Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1931)
- Date
- 1931-01-15
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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15. Januar 1931 gegenstellenden Problöine bervähren, ob sie es besser verstehen, die ihrer harrenden praktischen Aufgaben zu lösen als -die frühere Generation. Daß sich schon heute viele Fortschritte in dieser Hinsicht gezeigt haben, ist sicher. .Allem zu einem abschließenden Urteil ist es noch zu früh,, schon deshalb, weil das Chaos der Zeit eine ruhige Bewertung gar nicht zuläßt. Man sieht heute nur das Rütteln am alten Bau und die Bewegung, aber noch lange nicht das Ziel, dem sie zustrebt. ‘ Erfreulicherweise ergab sich aus internen Besprechungen wachsendes Interesse für die sozialen Erfordernisse der Zeit. Auch der Jugendliche wird, sobald er ms Berufsleben, fei es in welcher Form auch immer, hinaustritt, schnell nrit sozialen Nöten in Berührung kommen. Berufsberatung, das Problem des Sabbats und vieles andere mehr spielen hier eine gewichtige Rolle. Mit großer Freude hörten wir beispielsweise von den Erfolgen unserer bayrischen Freunde, die in Fürth eine Mittelstandsküche ms Leben gerufen haben, denen es/'gelungen ist, bei nichtjüdifchen Handwerkern ein'e. Reihe von Lehrstellen zu geschaffen mit freierit Sabbat und anderes mehr. Die Entwicklung der wirtschaftlichM Verhältnisse wird es voraussichtlich mit sich bringen, daß auch in Zukunft unsere Jugendorganisation diese Dinge noch weit mehr in den Arbeitsbereich mitelnbeziehen must' wie bisher. ' , ' Der vorgelegte Geschäftsbericht war kühl und nüchtern gehalten und zeigte ohne jede Beschönigung das Maß des Erreichten. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß .sich auch die bisherige Leitung der Organisation nicht nur, wie es einer der Redner in launiger Weise darstellte, mit Adressenschreiben und Markenkleben besaßt hat, sondern auch die geistig-erzieherischen Probleme zu wiederholten Malen erörtert, und auch ihre Lösung angestrebt hat. Leider ist ihr dies nicht in der erwünschten Weise gelungen. Die Ursachen hierfür sind mannigfacher. Natur. Wir möchten aber diese Gelegenheit benutzen, um zugleich auch eine Anregung für die Weiterarbeil zu geben, und bringen daher hiermit auch einem weiteren Kreise die Leitsätze zur Kenntnis, die wir selbst seinerzeit schon im Oktober 1927, also noch, vor dem vorigen Bundestage, dem damaligen Organisationsvorstande zwecks Umgestaltung der geistigen Arbeit innerhalb der Jugendorganisation vorgelegt hatten. Sie lauten folgendermaßen: Die Agudas Jisroel-Jugendorganisation. bildet eine Erziehungsgemeinschaft im Rahmen der Gesamtorgan isation. Sie hat die spezielle Ausgabe, ihre Mitglieder zu jüdischen.Persönlichkeiten ..auf der Grundlage des Tauroh-im-Derech- Erez-PrlMlps zu erziehen, , mit bewußter Einstellung.'zu der .Auffassung her jüdischen Zeitprobleme, wie sie.im.iAguLasmus glzs Welt- und Lehensanschauung geprägL ist. - . Endziel' dieser Erziehungsarbeit muß dem-! nach sein, aufrechte Bekenner zu der Jdeenwelr der Ägudas Jisroel zu schaffen,' die sich auch als Agudisten harmonisch als treue Anhänger in den Rahmen der Organisation eiNfügerr. Die praktische- Lösung dieser Erziehungsaufgaben erstreckt sich auf folgende Gebiete: , t. Talmud Tauroh k'neged kulom, l e r - n e n und w i e der (er ne n, hierüber brauchen an dieser Stelle keine großen Ausführungen gemacht zu werden. Es darf kein Mitglied der Agudas Jisroel-Jugendyrganisation geben, das. nicht, jeden Tag kauweah itim latauroh ist: ' 2.' Es muß zur Erreichung der. Bildung von Erziehungsgemeinschaften auch bei uns eine Führerschaft geschaffen werden, diese muß jedoch etwas anders geartet sein, als es z. B. -indem Esra der Fall ist. Es ist ein Unding, daß jüdifche'Jugend>, die auf dem Bodtzn der Tauroh ' erAltzen werden soll, ihrenMeg sich i!m Sinne des. Wankenlosen