Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1931)
- Date
- 1931-01-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Älenschenschicksals und einer Zeikepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Merkemeier wies auf die Talmudstelle, von der seine Gedanken ausgingen>. „Ist ha etwas schwer; .stimmt was im Tausfaus nicht?" fragte Rabbi Noach. „Ein herrlicher Lehrsqtz," sagte Meikemeier verlegen, und nicht imstande, sein Inneres dem spähenden, .hellsehenden Auge Rabbi Noachs zu verhüllen, „herrliche, Lehre, kann sich messen mit allen modernen Lehren über Liebe und Gerechtigkeit, die Pflicht des Arbeitgebers gegen den Arbeitnehmer." Rabbi Noach sah' auf, sah in die Ferne und wieder dem Jüngling; so schyrf ins Gesicht, Hatz dieser die Äugen niederschlug. Dann ergriff er seine Hand, wie ein Arzt die Hand seines Patienten erfaßt: „So so, Bochurl! Du lobst die Gmoro! Das gefällt mir nicht." Und als müßte er ein hartes Wort wieder wettmachen, fügte er hinzu: „Glaub's mir, .junger Freund, so fängt es Satan immer an: mit Lob und Preis. Die Kundschafter lobten zuerst das Land . . . Die G'ttesleugner ergehen sich in Lob über die Schönheit eines Gesetzes, weil sie das Gesetz selbst nicht halten wollen. Glaub's mir, Freund, ein guter, braver, ehrlicher Jude fragt und weiß gar nicht, wie schön seine Thora ist. Hast schon einmal gefragt, ob und w i e schön Deine Mutter ist? Und wenn sie weniger schön wäre, würdest Du sie darum weniger lieben?. Meikemeier schwieg. Nach einer Welle sagte Rabbi Noach wieder: „Moderne Lehren? Von welchen modernen Lehren sprichst Du? „Messilas Jeschorim" und „Chowoth Halvowoth" undalle anderen Mussarbücher sind keine modernen Lehren; sie schöpfen aus den alten, immer neuen. Oder — Rabbi Noach ergriff wieder des Jünglings Hand und sah ihm prüMd Ms' Auge' öder sitzt schon — nein, s üch t sich Wurm in Deinem reinen Herzen''''festzusetzM?/ Ich beobachtete Dich ' schott lange, DeineGedaüken schweifen v'ön der Gmoro ab, bist^erstreu^^im^Geiste'nicht immer dabei. Laß deE'Wutm nichtHut SchWge^ werden, mein Kind. Komm nässten -Arieltag, wenn nichts gelernt wird, 3Ü: mir/ wir'werden'' alles' dürchreden/ so wie Freunde, ja, wie Vater und Sohn miteinander reden —-." Werden uns „durchschmueffen", nannte es Rabbi Hoach.. —— — .. 'Einen ganzen Freitag nachmittag hatte die Unterredung zwischen dem Jüngling , und Rabhi Noach gedauert.\. fNichts blieb ihm Meikemeier von dem, was er auf dem Herzen hatte, schuldig. Cs hätte auch gar keMen Zweck gehabt. Rabbi Noach - brauchte nur Stichworte, alles andere holte er sich mit feinen scharfen Augen unter den buschigen Wimpern direkt aus den Tiefen der Seele.' seines Schützlings heraus. Und als . nun Rabbi . Noach alles wußte, seufzte er tief und erleichtert auf. Wie einer, der eine große Gefahr witterte und -diese am Ende vor sech-est Äugey wie ein.Schattengebllde zerrinnen siehtz. War das alles, was den Jungen^ hetzrückte> was sein Herz beschwerte und feine Gedanken zuweilen von Rowo und Abaje ablenkte? fit r m\ Rabbi Noach hatte im langen Umgang mit jungen Menschen schon so mancherlei bei ihnen erlebt. Zweifel''an Glaubenssätzen, ein Rütteln an Grundpfeilern der alten Lehre, das kannte er wohl. Aber das war es ja nicht. Die Wurzel war gesund. , Rabbi Noach konnte aus Grund 'reicher Erfahrung auch öttvas anderes erwarten