Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1931)
- Date
- 1931-02-12
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450659--77649-2535292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 4 f « r? 5 reel ft v- , d i; e r 12. FebMat 1931 Zusammenwirken hat sich in den letzten VA Jahren insbesondere in Erez Jisroel selbst, wie allgemein bekannt, wie d e r h o ft vollzogen, soweit die politische Leitung der Achldäs Jisroel mit Zustimmung der rabbinischen Führer eine solche Zusammenarbeit angesichts der krisenhaften politischen Lage als geboten erachtete. <5 i c wäre also kein Novum. Um so merkwürdiger erscheint es uns, daß die Vertreter der Agency in der Berliner Verhandlung offenbar in einer etwas gereizten Stimmung sich befanden, weil die Leitung der Agudo es für nötig erachtet hatte, durch ein der Oeffentlichkeit inzwischen übergebenes ausführliches Memorandum der englischen Regierung ihre Stellungnahme zur gegenwärtigen Lage mitzuteilen. Zu einer solchen Gereiztheit lag ein objektiver Anlaß nicht vor. Denn es ist doch nicht' mehr als selbstverständlich, daß Agudas Jisroel -als selbständige und in einem prinzipiellen weltanschaulichen Gegensatz zum Zionismus stehende Organisation verpflichtet ist, ihre Wünsche und Anschauungen in einem für die Gestaltung der Palästina-Politik entscheidenden Augenblicke in die Wagschale zu werfen. Es muh vollkommen dem eigenen Verantwortungsbewußtsein der agudistischen Leitung überlassen bleiben, inwiefern.und wie weit sie bei derartigen Schrillen darauf Rücksicht nimmt, daß die etwaigen politischen Verhandlungen der Agency mit der Regierung in den Punkten des gemeinsamen jüdischen Interesses nicht gefährdet werden. Das ist denn auch bei der Ueberreichung des Memorandums und bei den im Anschluß daran geführten persönlichen Verhandlungen sowohl hinsichtlich des Zeitpunktes als des Inhaltes dieser Verhandlungen in weitgehendem Maße geschehen. Wenn nun die Vertreter der Agency in der Berliner Besprechung den lebhaften Wunsch äußerten, die Agudas Jisroel möge sich in außenpolitischer Hinsicht Bindungen auserlegen lassen, so ist dieses Verlangen von den agudistischen Vertretern — wie wir im Gegensatz zu einem irreführenden Berichte des Warschauer „Moment" mit Nachdruck betonen möchten — in aller Entschiedenheit abgelehnt worden. Was die Kommission (und zwar auch nur die Kommission, ohne daß bisher eine Zustimmung der politischen Leitung der Agudo erfolgt wäre) konzedierte, rbar lediglich die Empfehlung einer Verpflichtung der Agudas Jisroel, im Hinblick auf die noch immer schwierige politische Lage bis aus weiteres selbständige außenpolitische Aktionen nicht zu unternehmen, ohne vorher den loyalen Versuch gemacht zu haben, mit der Agency sich auf eine einheitliche politische Linie zu einigen. Gelingt ein solcher Versuch nicht, so ist auch nach Ansicht der Berliner Kommission, einschließlich der die Agency vertretenden Mitglieder, die politische Exekutive der Agudo selbstverständlich frei, nach ihrem Gutdünken selbständig vorzugehen. Es wird weite Kreise innerhalb der Agudo geben, die selbst m einer solchen konditionalen Bindung, eben weil sie eine Bindung ist und in entscheidenden Momenten recht gefährlich werden kann, ablehnen. Die Leitung hat, wie gesagt, hierzu noch nicht Stellung genommen. Bei der Erwägung der ganzen Situation mutz bedacht werden, daß auch aus rein politischem Gebiete, wo scheinbar religiöse Momente kaum in Frage kommen, die Agency bezw. die zionistische Organisation (man kann Zwischen beiden kaum einen Unterschied machen) sich hinsichtlich der Richtung und des Inhaltes ihrer Politik in einem recht labilen Gleichgewichtszustand befindet. Es läge gar nicht außerhalb des Bereiches der Möglichkeit, daß auf dem Stuhle Weizmanns morgen