Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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22. Januar 19.il Jud-onkebe, als vielmehr ehrliche Sorge um das Schicksal seines Volkes und LcmÄes spricht. Auch der Reichskanzler V r ü n i n g, der bisher weise Zurückhaltung übte, sprach sich auf seiner O st r e is e in Ratibor und anderswo in ähnlicher Weise über die großtuerischen und gefährlichen Phrasen des Rechtsradikalismus aus. Als Kuriosum must aber verzeichnet werden, daß im Naumann'scheu Blatte „Der nationaldeutsche Jude", ein gewisser Dr. Fred Bon aus Leipzig die Frage erörtert, ob nicht Juden Nationalsozialisten sein könnten. Ob die Gegenliebe, die die Naumanngruppe bei den Deutschnationalen gefunden hatte, sie nun ermutigt, sich auch an ölte Hakenkreuzträger heranzupirschen? Lassen wir diesen Anbiederungsmeiern chr Vergnügen. Jedes tragische Kapitel in der Geschichte muß' auch seine komischen Blätter (in tiefstem Sinne auch tragisch) haben, und freuen wir uns, daß eine Partei von der Stärke und dem ethischen Standard des'Zentrums und seine Führer aus der geistigen Elite des Volkes einmal das Kind beim richtigen Namen nennen und unerschrocken die Hand aus die Wunde legen. Erfreulicher Wandel in Rumänien. Die rumänische Regierung setzt ihre Kampagne .gegen die antisemitischen Terrororganisation>en mit aller Energie fort. Das Unterrichtsministerium hat seinem Zirkularschreiben an die Schuldirektionen einen Erlaß an die Rektorate der Universität folgen lassen, in welchem diese aufgesordert werden, sämtliche Studenten, die sich innerhalb der Universität an Agitationen und Propaganda- Aktionen beteiligen, unverzüglich zu relegieren. An die. Metropoliten und Erzbischöfe ist ein Zirkular ergangen, in dem die aktive Anteilnahme von Geistlichen an Bereinigungen, die Feindschaft, Haß und Gewaltanwendung gegenüber bestimmten Kategorien von Bürgern propagieren als antichristlich, antisozial und antinational gebran'dmarkt wird. Die'Erzbischöfe werden aufgefordert, der Geistlichkeit die Abhaltung von Gottesdiensten für derartige politische Vereinigungen, die Vereidigung von Mitgliedern solcher Vereinigungen und die Vornahme von Fahnenweihen zu verbieten. Bei der Sichtung der in den verschiedenen terroristisch-antisemitischen Klubs und Zellen vorgefuno>enen Archive und Korrespondenzen wurden sensationelle Entdeckungen gemacht. In Siebenbürgen wurden Pläne zur Bewaffnung der so¬ __ Der Israeli! genannten „Bataillone des Kreuzes" gefunden, in dem palastartigen Parteihaus der Cuzisten in Jassy wurden Korrespondenzen und Pläne beschlagnahmt, aus denen hervorgeht, daß anfangs Februar ein Kongreß .aller Antisemiten Rumäniens einberufen und! die Führung der Bewegung in die Hände des Genevalstabschefs der Organisation „Erzengel Michael", Corneliu Zelea Codreanu, gelegt werden sollte. Es war sogar die Beseitigung Euzas für den Fall, daß er sich weigern sollte, die Parteileitung zu übergeben^ in Erwägung gezogen. Es wurde einwandfrei festgestellt, daß die Pläne der Bereinigungen „Eiserne Gar.de" und „Erzengel Michael" darauf abzielten, die bestehende Staatssorm zu ändern und einzelne Politiker, die ihnen im Wege standen, zu beseitigen. In der Wohnung des Codreanu in Focfchani wurde ein Manifest gefunden, desfen Inhalt darauf schließen läßt, daß eine ganze Reihe von terroristischen Attentaten geplant war. In den Bukowinaer Filialen der Organisation „Erzengel Michael" wurden größere Mengen von Explosivstoffen und Waffen gefunden. Aehnliche Funde sind auch in Siebenbürgen gemacht rvorden. Die Vermutung liegt nahe, daß der Bombenanschlag auf ein jüdisches Haus in Kandreny im Sommer v. I. von Mitgliedern der Bereinigung „Erzengel Michael" verübt wurde. Im Zusammenhang mit der Aussindung der kompromittierenden Dokumente in den Parteilokalen der antisemitischen Organisationen und der Aufdeckung der Waffenlager in der Bukowina und in Siebenbürgen wurde eine Anzahl weiterer Berhaftungen antisemMfcher Führer vorgenommen. Der Justizmrmster hat an alle