und befürchten. Es war das Alter, in dem oft der Versucher so ganz von innen heraus an die Jungen herantrat, ihre' Phantasie beflügelte und — beschmutzte, ihr Auge öffnete für Dinge, die ihnen bislang fremd waren und sie in ein Netz geheimer Gelüste verstrickte, aus dem es so schwer war, wieder herauszukommen. Rabbi Noach kannte genau alle Symptome dieser Verirrung, aber auch alle Mittel und Wege, sie zu bekämpfen. Er hatte sich eine ganz eigene Methode ausgedacht und sie ausgeprobt. Man mußte individuell vorgehen, keineswegs mit Sturm und Strenge. Aber jeder Fall erheischte eigene Wortes eigene Anregungen und eigene Mittel zur Stärkung des Willens, zur Reinigung der Seele. Kein Psychiater von Beruf verstand es besser und tiefer in junge Seelen zu schauen und, so sich Flecken auf deren GruNd zeigten>, diese rÄnzuwaschen. Die Diagnose Mußte mit Vorsicht und Klugheit vorgenommen werden, damit nicht das künstlich geweckt wurde, was ausgejätet werden sollte. Hier aber ging es nicht darum, das erkannte scharfe Auge Rabbi Noachs sogleich. Des Jungen Seele war im Urgründe rein geblieben. Vielleicht gerade dank der Fläche, die er sich mit den modernen Studien geschaffen hatte, und aus der sich der Ueberschuß an Kraft gefahrlos entladen konnte. Auch das erkannte Rabbi Noach. Und.darum vermied erin diesem Falle die Schärfe, mit. der er sonst die neuen Schriften der Haskala und ihre Lektüre ablehnte und verdammte. Es Mar ihm lieb, daß der Bachur mehr Werke nichstüdifcher Schriftsteller, las, die er, Rabbi Noach, zwar nicht kannte, deren Lehren aber, wie er nun hörte, gar nicht so weitab von der jüdischen Straße lagen. ' „Aber," schloß er seine väterliche Mahnung, „schade, jammerschade um die kostbare Zeit. Was hat man davon, nach Dingen weit auszuholen, die bei uns dirett auf der Straße liegen, greifbar für alle?" Und er schloß, wie immer, mit einem Worte Rabbi. Israel Salanters. Rabbi Israel, erzählte er, bemühte sich, wie allbekannt, mseinen letzten. Lebeysjahren str Berlin und in Paris um,-Me. U^bje r s e tz u n^g des T ä'LM ü d s i n e u r.ö- 'Mi j ch e S p x^a ch em.^ Wozu, das? fragte, mqst ihn,' tv,as interessiere dfe anderen die Lehre unseres; Talmuds?' „Damit/ sagte ,/r, „ u nfäjr e Jünger aus der,,Begeisterung, Mif, der die We lt den Talmud aüfnehmen.'wird, lerne,. daß wir, mehr haben als die Welt und nicht so viel von' ihr zu lernen haben, wie sie in ihrem unbestimmten Suchen sich oft einbilden." „Wo Menschen in der Dunkelkammer sitzen, zünde man ein. Licht an, damit sie etwas sehen. Wo Sonne tagehell strahlt, bedarf es der Lichter nicht. Schade nur um das kostbare Oel! . . ." , „G'tt hatte, deutete Rabbi Noach das Gleichnis, feine Lichter auch im Weltendunkel der Völker angezündet. In erlesenen Köpfen leuchtet es hell auf. Wer wollte es leugnen? "Wir sitzen aber im Tageslichte und. wollen und sollen von hier aus eine Türe und ein Fenster in die Welt öffnen, daß auch sie des Sonnenlichtes einen Strahl erhalte." ü y? : „Schade,: schade um die verloren« ,Zeitz. sUng er-Freund! . . ."—?