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Der Israelit · 1931-02-05 · Heft 6 (5.2.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 6 (5.2.1931)
Date
1931-02-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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9 f Seite 4 Nr-1 6 ■i— Der 3 s ra el i t iS PFAFF Nähmaschinen Bequeme ZaHIüiigs weise Martin Decker £-fl; Gr. Friedbergerstr. 18/20 wurde. „Der Zweck dieser Genossenschaft ist es, auf dem Boden des Judentums diejenige ^Reform ins Leben zu rufen, vermöge deren es mit dem Bedürfnis der Zeit und mit dem gegenwärtigen Bewußtsein seiner Bekenner in Einklang gebracht wird." Galliner erzählt jetzt die schwierigen Verhältnisse, unter denen die Reformgemeinde sich bilden mußte, von den Kämpfen mit der Berliner Gemeinde, die durch die Hilfe der Staatsbehörden eine Separierung der neuen Gesellschaft verhindern konnte. Der Tempel in der Johannis st raße wurde gebaut. Sein erstes Problem ist die Frage des Sabbat¬ oder Sonntagsg'ttesdienstes. Stern meinte: „Durch den Sabbatg'ttesdienst werde allmählich auch der des Sonntags eine historische Berechtigung erlangen, so daß dann der Sabbatg'ttesdienst" ahne Nachteil werde wegfallen können." Und die Gesellschaft beschloß, beides einzuführen, im vollen Bewußtsein, eine ungeheure historische Entscheidung damit zu verantworten, ohne Rabbiner, ohne Synode. „Le synode c'est nous" rief einer der Bevollmächtigten aus. Dann fehlte dem Sabbatg'ttesdienst die Teilnahme, und so blieb n u r der Sonntagsg'ttesdienst. Es wurde unbedeckten Hauptes gebetet, Männer und Frauen in einem Raume vereinigt, durchgängig die; deutsche Sprache angewandt, alle Gebete weggelassen, die sich auf die Wiedergeburt Israels und auf ben Messias beziehen. „In der Umgestaltung der Messiasidee lag der bedeutsamste und die entscheidendste innere Reform". Die neuen. Gebete sprach Stern mit einer solchen Gewalt, daß niemand sich ihr entziehen konnte. So war Stern unvermerkt seine Reformidee aus einer sittlich-religiösen zu einer utilitaristischen geworden. Der Sabbat ist doch gewiß die älteste und erhabenste sittlich-religiöse Einrichtung des Judentums, die Messiashoffnung, wie sie die Propheten verkündet haben, die großartigste religiös-sittliche Konzeption, die je ausgesprochen ward. Aber im Interesse der bürgerlichen Emanzipation müsse sie geopfert werden, denn „der Bekenner des Judentums hat in dem Staat, dem er angehört, sein alleiniges Vaterland zu erkennen, zu lieben und für dasselbe zu wirken." Stern hat mit unverkennbarer. Selbstlosigkeit sich für die Verwirklichung seiner «Ideen eingesetzt. Als er bei den Genossen seines Strebens nur einen Schatten eines Verdachts bemerkte, daß andere wie rein ideelle Gründe ihn in den Dienst des Reformwerkes gestellt Hätten, verließ er Berlin-,nun Leiter des Philantropin in F r a n.k f u rt a. M. zu werden.. Da seine vielseitige Natur, die ihn auf den mannigfachsten Gebieten zum Meister werden ließ, dennoch zutiefst in der pädagogischen Arbeit wurzelte, so böt ihm dieser letzte Abschnitt seinem Lebens innerlich die tiefste Befriedigung. In Theorie und Praxis, für die Schule und das Haus, in positiven Schöpfungen und in theoretischen Auseinandersetzungen wird er in Frankfurt zu einem ideenreichen, originellen Anreger und Förderer des gesamten Unterrichtswesens. Wir müssen es uns versagen, auf diese Seite seiner Tätigkeit hier oinzugehn. Pur soweit sie den jüdischen Unterricht betrifft, seien noch einige Worte gestattet. Schon in Berlin bei der Begründung einer Religionsschule für die/Reformgemeinde hatte er seine Gedanken/zum Ausdruck gebracht^ Es müsse ein gemeinsamer, nicht-, .ein; priv cW/Unterricht stattfinden, der das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkt. Er müsse