Gerichte ein Rundscheiben gesandt,, in dem darauf aufmerksam gemacht wird, daß es an der Zeit sei, mit der bisherigen Praxis eines allzu milden Verfahrens gegen antisemitische Terroristen Schluß zu machen. Nach der Meinung der Zeitung „Dimineatza" ist diese Maßnahme darauf zurückzuführen, daß sich die Polizei wiederholt darüber beklagt hat, daß ihr Werk durch die Justizbehörden einfach zunichte gemacht wird. Sehr zu beachten im Rahmen dieser Säuberungsaktion ist ein Erlaß des Unt errichtsm i n i st er i u m 's an die Direktoren der Mittelschulen, dem wir folgende bezeichnenden Sätze entnehmen: „Ich habe Sie des Oefteren ersucht, eine genaue Ueberwachung der Schüler durchzuführen, und jene Schüler, welche sich gegen die Disziplin vergehen, aus den Anstalten zu entfernen. Mit Bedauern muß festgestellt werden, daß die Tätigkeit einiger von Ihnen nicht energisch oder nicht wirksam genug war. Nr. 4 Seite 3 In letzter Zeit haben sich lärmende Kundgebungen unter Teilnahme von Mittelschülern ereignet, welche sogar verbrecherische Formen angenommen haben. Angesichts dieser Situation bin ich gezwungen, Sie noch einmal an Ihre Pflicht zu erinnern, über Disziplin und Ordnung aufs strengste und energischeste zu wachen. Es ist die Pflicht der Schule, den Geist der Jugend zu gemeinsamer Arbeit für das Gedeihen des Vaterlandes, aber nicht zur Zwietracht zu erziehen. Diejenigen, welche hier nicht mitkommen, haben in der Schule nichts zu suchen. Sie werden also in erster Linie an die Professoren und das Hilfspersonal der Schulen appellieren, Ihnen in aktivster Weise bei der Aufklärung und Vreedelung der Seelen der Schüler zu yelfen. Die Professoren sind durch Gesetze und Regulamente verpflichtet, die staatliche und soziale Ordnung unter den Schülern zu propagieren. Die Professoren dürfen außerhalb der Schule auch keine ihren beruflichen Verpflichtungen entgegengesetzte Haltung einnehmen. Es wird ein Beweis von Inkonsequenz und Heuchelei sein, welcher die Schüler, auf Abwege bringen muß und auf den Charakter ungünstig einwirken muß. Andererseits ist das Verhalten der Professoren durch Artikel 70 und 190 des Gesetzes über den Mittelschulunterricht genau vorgeschrieben. Das Unterrichtsministerium wird eine genaue Durchführung dieser Maßnahmen überwachen. Verantwortlich für die Durchführung sind die Direktoren der Schulen. Das Unterrichtsministerium ist entschlossen, es nicht mehr zu dulden, daß die Schule zu einem Brenpunkt der Propaganda für Unordnung und Anarchie wird, und alle, die sich diesen Maßnahmen nicht fügen, werden aus dem Schuldienste entfernt werden." Die bisherige Aktion der Regierung hat den Beweis erbracht, daß die Terroristen beabsichtigten, ganz Rumänien zunächst durch eine Reihe von blutigen Attentaten und Pogromen in Unruhe zu versetzen, um auf den Ruinen der zusammengebrochenen Ordnung eine Diktatur mit Codreanu an der Spitze aufzurichten. Angesichts der umfassenden Sicherheitsmaßnahmen der rumänischen Regierung dürfte nunmehr mit einer Storung von Ruhe und Ordnung in nächster Zeit nicht zu rechnen sein. Und zum Schluß noch ein vielsagendes Communique des Ministeriums: „Einige Zeitungen aus Deutschland, welche vorgaben, vom Pressebüro Hannover-Kirchrode interessanteste und stimmungsvollste, wohl auch der älteste -aller Judenfriedhöfe des Odenwalds. Etwa 4090 Abgeschiedene fanden hier ihre letzte Ruhestätte. Aus 30 Orten der weiten Umgebung wurden hier seit altersher die Juden begraben, darunter aus den Städten Adelsheim, Borberg Buchen* Walldürn* und den Ortschaften Hainstadt*, Bödigheim*, Eberstadt*, Sindolsheim*, Groh- Eicholzheim*, Klein-Eicholzheim*, Strümpfelbrunuen* Bofsheim, Cubigheim, Uiffingen, ' Angelthürn, Berolzheim Hüngheim, Rosenberg, Merchingen, Bällenberg, Sennseld, Korb- und Waldhausen. Manche der 30 Orte bekamen eigne Friedhöfe, in anderen starben oder wandelten die Juden aus, sodaß heute nur 10 Gemeinden dem Bezirkssriedhos zugehören. Ein eigener Zauber liegt über diesem an die 600 Jahre alten jüdischen G'ttesacker. Tief in