Individualismus allein suchen chiMWik können nicht dert-Tradition^-entraten. Züv1 MO düng von Arbeitsgemeinschaften müssen auch ältere Führer herangezogen werden. Wir denken dabei an eine geistige Mitarbeit der Ortsgruppen, indem geeignete Balbatim nicht nur ihre Persönlichkeit, sondern auch ihr Haus den Jugendgruppen zur Verfügung stellen, Im einzelnen müßte' zu diesem Zwecke der' Vorstand einer Gruppe die ganze Mitgliedschaft in Zirkel oder Arbeitsgemeinschaften einteilen. Da das Ziel eine persönliche Erziehungsarbeit fein soll, so muß zu diesem Zwecke dezentralisiert werden, denn nur so wird es möglich sein, die Einzelpersönlichkeit aus das Genaueste zu erfassen, zu analysieren, zu belehren und zu bilden. Daneben sollen natürlich die gemeinschaftlichen Veranstaltungen, die bisher bestanden, Vorträge usw. ebenfalls statthaben. Selbstredend sollen auch geeigneten jüngeren unverheirateten Führern ihre Gruppen zuerteilt werden. Wir schlagen also eine gemischte Führerschaft vor. Die obige Erweiterung soll aber bewußt das jüdische Haus als wesentlichen Faktor in die Erziehung der Jugendgruppen miteinschliehen. Erziehungsarbeit kann nur geleistet werden durch engsten persönlichen Konnex zwischen dem Führer und dem Geführten. Es bleibt dabei dem Führer unbenommen, zum Kristallifationspunkt feiner Gruppe und feister Arbeit Schiurim zu machen, fo daß das gemeinsame Lernen die erste Form des ZufamMenarbeitens darstellt. . 3. Die Erziehung des jungen Agudisten umfaßt jedoch nicht nur. die üntellektulelle und -individuelle Ausbildung, sie muß auch das Verhalten des Individuums zur Gemeinschaft regeln, sie muß mit anderen Worten sittlich hochstehende jüdische Persönlichkeiten heranbilden. Wir fordern in diesem Sinne von d'ör deutschen Jugendorganisation eine M u s s a r b e w e g u n g. Diese soll nicht nur das Studium der Musiarschriften zum Gegenstand haben, sondern in erster Reihe praktische Arbeit leisten im Sinne des Haucheach tauchiah. Die Zurechtweisung durch den Führer wird nicht immer genügen und auch nicht immer angenehm empfunden, obwohl es heißt: schma bni mussar owicho, daneben treten Zurechtweisungen durch gleichaltrige Freunde. Wir denken an die Bildung, von ganz kleinen Gemeinschaften, deren Mitglieder sich verpflichten, sich gegenseitig auf ihre Fehler und Mängel, die im täglichen Leben beachtet werden, aufmerksam zu machen, ferner kein Loschaun Horah zu reden, Streitigkeiten vor einem Din Tauroh auszutragen ufw. Rach der Tradition der alten Musiarbewegung dürfte der Zurechtgewiefene drei Tage auf die Zurechtweisung nicht antworten, er mußte sie sich erst durch den Kopf gehen lassest: Eine solche Chewras Muffar könnte sicher mancherlei Gutes stiften. Hier in Frankfurt bestand früher eine solche' Einrichtung, die jeden Jaum kipput'!-kotoN hielt, und im Anschluß daran diese Tauchdcho, djesH, - Ztzvechtweifung„ ausführte. Die letzten Ausführungen deuten, schön die Umstellung des Individuums zn gesellschaftlicher Beziehung an, die verschiedenen Reformen bezüglich des, gesellschaftlichen jüdischen Lebens. Die Beschäftigung mit.deren Problemen, auch das Gebiet der Sexual-Ethik und dergl, gehören ebenfalls hierher. 4, Hand in Hand mit diesen individuellen Dingen muß aber auch als notwendige Konsequenz die materielle Erziehung gehen. Dev junge Agudilst muß daran gewöhnt werden, seine Organisation auch materiell zu fördern und diese Pflicht als etwas absolut Selbstverständliches zu betrachten, wie er Krankenkassenbeiträge entrichtet oder andere derartige Dinge selbstredend bezahlt. - ' Zusammenfasfend. ist also zu bemerken, daß es Aufgabe der Organisation ist, bezw. von deren Gruppen, nicht nur Mitglieder als Zahlungslnstrümente zu werben, sondern die Persönlichkeit zu erfassen. ..Bei Durchführung des obigen Programms chH natürlich einem jedem Mitglied der Agudas Jisrüel k.lar gemacht werden, daß es sich einer 'gewissen