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Der Israelit · 1931-01-29 · Heft 5 (29.1.1931) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 5 (29.1.1931)
Date
1931-01-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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29. Januar 1931 11. Schebat 5691 Nr. 5 Frankfurt a. M„ den Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.39 Mark monatlich; Ausland: Bterteljahrpreise . (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: Schilling 3.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.37. Belga 6.; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Jugoslavien 55 Din.; Litauen 7.5V Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 150 Lei; Polen 4 deutsche Goldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tscheche-Slowakei 25 Kronen: Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.59 Krön.; Norwegen 3.80 Krön.; Schweden 3.80 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. . Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 69 Goldpf. für die siebengespaltene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzeigen nur 40 Pf. Die 75 mm breite Reklamezeile: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Textsette 359 Mk.; Chiffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bet laufenden Jnserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jeder; Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Flankfurt a. M, Rechneigrabenstraße 7, Tel. Hansa 21984 sow. durch siimtl. Annoncen-Exved. d. In- und Auslands. Alleinige Jnserarenann. für Franks. Geschäfts«»»,.: Jul. Schmidt, Hölderltnstraße 83 Tel. 46866. Platzvorschr. ohne Berbindlichk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19812. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Ne.79695. — Postsparkaffenamt Budapest Nr. 18424.—Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. VIII7354. — Inkasso-Bank Rotterdam — Postscheckamt Amsterdam Nr. 34889 — Postscheckamt Prag Nc. 79.969 — Banca Marmarosch Blank & Co. in Bukarest — Filiale des Wiener Bankvereins in Agram- — Der Gerichtsstand für alle aus Abonnements oder aus Inseraten sich ergebenden Zahlungsverpflichtungen ist Frankfurt a. M. Aus der Frühgeschichte der Reform. Von Dr. Joseph Carlebach in Altona.' Die Entstehung der Reform ist ein vielumkämpftes Blatt in der jüdischen Geschichte. Seitdem Moses Mendelssohn die Augen geschlossen hatte^ wirbelte die religiöse Krisis viel trüben Schlamm empor. Gegenüber den. starken in sich .gefestigten jüdischen Persönlichkeiten der Vergangenheit brachte die Gärung Haltlosigkeit und sittliches Schwanken in die jüdische Seele, und diejenigen, die einen Bruch mit der Vergangenheit vollzogen, mußten, wie immer in der Geschichte, mit der Reinheit und Ganzheit ihrer Seele zahlen. Denn, wer den Zaun einreißt, den trifft der Biß der Schlange, deren verführerisches den ersten sittlichen Zaun paradiesischer Unschuld zerstört hat. Besonders die Rabbinen, die sich der jungen Bewegung zur Verfügung stellten und dabei alles das verleugnen mußten, was ihre Meister und Lehrer ihnen als unverbrüchlich in die Seele gepflanzt hatten, haben diesen Schritt mit teuren Opfern bezahlen müssen. Nie wird die Nachwelt ohne ein gewisses Unbehagen den Lebensgang dieser Revolutionäre der Tradition . verfolgen können. Umso,wohltuender wirkt das Buch des Frankfurter Studienrates Dr. Arthur Galliner. der uns eine der Laienpersönlichkeiten, die an der Wiege der Berliner Reform,stand, kennzeichnen will, den Reformator und Pädagogen S i g i s m u n.d Ster n. Das äußerlich und innerlich vornehm gehaltene Buch schildert uns anschaulich die schöngeistige. Atmosphäre Berlins um 1820, die sich um den Humoristen Saphir gruppierte, in der der junge Stern seine Jugenddichtungen konzipiert, die wissenschaftliche Welt der Romantik, .aus der Stern feine Anregungen zu sprachphilosophischen. Untersuchungen empfängt, die reiche Schöpferperiöde in der Pädagogik von Basedow bis- Pestalozzi, unter deren Einfluß Sternsich zu einem weitblickenden, großzügigen Schulmann entfaltete, und das politische Ringen um Freiheit und Demokratie, dessen heißer Atem Stern zu einem freiheitlichen Politiker und Geschichts-fchreiber formt. Es ist aber auch ein Buch, das uns van den Kämpfen und dem Sehnen der jüdischen Seele in der damaligen deutschen Judenheit voll Klarheit und Kraft kündet. So wird es zu einem Zeugnisvon den reinen .Motiven, die Stern zum Vorkämpfer der