Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr »YZI Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeilepoche. Don S. Jzchaki. tFortsetzung). vir. Gelgudischk i n war ein Rittergut, das mit dem ‘ Weißrot seiner schieferbedachten Häuschen und Baulichkeiten sich dem Auge der den Ström hinauffahrenden Dampferpassagiere auf der linken Njemenfeite wie eine liebliche Oase in einer Wüste austat. Es war eine deutsche Enklave inmitten der schwarzgrauen russischen, polnischen und .litauischen Erde. Das Gut mit den weiten Waldungen und endlosen, bestens bestellten Aeckern, dem blühenden Wiesenland gehörte einem baltischen Baron von deutschem Blute, mit Namen v. Klingenberg. Das Gut wurde verwaltet ausschließlich von deutschen Oekonomen und Beamten, bearbeitet von deutschen Menschen mit deutschen Maschinen und Geräten, unter Aufsicht von Beamten, die aus der ostpreußischen Landwirtschaftsschule in Tilsit und Königsberg hervorgegangen waren. Wenn man sich vom Dampfer, der von Burki nach Kowno fuhr, ausbooten und ans Land setzen ließ, so streß man zuerst auf einige kahle Holzschuppen und Speicher, denen sich ein paar festgebaute Landhäuser anreihten. Eine große katholische Kirche mit weiter Umfassungsmauer für die Bevölkerung der umliegenden Dörfer schloß die Peripherie ab. Dann begann das eigentliche Gut, der „Hof", mit vortrefflich gepsteMn kiesbestreuten Wegen, mit Tannenalleen, mit einem regelrechten Park, dessen Mitte das palaisartige Herrschaftshaus mit den Anbauten einnahmen. Neben dem Palais ragte die dünne Zinne einer deutschen Kapelle in die Höhe, deren Nebenraum als schule diente. Dahinter leuchteten die Marmorsteine auf. den blumenumhegten Familiengräbern der Klingenbergs. Hier wohnte den Sommer hindurch der Herr Baron mit feiner Familie, ein Mann in mittleren Jahren, von deutscher Pedanterie und Ordnungsliebe, im übder gern auf wie wDuW.MchMepHMlehher^ rigen aber ein aufrechter Mann, der gern die'Jagd 'Mg, 'in det' MMk las Md deutsche d e u t f ch e Lehrer, der aus der Gegend von Tilsit auf der prepKischetl stammte, ein echter Ostpreuße und Schulmeister von Beruf und Berufung, stets nüchtern und gewissenhaft, streng und gerecht in der Erziehung und' im steten Bewußtsein, eine Kulturaufgabe auch bei den Erwachsenen lösen zu müssen. Seinegesellschaftlichen Tugenden — er spielte vortrefflich Klavier und Geige — seine Jugend, seine gute Statur und weltlichen Manieren machten ihn zum Löwen der kleinen Gesellschaft, die die Langweile oft, ohne Unterschied von Stand und Alter, im Herrenzimmer des Kruges bei Tanz und Spiel und anderem Amüsement zusammenführte. Hier waren Diener, Gouvernante, Zofe, junge Oekonomieeleven, Strasnik und Uradnik, Lehrer und Schüler, Jäger und Förster, Deutscher, Pole und Russe, auch die zwei oder drei jüdischen jungen Männer und Mädchen, kurzum alles, was nicht gerade zu den Bauern und Holzknechten gehörte, friedlich beisammen. Herr Ammann' spielte die erste Geige, nicht allein im musikalischen Sinne. Bei besonderen Anlässen pflegte die Baronsfamilie sich selbst zu dem Kruge herabzulafsen und mit ihrer Anwesenheit und einer großen Bier- und Pünschspende dem/Abend seinen erhöhten Glanz zu verleihen. In dieser Oase, unten am Rande des Hofparkes, wohnten in soliden Bürgerhäusern drei jüdische Familien, die mehr oder weniger zum Hofe gehörten. Herr Josef S i w, ein untersetzter, kluger Mann von einigem jüdischen und weltlichen Wissen, hatte da eine Art Warenhaus, in