Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 4 (22.1.1931)
- Date
- 1931-01-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Nr. 4 Der Israeli! 22. Januar 1931 aufbringen, uns an diesen Rettungsanker zu klammern, bis uns eine gütige Wallung durch das sturmgepeitschte Gewässer an eirtr Ufer besserer Tage geleitet. Der 15. Schewat bekommt in der jüdischen Geschichte zu seinem alten Charakter noch eine neue Bedeutung. Er ist der Tag des ersten Weltsijum des Das I o rn i i> n der Agudas Jisrvel-Weltorganis a t i on! tvochenrundschau. Der jüdische Bezirk im Welkreiche der Not. In verschiedenen jüdischen Zeitungen, so auch in der C.-V.-Zeitung, geht so etwas wie eine Diskussion über die Wirtschaft! i ch e n Zutun f t s m ö g l i ch k e i t e n b-er deutschen Juden. Daß z u r Z e i t der Jude unter dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der Depression und der Arbeitslosigkeit am meisten zu leiden hat, steht außer Diskussion. Wie wird sich aber die nächste und spätere Zukunst, nach Umstellung, Umschichtung und Umwertung der wirtschaftlichen Werte, wenn die deutsche Menschheit für ihr politisches und Wirtschaftsdenken zwischen dem Faschismus und Bolschewismus eine gesunde, geruhige Mittellinie gefunden hat, für den Juden gestalten? Günther Stein ist in der C.-V.-Zeitung sehr p e s s i m i st i s ch. Der jüdische Anteil an der Not und Sorge des deutschen Volkes werde sich noch steigern. Die Entwicklung bringt immer neue und größere Gefahr für die im Mittelstand verankerte Volksschicht, und das find die Juden. Zu dieser inneren Not kommt die steigende äußere Not, die politische. Chronische Krisen, außenpolitische Schwierigkeiten, dauernde Depressionen finden im Antisemitismus ihre Entspannung, die wiederum zu einer wirtschaftlichen Gefahr für die Judenheit wird. Selbst im Bankwesen mache sich schon, die Voykottendenz gegen die Juden bemerkbar, gar nicht zu reden von der Großindustrie, deren Konzerne schon beinahe so gut wie j u d e n r e i n seien. Tausende und Abertausende tragen das Schicksal der Arbeitslosigkeit nur deswegen, weil sie Juden sind. Der Proletarisierungsprozeß innerhalb der deutschen' Judenheit sei unaufhaltsam. Im Gegensätze zu diesem grau in grau gemalten BAde vertritt ein Herr L. H. einen starken Optimismus. Es sei schon wahr, daß die Entwicklung der großen Konzerne dem Juden nicht diene. Allein der d>eutsche Jude dürfe nicht vergessen, daß er bei Antritt der Emanzipation vor hundert Jahren gewiß keine besseren und ihm günstigeren wirtschaftlichen Verhältnisse angetrosfen hat. Er dürfe daher nicht die bisherigen Maßstäbe aus der Zeit der Hochkonjunktur anlegen. Er ist gewiß, daß die Juden mit ihrer seit Jahrhunderten erprobten Findigkeit, Beharrlichkeit und ihrem Fleiße neue Wege in der Wirtschaft finden. Eine Umstellung bei Niederlassung und Berufswahl würde unvermeidlich sein. Alle Boykottbesterbungen scheitern, wenn es den Juden gelinge, ein Spezialistentum herauszuarbeiten, das allen Erwerbszweigen unentbehrlich sei. Die Auffassung unter den Juden von Ehre der Arbeit und „standesgemäß" müßte aber von Grund auf geändert werden. Ein Umdientest tue not. — Das ist eine heitere Zukunftsmusik, die zunächst nirgendwo Arbett und Brot ersetzen wird. Eine Möglichkeit auf lange Sicht, die über die schwere Not der Zeit nicht hinweghelfen' und hmwegtrösten kann. Und dabei bleibt noch in dieser Diskussion ein dritter Bezirk im Reiche der Not ganz außer Betracht: die Not des g e s e tz e s t r e u e n, zu Sabbat und jüdischem Lebensgesetz haltenden Teiles innerhalb der unter der allgemeinen Krisis am meisten notleidenden Judenheit . . . Wenn Günther Stein von den Unzähligen spricht, die nur ihres Judentums wegen vom Lose der Arbeitslosigkeit betroffen sind, so hat er dabei vielleicht noch gar nicht an die große Schar