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Der Israelit · 1931-01-29 · Heft 5 (29.1.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 5 (29.1.1931)
Date
1931-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Hier tritt uns schon der ganze verhängnisvolle Irrtum entgegn, als könne man die Seele des Judentums ohne ihren Leib, den Inhalt ohne das Gefäß, die Flamme der Thora ohne das,Licht der Mizrvcch erhalten. Die Täuschung beruht darauf, daß man die Zertrümmerung des jüdischen Staates als die Zertrümmerung des jüdischen Leibes nimmt und nicht erkennt, daß die haltenden Formen des jüdischen Geistes mit dem Geiste selbst sich zu einer Einheit verflochten haben; daß zwar Staat und- Land entbehrt werden könnten als äußere Hüllen und Gesäße, daß aber der jüdische Geist, die jüdische Idee, die jüdische Weltauffassung mit der religiösen L e - bensordnung so sehr verwachsen und verschwistert sind, daß niemals im historischen Judentum die Idee ohne ihre Form und die Seele ohne ihren Leib denkbar sind. Die jungen Stürmer der Emanzipation in dem Wunsch, diese für die Judenheit schneller zu erringen, setzten die Gestalt und Form gewordene Durchdringung unseres täglichen Lebens mit der G'ttesidee, das Gesetz, als wertgleich mit der Organisation und meinten, daß die Jd.ee auch den Verlust der Mizwa so überstehen könne, wie sie den politischen Zusammenbruch unter der Römerfaust überstanden hatte. Und so wurde auch Stern zu dem Glauben geführt, daß „ganz in derselben Weise, wie der Protestantismus sich mit der ganzen Form seines äußeren Daseins dem Staat unterordnet", sich auch das Judentum für das ganze Gebiet seiner Erscheinung der unbedingten Oberhoheit des modernen bürgerlichen staatlichen Lebens unterwerfen könnte. In machtvollen Vorträgen gab der junge Gelehrte seine Ideen dem Berliner Publikum bekannt, das durch das Auftreten des neugewählten Dr. Michael Sachs, eines Mannes von großer Beredsamkeit, von großem Wissen und echter Frömmigkeit, einen Augenblick an der reformistischen Idee skeptisch geworden war. Spottend glossiert die „Allgemeine Zeitung des . Judentums" damals die große Wirkung Sterns mit den Worten: „Die meisten waren schon willens, sich kopfüber der „wissenschaftlichen Orthodoxie" in die Arme zu werfen, da ihnen jedenfalls die klangvollen Worte des Dr. Sachs etwas gaben, wenn sie auch die zu Grunde liegende Idee eben liegen lassen mochten, als plötzlich die zauberischen Worte „Reform", „welthistorische Bedeutung", „talmudische Verpuppung", „erstarrte Form" usw. sie zurückriefen und ihnen das Eldorado einer eleganten Religion in die Nähe rückten." „Juden wie Christen hörten erstaunt Sterns Darlegungen und sahen darin Bausteine zu dem großen Teuchel, zu welchem bereits Luther den Grundstein und in unserer Zeit Ronge und seine Gleichgesinnten eine Menge Baumaterialien geliefert haben. W ir meinen den großen Tempel, in welchem gep r e di g t we rd e n w i r d , w e n,n> n u r „e in Hirt und eine Herde" auf fr er Erde i st." Sternhoffte von der Reform des Judentums, daß sie es aus einem „schweigenden Dasein", seiner Aschenbrödelrolle in der Geschichte erlösen werde. „Das Judentum soll zu einer Entwicklung seiner selbst gelangen, um sich wieder zu einer bewegenden Kraft im Leben der Gegenwart zu erheben." So leitete er das Recht ab, die „Formen" des religiösen Lebens den veränderten Zeitverhältnissen anzupassen, Altes aufzuheben und Neues zu schaffen. „Wohl wollte er keinen Flicken am Judentum der Vergangenheit, kein Behängen mit bunten, dem Christentum gestohlenen Lappen, nicht ein künstlich auferbautes, sondern ein sich aus sich selbst erneuerndes Judentum, eine wahre Wiedergeburt, eine gänzliche Umgestaltung der äußeren Form,, damit der Geist erhalten bleibe." Eine „jüdische Landeskirche" müsse geschaffen werden, die keinen Unterschied zwischen Priestern und' Laien mache." Die Kirche soll vielmehr