Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 4 Der Israelit 22. Januar 1931 urib Verehrern Herrn Michel Flörsheim, einen von den nv§» 'v3« von „den Männern der Tat" innerhalb der Hamburger Gemeinde, der am kommenden xa ys /iap das siebente Jahrzehnt seines arbeitsreichen, dem Heiligsten zugewandten Lebens vollendet. In pietätvolle: Wahrung der von den Vätern überkommenen heiligen Ueberlieserungen hat der Jubilar an der Seite seiner gleichgesinnten Gattin, der getreuen Gehilfin, seines Lebens und der verständigen Fördererin seiner Ideen alle Zeit die Eckpfeiler eines echten und wahren jüdischen Lebens in Treue gehütet... Mit empfänglichem Sinn und aufhorchender Seele hat er stets mm gelernt und ihre heiligen Gebote in vollkommenster Weise und mit vollem Verständnis für das Wort unserer Alten: „Zeige dich auch schön bei der Erfüllung der irntt" geübt. Wohlwissend, daß nur der rechte mm pflegt und seinem Schöpfer dient, der seine Kraft und Fähigkeit in den Dienst der Allgemeinheit stellt fehlte er nicht, wo immer er mit seiner reichen Erfahrung und seinem klugen Sinn anderen dienen konnte. So ist Herr Flörsheim nicht nur eine feste und sichere Stütze des Deutsch-israelitischen Synagogenverbandes jederzeit gewesen, sondern hat auch in leitender Stellung dessen Interessen mit dem vollen Ausmaß seiner Energie und Hingebung wahrgenommen und vollends fast ein Jahrzehnt als Vorsitzender des Vorstandes des Verbandes in geradezu vorbildlicher Weise gewirkt. Von dieser, seiner segensreichen Arbeit zeugt unter anderem die Neuerrichtung der vir»" Bäckerei, die seit langem schon ersehnt, eine empfindliche Lücke in der Reihe unserer religiösen Institutionen wieder ausfüllt und auch die Reorganisation der Beamtenpensionskasse. Fest und unwandelbar bemüht, die Traditionen hes Synagogenverbandes zu wahren, suchte er immerzu'^vas Banner des traditionell gesetzestreuen Judentums inmitten der Hamburger Gemeinde zur Entfaltung zu bringen. Nicht minder hat der Gefeierte die heilige Pflicht von wion vii-rnr zu seiner Lebensbetätigung gewählt und sich als Führer der wnp man Des Langenfelder a"?ru voll bewährt. Wir brauchen wahrlich dem wohlverdienten Manne keine welkenden Kränze als Zeichen der Verehrung und Hochachtung zu flechten. Was er geleistet hat das steht unverwischbar verzeichnet in' den Annalen jener Institution, denen er seine volle Kraft und Einsicht gewidmet. Möge der liebe G'tt unserem allverehrten Herrn Flörsheim noch einen' langen heiteren Lebensabend, umleuchtet von der Liebe der Seinen und verklärt durch die volle Würdigung seines Schaffens, gewähren und an ihm zur Wahrheit werden lassen: -im' D'3jy*n a'jwi n:r©2 riy Schwcinfurt, 20. Jan. Im patriarchalischen Alter von 63 Jahren starb hier der in weiten Kreisen bekannte und hochgeachtete Jsak Kurzmann, der zu bem D’-isio dem Reste an onsm alten Schlages zählte und sich seiner tiefen Frömmigkeit, seiner schlichten Einfachheit halber und ob seiner menschenfreundlichen, heiterlievenswürdigen Gesinnung der Achtung und der Liebe weitester Kreise erfreute. Am Grabe hielt Herr Bezirksrabbiner Dr. Stein erneu tiefempfundenen Nachruf, während Herr Lehrer Berlinger, Schweinfurt, der Treue seiner vielen Freude Ausdruck gab und auch namens der Jüdischen Lehrervereins Bayern dem lieben, bewährten Mitglied letzte Worte des Dankes und treuen Gedenkens sprach. Ein in seiner pflichtersüllten Stille großer Mensch ist eingegangeu in sein besseres Sein. pis tjt. - Delmenhorst, 17. Jan. Ein Jehudl von echtem Schrot und Korn ist mit David G o l d s ch m i d t von uns gegangen. Bis ins hohe Ereisenalter war er in seiner hessischen Heimat in dem von seinem Vater übernommenen Schuhmacherhandwerk tätig und bettieb nebenbei Landwirtschaft. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der fleißige und fromme Mann hier bei seinen Kindern, wo ec nun im hohen Alter von 93 Jahren zur ewigen Ruhe eingegangen ist. Hrrborn, 16. Jan. Am 12. Januar verschied hier unerwartet im 66. Lebensjahr — aus einem selten arbeitsreichen und fruchtbaren Wirken jäh hinweggerissen — der praktische Arzt, San.