Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1931-01-29 · Heft 5 (29.1.1931) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 5 (29.1.1931)
Date
1931-01-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450652-2450657--77602-2535243
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

29. Jänuar 1931 Der I sra e l t t Nr. 5 Seite 5 Schächten verboten? beantwortete Munk wie liche Zusammenarbeit und Solidarität aller Jufolgt: In Deutschland ist im allgemeinen der Erlaß von SchLchtverboten abgelehnt worden. Das sächsische Schächtverbot vom Jahre 1892 wurde 1910 aufgehoben. Der preußische Landtag hat im März 1928 ein Schächtverbot abgelehnt, vielmehr das Staatsministerium'ersucht, das „wilde Schächten", d. h. den wilden Halsschnitt, durch nichtjüdische Gesellen, zu verbieten. Auch der badische Landtag hat im März 1930 einen nationalsozialistischen Antrag auf ein Schächtverbot abgelehnt. JnvDezember 1930 wunde im hessischen Landtag eine gleiche Eingabe abgelehn-t. In Thüringen wird zurzeit verhandelt. Der Straf--' rechtsausschuß des.deutschen Reichstags hat in der ersten Gesetzeslesung als Zusatzbestimmung zum Tierquälereipcrragraphen (412) beschlossen, daß „Handlungen an Tieren nicht mit Strafe bedroht werden, soweit sie zur Verfolgung ernster wissenschaftlicher Zwecke oder zur Erfüllung der Gebräuche einer Religionsgefellschaft geboten ftnd." Rur in Bayern ist ein Gesetz auf Vetäubungszwang im vorigen Jahre angenommen wordene Dabei wurde regierungsseitig entgegen dem Gutachten der Bayerischen Rabbinerkonferenz auf Grund eines von ni-chtjüdifcher Seite erstatteten Gutachtens ausgeführt, daß das elektrische Verfahren vor dem Schächten religionsgesetzlich.zylässig sei. Tatsächlich ist jedoch hierdurch, wie schön früher bemerkt, das Schächten verboten und em schwerer Gewissenszwang auf die bayerischen Juden ausgeübt worden. Die jüdische Bevölkerung Bayerns versorgt sich aus den Nachbarstaaten mit gefchächtetem Fleisch. Schon heute machen " in Bayern schwere wirtschaftliche Folgen des im Oktober 1930 in Kraft getretenen Schächtverbots bemerkbar. Auch von nichtjüdifcher Seite sind dem Landtag Klagen über die Schädigung der Landwirtschaft und des Fleischergewerbes unterbreitet worden. Schon jetzt läßt sicb ein Lohnausfall von 600.000 Mt. und ein Ilmfatzausfall von 13.000.000 Mk. im JahresfMdurchschnitt errechnen. ,|}j: Ob überhaupt auf Grund der geltenden Be- ' Stimmungen der Reichsverfafsung eine landesgesetzliche Regelung zulässig ist, ist zweifelhaft. Der ^Referent im Münchener Stadtrat hat darauf -chingewiesen, daß das bayerische Gesetz möglicherweise von der Reichsregierung vor dem Staatsgerrchtshof als verfassungswidrig angefochien werden könnte. Im Auslande ist in den beiden judenarmen Ländern Schweiz und Norwegen das Schächten verboten. In allen anderen Staaten ist es erlaubt. In den Tierschlachtungsgesetzen von Italien und Schottland ist das Schächten ausdrücklich .gestattet.! - Dem, englischen Parlament liegt ein Gesetzentwurf mit gleicher Tendenz vor. , Auf die; Frage: In welcher Weise wird der Abwehrkampf gegen die Schächtgegner geführt? — erwiderte Dr. Munk: , Schon vor mehr als drei Jahrzehnten hat der verstorbene Dr. Hirsch Hildesheimer die Sammlung von .Gutachten der Fachleute veranlaßt. Später hat das Büro für Schächtangelegenheiten die Abwehrtätigkeit organisiert, eine Reihe von Schriften und Gutachten im eigenen Verlage herausgegeben und gemeinsam mit Wissenschastlern Experimente über die neuesten Forschungen anstellen lassen. In Anbetracht der über Deutsch- . lands Grenzen hinausgehenden Bedeutung der Schächtfrage haben sich in den letzten Jahren an den laufenden Arbeiten die großen jüdischen Zentralorganisationen wie der Eentral-Verein und die beiden Preußischen Landesverbände durch Entsendung von eigenen Delegierten, ferner die Mabbinerorganisationen, . und nichtpreußischen Landesverbände durch gelegentliche Mithilfe