Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450656--77586-2535226- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 4 Der I s r a eilt 22. Januar'1931 Das Schächtverbotgefeh in Thüringen . angenommen. Weimar, 21. Jan. Der Gesetzgebungsausschuß des Thüringischen Landtags nahm heute das Schächtverbotgesetz in zweiter Lesung an. Dafür stimmten die Nationalsozialisten, der Landbund und der Vertreter der Wirtschaftspartei, der Stimme enthielten sich die Deutsche Volkspartei, die Sozialdemokraten und die Kommunisten, so daß also g e - gen das Gesetz niemand stimmte. Oesterreich. Schiffschul und Kultusgemeinde. Wien, 17. Jan. Aus den leitenden Kreisen der Schisfschul wird uns geschrieben: Es ist sicherlich für einen Gast, mag er ein-noch so scharfer Beobachter sein, nicht leicht, nach den Eindrücken eines kurzen Besuches ein auch nur halbwegs richtiges Urteil über fremde Verhältnisse abzugeben. Eleiwohl hat es hier überrascht, daß der „Israelit", das erprobte Or-' gan der Orthodoxie, einen so irrtümlichen Bericht über die Wiener Verhältnisse seinen Lesern brachte. Leider ist es richtig, daß die Verheerungen, welche die ungeheure wirtschaftliche Krise in der gesamten Bevölkerung und ganz besonders in den Verhältnissen der Juden ungerichtet hat,^ geradezu in die Augen springen. Daß trotzdem die glaubenstreue Judenschaft imstande war, unter Entbehrungen und unter Einsetzung aller Reservekräfte ihre Institutionen auf der Höhe zu erhalten und auch noch auszu» bauen, mag vielleicht als Zeichen des Idealismus und der Ueberzeugungstreue dienen. Die phantastische Statistik des Berichterstatters kann man wohl mit Lächeln übergehen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Die Darstellung der Verhältnisse der Wiener Orthodoxie im allgemeinen, der Adas Jisroel — Schiffschul — im besonderen, sowie der Wiener israelitischen Kultusgemeinde ist weitab von den Tatsachen. Es wird erzählt, unter Führung des „genialen" Chajes war die Kultusgemeinde auf dem Wege zur Volksgemeinde! Nach seinem Tode trat der Verfall der zionistischen Partei ein, die zionistische Gefahr ist vorüber! Von dem Eintritt einer sozialdemokratischen Gruppe in die Kultusstube wird geschwiegen! Und die Orthodoxen thronen! All das richtig zu stellen, aufzuklären, würde viel zu weit führen. Uns Orthodoxe interessiert es bloß, daß wir und unsere Verhältnisse vor unseren deutschen Freunden nicht in schiefem Licht erscheinen. Der Anfang der Schisfschul — Ad aß Jisroel — reicht in das Sturmjahr 1848 zurück. Eine kleine Zahl, kaum mehr als ein Minjan, tapferer Männer, erfüllt von Liebe und Begeisterung für ihr altes Judentum, hatten sich zusammengesunden, um in der religiösen Wüste des damaligen Wien eine Oase für jüdisches Leben zu schaffen. In der überragenden Persönlichkeit des Rabbiners S a - lomon Spitzer f. A."fanden sie den berufenen, schöpferischen Führer. Alles, was jüdisches Leben erfordert, Lehrer, Lehrhaus, Bethaus, Bad, Schächter, mußte hergeschafft werden, alle Anstalten, die in das Leben gerufen wurden, mußten in hartem und zähen Kampfe der Reform, die damals in der Kultusgemeinde unumschränkt herrschte, abgerungen, mühsam Schritt für Schritt vorwärts gebracht und aus eigenen Mitteln erhalten werden. Indessen oeranlaßte die rücksichtslos stürmende Reform mit ihren Ausschreitungen gegen die heiligen überkommenen Gesetze, Rabbiner Spitzer, seine Stelle als Rqsch Beth Din der Kultusgemeinde niederzulegen und feierlichst wurde der Grundsatz ausgesprochen, die Schisfschul und alle, die treu zum überkommenen Judentum stehen, haben die Pflicht, ihr Verhältnis zur Kultusgemeinde zu lösen und selbständig und unabhängig von ihr ihre religiösen Angelegenheiten zu ordnen. Dieser Schritt fand die offizielle Zustimmung von mehr als 400 der bedeutendsten Rabbiner aus Polen, Galizien, Ungarn, Deutschland und Oesterreich, darunter neben den Führern der ungarischen und deutschen Orthodoxie Schreiber-Preßburg, Hirsch- Frankfurt, besonders zu nennen sind Bamberger-Würzburg und Bloch-Leipnik (später Seminardirektor von Budapest). Ein formeller Austritt aus der offiziellen Kultusgemeinde war nach dem österreichischen Gesetze nicht möglich und jeder war der Gemeinde steuerpflichtig. Gleichwohl wuchs die Schisfschul immer mehr. Es