Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 14 Nr. 4 Der Israelit _ 22. Januar 1931 des Herrn Siw Halt und schob seinen Gesänge nen in den Laden hinein. Herr Siw stand hinter dem Ladentisch und bediente herrschaftliche Kunden. Nun sah er böse auf: „Was fällt Dir ein, Petriow, meinen Gast zu belästigen? Weißt Du nicht, daß dieser Herr von mir herbestellt ist und von nun an zu unserem Hause gehört?" Und im geichen Augenblicke reichte er dem erschrockenen jungen Mann die Hand zum Gruß: „Keine Angst, setzen Sie sich und seien Sie uns willkommen. Die Kinder sind voll freudiger Erwartung." Petriow zuckte mit hm Achseln und stammelte etwas von „Paß", „Befehl", „Dienst" und dergleichen. Die „vornehme Kundschaft", zwei „Hof"- Damen, eine ältere und eine jüngere, sahen neugierig auf und lachten. Meikemeiers Angst löste sich in großer Verlegenheit auf. „Paß hin, Paß her," erwiderte Herr Siw, „wenn der Mann bei mir ist, h a t er einen Paß, auch wenn er keinen hat . . ." Diese zwingende. Logik wurde ganz unwiderleglich, als Herr Siw unvermerkt dem Beamten etwas in die Hand steckte und ihn ins Nebenzimmer schob, wo eine gut gefüllte Schnapsflasche seiner harrte. Man sah ihn nicht wieder. Er hatte seines Amtes gewaltet und feine Schuldigkeit getan ... - Meikemeier konnte in der Dachkammer über dem Warenhause ungestört an seine Aufgabe gehen. (Fortsetzung folgt.) Uinderecke. „Soll Herbert wiederkommen?" Von Hermann Seckbach in Frankfurt a. M. Nicht wahr, nun staunt Ihr, liebe Kinder, wenn ich Euch von einem Ringkampf erzählen will. Ich weiß nicht wie Ihr darüber denkt, jedoch gar so schön ist ein solches „Spiel" nicht mitanzusehen. Aber, es gibt auch einen unsichtbaren „Ringkamps" und von diesem wollen wir heute berichten. Da war ich jüngst in einem mir bekannten gar vornehmen jüdischen Hause, um für einen bestimmten Zweck Hilfe zu erbitten. Auf mein Klingeln . öffnete mir eine freundliche Dame. „Bitte schön, Sie wünschen?" „Verzeihung" sagte ich, „ich möchte den Herrn sprechen." „Bitte schön", sagte das Fräulein, „der gnädige Herr ist verreist, aber treten Sie, bitte näher, Sie können die gnädige Frau sprechen." Dieser so freundlichen Einladung folgte ich gern, und die so nette Dame führte mich in einen entzückend ausgestatteten Empfangsraum. Auf schwere Teppiche trat mein Fuß, prachtvolle Blumen zierten das Zimmer, ein Hauch gemütvoller Stimmung umgab mich. Doch, was war das? Ein wüstes Kindergeschrei Hub draußen an. „Nein, nein, nein, ich will nicht, ich mag nicht, ich kann den Herbert nicht mehr sehen. Er soll fort — gleich aus der Stelle", so klang es in befehlendem Tone aus kindlichem Munde. Meine schöne Stimmung war weg, all das Herrliche um mich herum verschwand, und mir war zu Mut, als wenn ich mitten auf einem Kriegsschauplatz geraten wäre. Da ging die Türe auf, und die Frau des Hauses trat auf mich zu. „Entschuldigen Sie viel, vielmals, wenn ich Sie warten ließ; jedoch Sie haben gewiß gehört, was sich da draußen abgespielt hat. Mein Bub hat mit seinem Schulkameraden sich eben leider herumgebalgt, und schließlich fand ich sie beide wie nach einem Ringkampf, auf der Erde liegend, vor. Schuld hat mein Junge, denn der kleine Herbert ist ein liebes Kerlchen und immer zur Nachgiebigkeit bereit. Aus diesem Grunde lassen wir die beiden gerne miteinander verkehren. Herberts Familie ist arm, aber es sind brave Leute. Nun ist Schluß, Herbert wird nicht wiederkommenn, und bei dem draufgängerischen Wesen meines Jungen kann ich andere Kinder nicht so leicht kommen lassen. Meine ganze Wohnung wird dann gleich zum Kampfgebiet.