-Rat Dr. Salomo W e i n b e r g. Der Verblichene, einemangesehenen gesetzestreuen Haus in Gersfeld (Rhön) entstammend, übte zuerst seine Praxis in seinem Heimatsorte aus und siedelte dann vor 20 Jahren nach Herborn über. Schon früh erwarb er sich durch eine ungewöhnliche berufliche Tüchtigkeit, verbunden mit hohen menschlichen Qualitäten, in seltenem Maße die Achtung und das Vertrauen seiner Mitbürger. Trotz seines anstrengenden Berufes eignete er sich schon in jungen Jahren ein großes religiöses Wissen an, sodaß ihm schon bald die C h o w e r w ü r d e zuteil wurde. Mit Dr. Weinberg ist ein Mann dahingegangen von eigenem Gepräge, eine geschlossene Persönlichkeit, ein fester Charakter, der, in. sich beruhend, still und gerade seinen Weg ging. Treue zum Gesetze in sich und über sich, Gewissenhaftigkeit und Ehrfurcht, das machten das Wesen dieses Mannes aus. Aus dieser Grundhaltung heraus versteht sich — nur einem nicht tief genug Gehenden, unverständlich — die Synthese von streng gesetzhastem naturwissenschaftlichem Denken und streng religionsgesehlichem Handeln, die auch im kleinsten Detail zur gewissenhaften Durchführung der Gebot?: und Vorschriften der jüdischen Lehre führt. Tiefe Religiosität erfüllte die Seele dieses adligen und starken Menschen, dessen seltener kritischer und überlegener Geist demütig Halt machte vor den Rätseln des Unerforschlichen. mnsm- Griesheim b. Darmstadt, 18. Jan. Am 28. Januar wird Frau Josef Mendel, hier, Obendorferstr. 68, 80 Jahre alt. Vermischtes.,, Aurich, 7. Jan. Am »mi mv konnte Frl. Minna W a l l h e i m e r auf eine 40jährige Tätigkeit als 1. Vorsteherin Les hiesigen Wohltätigkeitsvereins er>my zurückblicken. 2)ie. Subilaritt hat in diesem langen Zeiträume ihr nicht immer leichtes unb verantwortungsvolles Amt nach besten Kräften treu und gewissenhaft verwaltet und alles getan, was segensreich und fördernd war. In selten uneigennütziger Weise setzte sie ihre besten Kräfte für den Verein ein und war stets dort am Platze, wo es galt, die Pflichten von non mVv-j in ihrer verschiedenen Art zu erfüllen. So konnte es denn nicht ausbleiben, daß unsere Gemeinde der Jubilarin ihre Dankbarkeit und Anerkennung in verschiedener Form reichlich bewies und von dem Wunsche beseelt ist, daß '"n sie noch recht lange in gleicher Rüstigkeit zum Segen der Institution erhalten möge, mv o'-jL-rn nrw w Sprechsaal. Hamburg, den 12. Jan. 1931. Die kaschrulhverhältnisse in Karlsbad. Auf mein derzeitiges Eingesandt in Nr. 46 erwidert Herr Rabbiner Jakob Halsztuk, Oftrowiec-Kiekeckt, und möchte ich, bevor eine Polemik entsteht, Folgendes richtigstellen. v, Herr Rabbiner Halsztuk irrt sich, wenn er behauptet, daß der jetzige Schochet eine Autorisation vom Krakauer Bes-Din hat. Der Hamburger Speiseverein hat sämtliche Restaurateure in Karlsbad nur deswegen gestrichen, weil der genannte Schochet in keiner Weife einwandsfrei betreffs Schechrto ist. Die orthodoxe Landeskanzlei Bratislava hat ausdrücklich erklärt, diesen Schochet nicht anerkennen zu wollen und hat mir persönlich Herr Oberraböiner Weber, Pystian, der zugleich Präsident der VLB ist, gesagt, daß man momentan in keinem Restaurant wegen dieses Schochets essen darf. Herr Oberrabbiner Weber hat erklärt, daß man überhaupt in Karlsbad zur Zeit nicht koscher essen kann. Der Hamburger Speiseverein würde es mit Freuden begrüßen, wenn die Herren Rabbonim denselben. unterstützen würden, um endlich einmal Ordnung in Karlsbad zu schassen. Interessant ist, daß Herr Rabbiner Halsztuk vier Restaurationen nennt, die er nach seiner Meinung für einwandsfrei und zuverlässig hält, und will ich dieses auch den Restaurateuren in keiner Weise absprechen. Aber weder habe ich in meinem damaligen Eingesandt diese Restaurateure