der. Ausdruck der Gesamtüberzeugung und das Organ des Gesamtwillens sein." Denn das beglückende Sein der jüdischen Vergangenheit sei unwiederbringlich dahin. „Einst", so schildert er die jüdische Familie,- „war sie ein kleines, geschloffenes heiliges Reich, ein Tempel der G'ttesverehrung-, am Werktag wie am Festtag, am Morgen wie am Abend, bei der Arbeit wie beim Studium. Alles war voll Würde und Weihe, alle Familienglieder geeint, Lebensbedürfnis und religiöses Gesetz in voller Uebereinstimmung. Mit der Teilnahme an dem modernen Leben der Allgemeinheit ist der Zwiespalt ins Haus gekommen. Es gilt, der inneren Entwicklung, die Religion und Leben genommen, auch eine äußere Gestalt zu schaffen." Hier war der zweite tragische Irrtum Sterns. Er sah n icht, daß n i em als r e ligi ös e Einrichtungen ein Ausdruck der S e l b st g e st a l t u n g d e s Lebens sind, sondern ein über das Leben sich überhöhendes, ein das Leben überragendes, ein dem Leben neue Motive und Antrieb gebendes sind, daß in demselben Augenblick, wo religiöse Veranstaltungen diese Kraft der Ueberwindung des Lebens nicht mehr besitzen, sie wertlos und kraftlos werden. Weil seine eigene Persönlichkeit natürlich noch von der Macht der VerZangenheit zehrte, in deren Gestaltung das Erbe der Vorzett sich wesentlich und siegreich dokumentierte, übersah er, daß nur dort ein jüdischer Ideengehalt sich schöpferisch betätigen konnte, wo der Einzelne aus dem Erdf reich der Vergangenheit her.Gestaltungskräfte von -der Geburt an in sich ttug, daß aber die schwankende, Haltlose neugettliche Generation ihre im Verstand und Gemüt allein verankerte Religion'nur in den glücklichsten Charakteranlagen kraftvoll bewahren werde, weil sie nicht durch Formen auch im Unbewußten des Menschen ihre un v-er t ilg baren. G r u n d l a g e n ch a 11 e. (Schluß folgt.) Wochenrundschau. Die Realitäten des Zionismus. Unter d'i'esem Titel veröffentlicht die Dezember-Ausgabe des amerikanischen M e n o r a h - Journals eine durch Klarheit und Gründlichkeit ausgezeichnete Betrachtung von Herbert S o - low über die Ergebnisse, den Stand und die Zukunftsaussichten. der zionistischen Bewegung. Raumrücksichten verhindern uns, die wertvolle Arbeit, die sich weit über das Niveau der üblichen Tagesschriftstellerei erhebt, in vollem Umfange wiederzugeben. Wir möchten aber nicht darauf verzichten, unsere Leser mit den wesentlichsten Ergebnissen der Solow'fchen Gedankengänge vertraut zu machen. Solow stellt innerhalb der heute geltenden zionistischen Ideologie drei Strömungen fest, die man im Interesse der Uebersichtlichkett als die Theorie des Zentrums, desr e ch t e n Flügels und des l in k e n Flügels bezeichnen kann. Das Zentrum-, an seiner Spitze Weizmann und die heute an der Macht befindliche Leitung, stützt, wie allgemein bekannt, seine Zuversicht in die Möglichkeit einer zionistischen Lösung des Judenproblems auf bt-e durch die Friedensverträge geschaffene M a n d a t p o l i t i k. Sie hält es darum für möglich, das englische Im-" perium, selbst dann, wenn seine indisch^arabischen Interessen es gebieterisch auf eine Bagatellisierung der Balsour-Erklärung Hinweisen, aus dem Umwege über den Völkerbund und über gewisse idealistische Strömungen innerhalb des britischen Volkes selbst zur ehrlichen Durchführung der im Mandat übernommenen Verpflichtungen zu zwingen. Es fällt Solow natürlich nicht schwer, den Das Neujahr der Bäume. . (Zum 15. Schebat) Von Oberlehrer A. Adler in Atm a. A. Das „Neujahr der Bäume" nennen unsere Wenen den 15. Tag des Monats Schebat. Konnte zwar diese Bezeichnung nur für das unter einem milderen Himmelsstrich gelegene Palästina gelten und sollte durch diesen Ausspruch eigentlich blos eine Zeitgrenze hinsichtlich der Verzehntung der Baumfrucht festgesetzt werden, so haben unsere Vorfahren dennoch und auch überall, und ob auch für die Übung jener Vorschriften kein Boden mehr vorhanden