Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-02-05 · Heft 6 (5.2.1931) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 6 (5.2.1931)
Date
1931-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450658--77619-2535261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

. ' "• ' 9 ' - 5. Februar 1931;l i g i o n U N d R e l i g i o n s e r s a tz ". Wiederum wünschte man, daß das Judentum zu einer „Lebensform" werde. Man sprach von der geisti- -gen Armut und religiösen Unterernährung der amerikanischen Jugend. Wer und was soll Helsen? -Schwer zu sagen. Es war doch mehr R e l i - ■q x o n s e r s a tz, denn Religion, was die Herren und Damen des amerikanischen und Weltliberalismus zur Behebung der geistigen Not vorzuschlagen wußten. So mündete zum Schluß die Verhandlung , wieder in das — ungelöste — Problem ein, von dem sie ausgegangen ist: Wie passe man eine Religion, deren Ursprung in nebelhafter Ferne der Vorzeit liegt, dem modernen westlichen Leben usw. an? Uns drängt sich beim Lesen des Berichtes unwillkürlich eine Frage aus die Lippen: Was ruht eher in nebelhafter Ferne: unsere alte Religion mit ihren klaren Glaubenssätzen, mit dem festen -Geäste ihrer Ge- und Verbote, mit ihrer Lehre als Grundlage aller göttlichen und menschlichen Kultur, „die nicht im Himmel ist, daß man sagen müßte, wer steige hinauf, um sie uns herabzu- .holen und nicht jenseits des Meeres, sondern uns nahe ist, in unserem Munde und in unserem .Herzen^ sie zu halten," oder die verschwommenen, allgemeinen, sich vollkommenin den Wolkenbänken verlierenden Auslassungen und leeren Wortspielermen der liberalen Konferenzen in Berlin, London und.Philadelphia? Man könnte schon das Problem des heutigen jüdischen Liberalismus umbiegen: „Wie wäre eine Religion, die von ihren Führern im Raketentempo hinter dem modernen westlichen Leben hergepeitscht wird und hilflos, alle Sicht und Orientierung verlierend, in den weißen Wolken nlichtssagender Phrasen herumsegelt, wie wäre dieses neue Religionsphantom der alten eigentlichen Religion anzupassen, die den orthodoxen Juden heute noch aus seiner wirklich lebendigen Synagoge genau so anspricht, wie am ersten Tage?" Ein hervorragender Führer des Ostens gab nor einiger Zeit in einem Parlament auf einen Zwischenruf, ob er das Judentum ins Mittelalter zurückführen wolle, die schlagende Antwort: „Nein, viel w!eiter zurück, bis zum grauen Altertum, bis zum Sinai." Dieser Mann sehlte leider auf der Versammlung. Wir aber können die Worte Vogelsteins akzeptieren: K e i n G r u n d zur Entmutigung! Nein, so lange die liberalen Führer ihren Gläubigen, nichts mehr zu sagen und zu bieten haben, als das, was sie in Philadelphia non sich gaben, ganz gewiß nicht. vor die Seele, wird aber darüber hinaus auch der Jugend unserer Tage mancherlei wertvolle geistige Anregung zu bieten vermögen. (Präsident hoovers Unterschrift in Jiddisch.) In der letzten Sitzung des Warschauer Stadtrats, in der das Schulbudget behandelt wurde, polemisierte der Geistliche Wyrembowski gegen die jüdischen Anträge auf Unterstützung des jüdischen Schulwesens und führte aus, die Polen dürfen in ihrem Lande keine andere Kultur, als die polnische dulden. Stadtrat Buxbaum (Poale Zion) führte demgegenüber ins Treffen, daß je stärker eine Kultur ist, sie sich umso duldsamer gegen andere Kulturen zeigt. Es sei kein Zeichen von Kultur, wenn jüdische Kinder keine Schulen haben, weil der Staat nicht für sie sorgen will. In Amerika habe er, Buxbaum, in allen Stadtbibliotheken große jüdische Abteilungen vorgefunden. Er sei in der Lage, den Stadträten ein Dokument der Regierung der Vereinigten Staaten vorzuzeigen, das jiddisch abgesaßt und vom Präsidenten Hoover mit hebräisch-jiddischen Lettern unterzeichnet ist. Buxbaum wies eine Photographie dieses Dokumentes vor> die unter den Stadträten Sensation erregte. (Judentum und Weltfrieden.) Die im vergangenen Dezember im „Israelit" veröffentlichten Artikel von Bezirksrabbiner Dr. «Lohen über das Thema „Verlangt das Thoragesetz