mehrte sich die Zahl ihrer Anhänger, es mehrte sich ihr Ansehen und das Ansehen ihrer Einrichtungen völlig selbständig und unabhängig von der Kültusgemeinde. Seither gibt es kn Wien nur e i n Kaschruth, das Kaschruth der Schisfschul. Wer in Wien, sei er Ansässiger, sei er Gast, wirklich koscher leben, Kaschruth im Sinne und im Geiste des altüberlieferten Judentums finden will, sucht es nur ausschließlich im Kreise der Schiffschul. Nur deren Einrichtungen sind für den religiösen Juden benützbar. Die Einrichtungen der Kultusgemeinde '«sind . . . c.hne Vertrauen. Da nach dem österreichischen Gesetz über die Regelung der äußeren Rechtsverhältnis der israelitischen Glaubensgenossenschaft die Bildung einer eigenen autonomen Gemeinde den Orthodoxen unmöglich gemacht worden war, konstituierten sich die Orthodoxen nach dem Vereins g esetz als Adas Jisroel. In der Person des Rabbiners Jefaia F ü r st hatten sie einen ebenbürtigeu Nachfolger und Führer für, den Heimgegangenen Gründer gesunden, der mit der gleichen Schärfe und Festigkeit für die Unabhängigkeit der Schiffschul eintrat. Der Grundsatz der Unabhängigkeit wurde auch dadurch zum Ausdruck gebracht, daß trotz aller Lockungen kein Vertreter der Orthodoxen die Wahl für eine Stelle des Kultusvorstandes annahm. Mit der Zeit hatte der Geist, der in der Kultusstube stube geherrscht hatte, eine Aenderung erfahren. Unter den Keulenschlägen des von dem schlauen L'üger geführten Antisemitismus war der politische Liberalismus, hinter dessen Schanzen die Refo'rm sich groß fühlte, zusammengebrochen. Es begann die Erkenntnis aufzudämmern, daß es doch zweckmäßig wäre, den rüden Kampf gegen das alte, wetterfeste Judentum einzustellen. Man versuchte hier und da wenigstens den Weg zu demselben abzutasten. Wiederholt, noch vor der Berufung des Rabbiner Mayersohn und auch später, machte der Kullusvorstand die größten Anstrengungen, den Oberrabbiner Fürst dazu zu bewegen, neben seiner Stellung in der Adas Jisroel auch die Stelle eines Rosch Beth Din der Wiener Kultusgemeinde zu übernehmen. Daß dieser Fürst der Thora dieses Anerbieten trotz aller glänzenden Versprechungen ab lehnte, war bei ihm selbstverständlich. Er war es sich selbst schuldig. Ist es ja doch klar, daß jeder, wer es auch immer sei, der Rabbiner der Wiener Kultusgemeinde wird, für jeden wahrhaft gläubigen, glaubenstreuen Juden jede Autorität unwiderbringlich verloren hat. Auch dürfte es nicht geschehen, daß wegen einer zufälligen, augenblicklichen Situation, die ja jeden Tag sich ändern kann, das-mühsam ausgebaute Werk erschüttert werde. Die Behauptung, daß Oberrabbiner Fürst einmal bereit gewesen wäre, an der Erledigung von Gittin oder dergleichen gemeinsam mit dem Rabbinate der Kultusgemeinde mitzuwirken, oder daß er die Tätigkeit des Kultusrabbinates einer Kritik unterzogen hätte, ist zu sinnlos, .um von ihr zu sprechen. Der von ihrem Führer und Lehrer ausgesprochene Grundsatz der absoluten Unabhängigkeit von der Kultusgemeinde wird von der Gesamtheit der. Mitglieder mit der gleichen Festigkeit und Treue vertreten. Und es war kein Abgehen hiervon, als nach dem Zusammenbruch der Monarchie bei dem Neuaufbau des Staates politische Umstände es zweckmäßig erscheinen ließen, in bet allgemeinen Not an der Seite aller anderen Juden bei der Bekämpfung der Schwierigkeiten mitzuarbeiten und zur Wahrung ihrer materiellen und politischen Interessen die orthodoxen Vertreter in die Kultusgemeinde zu entsenden. Die Erörterung oder Entscheidung religiöser Fragen der Kultusgemeinde war für sie von vorneherein programmgemäß ausgeschlossen. Wie die Kultusgemeinde ihr Nabbinat, ihre Schechitah einrichtet, ist ihre Sache. Die Vertrter der Schiffschul — Adas Jisroel — haben da nicht mitzusprechen. Für diese, wie für alle, die treu zum überkommenen Judentum stehen, bleibt der Standpunkt unverändert: es gibt ^ur ein maßgebendes Kaschruth, das der Adas Jisroel. Politische Eroberungen zu machen oder Zugeständnisse zu erlangen war nie beabsichtigt. Die Forderung der Adas Jisroel des Rechtes auf die Erledigung von Gittin etc. für das Rabbiüat der Adas Jisroel, ist eine absolute, in den Verhältnissen begründete, die ohne Rücksicht auf politisches Verhalten und ohne Kompensation nach der Sachlage entschieden