die Erde versunken, ganz mit Mobs und Flechten überwuchert, von den Kronen mächtiger Bäume überschattet, wahrhaft in einem heiligen Hain stehen die altehrwürdigen Zumeist aus bodenständigem Sandstein geschaffenen Grabmäler, die in Stein geschriebene Geschichte der Juden einer weltfernen deutschen Landschaft. — Das älteste Grabmal, dessen Inschrift deutlich zu lesen ist, stammt aus dem Jahre 1752. Es kündet von dem aus Mainz gebürtigten Bödigheimer Rabbiner Solomon Wolf (Verfasser eines Memorbuches). Auf dem Friedhof ruht auch ein Nachkomme des Rabbi Meier von Rothenburg o. Tauber, jenes Großrabbiners der deutschen Juden z. Zt> Kaiser Rudolfs v. Habsburg; der ritterfchaftliche Rabbi Metz (gestorben 1850). Er war dem Würzburgischen Oberrabbinat Heidingsfeld unterstellt. Viele Grabmäler fesseln den Besucher durch reiche Ornamentik (Embleme) wie Wasserkannen, Hände, Horn, -Palmetten, Davidstern, Löwe, Hirsch, Einhorn, Täubchen, Krone, Gesetzestafeln, u. a. Auf einem *) die mit Sternchen versehenen Orte gehören heute noch zu dem Bezirk Friedhof. Grabstein finden wir auch eine Darstellung einer menschlichen Gestalt. - Es handelt sich hier um das Reliefbild eines Mannes mit Wanderstab,, an dem ein Hund (oder Löwe?) emporspringt. Die Darstellung soll den Namen des hier ruhenden anno 1840 vorstorbenen „Löb Gutmann'' (aus Merchingen oder Buchen) versinnbildlichen. Inmitten des Friedhofes befindet sich ein Denkmal zu Ehren der 23 im Weltkrieg gefallenen Israeliten der 10 kleinen Gemeinden des Bez. Friedhofes. „Ach die Helden' find gefallen..." (Sam. 2. Kap. 1 27) kündet die hebräische Inschrift dieses schlichten Males. Wer auf einer Odenwaldwanderung nach Bödigheim kommt, (in dessen malerischen Schloß die Herren von Rüdt bis zum heutigen Tage ihren Sitz haben) versäume nicht, diesem sonnendurchsluteten stimmungsvollen, altehrwürdigen Judenfriedhof einen Besuch abzustatten. Ein eigener Zauber liegt über diesem jüdischen G'ttesacker im Odenwald.- (400 000 Juden in der Tschechoslowakei.) Nach den bisher durch das Statistische Staatsamt veröffentlichten Gesamtresultaten über die Volkszählung vom Dezember 1930 lassen sich bereits mit Sicherheit Schätzungen über den zu erwartenden Zuwachs der jüdischen Bevölkerung in der ESN anstellen. Der gesamte Bevölkerungszuwachs für Böhmen, Mähren, Schlesien, die Slowakei und Karpathorußland wird mit etwa 1 000 000 Seelen für die 9 Jahre von 1921—1930 beziffert. Da die Juden im Jahre 1921 354 342 Seelen oder 2 Proz. der GesamtbevölkeruNg ausmachten, würde der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung aus dem Gebiete der Republik etwa 26 000 Seelen betragen. Der jüdische Anteil am allgemeinen Zuwachs wird jedoch dadurch vergrößert, daß die Juden der Slowakei und in Karparthoruhland eine stärkere. Vermehrungsquote aufweisen als in den historischen Ländern, Der Zuwachs der jüdischen Bevölkerung dürfte nach dieser Berechnung in der ganzen ESN 40 000 Seelen erreichen. Er beträgt unter Ausgleich der Bevölkerungsproportion der Zählung von 1921 an die Zuwachsziffern von 1921— 1930 in Böhmen,, wo die Inden 1921 79 777 Seelen oder 1.2 Proz. der Gesamtbevölkerung bildeten, 5190 Seelen, in der Slowakei, wo es 1921 135 918 Juden, (4,5 Proz. der - Gesamtbevölkerung) gab, 12 000 und in Karpathorußland (1921 93 341 Juden oder 15,4 Proz.) 18 480 Seelen d. h. zusammen ohne Mähren, über das noch keine Ziffer oorliegt, 36 000, mit Mähren voraussichtlich 40 000 Seelen. — Dadurch würde sich die Zahl der Juden in der ESR auf ca. 400 000 erhöhen. Wochenkalender. v. 24. - 31. Jan. 1931 k v. 6. — 13. Schebat 8691 Samstag 24 6 K3 Sonntag 25 7 Montag 26 8 Dienstag Mittwoch Jan. 27 28 t»«r 9 10 Donnerstag 29 11 Freitag 30 12 Samstag 31 13 n*v>» na» nb»a Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuill eto» S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: S. Schach« nowitz, ebenda. — Jaffa die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Herrnon ©. mb. §., Frankfurt a. M._ Druök Sermon-Druckerei, Frankstrrt a. M.