den Pazifismus?" haben nicht nur m iudrschen Kreisen, sondern darüber hinaus in den allgemeinenpazifistischen Verbänden eine ihnen gebührende Beachtung geftmden. Diese Tatsache muß uns mü Genugtuung erfüllen. Zu ermähnen ist, daß die Halbmonatsschrist „Deutsche Zukunft" (Heide in Holstein) in aus- 2 et Israel it * Rohling. Biele werden sich erstaunt gefragt haben, als sie vorige Woche die Nachricht vom Tode Rohlings lasen: Hat der Mann noch gelebt? Ging dieser Name nicht längst wie Pfefferkorn, Eisenmenger u. v. a. in die Geschichte menschlicher Bosheit ein? Ja, das tat er auch. Er ist Klassiker der antisemitischen PerleumdungsNeratur. heute vielleicht mehr denn st. Sein Gespenst steigt bei allen Talmud- und Ritualmordprozessen immer von neuem auf. Der Mensch Rohling war vergessen. Erst sein Tod bringt einer erstaunten Welt zur Kenntnis, daß dieses Symbol des Judenhasses noch bis auf unsere Tage ein Mensch von Fleisch und Blut war, der erst jetzt ins Grab sinkt. Erinnerungen steigen uns aus jener Zeit auf, da der verstorbene Dr. Josef Bloch und andere, Juden und Nichtjuden, die heißen Gefechte im österreichischen Parlamente mit diesem Rohling — dessen Name nicht allein in sprachtechnischer Beziehung schon ein Programm war — auszuführen hatten. Der Tiefstand der Rohling'schen Beweisführung machte seinen Gegnern den Kampf nicht zu schwer. Aber immerhin, es ging gegen Juden, und Rohling fand Anhänger, Nachbeter, Mitläufer, die seine Lehre und seinen dlindwüti'gen Haß zur Seele ihrer Parteipolitik machten. Ob es um Tissa Eßla oder um P o l n a oder Cleve ging, um den Talmud oder die jüdische Moral, immer war Rohling der geistige Nährvater der Hetze, der den Feldzug geistig finanzierte und moralisch stärkte. Der Mann undseine Schriften standen im Mittelpunkt eines jeden großen Prozesses, wo sich Licht und.Wahrheit gegen die dunklen Elemente durchzusetzen hatten. „Der Talmudjude", ein Grundbuch der antisemitischen Verlogenheit, wurde immer und immer wieder zittert, trotz Noeldecke, Wünsche und Franz D e l i tz s ch, die die Fälschungen dieses Machwerkes aufwiesen. Es nützte auch nichts, daß er im großen Prozeß gegen Josef Bloch den Vorwurf des M ei n ei d s und der Aktenfälschung auf sich sitzen ließ und die Klage zurückzog, dabei auch seine Professur an der Prager Universität verlor, Rohling blieb bis auf den heutigen Tag der Kronzeuge für den „Hammer", für Fritsch, Dinier und alle anderen Ignoranten, die sich anmaßen, in Judaicis und Hebraicis mitzureden. Wir würden diesem Manne den zweifelhaften historischen Ruhm lassen und seiner gar nicht erwähnen, wenn nicht in den jüngsten Tagen >in einem Budapester Prozesse wieder fein Name Nr. 6 Seite 3 aufgetaucht wäre. In Ungarn hat wieder einrttal ein gewisser Lusse n s k i den Talmud entdeckt und die darin begründete, „den europäischen Völkern schädliche" Eigenart der Juden. Natürlich fehlt auch „der Zwang zum Ritualmorde" nicht. Jüdische Instanzen führten Klage. Vom Gericht wurden Gutachten eingeholt. Ein christlicher Gutachter bezeichnete acht Zitate Luszenskis als Fälschungen, die anderen enthielten Jrrtümer oder nur halbe Wahrheiten. Ein jüdischer Gutachter, Dr. Ludwig Blau, Direktor des Pester Rabbinerseminars, wies aber überzeugend nach, daß das ganze Pamphlet des ungarischen „Talmudentdeckers" lediglich ein Auszug — also ein Plagiat — des Rohling'fchen „Talmudjuden" sei . . . Dabei kam die ganze historische Auseinandersetzung zwischen Bloch und Rohling zur Sprache, ebenso das völlig haltlose, auf Lügen, Mißverständnissen und bewußten Mißdeutungen beruhende Rohlmg'sche Gutachten in der Affäre von Tissa Eßlar. Das Verfahren wurde aus formalen Gründen eingestellt, was uns weiter nicht interessiert. Aber das Ganze mutet doch wie eine Ironie derGeschichte an. Just zur Stunde, da man in Salzburg die irdische Hülle des geistig schon seit Iobren toten 95jähvrgen Greifes in die Erde senkl^steht sein Gespenst vor den Schranken des Budapester Gerichtes, als Gutachter, als Angeklagter. Er ist