Jabotinsky fitzt, und daß es unter Umständen die Pflicht der Agudo sein könnte, eine Weizm a n n 'sche Politik gegen die Agency und gegen die zionistische Organisation zu treiben. Wir haben uns angesichts der irreführenden Mitteilungen in der Presse für verpflichtet gehalten, diese erläuternde! Bemerkungen zu dem Ergebnis der Berliner Verhandlungen, insbesondere zur Aufklärung der agudistischen Kreisei M veröffentlichen. i Einer, weiteren Berichtigung bedarf das; in Dir. 6 der Wiener jüdischen., Presse" veröffentlichte Referat über einen von . Herrn Rcchbiner Dr. Pinchas K o h n in der Wiener Agudo-Ortsgruppe gehaltenen Vortrag. Im Rahmen der außerordentlich interessanten und geistvollen Ausführungen, deren Wiedergabe wir uns Vorbehalten, soll der Redner gesagt haben,' er sei „mit dem Weißbuch dem Sinne nach einverstanden", woraus dann der Satz folgt: „Der Legislative Council sei der gangbarste Weg." Hier liegt offenbar ein Mißverständnis des Berichterstatters vor. Herr Dr. Kohn hat sowohl in dem oben erwähnten Agudo-Memorandum, als auch bei feinen persönlichen Verhandlungen im Colonial Office keinen Zweifel darüber gelassen, daß Agudas Jisroel das Weißbuch in all benjetth gen Teilen, d i e sich au f Einwand.erungundBodenk a us b e z i e he n , au f s schärfste bekämpft und es als n i ch k i m Einklang steh end mit den von England ü b e r n o m m e n eu Verpflichtungen betrachtet. Als einen an sich fruchtbaren und positiven Gedanken betrachtet Agudas Jisroel lediglich den im Weißbuch enthaltenen Vorschlag des Legislative Council, der. j edoch w esentlicher ‘ Ergänzungen bed arft. w enn er eine segensreiche Wirkung ausüben soll. Agudistische Tagungen und Tage in Ostgalizien, in -er Bukowina und in Krakau. I. Die osigalizische Landeskonferenz. Von Wien aus, wo ich für einige Tage Ruhe suchte und mancherlei Arbeit fand-, ging ich nach Lemberg zur Teilnahme cm der ostgalizischen Landeskonferenz der A. I., die ran 29. Teures und 1. Schewat stattfand. Ich unterlasse es, hier über den Verlaus der Tagung detailliert zu berichten. Unsere Presse wird inzwischen Einzelheiten gebracht haben, mir kommt es nur darauf an, den großen Eindruck festzuhalten, den diese Konferenz selbst bei denen auslöste, die pessimistischen Geblütes (und im Dienste der Aguda schon etwas abgekämpft) sind. Ich nehme es vorweg, ich hatte schon vorher viel von Streitigkeiten, Krisen und Kämpfen gehört, ging darum mit geringen Hoffnungen. hm und wurde aufs angenehmste überrascht. Rein äußerlich: ^me gewaltig große Versammlung im großen Sitzungssaal der Lemberger Kultusgemeinde,- etwa. 350 Delegierte aus allen Städten und- StWtchM-OstgM^iens, darunter 160 agudistischePaMosstm;unter ihnen die Vorsitzenden bezw. Vizevorsitzenden der größten Gemeinden dieser Provinz. mC Eine musterhafte Organisation'; vorzügliche Referate, gehalten von den besten Männern des Landes zu all den Fragen, die die allgemeine und im besonderen die polnische Orthodoxie beschäftigen; ich nenne nur einige der Referenten: Der Vorsitzende unseres Zentralräkes, den Reischer Raw, W. Rels-Lemberg, Minzberg-Lodz, A. S. Frydmann-Warschau, Jos. Lau-Kolomea, Dr. Benzion Feßler-Kolomea, Rabbiner Hirschhorn, den eigentlichen. Organisator der' ostgalizischen Aguda. Diese und die übrigen Referenten hielten keine demonstrativen Reden, zum Fenster hinaus, es waren Referate, die in die Hirne und Herzen hinausgingen, die die Grundlage für eine außerordentlich ernste Diskussion, für ununterbrochene. 