Kontrolle seiner Persönlichkeit, im besten Sinne gemeint, unterwerfen muß. Die Agudas Jisroel-Jugendorganisation kann nur dann sich gedeihlich fortentwickeln, wenn die einzelnen Mit- Nr. 2 Seite 3 glieder gewisse persönliche Opfer im Dienste der Allgemeinheit, zu bringen sich nicht scheuen. Es bleibt dabei noch genügend Spielraum zur Entwicklung einer eigen gestalteten Persönlichkeit, die sich bei den nötigen Fähigkeiten immer und überall durchsetzen wird. Sollte es der neuen Leitung gelingen, die eine oder andere dieser Anregungen verwirklichen zu können, so wäre dies sicher zu begrüßen. Wir glauben, trotz manchen Wortes der Kritik, mit dem Verlaufe unserer Tagung zufrieden sein zu dürfen. Sie hat bewiesen, daß trotz aller gegenteiligen Behauptungen noch Leben in der Organisation herrscht, und daß sie vor allem noch über Menschen verfügt, die an ihren Idealen Weiterarbeiten wollen. Das allein ist bei den heutigen Zeitläuften als Gewinn zu buchen. Möge es der Agudas Jisroel-Jugendorganisation unter der neuen Führung beschieden sein, in besseren Zeiten eine neue Blütezeit zu erleben, das ist unser aufrichtigster Wunsch. Nachklang zum Delegiertentag der Agudojugeud in Aranlfurl-M. i. Der Frankfurter Delegiertentag der Agudojugend ist vorüber. Eine Neste Leitung wurde gewählt, bestimmte Richtlinien für die zukünftige Arbeit wurden ihr gegeben. Wir wünschen ihr, daß sie den Erwartungen, welche in ihre Lebendigkeit und Aktivität gesetzt werden, zu entsprechen vermag, haß es ihr gelingt, den Geist kühler Sachlichkeit, der das. Kennzeichen der gegenwärtigen Zeit fein soll, mit jenem Hislahawus zu verbinden, ohne das u. E. für die Dauer in der gegenwärtigen schweren ZeU Gemeinschaftsarbeit nicht geleistet werden kann; daß es ihr gelingt, die vielleicht unvermeidbaren Auseinandersetzungen mit den Aelteren einerseits, mit der jüngeren Jugend und ihren Führern andererseits, in Liebe und mit dem Blick aufs große Ganze und auf das schließlich-allen gemeinsame hohe Ziel vorzunehmen. Daß >ihr dies nur möglich ist, wenn die Agudojugend in Permanenz tagt, d. h. wenn sie sich ständig mit der neuen Leitung eng verbunden fühlt, ist selbstverständlich, muß aber ausgesprochen werden, weil die Erfahrung lehrt-, daß die lebhaftesten Sprecher auf Tagungen oft versagen, selbst dann, wenn es gilt, ihre eigenen Anregungen in die Wirklichkeit umzusetzen. Es sind also die herzlichsten Wünsche aller ehrlichen Agudisten, die die neue Leitung begleiten. Am innigsten wird der bisherige O. B. dem neuen fein nmi zugerufen haben. " M' : - 2. , -V. ' \! Der bisherige O. -V., die a l t e Leitung. Da sind wir schon hei einem der Punkte, um die es bei den/ Auseinandersetzungen. auf dem Delegiertentag, die durchweg auf gutem Niveau standen, ging. Die Leitung, sei eben zu a l t gewesen, überaltert, und'-darauf seren Stagnation und „Krise" in der Agudojugend zurückzuführen gewesen. Es mag fein, daß wir 35- und 40jährigen, die Jugendlichen der Vorkriegszeit, der Bedeutung des Organisatorischen höheren Wert beilegen als die Jugendlichen von heute. Man wird uns aber nicht gerecht, und wir denken hierbei vor allen Dingen ün die von manchem Stürmer verkannte Leitung Und Leistung des bisherigen O. V.-Vorsitzenden, wenn .man dieser älteren Generation das Verständnis für die Röte der Jugend, für die sozialen und erzieherischen Probleme abspricht. Wir Aelteren wußten und wissen, daß sich hart im Raum die Dinge stoßen, daß der Weg ' vom Aussprechen eines Gedankens bis zu seiner Verwirklichung-, in heutiger Zeit schlimmster äußerer Rot, besonders rveit und beschwerlich ist, daß sein Beschreiben schon von Anfang an hoffnungslos ist, wenn nicht schon vorher durch die rechte Disziplin und Organisation die jungen Menschen zum gemeinsamen Marschieren vorbereitet und. gerüstet Wurden. Wir haben es auf der Tagung selbst erlebt, daß einigen unserer lieben jungen, jugendlichsten