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Der Israelit · 1931-02-19 · Heft 8 (19.2.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 8 (19.2.1931)
Date
1931-02-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 8 Der Israelit 19. Februar 1931 Awiws sogenannter Hautevolee. Während des Sommers liegen an jedem Schabbath einige tausend Menschen in den Liiegestühlen am Meeresftrand und finden nichts dabei, den Besitzern, gleichfalls Juden, einen halben Piaster in bar zu zahlen. ' Das Rabbanuth von Tel-Awiiw ist orthodox. Es bestehen auch einige Defchimoth sowie die Volks- und Realschule „Tachkemoni" (1100 Schüler), das Mädchengymnasium „Talpioth" (600 Schülerinnen) und die Jemenitenschule (500 Schüler), die dem Misrachi zuzuzählen find. Die zahlreichen Synagogen sind stets gut besucht — zum Teil ist auch das Kaddlsch die Ursache — und weisen meist zu jeder Zeit lernende ältere Leute auf. Es ist jedoch leider eine Eigentümlichkeit dieser osteuropäischen Traditionstreuen, den Abfall von der Thora als eine Schickung der n e u e n Z eit zu betrachten, g e g e n di e man ohnmächtig ist. Besonders häufig fällt auf, daß Leute, die zweimal täglich zum Minjan gehen, täglich Talmud! lernen, verträglich bei ihren religiös indifferent! gewordenen Kindern wohnen. In einem jüngst , in Deutschland erschienenen Romane (Hiob von Joseph Roth) wird ein solcher Typ der osteuropäischen Judengasse gezeichnet und mit ihm erklärt, wieso die Familien dieser Juden sich assimilierten: Zwei Welten stehen sich gegenüber, Judentum ohne Kenntnisnahme von der Kultur und den geistigen Strömungen der Zelt heißt die eine Welt, Orientierung nur an der Gegenwart unter Ausgabe heiligen geistigen-' Vätererbes die andere Welt. Wer schlägt die Brücke zu dem Dätererbe zurück? Sicherlich nur kraftvolle von der Thora Begeisterte, die die Zeit in ihren Errungenschaften und in ihren Schwächen kennen. * Alter und neuer Jischuw. Alter Jischuw dominiert in Jerusalem, Saffed und Tiberias. Bon jeher hatte sehnsüchtigesj Verlangen nach der Stätte, auf der sich einst das Beilh-Hamikdasch erhob und einst wieder erheben wird, und nach der Lust, die die Propheten ge-! atmet haben, Juden nach Erez-Jsrael geführt. Aus solchen Menschen bezw. ihren Nachkommen setzt sich der alte Jischuw zusammen. Neuer Jischuw ist erst ein Produkt der moder-. neu zionistischen Bewegung in dem gegenwärtigen Zeitalter der Ncvtionalltäten-Wiedergeburt. Da diese Bewegung von Anfang an vorwiegend von Männern geführt wurde und noch heute geführt wird, die das Thorajudentum entweder — wie die Westeuropäer unter ihnen — me kennen ge-| lernt oder — wie die Osteuropäer unter ihnenj — mit ihm gebrochen haben, so gingen von ihr nur Tendenzen aus, die die Juden als Volk, aber! keine, die sie als Volk der Thora beträfen. Wie! der größte Teil der geistigen Elite der zionistischen 'Bewegung nur instinktiv als Produkt vergangej ner Generationen von der Tradition beeinflußt [ 00 aber wollend in dem Wellgetriebe der Gegenwart wurzelt, so auch dte vorläufige erzieherische Wirkung der Bewegung selber, j Dieser Mangel — unbegreiflich bei der Absicht, das jüdische Volk zu regenerieren — mußte die schwersten Schädigungen zur Folge haben. In den Ländern des Galuth, deren Juden bei I aller Verschiedenheit in ihrem Verhältnis zum Judentum nur eine religiöse Bindung kennen, verlor daher der gesunde, gute Gedanke, einer jüdischen nationalen Heimstätte im Lande der Väter viel an Propagandakrast. Dem Aufbau des Landes der Väter aber erwuchs 'ein Verhängnis. | Denn sechzig Prozent der Jugend des neuen Jischuw — das ist die Jugend, die nicht der Misrachi erfaßt hat — wird in der Sprache der Bibel von Lehrern erzogen, denen Ae Bibel nicht mehr als das bedeutendste klassische Produkt des jüdischen Volksgenius bedeutete. Doch auch das ist ihnen meist noch zu viel, und sie lassen ihre älteren Zöglinge die Bibel nicht als ein Ganzes, als ein Authentisches in sich aufnehmen, sondern zerreißen dieses Heiligtum, dieses Kostbarste des jüdischen Volkes gemäß der sogenannten Bibel- , kritik destruktiver christlicher Gelehrter, die häufig der Antisemitismus bei ihrer Wissenschaft leitete. Wohl findet sich unter der so herangebildeten Jugend viel des Rühmenswerten: Stolz, Kameradschaftlichkeit, Mut als Charakteranlagen und mit Selbstaufopferung Sichbescheiden aus ein materielles Minimum, wenn auf solche Weise dem Ganzen gedient ist. Diese jungen Menschen lieben Erez-Jsrael und sind jeden Augenblick bereit, Gut und Blut für die nationale jüdische Ehre hinzugeben. Doch den G'tt des Judentums, seine Ethik und sein Recht k e n n e n s i e nicht, so bewandert sie auch in der Bibel als Geschichts- und Llteraturwerk sein mögen. * Die Lust von Erez-Jsrael macht weife, sagt ein talmudisches Wort. Doch nur Erez-Jsrael mit der Thora gibt die Weisheit, wird zum Segen, — ohne die Thora wird es aber zum Unsegen. Zwei benachbarte Berge, der öde Etwa! und der fruchtbare Gerissim, dienen als ewiges sichtbares Wahrzeichen für die Juden dieses Landes. Von Anfang an hatte die zionistische Leitung, da sie die Thora nicht in ihr Programm mitaufnahm, kerne glückliche Hand in ihrem Tun. Die Balfour-Deklaration mit ihren, interpretierbaren Richtlinien hätte Festlegung auf Einzelherten verlangt. Die zionistischen Führer konnten der Regierung für ein wüstes, unkultiviertes Land mit primitiven Menschen Kapitalien und wertvolles kultiviertes Menschenmaterial bieten. Sie scheinen aber, enthusiasmiert und vertrauensselig durch; Englands-' Angebot,, die im diplomatischen Verkehr notwendigen Voraussetzungen — Kühle, Ruhe und viel Mißtrauen im;Hinblick: aus zukünftige. Eventualitäten — nicht beobachtet zu haben. Die Folgen sind bekannt und als wiederholtes Fiasko in frer äußeren zionistischen Politik zu registrieren. -! Aber and) die innere Politik gestaltete sich reich an schweren Fehlern. Schon die langjährige erste Exekutive in Jerusalem böt eine Zusammensetzung bei der nicht ausschauenden Weisheit,, sondern kurzsichtiger Parteigeist Pate stand. So durste der einzige Gelehrte und Schulfächmann das kulturelle Ressort nicht übernehmenweil er — horribile dictu — Misrachist war, und es wurde einem der beiden Arbeitervertreter übergeben. Der Herr Professor mußte ein Ressort leiten, das einem routinierten Kaufmann gehört hätte,' nämlich: Einwanderung. In den Leitungen der wirtschaftljchen Jn-- stitutionen der Zionistischen Organisation saßen freilich genug Männer, die die Pflicht gehabt" hätten, über die Entwicklung des wirtschaftlichen Aufbaus zu wachen. Doch jeder dachte philiströs nur an die Interessen seiner Institution, als ob diese nicht für die Einwanderer begründet wurde,, sondern die Einwanderer für sie da waren. So wurde das große Einwanderungsjahr 1925 zu einer gewaltig e n K a t a st r o p h e,. bei der sechs Millionen Pfund Privatkapltal der Einwanderer zersplitterten. Der Sandboden Tel- Awiws, den sich der Nationalfonds zum Besten der Gesamtheit hätte aneignen sollen und müssen, wurde von Spekulanten als Willkommen für ihre einwandernden Brüder in schwindelhafte- Höhe getrieben. Die Stadt sah untätig zu und nahm, um auch ihrerseits ein Uebriges zu tun, für die Bauerlaubnis ungemein hohe Gebühren. All das bewirkte in den nächsten Jahren eine starke Auswanderung, und es wäre heiligste Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit Palästinas, voran der Exekutive, gewesen, eine Auswanderung zu verhindern, nachdem man mit viel Mühe und Geldkosten die Einwanderung bewirkt hatte, und da doch die Auswanderung einennationalen Verlust in Palästina und eine Schwächung der Propagandakrast im Galuth bedeutete. Doch zu diesem einfachen, natürlichen Gedanken ist niemand gekommen. Gegenwart. Gedanken zu Gesetzgebung und Heiligtum. Von V. C. Eine tiefe Tragik liegt über den geistigen Errungenschaften der Menschheit: Sie werden fast alle erst dann in die Wirklichkeit umgesetzt und zum Siege gebracht, wenn sie geistig schon überwunden sind. Die Ideen der Freiheit der Nationen, entstammten dem 18. und verwirklichten sich in Europa im 19. und bemächtigten sich des Judentums im 20. Jahrhundert. Der Atheismus der französischen Aufklärer war schon von Kant und Hume in seinen Grundfesten erschüttert, als er in der Revolution zur Herrschaft gelangte und feiert seine Triumphe in unseren Tagen in Rußland. Die geistigen Strömungen regieren nach ihrem Tode. Sie führen mit der Menschheit einen schaurigen Totentanz auf. Des geistig strebsamen Menschen Aufgabe kann es