— — u Meikemeier lernte mit Lust und: El Liebe und gab keinen.Anlaß zur Unzufriedenheit. Aber die andere Macht hinter dem Eisenladen lieh nicht von ihm. Sie rang nicht mehr um seine Seele, aber sie ordnete sich in sein Geistesleben ein und war ein Stück von ihm. * * So vergingen zwei- Jahre.; VI. Achtzehnjährig, stand Meikemeier wieder im kleinen Schächterhause seiner Eltern. Der Vater war alt geworden, die Mutter kränklich. Als Reb Jechiel zum ersten Male beim Schleifen eines Schächtmessers ein Zittern der Hand verspürte, ging er selber zu Rabbi Mauschele, dem Rabbiner, und erklärte, er fühle sich nicht nicht mehr ganz fähig für das heilige Amt. Eine jüngere Kraft mußte angestellt werden. Reb Jechiel zog sich schließlich auf das bloße Schächten von Geflügel zurück. Das bedeutete Not und Entbehrung für die SchächterfamNe, aber Reb Jechiel hatte „seine Seele gerettet. Meikemeier war in die Höhe geschossen, aber die Knochen wollten kein Fleisch annehmen, die Muskeln sich nicht straffen.-Die Stirn war breit, das Auge etwas eingefallen. Der Kops steckte voller Talmudpartieen und Weltgedanken, die zunächst so friedlich nebeneinander lagen, als gehörten sie zueinander. Er trug sich auch mit ,ssinem Plane herum —.er xvar zu licht und schön,, um sem Gesicht nicht im Gluck erstrahlen zu lassen, er war aber auch zu dunkel, um ihn unvermittelt dem Vater anzuoertrauen. Er wollte nach dem Auslande. Was wollte er im Auslände? Zuerst mal einen Sprung ins Helle. Im Lichtkreise der Welt, sagte er sich, würde sich alles andere schon finden. Warten und hungern hatte er reichlich gelernt. Oder sollte, er hier, wie sein Vater, ein armer Schächter werden, um später, nach dreißig Dienstjahren, aus Gewissenhaftigkeit zu darben? Vielleicht ein Melamed wie Jossel oder Rochum Leiser, mit Bibel, Grammatik, Beshamidraschphilosophie und Kindergeschrer und. der ewigen Sorge: wo nimmt man Geld für Brot her? Man konnte auch Krämer sein wie die meisten im Städtchen und in kleiner, kalter Bude feilschenden Bauern Heringe und Rasta verkaufen. Ihm graute es. Bestenfalls konnte er bei weiterem emsigen Lernen Rabbiner werden und-, wenn ihm das Glück hoch wäre, in einem Neste neben den eigenen Lasten die der Gemeinde tragen. Sicher war das die stille Hoffnung der Mutter, seitdem sie ihn singend in der Wiege geschaukelt undder laute WuNsch6d.es Vaters, seitdem 'er ihn in Slabodko wußten Aber Meikemeiers Sinn ging gen Westen, zur Grenze hin. Und. als, er : seinen Herzenswunsch.; einmal .dennoch dem Vater mitteilte, war 'Reb Jechiel gar nicht, so sonderlich! erstaun^ er meinte -nur;-' damit habe esn doch noch-zwei- Jahre Zeit >j;; . Im Städtchen sahenljunge Männer im „Ausj-,; land" die - ultimo ratia, wenn. Militärd ienst unvermeidlich drohte-, und man kein anderes Mittel wußte, -sich loszukaufen; und Ausland .war Amerika. Damit hatte es aber bei Meikemeier wirklich noch gut zwei Jahre Zeit. Von den anderen Plänen seines Sohnes konnte Reb Jechiel nichts ahnen. Er verstand auch nichts, als Meikemeier ihm mit der festen Entschiedenheit. des Achtzehnjährigen erklärte: >,Es geht nicht darum, Vater. Zum Militär will ich mich gerade ja stellen, denn ich will nicht haltlos ohne Paß und Heimätzugehörigkeit durch die Welt herumlaüfen." „Du willst dienen?" fragte der Vater erschrocken. ,,NM,'.;das nicht, ich mag das Soldatenfpiet nicht. Es wird; auch nicht dazu kommen, hei meinen Muskeln." -— Er bewegte den Arm: ,/Ich will mich-aber stellen." c „Ein Jude wird auch ohne Muskeln genommen— wenn er kein Geld hat." „Das dachte ich mir auch, darum werde ich nicht zurück nach Slabodko gehen. Ich werde was zu verdienen suchen."