beteiligt. Die Ergebnisse der dauernd fortgesetzten ' experimentellen Untersuchungen von Dr. S. Liebemtt Prag u. a. werden in kleinen Broschüren jeweils veröffentlicht. Eine zusammenfassende Darstellung über den wissenschaftlichen Stand der Schächtfrage^ bietet die Broschüre von Dr. Jakob Levy,. m M-erlM. In dieser werden auch die gegnerischen Gutachten kritisch behandelt. — Einheitden sind im Kampfe gegen die schächtgegnerischen Strömungen gerade in der für das Judentum ohnehin schon bedrohlichen Gegenwart mehr denn je vonnöten. Wissenschaft. Von Dr. C. C. in A. (Schluß.) Sind somit Denken und Forschen lebendige Bewegungen des Kosmos, so hat es der Mensch in der Hand, den Kosmos durch Mitschwingen in diesen lebendigen Bewegungen zu einem lebendigen Organismus zu gestalten, ihn der Vollkommenheit des Lebens nahe zu bringen, ihn zu erlösen. Der Mensch hat lediglich darauf zu achten, daß sein Denken und Forschen als lebendige Bewegung des Kosmos verläuft, d. h. daß es lediglich äüf dem Wege des guten Triebes, des Triebes zur Emswerdung vor sich geht. Auf dem Wege des ,bösen Triebes, des Willens nach Herrschaft über die Natur und des Strebens nach Wissen, wird das Gegenteil einer Verlebendigung des Kosmos bewirkt. Dadurch, daß der Forscher und das Forschüngsobjekt sich als zwei einander fremde Gegenstände gegenüberstehen, daß also der Forscher das Beobachtungsobjekt von außen betrachtet, zerreißt er den lebendigen Zusammenhang zwischen sich selbst und dem Objekt, den lebendigen Zusammenhang zwischen den einzelnen Zellen im Kosmos. Er zerlegt den lebendigen Körper in seine Teile und tötet ihn dadurch. Wenn er dann nachher durch eine Synthese wieder eine Verbindung der einzelnen Teile zustande zu bringen sucht, so wird er nicht mehr erreichen, als wenn der Anatom die einzelnen Teile eines zerschnittenen Körpers zusammensetzen will, nämlich einen toten Körper oder eine Maschine. Dem Forscher wird auf diese Weise die lebendige Struktur des lebendigen Kosmos ewig verborgen bleiben. Cr wird nur tote Gesetze feststellen können. Für ihn ist der Kosmos weiter nichts als ein auslösbares mechanisches Gebilde. Unerhörte kosmische Geheimnisse werden sich aber der Wissenschaft enthüllen, wenn sie auf dem Wege des guten Triebes, der Einswerdung mit dem Kosmos zu forschen unternimmt. Hier wird sich dem Menschen zuerst d-er lebendige Rhythmus des Kosmos offenbaren; me geahnte Einblicke in die Natur und ihr wirkliches, lebendiges Wesen werden sich der erstaunten Menschheit öffnen: der Mensch wird von innen her, als sein eigenes Selbst den Kosmos schauen. Auf demselben Wege wird auch die Menschheit von derjenigen Art der Technik, die nur naturgesetzlich verankert ist und infolgedessen den Menschen unter das eherne Joch der toten Naturgesetze zwingt, befreit werden. Die Aera einer neuen Technik wird anbrechen, die lebendig ist und lebendig wird und die Mensch und Materie zu einer höheren lebendigen Einheit, zum Organismus Kosmos verbindet. Moderne Missenschaft, Denken und Forschen bereiten dem thoratreuen Juden Sorgen? Doch nur deshalb^ weil Du blindlings der europäischen Manier, Wissenschaft zu treiben, gefolgt bist, weil Du, gemäß dem Beispiel Europas, Deinem schlechten Triebe nachgegeben hast. Nur darum konntest Du — wie es bei der Thora einerseits und einem Tun aus bösem Trieb andererseits gar nicht anders möglich ist — keine Wesensverbindung zwischen Thora und >Wissenschaft finden; nur darum blieben Thora und Wissenschaft zwei einander fremde Lebenselemetne, In dem Augenblick aber, wo Du auch in der Wissenschaft Deinem guten Triebe folgst, ist die Verbindung hergestellt. Jetzt wird die Wissenschaft ein Teil der Welterlösung: jetzt kannst Du und mußt Du forschen und denken, eben um den Kosmos durch Deine Tat zu erlösen. Ist es nicht ein erhabenes Gefühl, daß Du armselige Menschenkreatur die Kraft in Dir trägst, den ungeheuren Kosmos zu erlösen? Du Jude kennst Deinen Weg. Dein Weg heißt Erlösung. Erlösung des jüdischen Volkes durch die lebendige Bewegung der Thor», Er-, läsung der Menschheit durch die lebendige Bewegung der Arbeit, Erlösung des Kosmos durch die lebendige Bewegung des Denkens und Forschens; alle Erlösung gleichzeitig, gleichartig, gegenseitig bediygt und Dein eigen Werk, In. diesem Dreiklang des Lebendigen liegt Deine Berufung, Du heiliges jüdisches Volk. Heil Deiner Auserwählung! . Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutsches Reich. Dem Andenken Rabbiner Dr. Lehmanns bm Mainz, 26. Jan. Aus Mainz geht uns folgender Bericht zu: Wie bereits berichtet, feierte die Israelitische Religionsgesellschaft, Mainz den 100. Geburtstag ihres ersten Rabbiners am Schabbos rriui durch einen Festg'ttesdienst bei welchem Herr Rabbiner Dr. Bamberger in treffenden Ausführungen ein packendes, lebendiges Bild seines großen Vorgängers zeichnete. Er schilderte die Wirksamkeit und Lebensarbeit, die Persönlichkeit und Größe von Dr. Lehmann als Rabbiner, Schulmann und Schriftsteller. Er führte aus, wie Dr. Lehmann seine Kehilloh aus kleinsten Anfängen zu allgemein anerkannter Bedeutung führte, wie er dem gesetzestreuen Judentum zu seinem Rechte verhalf, wie er sich eine dankbare, die ganze Welt umspannende treue Lesergemeinde schuf und es bei allem verstanden hat, unter vollster Wahrung des gesetzestreuen Standpunktes und der Sicherung des überlieferten thoratreuen Judentums die Einheit der Mainzer Judenheit aufrecht zu erhalten. Dieser Linie sind auch seine Nachfolger treu geblieben. Am Sonntag, den,.25. Januar, versammelten sich auf Einladung der Nellgionsgesellschast die Mitglieder der Gemeinde und Verehrer- -Dy. Lehmanns zu einer erhebenden Feierstunde im .Saale! der Liedertafel. Der Einladung waren auch der Vorstand und der Rabbiner der Religians gemeind e,, die Enkel und Urenkel des großen Mannes gefolgt, auch Nichtjuden, die zu den Verehrern Lehmanns gehörten, waren erschienen. Der Rabbiner der Nachbargemeinde, Herr Dr. Ansbacher, war ebenfalls anwesend, dagegen war der greise Mitstreiter Dr. Lehmanns, Herr Rabbiner Dr. Kahn, Wiesbaden, leider verhindert und sandte ein Begrüßungsschreiben. Die Festrede hatte Herr Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer, Berlin übernommen, der als Sohn von Rabbi Esriel Hildesheimer besonders berufen erschien, über den großen Schüler des großen Lehrers, die verwandtschaftlich und freundschaftlich besonders verbunden waren, zu sprechen. Leider war Herr Dr. Hildesheimer durch Unwohlsein verhindert, und Herr Redakteur S. Scha^nowitz, Frankfurt hatte dann in besonders dankenswerter Bereitwilligkeit in letzter Stunde die Festrede übernommen. — In, dem stitnmungsvoll mit Lorbeer dekorierten Saale grüßte auf einer Staffelei ein übergroßes Bild Dr. Lehmanns, das mit seinen vertrauten Zügen die Anwesenden in seinem Bann hielt. Nach dem besonders gelungenen Vortrag von war durch den Synagogenchor unter der Führung seines verdienten'''D^igeuten, Herrn Hermann Schlesinger,' begrüßt Herr ''Tsaac Fulda die Erschienenen und gab dem besonderen dauern des Vorstandes über das Fernsein von Herrn 11 Dr. Hildesheimer, der ein Begrützüngstelegramm gesandt hatte, beredten Ausdrück. Vorher hatte eine Urenkelin Dr. Lehmanns, Frl. Rosa Tscherniak, einen sinnvollen...P r o l o g vorgetragen. Darnach nahm Herr Schachnowi'h das Wort zu seiner groß angelegten Festrede. Es ist unmöglich, die Fülle von Gedanken wiederzugeben, die der gefeierte Redner in mehr als einstündiger Rede der aufmerksam lauschenden Hörerschaft vortrug. Cr zeichnete Dr. Lehmann insbesondere als .den Führer, der durch sein Wort zum, ganzen Volke gesprochen habe, erwähnte Hildesheimer, der dem gesetzestreuen Judentum die Lehrer gab, Hirsch, der sich an die Gebildeten und geistig Interessierten wandte und hob im Anschluß daran das große Verdienst Lehmanns hervor, der sich eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.