gemeint, in welchen ich die von mir erwähnten Rabbonim habe essen sehen, noch habe ich überhaupt im Augenblick die polnischen Rabbonim dabei im Auge gehabt. Momentan ist der Hamburger Speiseverein sehr bemüht, einen Dajan zu engagieren und zugleich einen Schochet. Der Verein hofft bis zum Sommer soweit zu kommen, daß die Restaurationen wieder unter Aufsicht genommen werden können. Hermann Vachrach. Berlin, 5. Jan. 1931. Die «ehrliche Entrüstung" der Volkspartei. Anläßlich des liberalen Wahlsieges in der jüdischen Gemeinde in Berlin brachte der „Israelit" in einem Artikel seine Ansicht über das Ergebnis der Wahlen zum Ausdruck. Dies gab den Herren der Volkspartei (Zionisten) zu lebhaften Auseinandersetzungen und zu Angriffen gegen die hinter dem' „Israelit" stehenden gesetzestreuen Kreise Anläße. In einer Kundgebung der Volkspartei tat einer der Herren unter Zitierung des erwähnten „Jsraelit"- Artikels sehr entrüstet darüber, daß ein religiöses Blatt über einen liberalen Wahlsieg „erfreut" sein könne. Es fei bedauerlich, so meinte der Redner, daß eine Partei (die liberale), die die „Kaschruskommission abschaffen" wollte, die Zustimmung frommer Kreise finde. Ich glaube dagegen,- daß die konservative Judenheit das Recht hat, der Volkspartei, die ja nach ihren eigenen Angaben den Wünschen der gesetzestreuen Juden gerecht werden könnte, mancherlei vorwerfen kann. Denn wenn die Herren dey Volkspartei dem thoratreuen Judentum wirklich dienen wollen, so dürfen sie die Arbeit anderer, die doch mindestens ebenfalls für die gesetzestreuen Interessen eintreten, nicht so sehr erschweren. Es dürfte den Herren bekannt fein, daß die liberale Fraktion niemals die Kaschruskommission abschaffen, sondern sie vielmehr in die Hände eines Mannes legen wollte, dem das Amt gebührte und zwar in die Hand eines Konservativen. Dagegen empfanden es die Zionisten nicht für nötig, dieses Amt in. die Hände eines wirklich frommen Juden zu legen, sondern sie überließen es einem nicht ganz geeigneten Herrn aus ihren eigenen Reihen. Es dürfte den Herren ferner bekannt fein, daß gerade die liberale Fraktion eine konservative Persönlichkeit in den Gemeindevorstand wählen wird. Dies zeugt zur Genüge dafür, daß die liberale Fraktion auf die gesetzestreuen Interessen in allen Beziehungen Rücksicht zu nehmen gewillt ist. Aus dem ganzen Verhalten der Volkspartei ergibt sich lediglich, daß sie, nachdem sie in der Gemeinde eine Minorität ist, ihre fromme Wählerschaft zu verlieren fürchtet und daß sie daher in Kundgebungen und Zeitschriften die Konservative Partei angreift, damit die eigene Wählerschaft nicht zu den Konservativen übergeht. Aus diesem Grunde wäre es angebracht, einen Verein zu gründen, der die konservativen Interessen vertritt und der schon jetzt mit der Aufklärungsarbeit-beginnt, um die Wählerschaft, die bei dieser Wahl durch Versprechungen der Volkspartei von dieser angelockt wurde, zurückzugewinnen. . ■' Sonnenblick, Berlin. Die Woche. Was hat S. R. Hirsch unserer Zeit zu sagen? . Am Donnerstag abend sprach aus Anlaß der S. R. Hirsch-Jahrzeit im gutbesetzten großen Saale des Saalbaus Herr Distriktsrabbiner Dr. Raphael Vreuer über obiges Thema. Das Referat, das inzwischen den meisten Mitgliedern der Gemeinde im Drucke zugegangen ist, hielt mit seiner gemeißelten Formend strahlenden Rhetorik das Auditorium bis zuletzt im Banne. Der Redner verzichtete, auf eine tiefere Hirfch-Jdeylogie einzugehen, etwa, wie man nach der Ueberfchrift hätte erwarten können, auf den Nachweis, daß die Argumentation der „Neunzehn Briefe", gegen eine Denkart von damals zugespitzt, auch heute, bei den grundveränderten philosophischen Glaubensbekenntnissen, ihre .Aktualität noch hätten, oder daß im Lichte der C h o r e w - E r k l är u n g e n auch die Ideologie des modernen Liberalismus, wie dazumal die der alten Reform, sich in ein Nichts austöst. Das war es nicht. Der Redner zog es vor, die