derer gedacht, die, abgebaut und' entwurzelt, keine noch so geringe Beschäftigung finden können, auch bei jüdischen Firmen nicht, ohne ihr Heiligstes, deck Sabbat, preiszugeben; die vor der Wahl stehen: Hunger oder seelischer Tod'. . - Gewiß ist die Zeit für eine rationelle Lösung dieses schwierigsten aller Probleme nicht günstig. Unsere Schomre S cha b b o s - V ermittlungsstellen tun ihr Möglichstes, und wenn es gelingt, nur eine einzige jüdische Seele zu retten, so hat man damit, nach Ausspruch des Talmuds, „eine ganze Welt erhalten". Aber mehr als bisher könnte schon in dieser. Hinsicht geschehen, wenn die Schomre Schabbos-Stellenvermittlungen mehr Resonanz für ihren Bruderdienst in den Kreisen der jüdischen Unternehmer und Arbeitgeber fänden. Man muß nicht mit der Antwort auf die Boykottbewegung bis zur Ausd'ildung eines „jüdischen Spezialistentums"' im Wirtschaftsleben warten. Die erste Antwort-' könnte und müßte jetzt schon ergehen, und zwar damit, daß jüdische Firmen, die Sabbat halten, jüdische Angestellte bevorzugen,-und auch solche Firmen, die leider glauben, den Sabbat nicht, hatten zu können, jüd-i sche n A n g e stell te n die Sabbathaltung ermöglichen, wofür diese gewiß gern ein Aequivalent an Arbeitsleistung in irgend einer Form bieten werden. Anstatt unsere Kraft in Ausblicken in die Zukunft, die-ja nicht in unserer Hand' liegt, zu vertun, sehen wir in der Gegenwart das zu leisten, was von der Zeit undvom Lenker' der Zeit uns Menschen und Juden als selbstverständliche Pflicht aufgegeben ist. Gegen Rasse und Religion. Die Helden aus der Hitlergarde lieben keine Langröcke, sie überfallen ick letzterer Zeit nichtallem östliche Juden, sondern auch katholische Geistliche. In Mainz wurde sogar der Erzbischof, als er sich von >einem 'Kirchenfeste nach Hause begab, schwer angerempelt. Der „Völkische Be-- obachter" und die ihm verwandte Presse haben, in ihren Haßgefang nunmehr 'auch die katholische Kirche hineinbezogen. Es geht Nicht mehr gegen die Raste, es geht gegen die Religion, zum Teil auch gegen die eigene. Es geht gegen alles, wasauf Recht und Liebe und Zucht und Ordnung sieht. Allein gerade die geistlichen und polittfcherr Führerdes deutschen Katholizismus haben, wenrr Jemand, die wirksamste Waffe in der Hand, um die nation-atsozialistische Gefahr zu. bannen: das Ohr und die Gefolgschaft des großen Heeres ihrer- Gläubigen. Sie machen von diesen Mitteln Gebrauch, und das kann uns zum Tröste gereichen. Auf der Kasseler Tagung des Zenttums sprachdessen oberster Führer, Prälat Dr. Kaas, manch kluges und beachtenswertes Wort über diese Dinge. Wehe, sagte er, wenn einmal wirklich das dritte Reich „ausbrechen" sollte. Man könnte schon beinahe wünschen,, diese Herren eine Zeitlang walten zu lassen, damit das deutsche Volk deren blutige Ignoranz kennen lernte, wäre uns nicht um die Opfer, die ein solches- Experiment kosten würde, bange. - Die Arbeit der Nationaksozialisten im Reichstage bestehe bis jetzt einzig im Schreien, Lamentieren und' in der Selbstverherrlichung. Die Etappe tue immer heroischer, als die Kerle, die da vorne liege» ... Wir aber legen mehr Wert auf den. Schätz elinhalt als auf die Schädelform! . . Das sind goldene Worte eines einsichtigen Mannes, aus denen gewiß nicht übertriebene Var-Mzwoh. Von S. H. Bar-Mizwoh. — Ein Tor schließt sich, ein Tor öffnet sich. Hinter dem einen Tor liegt die spielende, nur den gegenwärtigen Augenblick sehende Jugend. Vor dem anderen Tor warten die Probleme, Aufgaben und Pflichten des Lebens, winkt der Weg zur Zukunft. Die Pflicht soll nun Denken und Tun bestimmen. Doch was heißt Pflicht dem Juden? Zwei religiöse Handlungen, zu denen das Gestern noch nicht rief, die aber das Heute und Morgen fordern, geben am Tage der Bar-Mizwoh die Antwort. Zum ersten Male tritt am Sabbat der Knabe angesichts