mehrjährig sein und die gesamte Geschichte des Judentums, von ^Abraham bis in unsere Zeit, umfassen. Der Faden dürfe nicht abgerissen werden, die AchtunAMr der Vepgäntzenheit sei besonders wichtig fu^die Jügend/diean der neueren .Entwicklung Mitzüarbe-rwn' haste? Er verlangte gründliches VibeMMtnis/ANmW'stM H ebräischen, h a d er Geist ' d ec einf^enEHabeM heit, wie er in der Form,Mst,' Bibel''waltzet/'W' kaum in einer Ueberfetzung wiedergeben lasse, und weil nur mit der vollen Auffassung des eigentümlichen Geiste ein volles. Verständnis der heiligen Schrift möglich fei. Es gälte, die Gleichgültigen und Zwiespältigen dem Judentum wieder ganz zu gewinnen. Jeder, solle seine Rekigiöü ganz und ungeteilt in sein Gemüt aufnehmen. Als er nun Leiter an der jüdifHen Allgemein s ch u l e wurde, da erhob sich für ihn das Problem der Synthese der allgemeinen Bildungsformen mit den jüdischen. Zwar spricht er auch jetzt aus: es müsse die Schule notwendig dem Bildungsinteresse der jüdischen Gemeinde nach allen Richtungen dienen, und daß zu diesem au ch das religiöse gehöre, könne nicht bezweifelt werden. Aber Stern ist weit von dem Gedanken entfernt) wie Galliner selbst ausführt, daß aller Unterricht von einem spezifisch jüdischen Geist durchdrungen sen müsse. Er ist Prinzip i e il gegen Konfessionsschulen. Er durchbricht auch als erster die damals geltende Schranke für die jüdischen Schulen und beschäftigt an ihr christliche Lehrkräfte. Aufgabe der Bildung ist ihm d ie Religiosität, n ich t R e lig i o n und Bek e n n t n i s. Doch solle ' der Religionsunterricht auf geschichtlicher Grundlage gegeben werden, die ja glücklicherweise für Jude und Christ dieselbe sei. „Wenn auf diese Weise Religiosität, t. h. Ahnung von dem unlösbaren Zusammenhang Aller mit Allen und von dem Aufgehey aller Unterschiede in der höchsten Einheit des Unendlichen, das Gemüt durchdringt, und wenn andererseits Liebe und Treue für die Religion der Väter aus der Kenntnis ihrer Geschichte, aus dem Hinblick auf das religiöse Leben und Schaffen der vorangegangenen Geschlechter und aus der freudigen und freien Aufnahme ihrer erhabenen Lehren erwachsen ist, dann wird Religiosität mit Humanität Hand in Hand gehen." Nicht immer ist die Auffassung Sterns über de Rolle des religiösen und hebräischen Unterrichts dieselbe geblieben. Man merkt, wie in ihm der freiheitliche Aufklärer mit dem jüdischen Pädagogen innerlich kämpft. 1863 wünscht er Hebräisch nur noch als „Pflicht der Pietät", da gute Uebersetzungen das Erlernen der hebräischen Sprache überflüssig machten, 1866 dagegen „betrachtet es die Anstatt in Rücksicht auf die religiöse Gesamtbildung als ihre Aufgabe, daß die Zöglinge in den Stand gesetzt werden, die wichtigsten und nicht zu schwierigen Teile der heilgen Schrft in der ,Ursprache zu lesen und die hebräischen Hauptgebete unsepes G'ttesdienstes zu. verstehen." Vorübergehend wurde auch am Sabbat unterrichtet. Ursprünglich steht. Religion im Lehrplan hintenan, erst vor den technischen Fächern. 1866,aber beginnt Religion den Lehrplan. , Dennoch bleibt doch sein .erstes und letztes pädagogisches Glaubensbekenntnis darin beschlossen: seine Schule sollte Bildung und Gesittung geben, aber nicht im Sinne konfessioneller Beschränkung, sollte so mit deutscher Geisteskultur erfüllen, daß sie als völlig ebenbürtig neben die städtischen Schulen treten konnte: „die „Vürger- und Realschule" der israelitischen Gemeinde soute vor allem eine deutsche Schule, sein, in der allerdings auch jüdischer R e l t g i onsunter ri cht erteilt wurde." Schqn das Schwanken Sterns, das uns nur seine subjektive Ehrlichkeit verrätbeweist, daß sein pädagog i s ch e r G r.u nd g.e.d anke u n r i ch t r g war. Das jüdische Erzi-ehüngsideäl muß.ein in sich sicheres und absolutes