-" Nachdem ich kurz über den Grund meines Kommens mit der. Dame des Hauses gesprochen hatte, fragte ich sie, ob ich den Jungen mal sehen und sprechen könnte. War es mir doch undenkbar, daß in diese Umgebung, die so viel Ruhiges, Behagliches i nsich barg, irgend jemand — und . wenn es nur ein kleines Kind war —, Unschönes hineintragen könnte. „Aber gewiß, gerne erfülle ich Ihre Bitte, umsomehr, als mein Mann in dieser schweren Zeit — die sich für uns leider sehr bemerkbar macht, — viel verreist ist, und ich dem Buben gerne mal — wie man zu sagen pflegt — ordentlich den Kops waschen lassen möchte. — Ich ging also mit der Dame des Hauses in das Kinderzimmer. Ueöerrafcht bliyte ich mich um; wie reizend wie schön war es hier. Die Wände bemalt mit lustigen fröhlichen Kinderbildern, allerlei Spiele lagen hemm und dltzu ein ganzer Schrank voll Kinderbücher — —. Und in der Ecke stand, — die Hände vor Zorn noch geballt, die Augen voll Tränen, ein blondgelockter, hübscher Junge. Seine Brust hob und senkte sich, ein schwerer innerer Kampf bewegte ihn, das bemerkten wir. Endlich, nach langem Ringen rief er stöhnend aus: „Herbert soll wiederkommen..— — —" „Ja, das wird jetzt nicht mehr gehen," sagte die Mutter „Du hast dem armen Jungen sehr unrecht getan!" Und als der kleine Sünder nun reuevoll bitterlich zu weinen anfing, fragte ich seine Mutter, ob ich ihm ein paar Worte sagen dürfe. „Aber selbstverständlich!" meinte diese. „Na, komm mal zu mir." Und da der Junge mich scheinbar als Netter in der Not ansah, folgte er gleich und beruhigte sich, als ich ihn sanft streichelte. „Sieh mal", sagte ich, „deine liebe Mutter erzählte mir, daß du diesem armen Jungen — den du doch — wie ich höre — sonst recht lieb hast, und der dir auch herzliche zugetan ist, bitter wehe getan hast. Mir ist bekannt, daß du am jüdischen Unterricht Freude hast. Und nun gibts im Jüdischen eine Bezeichnung, die wir gar nicht so recht ins Deutsche übertragen können, und die heißt: „Gemiluth Chesed." Die vielen Wohltaten, die deine lieben Eltern das Jahr über armen Menschen erweisen, sind Gemiluth- Ehesed-Werke. Aber um „Gemiluth Ehesed" erfüllen zu können, braucht man nicht immer Geld. Auch dies zeigen deine lieben Eltern, denn sie ließen den armen, braven Jungen in ihr Haus und freuten sich, daß er dir ein Freund geworden. Das war ebenfalls eine schöne Gemiluth-Chesed-Tat! Jetz paß mal auf, was ich dir sagen möchte. Vorhin, als dein kleines Herzchen auf- und abing, führtest du einen inneren Kampf, bei dem du mit ir selbst gerungen hast. Den Sieg deines guten Herzens hast du mir mit deiner Nachfrage nach Herbert uns selbst verkündet. Aber nun hast du all das Schöne und Erhabene, das für den Jungen und für dich durch die Güte deiner Eltern damit verbunden war, durch dein häßliches Benehmen zerstört. Deine liebe Mutter sagte mir vorhin bereits, das fei kaum wieder gut zu machen. Die große Beschämung, die du dem kleinen, Herbert bereitet hast, wird er nicht so leicht vergessen können. Und nun ist guter Rat teuer! Weißt du, ich mache einen Vorschlag, wir bitten den Redakteur des Israelit, die ganze Begebenheit in der „Kinderecke" des Israelit zu veröffentlichen. Natürlich nennen wir kem Namen, du heißt einfach „Leo." Vielleicht teilen uns dann einige Kinder mit, wie Leo den Herbert wieder versöhnen kann. Deine liebe Mutter ist, wie sie mir