der versammelten Gemeinde vor die Thora und bekennt, daß der G'tt des Weltalls auch der G'tt der Geschichte ist, der Israel aus den Völkern heraus erwählt hat, damit es Seine Thora erfülle, Seine Thora, die allein die Wahrheit ist und allein ewiges Leben verbürgt. Trägt der Barmizwoh-Knabe dieses Bekenntnis bewußt in sich, daß es ihm nicht nur Lippenwort bedeutet, dann ist in ihm die Vorbedingung für die Erfüllung der Thora. Dem Sabbat des besinnlichen Bekennens folgt die Woche werktätiger Tat. Sie beginnt mit dem Symbol der Tefillin und erneuert mit jedem werdenden Tag dieses Symbol, das das denkende Gehirn, das fühlende Herz und die ausübende Hand G'tt und Seiner Thora weiht. Die Tefillin enthalten die vier Abschnitte der Thora, die sich auf sie beziehen: -l««’ -vn »*iiD3 ba vnp am ".11 v Der erste Abschnitt lehrt die Geltung der Satzungen G'ttes, des Einzigen, für alle Verhältnisse des Menschenlebens. Das Judentum umfaßt nicht nur eine Stunde in der Synagoge, auch nicht nur das schützende Dach der Familie, es begleitet hinaus in alle Beziehungen der Menschen zu einander und gibt jedem Ringen um das bessere Ich, um die g'ttliche Seel« des Menschen, wenn die Interessen zwischen dem Ich und dem Du sich kreuzen, Richtung. Dies ist der Inhalt des Schema" jener grundlegenden Worte für den G'ttesdienst in der Synagoge, m Hause und draußen unter den Menschen. Der zweite Abschnitt gibt die Erkenntnis, daß auch die Natur im Dienste G'ttes steht, indem sie je nach dem Tun des Menschen zum Segen oder zum Fluche, zum Aufbau oder zur Zerstörung ihre Kräfte verwendet. Auch das Geschehen in der Natur kennt keine Willkür, keinen Zufall. Hinter jeder der fortgesetzt milliardenfachen Bewegungen in ihr wirkt bestimmend der Wille G'ttes, — und wie die Natur im Zwang soll sich der Mensch — aber frei gewollt— dieser großen Symphonie zur Ehre G'ttes anfügen. Dieser Hochklang eines zum Himmel aufjauchzenden Hallelujahs soll aber zuerst in den Saiten der jüdischen Seele erklingen, und die Thora ist das Instrument hierzu. Die beiden letzten Abschnitte nun erinnern an den Auszug aus Mizrajim und verlangen, sein Schicksal — gleich damals den Vätern — ganz in G'ttes Hand zu wissen und Ihm selbst dann gläubig zu vertrauen, wenn, wie in Mizrajim, jede menschliche Weisheit ratlos und hilflos erscheint. ' Mit den'Thora-Segenssprüchen und den Tefillin hab so der Barmizwoh-Knabe bereits klar und deutlich große Linien jüdischer Welt- und Lebensanschauung vor sich- Er begreift nun G'tt nicht nur als den fernen Schöpfer des Weltalls, sondern als den stets nahen Vater eines jeden seiner Geschöpfe und begreift als Basis und Ziel des jüdischen Volkes die Verwirklichung des G'tteswortes, für welchen Zweck allein die wunderbare Errettung aus der Frohn Mizrajims geschah. Es ist ein Glück, Jude zu fein, — denn es ist ein Glücks jeden Gedanken und jede Tat dadurch ideell zweckbewußt zu gestalten, daß sie — dem Ungefähr der beschränkten menschlichen Einsicht entzogen — von der einstigen Offenbarung G'ttes am Sinai sich die Weisung holen. Für die Zukunft eines Barmizwoh-Knaben gibt es keinen besseren Wunsch als den, er möge dieses Glück verstehen, und seiner würdig zu werden, möge ihm die Aufgabe seines Lebens bedeuten. Kleines Feuilleton. Zudevfriedhof im Odenwald. Von Lehrer Willi Wertheimer in Buchen, Odenwald. (Baden). Zwischen Heidelberg und Würzburg am Ostrande des- Odenwaldes, unweit der Amtsstadt Buchen, liegt, zu Füßen der romantischen Rüdischen Burg, das badische Dorf Bödigh'eim, in welchem seit dem Jahre 1345 Juden ansässig sind.'Kaiser Ludwig der Bayer war es, der in ienem Jahre dem Ritter Popo Rüdt von Lollenberg das Recht verlieh, „Juden zu. halten" (um der Dienste willen, die sie ihm getan). Der Bödigheimer Judenfriedhof, malerisch am westlichen Dorfausgang gelegen, ist, der