dem man vom Hering bis zum Pelzmantel alles haben konnte. Die Herrschaften deckten bei ihm den Bedarf, und an Meßtagen drängte sich auch so viel Bauernvolk in den Läden, daß die Hände kaum zur Bedienung ausreichten. Herr Siw war eine angesehene Persönlichtevk in diesem Orte. Er war nicht „der Jude", sondern der Herr K a u f m a n n. Schnittware für den Herrn Baron und Familie brachte er in eigener Person in das Herrschaftshaus, und die Besichtigung der Muster Mg unter Beteiligung des Familienrates nicht ohne Feierlichkeit vor sich. Frau Siw, imnrer jung, frisch, temperamentvoll, mit einer bei den Lehrern des „Hofes" genossenen deutschen Bildung, spielte eine eminente Rolle in dek, Kleinen Gesellschaft Weser Kulturinsel. DreiHinder, Jungen von sechs bis vierzehn Jahren,, um, die sich die Eltern wenig kümmern konntep,, bedurften des Unterrichtes, der Erzrehuyg!sinh;^>er täglichen Unter-. schr vön döen herababer gerecht iirrti) väterlich füxsorgkiW In jüngeü^ JahreM OffiDr km russischen Heere, quitsterte er später Mn Militärdienst, weil sein kötrektes deütsches Naturell gW zu oft mit dem gedanken- und schrankenlosen KlÜbleben des russischen Offizierkorps in Kollision geriet. Wenn er im Winter nicht bei seiner Familie in Riga war, weilte er in Königsberg oder Berlin, im Sommer aber zog er sich mit seiner Familie indie'Einsamkeit seiner polnisch-litauischen Residenz zurück, wo er wie ein König über einen kleinen- Kreis von Menschen nicht gerade despotisch aber unumschränkt herrschte. d Me russische Macht marauf diesem Gute vertreten durch einen Strasnik (Zollwächter)' und einen U.r a d n i k (Politzeibeamten), die russische Multuro durchs einen Lehrer aus NordrußlaM der kein Wort Deutsch.verstand und, oft. mD-ganz nüchtern, in weinerlicher Sprache langen NtMeN i üb er ., die - Ungerechtigkeit! d er Welt hiielt» t Ex,chgtte die Kmdex MsBmons^auch der Angeö t-bjtzrikm-ganzewrchhL-MbBeb^Much Mstr Jfser stMen/ iNatürliD getrennt voneinander^ iwstML lstM^Men Sohn.: für die Miische SchMel des , rusWeM».Sprachkk zuMNteMchben..-.- nchi:- Hofgutes, die nun mit fünf Schülern der Obhut Eine wichtigere Persönlichkeit als dieser „Gosdes achtzehnjährigen Jeschiwabachurs Mei-kemeier podin Skobeljew" war Herr Ammann, -der anvertraut, wurde. Die Verhandlungen führte Hinter!.Mm Warenhause..wohnte.Me ältere : Witwe in. -einem /geräumigensauberen Bauernhause-, die Me ganzexiNackst mit flammendem Gesichte:am Vackofenjstand,. um am Tage die schön geflochtenen Weißbrote, die Kuchenstücke, und die kunstvoll geschwungenen Kringel an die in Massen zur Kirche wallenden Bauern, am Sonntag auch an die vielen Arbeiter des Hofes, zu verkaufen. Ein kleiner Junge und ein älteres Mädchen bildeten den kostbarsten Besitz dieser Witwe, und sie mußten unterrichtet und für das' jüdische Leben, von dem man hier abgeschnitten war, gerüstet werden. . . Im Nebenhause der Bäckerei wohnte kleines aufgeregtes Männchen, das von den Richtjuden glattweg, d e r, Ju d e genannt, von den. Mer ' jüdischen /Familien aber mit Re b I s s e r angesprochen wurde.'