war, das Neujahr der Bäume" nicht vorüber-, gehen lassen, ohne sich mit ihnen zu freuen und die Erneuerung des Lebens und Wachstums fröhlich zu begrüßen Ja, wenn an den alten knorrigen Stämmen, über deren Häuptern schon Jahrhunderte dahingezogen waren, doch wiederum die zarten grünen Triebe hervorsprossen und von dem erstarrten Erdreiche die Eisrinde dahinschmolz, um den verborgenen Saatkermen den Weg zum Lichte zu öffnen, da war das für Israel ein Zeugnis der schöpferischen Gnade des Herrn, ein Sinnbild des eigenen unvergänglichen Lebens, ein Sporn der Hoffnung und ein Weckruf zu unverdrossener Tätigkeit, ein Spiegel der herrlichen Zukunft, die in dem Reiche des erlösenden Gottes der Gerechten harret. > Israel war stets das Volk der Hoffnung, das Volk! der Zukunft, es trägt das Bewußtsein in sich, daß wie , das irdische, so auch das geistige Leben wohl ermatten, aber nicht verschwinden könne. Auch auf den Gefilden der Erkenntnis, auf den Gebieten des sittlichen Lebens muß, wenn auch von Zeit zu Zeit ein verheerender Winter über sie hinschreitet^ der alle Kräfte ersprießlichen Schaffens lahmlegt, dach wieder ein verheißungsvoller lichtverkündender Frühling emporsteigen. In dem Glauben an die unvergängliche Kraft des Geistes, an die ewige Lebensmacht der Wahrheit wurzelt die Hoffnung des Heiles, die wie Frühlingsschimmer unsere Seele erfüllt. Diese Hoffnung wollen wir uns nicht nehmen lassen, ob auch manche traurige Zeichen des Verfalls sich in dem heutigen Israel zeigen, erstarrender Winterfrost über die Gefilde unseres Geisteslebens sich ausgebreitet hat, für jedes höhere dem Göttlichen und Ewigen zugewandte Streben die Herzen' fast völlig erkaltet zu fein scheinen und wahre, treue und tätige Teilnahme dafür vergebich gesucht wird. Wir zweifeln nichtdaran, es wird auch in Israel wieder Frühling werden; unter Stürmen zieht er heran, um die Geister zu wecken, dem Lichte den Weg zu den Herzen zu bahnen. Der Baum des ewigen Lebens, den der Herr auf den Boden Israels gepflanzt bat und dessen Stamm aus heiliger Saat emporgewachsen ist, wird neue Triebe des inneren Wachstums hervorbringen, grünen in unverwelklichem Schmucke, erblühen in neuer Herrlichkeit, und seine Frucht wird der Segen der Völker bieiben, das Heil unserer Zukunft für und für. Kleines Feuilleton. Lin Standardwerk der jüdischen Statistik. Aus der Feder des bekannten Altmeisters der Statistik. Prof. Dr. Heinrich- S i l'b e r g l e i t, des ehemaligen Direktors des Statistischen Amtes der Stadt Berlin, veröffentlicht die „Akademie für die Wissenschaft des Judentums" ein grundlegendes Werk über die B evölkerungs- und Berufs Verhältnisse der Juden im Deutschen Reiche, von dem zunächst der erste Band, 350 Seiten in großem Quartformat, den Freistaat Preußen behandelt. Der in Aussicht stehende zweite Band wird sich auf die übrigen Bundesstaaten und das Reich im ganzen beziehen. Das Werk ist auf der letzten deutschen Volkszählung von 1925 aufgebaut, die ebensowenig wie frühere allgemeine Volkszählungen der konfessionellen Statistik bei der Bearbeitung irgend welche Aufmerksamkeit gewidmet hat. Nicht einmal der Altersaufbau der Konfessionen, dem grundlegende Bedeutung zukommt, konnte bei der allgemeinen Statistik Berücksichtigung finden. Es ist aber klar, daß jeder wissenschaftlichen Urteilsbildung über die Entwicklung und die Zukunft der deutschen Juden alle Grundlagen' abgehen, solange nicht die Ergänzung der allgemeinen statistischen Untersuchung von jüdischer Seite vorgenommen worden ist. Diesem Mangel hilft das gewaltige Werk Silbergleits ab. Es zerfällt in einen textlichen Teil und ein umfangreiches Tabellenwerk, das die jüdische Bevölkerung Preußens nach dem Familienstand in Verbindung mit dem Alter und dem Geschlecht und unter besonderer Heraushebung der einzelnen Provinzen und der einzelnen. Großstädte be-

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