durch ihr Kopfnicken zu verstehen gibt, mit meiner Anregung einverstanden, und die verehrte Redaktion wird gewiß auch bereit sein, von den Kindern etwa eingesandte gute Vorschläge in der Kinderecke mitzuteilen'. Also liebe Kinder, soll Herbert wiederkommen?? (Amirah le-beth Jakob.) Das klassische Werkchen, das Rabbi Seligmann Bar Bamberger ‘J'xr vor mehr als siebzig Jahren über die spezifischen Pflichten der jüdischen Frau (rvn ,nbn mpbnn) verfaßt und in jüdischen Schriftzeichen veröffentlich hat, liegt in dritter Auslage in deutschem Sprach- und Schriftgewand vor. Trotzdem in den letzten Jahren die eine oder andere Schrift gleichen Inhalts herausgekommen ist, die vielleicht hinsichtlich der Diktion in Einleitung und Erläuterung moderner anmutet, bleibt Bambergers Darstellung des religionsgesetzlichen Stoffes doch der alte Vorzug größter Präzision und Klarheit gesichert. Das Büchlein kostet gut broschiert Mk. 1.20 und ist bei I. Käuffmann, Frankfurt a. M. erschienen.' (Die Zukunft der jiddischen Sprache.) Im Zusammenhang mit einem Bericht über die Frequenz der beiden jiddischen Bibliotheken in Moskau, stellt die jiddisch-kommunistische Zeitung „Emeß" der Zukunft der jiddischen Sprache in Sowjetrußland, zumindest in den großen Städten eine ungünstige Prognose. In den Fabriken in Moskau gibt es 18 000 jüdische Arbeiter, die zum großen Teil erst vor kurzem aus den jüdischen Kleinstädten nach Moskau gekommen sind, zu den intelligentesten und fortgeschrittensten Arbeiterelementen des Landes gehören und eifrige Leser schöngeistiger Literatur und kritischer Abhandlungen sind. Doch bevorzugen sie russisch geschriebene Bücher, sodaß die beiden jiddischen Bibliotheken in Moskau, die jüdische Zentralbibliothek und jiddische Bibliothek ^des kommunistischen Klubs kaum mehr als 200 regelmäßige Benutzer aufweisen. „Emeß" schlägt vor, die beiden Bibliotheken aus technischen Gründen zusammenzulegen. Bei dieser Gelegenheit sollen die Bücherbestände durchgesehen und abgegriffene Bände durch neue ersetzt werden. In Moskauer jüdischen Kreisen wird daran gezweifelt, daß derartige Maßnahmen geeignet sind, die Inanspruchnahme der jiddischen Bibliotheken zu steigern. Es ist,eine allgemeine und nicht nur auf die jiddischen Bibliotheken ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT A. M. JETZT HölDERLINSTR. 25 i DIE NEUE TELEFONNUMMER CAROLUS 45866 beschränkte Erscheinung, daß die Bibliotheken der nationalen Minderheiten in Moskau wenig benützt werden. Moskau besitzt eine Fülle solcher Bibliotheken, die aber mehr musealen Charakter haben und von den breiten Massen der Spezialisten und Studenten für praktische Zwecke kaum benützt werden. Die Massen in Moskau einschließlich der nationalen Minderheiten sprechen russisch und lesen auch in dieser Sprache. J > (Eins jüdische Armee von 39 60V Mann im 13. Jahrhundert.) In der Zeitschrift „Sulamith" findet sich der folgende Bericht: „Der Kaiser Adolph von Nassau führte gegen das Ende des 13. Jahrhunderts in einem Kriege gegen Frankreich an dreitzigtausend Juden bei seiner Armeen Cuspinianus aber, ein Chronikschreiber jener Zeit, der uns dieses Faktum ausbewahrt hat, fügt hinzu: „nicht weil er in ihre Tapferkeit ein besonderes Vertrauen setzte,^ sondern daß sie, im Dordertr^sfen aufgestellt, den ersten Angriff des Feindes auffangenmischten." Eine grausame, unmenschliche Absicht! — Hätte man sie als treue, mannhafte Verteidiger des Vaterlandes aufgestellt, warum sollten sie nicht ebenso