werden muß. Die Aehnlichkeit des Klanges der Namen Adas Jisroel und Agudath Jisroel gibt Gelegenheit zu Verwechslungen, die gewisse am Unfrieden interessierte Elemente gerne dazu benützen, um Mißverständnisse und Verdrießlichkeiten hervorzurufen. Der Kundige weiß es. Die Agudath Jisroel hat ihre großen Aufgaben, deren Erfüllung von dem Großteil der Mitglieder der Schiffschul, mit ganzem'Herzen gefördert werden. Die Aufgaben der A d a's Jisroel sind andere; sie sind scharf oorgezeichnet. Ihr liegt jeder Kam p^f m i t And e -- ren ferne. Ihre Aufgabe ist die Sorge für die drei. Tragsäulen der Welt, für Thora, A w o d a h und Gemiluth Chassodim, für alle, die jjüd ischleben wollen in Wien unabhängig und selbständig von der Ku l tu s g e m e in de , g u folgen. Die Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Adas Jisroel bleibt fest und unberührt, Sie ist die unzerstörbare Grundlage der Wiener glaubenstreuen, Judenschaft. Iür die sabbathaltende Arbeiterin. Wien, 20. Jan. Auf einem wohlgelungenen Wohltätigkeitsäbend der Frauenhilfe im Festsaal des Wiener Dr. Krüger- Heims hielt die Vizepräsidstttin des Heims, Frau Obermedizinalrat Dr. Krüger, eine Rede, in der sie einigesaus der..Arbeit des Vereins mitteilte: Im Jahre 1898- 'mietete der Leopoldstädter Frauenwohltätigkeitsverein in der Rembrandtstraße Zimmer, Kabinett und Küche^ um daselbst ein Lehrmädchenheim mit drei Betten zu begründen. Es muß uns noch, heute ,wo der Lehrlingsschutz Gemeingut der meisten Kulturstaaten geworden ist, mit besonderem Stolz erfüllen, daß das erste Lehrmädchen- und jugendliche Arbeiterinnen-Heim in Wien ein jüdisches war. Heute beträgt das monatliche Budget der Institution 8000 bis 9000 Schilling. Vor nunmehr zehn Jahren wurde der Institution die erste jüdische Frauengewerbeschule angegliedert, welche sich der größten Anerkennung und weitestgehenden Untertützung seitens der staatlichen und der städtischen Behörden erfreut. Durch die Schule ist es auch streng, orthodoxen Mädchen möglich, erstklassig qualifiziert zur Schneiderin ausgebildet zu werden und dabei die Sabbatruhe einhalteN zu können. Auch unsere rituellen Kochkurse möchte ich Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen. Rednerin bat um besondere Unterstützung für das von streng orthodoxen Achfolventinnen der Frauengewerbeschule geführte Schneidera t e l i e r. Es ist Pflicht einer jeden jüdischen und noch mehr der orthodoxen Frau, die strenggläubige, Sabbat einhaltende, junge jüdische Arbeiterin zu unterstützen, die ja fast gar keine Möglichkeit mehr hat, in dem nivellierenden und langsam alle Tradition zerstörenden, furchtbaren Existenzkampf der Jetztzeit die uralten Gesetze ihrer Väter einzuhalten, ohne dabei selbst, im nackten Kamps um die Existenz, zu unterliegen. Ungarn. Jubiläumsfeier an den Budapester orthodoxen Schulen. B u d a p e ft, 20. Jan. * Vorige Woche fand in Budapest anläßlich des zehnjährigen Dienstjubiläums des Herrn Direktors Dr. Adolf Deutsch, eine eindrucksvolle Schulfeier statt. Zehn Jahre sind es her, daß Direktor Dr. Adolf Deutsch den Kostler Rabbinatssitz mit der Direktionskanzlei des Budapester orthodoxen Schulwerkes vertauschte. Die Hoffnungen, welche die schulerhaltende 'Budapester orthodoxe Kultusgemeinde an die Wirksamkeit dieses ausgezeichneten Schulmannes geknüpft hat, find nicht nur in Erfüllung gegangen, sondern auch vielfach übertroffen worden. Dr. Deutsch verstand es in zielbewußter Arbeit, die vor seinem Amtsantritt vorhandenen Schulen organisch miteinander zu verknüpfen und sie aus- - zubauen, so daß zurzeit nahezu 1000 Kinder beiderlei Geschlechts das Schulnetz der Budapester orthodoxen Gemeinde in Anspruch nehmen. Der Führer der Budapester orthodoxen Gemeinde-Haben daher gerne die Gelegenheit der zehnjährigen Amtswirksamkeit des Schuldirektors benützt, um in einer eindrucksvollen Feier die Dankbarkeit der Gemeinde für feine großartigen Leistungen zum Ausdruck zu bringen. Bei der Schulfeier erchien das Rabbinat der Budapester orthodoxen Gemeinde vollzählig, der Schülausfchuß, der Lehrkörper und Abgesandte der orthodoxen Zentrallandeskanzlei und anderer verschiedener Kulturoereine. In eindrucksvollen Reden wurde die Bedeutung der" jüdischen Schule und das Verdienst des Schulleiters gefeiert.