24stündige Arbeit in den einzelnen Kommissionen bildeten. Für mich war es ein eigenartiges Gefühl, unter all 'den östlichen Führern plötzlich und unerwartet einen unserer hingebungsvollsten westlichen tripyo zu treffen, den Züricher Raw, dessen Referat zur Abwehr der geplanten Kalenderresorm ausgeschlossene Gemüter, dessen. Forderung zur Mitarbeit den. kräftigsten Widerhall! fand; v - •. . Was. den „alten Herren" manches Kopfzer- .. brechen bereitet fyaben mag, war^ für mich eine der schönsten Beobachtungen: eine unglaublich aktive, von starker Mnbedingtheit erfüllte Jugend, Nachwuchs, der flügge geworden ist und selbständig. ' . Selbstverständlich war man in vielem geteilter Meinung, gab es guch Aufregungen und> Spannungen. Die Dezentralisation üer^Arbeit — Sitz der Organisattonszettirale in Lemberg,. der P. Z.- und K. H.-Landesleitung in Kolonien— sie hatte sich in den letzten Zeiten sehr-, unangenehm fühlbar gemacht, Differenzen hervorgerufen, die Konferenz suchte und fand aber einen Weg zum Frieden, so chaß für . die Zukunft einereibungslose Zusammenarbeit gesichert erscheint. Die Beziehung zu „Bels" wurde in den Beratungen der Permanenzkommission ausgiebig erörtert. Die Fäden, die. sich nach dorthin spinnen, werden stärker und nach der Meinung derzahlreichen, auf der Konferenz anwesend und aktiv gewesenen Bester Agudisten schließlich ganz, fest werden, wenn A. I. unbekümmert ihren Weg weitergeht und speziell durch die Beis Jakauwschulen Bels ihre Unentbehrlichkeit auch fürseine K.reise, seine Jugend erweist: Wenn es gelingt — und gewisse finanzielle Sicherungen konnten aus der Konferenz geschaffen, werden'— für Ostgalizien eine Kraft zu finden, die sich ausschließlich dem organisatorischen Ausbau der A. I. widmet, die von Ort zu Ort fährt, den aufgelockerten Boden systematisch zu bearbeiten, dann darf mit einem reichen agudistischen. Leben hier in Zukunft gerechnet werden. Der neugewählte Landesvorstand fetzt sich, unter. Führung des bisherigen Präsidenten Jacob' Wittels, zusammen aus den ersten Männern Lembergs und der Provinz, altbewährten Kämpen und frischem, in lokalen Organisationen bewährtem Jungvolk. Starker Aufschwung und reiche Entfaltung der A. I. in Ostgalizien und der Bukowina — seit vielen Jahrzehnten Hochburgen der Maskilim — ist ein unbedingtes Muß," die einzige Möglichkeit, die breiteren Masten der Jugend den Sachs G'stes, dem orthodoxen Judentum, zu erhalten. Hier geht es nicht um die Agudo, hiergeht es um die Jüdifchkeit. Hier, wo noch immer „Bildung" und „Abfall'" identische Begriffe sind, wo man den frommen Arzt als ein Weltwunder anstaunt, hier hat A. I. ihre große, historische Aufgabe, hier weit, weit mehr als im Westen. Denn wahrend bei uns in Deutschland etwa die Zugehörigkeit zum Misrachi eine Schwächung des orthodoxen Bewußtseins nicht im mindesten zu bedeuten braucht, tritt hier, wie mir der Bojaner Rebbe in einer langen Unterhaltung, in der er sich;ohne Vorbehalte zur A. I. bekannte, sagte, nur derjenige junge Mann dem Misrachi bei, der sich vor dem „Taten"' oder „Seiden" baifchent, d i r e k t zum Zionismus, zu den „Freien" abzuwandern. Hier gibt es für die große Maste nur ein Entweder-Oder: der einzelne junge Mann mag im Schutze des Beis Hamidrofch oder im Schatten des „Rebbe" fein Judesein sichern, der ov pan wird entweder bei der Agudo sein oder — über kurz oder lang — weg i"N vorn Weg der Väter. Und wem in Deutschland, mag er rechts oder links im Schmollwinkel stehen, sein Agudismus verleidet worden ist, der mäße hierher gehen, hier wird er sehen,-daß AI. mehr ist als die Trägerin eines geistigen Prinzips, wenngleich buch dies viel ist — hier, wo aus den Tiefen des G e - fühls die Quellen fließen, hier.ist sie einfach das Rückgrat der Orthodoxie, der Baum des Lebens. Der Ertrag dex ostgalizischen A. J.-Tagung war em doppelter: die ostgalizische Orthodoxie ist sich ihrer Kraft bewußt geworden und wird sie nun, getragen von dem Vertrauen, das ihr bei dieser Konferenz von der breiten Maste und den berufenen Vertretern erneut gezollt wurde, - in