tapfer gejochten haben, als die christlichen Streiter? Kommandierte doch ein Jude, Salo- 7 Mon Ben Jochain, im Jahre 1190 die Armee in Portugal als oberster Feldherr ebenso glücklich als rühmlich. Verteigten doch die Juden im sechsten Jahrhundert die Stadt Neapel tapfer und ehrenvoll gegen die wiederholten Angriffe des Belisar. Standen sie doch den Christen zur Vertreibung der Räuber aus Böhmen herzhaft bin und erhielten zur Belohnung ihrer Tapferkeit eine Synagoge zu Prag. Vieler Beispiele aus der neueren Geschichte nicht zu gedenken, hie von der Tapferkeit und Klugheit der Juden im Kriege Zeugnis geben. Uebrigens erzählt auch Dietrich in seiner Schrift: „De Jure et statu Judaeorum in Respublica Christianorum" auf Grund einer alten Chronik, daß um das Ende des dreizehnten Jahrhunderts 30 000 Juden bei der französischen Armee, unter Philipp dem Schönen, gedient hätten.''Wahrscheinlich hat der Chronikschreiber dieselbe Begebenheit gemeint und Adolph von Nassau mit dem gleichzeitigen Philipp dem Schönen verwechselt. Zu dieser „Sulamith-Notiz" bemerkt L. Horwitz im „Schilde": „Man könnte die Nachricht für ein Märchen halten, stände sie nicht in einer so ernsthaften und gediegenen Zeitung, Jahrgang 2 B. 1, S. 293, wo auch die Quellen angegeben sind. Der namhafte Historiker Scheppler fügt in seiner Arbeit über „Die Aufhebung des Leibzolles", S. 96, noch hinzu, „der Kaiser wollte seiner Armee durch die Juden eine größere Ausdehnung geben und das Zentrum seiner Truppen decken." Heber diese Mitteilung dürften" Fachleute weitere Aufklärung bringen. _ (Ein seltener Fall von Nächstenliebe.) Aus Heppena. d. V. wird uns geschrieben: In unserem Städtchen, in dem fast überwiegend Katholiken» wohnen, herrschte immer ein gutes Verhältnis zwischen Juden und Christen. Allerdings ist auch unsere Gegend vom Antisemitismus nicht verschont geblieben. Nun ereignete sich in letzter Woche folgender Fall. Vor wenigen Wochen starb im Ausland der Sohn einer hiesigen jüdischen Familie. In den letzten Tagen kam eine evan- . gelische Nachbarsfrau, eine Dame der ersten Kreise, zu dem jüdischen Lehrer und , fragte ihn, ob ein Andersgläubiger „eine Messe" f fi t einen Juden lesen lassen k ö n ne. Da der Lehrer verstand, daß es sich um' einen Schiur handelte, bejahte er. Daraus erlegte die Dame einen Betrag und bat, für den jungen Mann, dem sie weiter keine Ehre erweisen könne, „eine Messe zu lesen." Es geschah auch — in der Form eines Schiurs mit Lernkaddisch. Kislswheft der Monatsschrift „Haneemon". Das Heft ist soeben erschienen. Zunächst finden wir einen durchaus reichhaltigen Aufsatz, der zur gegenwärtigen Palästinafrage Stellung nimmt. Hieran schließt sich ein Artikel Dr. N. Birnbaums: „Unser Erez-Jsroel" der dem „Aufstieg" (Nr. 5) entnommen ist, in gutes Hebräisch übertragen. > Ein Teil der Zeitschrift ist der Persönlichkeit des vor kurzem verstorbenen Telscher Nosch-Jeschiwas, Rabbi Chajim ^rr gewidmet. Zum Jahrzeitstage des im vorigen Jahre dahin geschiedenen Telscher Naws enthält das Heft einen Nachruf des derzeitigen Raws.. Die gutgelungenen . Bilder der beiden großen Verstorbenen sind beigefügt.- Die Rubrik irvbisa behandelt nunmehr wesentlich eingehender die das gesetzestreue Judentum interessierenden Er-, eignisse in den verschiedenen Ländern. Es wäre zu wünschen, daß diese Monatsschrift die als einzige im ganzen Baltikum die Interessen des Thorajudentums vertritt, auch beim deutschen Judentum größere Beachtung finden würde.