. Jsser war Getreidehändler im Kleinen. Er kaufte auf und verkaufte und speicherte, machte auch einige Vermittlungsgekchäfw> war,. da-ctzr ckeiMaweitere Bildung /besaß: nsMof" - und Gesellschaft nicht.fehr - geachtet, Herr Siw, der als der reichste an Geld Und Kin- -j dern auch das^ Honorar regelte,' die anderen zwei '! Familien wurden zu einem kleineren Beitrag herangezogen. In der Dachkammer des Warenhauses, einem länglichen, armseligen, aber sauberen Gemach hatte der Lehrer seine Wohn- und Arbeitsstätte. Im Hintergründe. stand das Bett,? vorne aber der Tisch, an dem er den Landkindern die Weisheiten der jüdischen Schriften beizubringen hatte.. Meikemeiers erste Berührung mit dem Boden der realen harten Wirklichkeit ging nicht ohne eine kleine Kollision ab, die wohl nicht so tragisch ausging, wie sie anfing, ihm aber doch in ewiger Erinnerung blieb. Er wurde aus dem Dampfer ausgebootet und erreichte mit der Fähre das linke Njemenufer, an dem feine erste Arbeitsstätte mit weißen Mauern und roten Dächern, in Wald und Wiese eingebettet, gar lieblich in der Sonne ruhte. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, schon bei dem ersten Schuppen, trat ihm ein ungeschlachter Kerl in verschlissener Uniform mit verblaßten Borden und Bändern und einer Bärenmütze auf dem Kopfe, groß und breit wie ein vorsintflutliches Tier, in den Heg und gab einige Rufe von sich, in russischer oder, polnischer Sprache (Meikemeier verstand weder die eine noch die andere), aus denen er nur drei Worte heraushörte: „Kuda", „Schid" und „Paßport". Das war deutlich. „Kuda" hieß „wohin" oder „woher", vielleicht beides. „Paßport" war ein Paß, wohl in den Sprachen aller Völker, die Polizeiämter haben und darauf sehen, daß kein Mensch frei herumlause, ohne ordnungsmäßig registriert und mit Nummer versehen zu sein. „Schid" aber war Jude, war er . . . Emen Paß hatte natürlich der Jüngling nicht, daran hatte er überhaupt noch nie gedacht. Für Kowno wog ein Schreiben des Ortsrabbiners mehr als alle Pässe, für die Jeschiwa galt ein Wort des Kowno er Raw. Im Reiche der Gemoro und „Mestllas Jefchorim" in Slabodko überließ man die Registratur dem lieben G'tt, der den Menschen nicht nach Polizeileumund, sondern nach seinem inneren Sein und Tun wertet. Irgendwo an der Peripherie des Städtchens, in der Russengasse, gab es eine Amtsstelle, in der der Pristaw so unumschränkt waltete wie der Zar in Liwadja (Kaiserpalais in Petersburg). Wer unbedingt einen Paß haben mußte und mit dem Gesetze nie in Konflikt geraten war, konnte hingehen . und sich, einen iaUsstellenlassen. Er wurde., erst vönü'den Schreibern; liiÄattn : vom Pristaw umigeschrieen, mußteilllanHe warten, ordentlich -zahlen!und. hatte dann den!.'gestempelten Bogen Müder 'Hand.?Wer,emm :Au s ban ds - p a ß benästgte> mußte noch länger warten, noch mehr zahlen uNddiefenu endlich, mit Bild versehen, in der Gvuvernementskanzlei in Kowno bestätigen lassen. Das war ein langer, schwieriger und kostspieliger Weg, den keiner im Städtchen betrat. -Man konnte leichter, rascher und billiger über die Grenze kommen . . -. Junge Menschen vor 'ihrer Mtlitarzett bekamen - überhaupt keine Pässe ausgestellt? Wie sollte Meikemeier unter solchen Umständen je den Größenwahn besessen haben, sichM den Besitz eines Passes, zu bringen? - <•»; »; . Da er so in Dotier1 -Verblüffung die Antwort schuldig -bllöb, packte ihn ö^ Mann in der Bäernmütze am Kragen Md MeW ihn unter Flüchen und Püffett-vor sich hin. Wvhm? Der Weg: das -> stand sicher^ Mg - ms Gefängnis, wenn ' es Hier ein solches ' gab. MÄkemeier stotterte in seiner' Verwirrung nur'den Namen des Herrn Siw. -Das?wrrktkwie leichter Sonnenstrahl. DieHmddesWüchterslöckektestch ein wenigdie' Sprache wurde etwas sänftiglicher, seine Augen blinzelten wie in angenehmer Erwartung. Wirklich Mächte er mit seiner Beute am Warenhaus :: ‘im m