nur sein, sich in jedem Zeitalter von solchen Resten der Vergangenheit rein zu halten. Unsere Überlieferung geht einen Schritt weiter. Sie erklärt alles Böse und Unschöne überhaupt als Überbleibsel ftüherer Schöpfungsstufen. Erst, als die heutige Welt erschaffen war, sprach Gott: „Es ist sehr gut." Wir können die Zeit nicht aufhalten, und wir sollen es nicht. Was aus stüheren Schöpfungsstufen in die Gegenwart ragt, muß aussterben; was aus absterbenden Kulturepochen in unser Zeitalter sich weitergeschleppt hat, kommt darin um. Wenn der Name Karl Marx', — seiner Zeit ein genialer Vorahner dessen, was 30 Jahre nach ihm nötig und wirklich wurde, — noch heute zur Pro- und Kontra-Parole von Parteien gemacht wird, — dann erklären wirkliche Volkswirtschafts-Fachleute deren Argumente für ebenso museumsreif wie es eine Stephensonsche Lokomotive ist; und wenn die Einstellung zum nationalen Rassengedanken, der im vorigen Jahrhundert manche Unterdrücker weggesegt, noch heute zum Wertmesser von Persönlichkeiten gemacht wird, — dann ist auch das im Sinne wahrer Kultur ein Atavismus, ein Gespensterritt, eine Wissenschaft im Biedermeier-Kostüm. Auch die Deszendenztheorie, die historisch-kritisch sich nennende evolutionistische Bibelwissenschaft sind in unseren Tagen populär, — genau vierzig Jahre nach dem Sturz ihrer wichiigsten Stützen. Die Seelenlehre unserer Tage hat durch Beobachtung der tiefsten psychischen Vorgänge in Einzelnen und Völkern einen „neuen Sinn für die alte Weisheit von der Erschaffung des Menschen nach dem Willen eines Denkenden Wesens" gefunden und sieht geradezu die ganze Natur beseelt; im Volke aber ist jetzt noch die neunmalkluge Weisheit der patentierten Welträtsellöser nicht erstorben, die den Menschen nur als chemisch vom Stein unterschieden ansahen und so dem areligiösen und politischen Radikalismus die Wege ebneten. Es liegt also die Versuchung nahe, zu ehrlicher Auseinandersetzung mit solcher sich gegenwärtig nennenden, in Wirklichkeit längst überlebten Wistenschaft einfach „keine Lust mehr zu haben". Diese Stimmung ist verzeihlich. Aber wir müssen sie überwinden. Uns ist auferlegt, 'was in unseren Kräften steht. Den Zeitgenossen jener e igen tlichen Zeit der großen Auflehnung geistiger Führer gegen Gott war Größeres möglich und Größeres auferlegt: Die geistige Abwehr jener damals jugendkräftigen Auflehnung. Wir haben mit Schatten zu kämpfen, allerdings mit Schatten, denen Massen nachlaufen. Sollen wir uns in diesem Kampfe aus Wiederholung, Popularisierung und Verbreitung des altererbten Abwehrschrifttums beschränken? Es wird nicht möglich sein, auf diese Kleinarbeit unermüdlicher und durch keine Nichtachtung beirrbarer Hillelsnaturen zu verzichten. Aber die Haupttätigkeit muß für uns die Beschäftigung mit dem Wissen von heute sein. Ein Jahrhundert, das die Seele als Taffache entdeckt, ein Zeitalter, das den Symptonhandlungen des Inneren durch Symbole begegnen lehrt, ein Geschlecht, das für Vorschriften ohne Wirkungsmodus im Bewußten Verständnis gewinnt, - eine Wissenschaft, die in Sprachen und Mythen, Kunst und Leben aller Zeiten und Länder die Tendenzen eines Weltgeistes erspäht, eine solche Geisteskuliur hat trotz aller Nöte den denkenden Juden auf dem Posten zy finden, und zwar auf der Höhe des - Zeitwissens. Den mit Hilfe toter Meinungen regierenden heutigen Parteien kann nur durch solche Thoratreue energischer Widerstand entgegengesetzt und vom Haupte unserer Kinder die Gefahr des Verführtwerdens zu heutigem Unglauben nur durch solche Lehrer ferngehalten werden, welche keinen Zweig heutigen Wissens außerachtlaffen. Sammelnde Klassiker des Spezialistentums werden wir nicht entbehren können. Doch unsere ganze Kraft liegt im Geiste derer, welche auf hoher Warte des Weltwissens ihr Ziel sich gesteckt haben und aus allen Wissenstempeln Gottes Lob' erschallen hören, auf allen; Altären dem Namen Gottes geräuchert sehen und in jeder gesunden Wendung) des Menschengeistes das Nahen der Zeit erspüren, da die Erde voll wird der Erkenntnis Gottes wie das Meer vom Wasser. Wenn schließlich die Lehrkuyst der jüngsten'Gegenwart der-des Thorawissens ähnlicher ' sieht als die irgendwelcher Vorzeit, — dann

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