brennenden Fragen des Tages, die politische und wirtschaftliche Not, als Basis zu nehmet! für die Beantwortung der gestellten Frage, und hat damit vielleicht der großen Hörerschaft mehr gegeben. Ausgehend von der Tatsache der „Jeschurun"-Gründung stellt der Redner fest, welch großen Wert Hirsch der erzieherischen Kraft des gesprochenen und geschriebenen Wortes beimah. Die Redensart von der „modernen Orthodoxie", als deren Schöpfer H. bezeichnet wird, fei falsch und irreführend, denn keiner war von der Autonomie und Souveränität der alten Thorakultur tiefer durchdrungen als er. Es galt für ihn nur, die Synthese von „Judesein.und Weltfremdheit" zu zerstören. Schon der erste Jude, Vater Abraham, stand mit seinen jüdischen Idealen mitten in der Welt drin. Wir,- die wir in den letzten 16 Jahren gelernt haben, was Geschichte ist, verstehen heute Hirsch mehr, als je eine Generation. Liest man feine Rede, die er in seiner Frankfurter Synagoge 50 Jahre nach der „Völkerschlacht bei Leipzig" gehalten hat, so hört man seine Mahnung an uns, in der Zeit des wilden Haffes die klassischen Ideale des deutschen Bürgertums von der Freiheit und Gleichheit im Interesse des Deutschtums und des Judentums retten zu helfen. Und erst die W e ltw i r tsch a ftskrise, unter der das Judentum, und nicht zuletzt feine Gemeinde, so viel zu leiden haben! In seinen Abhandlungen über Sabbat, Zinsverbot, Schemita und I o b e l eröffnet sich uns der letzte Grund für die Misere von heute, aber wir werden auch belehrt über unsere Bruderpflicht in dieser schweren Zeit. Ein Satz aus Mischle und ein Midraschwort über Kajin, Efron, die Wucherer und die Händler mit dem Ertrage des siebenten Jahres boten Gelegenheit, das kapitalistische Denken der Vorkriegszeit in all seinen katastrophalen Konsequenzen zu zeichnen. Was Rabbiner Hirsch zu der Reform seiner Zeit sagte, trifft in noch höherem Maße für die großzügige, aus das Ganze.hinausgehende Neologie von heute zu. Man lese etwa! feine Ausführungen über die A b o d a im Heiligtums mtb denke an das Verhängnis des Schächtverbotes. ^Der Liberalismus erstreckt sich heute auch auf das H e'fl i ge Sanb. Hier nahm Redner Anlaß, sich mit der Grundanschauung des Zionismus und einigen aus derselben erwachsenen Erscheinungen und Lebensformen in Palästina gründlich auseinderzufetzen. In Beziehung zu Palästina und zur Auserwähltheit des jüdischen Volkes, also zum wahren Nationalismus, habe S. R. Hirsch das richtige, für alle Zeiten gültige Wort gesprochen. Redner schloß mit einer geistvollen midraschistifchen ,Deutung, die die Zaddikim mit einer goldenen Glocke vergleicht. Soll der Klöppel der Glocke guten Klang ergeben, so muß die Gewandung der Glocke von echtem, reinem Gusse sein. Die Leistungen und Erfolge Hirschs sind zum guten Teile auch seiner Gemeinde zugute zu schreiben. Er schließt mit einer Aufforderung zum Eintritt in die Hirsch-Gesellschaft. Der Abend wurde mit einer Ansprache des Herrn Rabbinatsassesiors Gerson Posen eröffnet und schloß mit einem eindrucksvollen omm xbn - öes Herrn Oberkantor B. P e i f s a ch o w i tz, das von der ergriffenen Gemeinde stehend angehört wurde. Führungen. Die eben erschienenen „Mitteilungen für ehern. Schüler und Schülerinnen der S. R. Hirsch-Schule", die reichen und sehr interessanten Inhalt aufweisen, berichten über geplante Führungen, die großes Interesse finden werden. Die Vereinigung will mit diesen Führungen ihre Mitglieder mit Frqnkfurter Sehenswürdigseiten, jüdischen Institutionen, Wohlfahrtseinrichtungen, tzrödernen Bauten, Kunststätten, technischen, und,MipsHastsbetrieben genauer bekannt machen. Es ist Mabsichtigt, \ 14tägig je eine Führung unter sachverständiger Ditung ( stattfinden zu lassen. Die Teilnahme ist kostenlos:- Diese j Einrichtung bedeutet nicht nur eine, Bereicherung der ) Kenntnisse ainb Erweiterung des Gesichtskreises für die \ Teilnehmer, sondern fällt besonders deshalb in den / , i.