sein, unabhängig vom Barometer der politischen Weltumstände. Und schon deshalb kann eine jüdische Schule, wenn sie diesen Namen verdient, nicht eine deutsche Schule sein, an welcher a u chjüdischerUnterricht erteilt werden kann. Die jüdische Erziehung) muß aus der Ewigkeit ihre Maßstäbe nehmen, um das jüdische Kind fähig zu machen, in der Gegenwart 5. Febdü<st§1931^ WM ein Bürger best ZükürM ein Hesfe^ rtn/Reiche -des- Messias zu Erden: WdMbiin^h-lmchlrWsujM « dische Erziehung ein wirklich einheitliches Ganzessein, und Allgemeinkultur und jüdische Religion nicht ein Nebeneinander, sondern! eine echte Synthese erfahren, damit , auch die. Persönlichkeit des -. Zöglings ^eine ganze wird. Darum grade.muß. jüdischer Geist die Allgemeinfächer durchdringen und immer den Schüler mit dem Bewußtsein er-- füllen, daß er aus seiner Lebensbestimmung als- Jude sich ein Weltbild und eine Weltanschauung, schafft. Galliner hat mit seinem Buch Sigismund Stern,., einem Großvater des Hamburger berühmten Philosophen und Pädagogen W. Stern, ein schönes Denkmal gesetzt, für das ihm die Oeffentlichkeit Dank schuldet. Jedem, der seine-Mono-' graphie liest, wird noch einmal die Füllender Probleme der EmanzipationszeiL vor die Seeletreten, -M ernster Besinnung ladend. " ■> Korrespondenzen « ßacbricbfen, Deutsches Reich. Berliner Wahlprotest. Berlin, 1. Febr. Am 30. November.fand die Neuwahl der. B e r l i n e r- R e p r ä s en t an t e n - V er s a m mlu n g statt, aber: bis heute ist eine Bestätigung der Neugewählten nicht erfolgt. Es ist das eine Folge der von zionistischer Mite eingelegten Proteste, die, wie verlautet, von der. vörgei setzten Behörde — dem Polizeipräsidenten — dem. Ge- ..'. meindevorstand bereits wiederholt zur Rückäußerung vorgelegt wurden, ohne daß es bisher zu einer. -Entscheidung kam. Das ist um so verwunderlicher, als diese " Entscheidung, bei der großen Mehrheit, die die Liberalen erzielten, in keiner Weise zweifelhaft sein kann. Kv Als im Jahre 1926 die Liberalen gegen das ihnen ungünstige Ergebnis einen Protest einbrachten, erschallten, obgleich damals die Entscheidung zahlenmäßig auf des Messers Schneide stand, aus dem zionistischen Lager die heftigsten Vorwürfe gegen die Missetäter, die innerjüdische Angelegenheiten vor das Forum staatlicher Behörden bringen. Man könnte sich über, dieses Still-' schweigen in den zionistischen Reihen, wundern,, wenn es- Nicht auch hier hieße:.?,. ’?; -„Ja, Bauer," sprach da Junker^ -Alexander, „jch Bauer, das ist ganz was anderes!" „Das jüdische üültumbe‘\ . t; i Berlin, 2, Febr., Am Dienstag, den 27. Januax.eröffneteHerr Oberrabbiner Dr. Car leb ach (Altona)-ln der Schule der jüdischen Jugend den Zyklus - „Das jüdische Kulturerbe" mit einem Vortrag über den Talmuds Vor etwa 160 Hörern beantwortete er die Frage nach dem Wesen des Talmuds, dieses Geheimnissen des Judentums. Er besprach zwei Antworten anderer aus diese Frage: Die eine sieht das Wesentliche darin. x daß der Talmud kein Buch, sondern eine Bibliothek sei.. Das stimmt, wenn man auf'seinen Umfang sieht — trifft’ jedoch nicht zu, wenn man auf die stilmäßige. Gleichheit aller seiner Teile achtet. Grätz nannte dieses Buch ein jüdisches^ Pompeji und Herkulanum. Das stimmt, wenn man an die Breite und Fülle des hier aufgezeigten jüdischen Alltagslebens denkt — trifft, nicht zu, wenn j man auf seine Lebendigkeit'fiM. Der Talmud ist die ' nach der Methode der Wortd^utung entwickelte /Gxpli-.^^ > kation der Bibel,, sozusagen Gesamtheit der Äusführungsbestimmungen zur idealen prophetischen ' Lehrer -5 Der Redner gab dann von sich aus vier Kennzeichen an: Der Talmud ist das Buch ohne Pathos, in dem ohye? -.Feierlichkeit" kleine und große Pflichten nebeneinander —

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