher Energie darzutun, warum soll m einer solchen Zeit nicht auch eine Rekordleistung der jüdischen Seele gezeigt werden; dargetan werden, wie sie nicht müde wird, sich Tag und Nacht in G'tteslob und G'ttespreis zu ergehen, vierzig Tage und vierzig Nächte lang?! Wir wissen nicht, wie sich die zuständigen Rabbinate in Jerusalem zu dieser Rekordleistung jüdischer Frömmigkeit und hingebender Inbrunst verhalten. Doppelte Aufmerksamkeit verlangt die Tatsache, daß dieser Gedanke nicht in Wilna, nicht in Lemberg, auch nicht in Jerusalem, sondern in Tel-Awiw einen Boden fand und zur Ausführung gelangte, in Tel-Awiw, der Stadt, die man bisher nach ihren Spiel- und Sportplätzen, nach ihren Tanzsälen, Theatern und Maskenbällen bewerten zu müssen glaubte. Ist ein Umschwung eingetreten? Ist der Prophet da, der „die Söhne in des Vaters Heim zurückführt?" Leider noch nicht. Die Psalmklänge sind noch nicht das Flügelrauschen des Erlösers. D1AL2N ~ Puder bewahrt ■Ihren Liebling vor Wunclsein. weiß der jüdische Vater und Lehrer, wohin er gehört: In die Wissenschaft der Gegenwart. Damit ist im schönsten Sinne das erfüllt, was Samson Raphael Hirsch von der Emanzipation erhofft hat: nicht nur Zeitenheil für die Iudenheit, sondern auch Judentumsheil für die Zeiten. Niemand ist so wie die Befolgerschast des Gottesgesetzes berufen, eine solche Wissenschaft zu fördern. Somit ist uns der Weg vorgezeichnet. Thora und Weltwissen sind unzertrennlich. Kleines Feuilleton. Aus Büchern. H. G. Wells schreibt in seinem Buche „Die offene Verschwörung, Vorlage für eine Weltrevolution", daß die praktische Auswirkung der modernen Religion darin bestehen sollte, „sich mit der Führung und Kontrolle des politischen, sozialen und ökonischen Lebens zu befassen, und nicht darin, nur ein Heilmittel zur Linderung eines Unbehagens zu sein." Hier hat also , ein Christ bemerkt, welche verhängnisvolle Folgen es zeitigen mußte, wenn die Religion nur einen Ausschnitt im Leben, aber nicht das pulsierende Leben selber; umfaßt. „Führung und Kontrolle des politischen, sozialen -und ökonomischen Lebens" hat aber das, Judentum, nicht nur gefordert, sondern in seiner Thora gesetzlich in allen Einzelheiten niedergelegt. . \ " ' : \\ V. ' -:U *,v ■■■'■" . ' , , . . Benjamin Disraelis Ortentalismus, lautet der Titel einernMenschastlichen Untersuchung von B: Segalüwitsch (1930^ Berlin, Verjag „Kedem"). Hier heißt es auf Seite 88 über den mit 13 Jahren getauften Disraeli: „D. fühlt sich als Jude, — primär ist seine Verbundenheit mit dem Judentum als Raffe, sekundär mit dem Judentum als Religion, Jude ist er seiner geistigen Struktur nach. Zu diesem Resultat kommt man sowohl nach der Lektüre seiner bedeutenden Romane, wie auch bei der Durchsicht der umfangreichen, in der Biographie publizierten Korrespondenz. Die in belletristischer Umkleidung dargebrachten Theorien von der weltumspannenden Bedeutung der. semitischen Rasse finden ihre schlaglichtartige Beleuchtung, wenn wir etwa im Glückwunsch an seinen Freund Lionel de Rothschild anläßlich der Geburt eines Sohnes die Worte lesen: „ Ich hoffe, daß er sich seiner reinen und heiligen Rasse würdig zeigen wird". Disraelis Lebenswerk ist auf Seite 123 in folgenden Worten zusammengefaßt: „Mit der gleichen Zielsicherheit und Zähigkeit, die uns bei der Erwerbung des Suez-Kanals und der Annexion Eyperns begegnet waren, ging Disraeli auch bei seiner Indien-Politik vor. Die Proklamation der Königin Viktoria zur Kaiserin von Indien bedeutete in der Tat eine Krönung seines politischen Lebenswerks im Orient." In der Regel werden aus ehemaligen Juden — auch wenn ihre Eltern sie als Kinder haben taufen lassen — die erbittertsten Judenfeinde; doch Disraeli zeigt den überaus seltenen Fall, daß er offen für Juden und Judentum eintritt —so für ihre endgültige Emanzipation in Jgnglanb — weil er stolz auf seine Zugehörigkeit zur jüdischen Nasse ist. * Der Hiob der Bibel war ethisch, geistig und materiell ein Fürst unter den Menschen. Der Hiob aber, den Joseph.Roth in seinem kürzlich erschienenen Romane schildert, war ein armseliger Lehrer kn einem schmutzigen Städtchen Osteuropas, dessen Schicksal nur Mitleid zu erregen vermag. Als er nach Amerika kommt, vertauscht er sehr schnell seine jüdischen Ideale mit denen des Durchschnittsamerikaners. Roth zeichnet auf Seite 190/1 dieses Denken wie folgt: „Er glaubte seinen Kindern aufs Wort, daß Amerika das Land Gottes war, Nero-Park die Stadt der Wunder und Englisch die schönste Sprache. Die Amerikaner waren gesund, die Amerikanerinnen schön, der Sport wichtig, die Zeit kostbar, die Armut ein Laster, der Reichtum ein Verdienst, die Tugend der halbe Erfolg, der Glaube an sich selbst ein ganzer, der Tanz hygienisch, Rollschuhlaufen Pflicht, Wohltätigkeit eine Kapitalsanlage, Anarchismus ein Verbrechen, Stteikende die Feinde der Menschheit, Aufwiegler Verbündete des Teufels, moderne Maschinen Segen des Himmels, Edison das größte Genie. Bald werden die Menschen fliegen wie Vögel, schwimmen wie Fische, die Zukunft sehn wie Propheten, im ewigen Frieden leben und in vollkommener Eintracht bis zu den Sternen Wolkenkratzer bauen" Wocyenkatender., 0. 21. - 28. Febr. 1931 ' 4. - 11. Adar 5891 Samstag 21 nposn nn-nn Sonntag 22 - |5 Montag 23 o Dienstag Feb. 24 7 Mittwoch 25 ns 8 Dottnerstag 26 9 Freitag 27 10 Samstag?8 11 ■ydt 's msn