Reform in Religion und Erziehung machten, und gleichzeitig Zeugnis der großen Tragik seiner und der zeitgenössischen Jrrtümer über Wesen und Art des Judentums. Wir geben mit Absicht möglichst dem Verfasser selbst das Wort, der'sich in vorbildlicher Objektivität von jeder Voreingenommenheit freihält, der z. B. über S. R. H i rfch das treffende Urteil fällt: „Auch dieser erstrebte ein lebendiges Judentum, das — auf der sittlichen Höhe der Zeit stehend — vollen Anteil an dem Leben und Schaffen der Gegenwart nehmen konnte, aber wie die schriftliche und mündliche Lehre in ihrem ganzen Umsange, so sollten auch die alten Formen verbindlich bleiben; es galt, die moderne Zeit zur Thora zu erziehen, es galt, den traditionellen Formen durch eine tiefdurchdachte Symbolik neue Lebenskraft zu verleihen." Ebenso freimütig urteilt Galliner: „Gewiß bedeutet die Kultusreform den ersten ernsthaften Versuch, den religiösen Jndifferentismus zu bekämpfen, zugleich auch den Beginn einer Selbstemanzipation-, des Laientums von alten Vorurteilen, von Zwang und Bevormundung durch Gesetz und Rabbinertum; aber sie war doch mehr aus ö e m Wuns ch e h e r v o r g e g a n g e n, dem Judentum auch' nach außen hin eine Würde, einApsehenzuvers ch a f f'e n , U m d i e s o z i a l e u n d p o l i tische E ma n - z ipst ti o n zu rechtfertigen, als aus einem wirklich tiefen religiösen Bedürfnis.*) Darum mochten die neuen Formen, deutsche Sprache, deutscher Gesang und Orgelspiel, als fremde Eindringlinge anmuten. Die Ursachen hierfür liegen zum guten Teil darin; daß diese „Reform" mit der politischen und sozialen Emanzipation verquickt wurde." Stern hatte sich früh gedrängt gefühlt, zu den inneren Fragen des Judentums Stellung zu nehmen. Mit 23 Jahren übernahm er die Leitung der jüdischen Knabenschule in Berlin. Er sieht, daß von 1000 jüdischen Schülern Berlins kaum 100 die jüdischen Schuten besuchen. „Die Masse unter den Juden", erkennt Stern nicht ohne Bitterkeit, „hat kein Vertrauen zu allem, was von einem aus ihrer Mitte ausgeht. Denn es glaubt der Jude vom Juden, also auch vom jüdischen Lehrer, er sei weniger pünktlich und gewissenhaft in der Erfüllung seiner Pflichten, er hat weniger Vertrauen zur Gründlichkeit seiner *) Von uns gesperrt. Kenntnisse, zur Methode feines Unterrichts. Und weiter: „Der Jude fürchtet für feine Kinder den steten Umgang mit jüdischen Mitschülern so sehr, daß er, ich spreche aus Erfahrung, selbst die christliche- Schule meidet, die er von vielen jüdischen Schülern besucht weiß." Es gebe nur einen Ausweg, die Schule muß zur Sache der Gemeinschaft werden, „daß ein Geschlecht sich heranbilde, das die Anforderungen der Zeit an Juden und Judentum begreift." Aber die unbesiegbaren Vorurteile und die Teilnahmslosigkeit vermag Stern nicht zu überwinden, und er versucht, tiefer in die Zustände der Judenheir einzudringen und kommt so zu seinen Reformideen. „Er hat volles Verständnis für die Orthodoxen, für diese „Strenghandelnden", zollt ihnen Achtung und Dankbarkeit, da ihre Unterwerfung unter ein höheres, wenn auch unverstandenes Gebot auf starker sittlicher Basis beruhe". Aber diese Richtung sei erschüttert durch innere Ursachen. „Das erwachende Selbstbewußtsein der Reformationsz'kit, die Freiheit des sich s e l b st b e s r e i e n d e n P r o t e st a n - tismus (!)*) hat auch das Judentum in Bewegung gebracht, in fortreißende Bewegung, die die Schranken des Zeremonialgesetzes durchbricht. Da wird Wesentliches und Unwesentliches, wird Inhalt und Form verworfen, das führt in die „bahnlose Wüste des Jndifferentismus", zum drohenden Untergang". Es müsse also eine Reform erfolgert, die folgende drei Punkte sich zum Ziel setzt: „l. Schaffen eines wissenschaftlich begründeten Bewußtseins von Idee und Inhalt des Judentums, II. Wecken des Sinnes für Religion im allgemeinen und des Gemeinsinns für die Interessen des Judentums. Ul. Ueberzeugen der Mitwelt durch Wort und Tat, daß Juden Ebenbürtige sind und vom Staat als solche anerkannt werden müssen." Das Judentum sei kein toter Körper, dann müßte es—- als dem Staate schädlich — ausgeschieden werden, es ist vielmehr als Bewahrer reiner G'tteserkenntnis noch in einer lebendigen Entwicklung begriffen und hat darum ein Recht, an der Gesamtentwicklung teilzunehmen; gewiß „das Gefäß ist zertrümmert, die Nation ist aufgelöst für alle Zeiten, aber jener Inhalt ist ein ewiger." *) Von uns gesperrt.

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