von der Geschichte verurteilt. Eine eigenartige, aber nicht unverdiente und unpassende, Musik, die ihm ins Grab und in die Ewigkeit nachgeschickt wird. Wird die deutsche Oeffentlichkeit durch die Nennung des geistig längst Verschollenen zum Bewußtsein geweckt, wie schwach und gebrechlich die Tragbalken sind, auf denen das dunkle Haus des Judenhasses errichtet ist? Die Führer und Verführer werden gewiß nicht umlernen, die Geführten und Verführten vielleicht! Aus der Frühgeschichte der Reform. Von Dr. Joseph Carlebach in Altona. (Schluß.) Der Erfolg von Sterns Vorträgen wav die Begründung der Berliner Ne form gemeinde, deren erster Vorsitzender Stern Für Körper und Füsse nur DIAIQN -Puder führlicher Weise auf die Artikel von Dr. Cohen eingeht und den letzten Teil im vollen Wortlaut aus dem „Israelit" zitiert. Die betreffenden Artikel haben einen besonderen Dienst den Arbeitsgemeinschaften der jüdischen Jugendvereine erwiesen. Es ist der Wunsch laut geworden, die Ausführungen des Herrn Rabbiners Dr. Cohen als Flugschrift verbreiten zu lassen. Man kann nur noch den Wunsch hinzufügen, daß diese im wahrsten Sinne aktuelle Anregung sich recht bald verwirklichen lassen möge! (Die jüdische Bevölkerung von Tripolis.) Die jüdische Bevölkerung von Tripolis umfaßt laut den soeben verffentlichten Ergebnissen der letzten Volkszählung 14314 Seelen. Die Gesamteinwohnerzahl von Tripolis beträgt nnähernd 70 000. Im Laufe des letzten Jahres hat sich ie jüdische Bevölkerung um 471 Seelen vermehrt, mähend der Bevölkerungszuwachs der über 30 000 Seelen ählenden Araber-von Tripolis nur 151 Personen beträgt. Im Jahre 1930 sind in Tripolis 655 Juden geboren rorden und 242 gestorben. Die Auswanderung betrug 39, die Einwanderung 300 Juden. Die italienische Beölkerung von Tripolis, die Anfang 1927 noch kleiner ,ar als die jüdische, übersteigt diese jetzt schon um etwa 000 Seelen. (Anteil der Juden an der Auswanderung aus Polen »ach Amerika.) Die Sektion für Wirtschaft und Staistik des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts bear- »eitete die letzten Materialien über die Auswanderung ms Polen nach den Vereinigten Staaten von Nordimerika, die die Auswanderung in den letzten neun Zähren betreffen und den Auswanderungsdrang der polnischen Judenheit veranschaulichen. Im Jahre 1920/21 wanderten aus Polen 74 755 Juden nach USA. aus, das sind 78,6 Proz. aller Auswanderer aus Polen nach U. S. A. im genannten Jahre. 1921/22 wanderten 22 373! polnische Juden (78,1 Proz. der Gesamtzahl) nach U. S. A. aus, 1922/23 betrug die Zahl der jüdischen Auswanderer 114125 (53,2 Proz.), 1923/24 — 12185 (42,3 Proz.), {1924/25 — 2788 (52,2 Proz.), 1925/26 — 4133 (58,0 Proz.). 1926/27 — 5187 (56,3 Proz.), 1927/28 — 4771 (54.5 Proz.). 1928/29 — 5906 (65.6 Proz.). Die Zahl der jüdischen Auswanderer betrifft somit mehr als die Hälfte der Gesamtzahl der Auswanderer; nur 1923/24 waren die jüdischen Auswanderer aus Polen nach U.S.A. mit 42,3 Proz. innerhalb der Gesamtzahl vertreten. 1920—1922 haben die jüdischen Auswanderer fast 80 Proz. der gefaulten Zahl der Auswanderer ausgemacht. Es waren dies die Jahre, in denen sich in Polen viele Tausende jüdischer Flüchtlinge aus Rußland aufhielten, von denen eine große Zahl dann nach den Vereinigten Staaten abwanderte. 1928/29 betrug der Anteil der Juden an der polnischen Auswanderung 65,6 Proz. — Gering ist der Anteil der Juden an der Rückwanderung aus Amerika nach Polen. 1920/21 waren die jüdischen Rückwanderer aus U. S. A. nach Polen mit mit 0,2 Proz. vertreten, 1921/22 — 1.2 Proz., 1922/23 — 2,7 Proz.. 1923/24 — 1,9 Proz., 1924/25 — 1,6 Proz., 1925/26 — 2,2 Proz., 1926/27 — 0,8 Proz., 1927/28 — 1.8 Proz.. 1928/29 — 1,8 Proz. Die Zahl der Juden, die aus U. S. A. nach Polen gurückkehren, ist also verschwindend gering, sie übersteigt nicht 2 Proz. der Gesamtzahl. Eine Ausnahme machen die Jahre 1922/23 und 1925/26, in denen die jüdische Rückwanderung 2,7 Proz. und 2,2 Proz. betrug.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.