Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1931)
- Date
- 1931-01-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450655--77571-2535210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 Nr. 3 __ " „Du verdienen?" Reb Jechrel erbleichte vor Angst. Schneider- und Schusterjungen verdienten. Ein Sohn Reb Jechiels, des Schächters, hatte zu lernen. „Ich habe eine Hauslehrerstelle angenommen, auf einem Hofe, richtiger einem Gutshofe, dreißig Rubel das halbe Jahr bst freier Kost und Logis. In zwei Jahren ist die Summe, die ich für Gestellung und Ausland benötige, beisammen." Reb Iechiel nahm diese Eröffnung nicht gerade mit Begeisterung hin, aber gelassen. Daß Kinder in diesem Alter anfangen, sich ihre Zukunft selber zu schmieden, fiel heutezutage (zu allen Zeiten sagte man „heutzutage") mcht mehr auf. Vielleicht, dachte der Alte, tat er recht daran. Meikemeier verschwieg dem Vater, daßihm die Stelle in Gelgudischkin sein sozialistischer Freund, Rissim Beer, der selber dort einmal Hauslehrer war, vermittelt hatte und daß Gelgudischkin ein deutsches Rittergut auf russischem Boden war, auf dem die paar zum Hose gehörenden Juden für ihre Kinder einen Lehrer von m o - d e r n e m G e i st e , mit einiger weltlicher Bildung und einigermaßeti neuzeitlichen Ideen wünschten. (Fortsetzung folgt.) Ainderecke. r^s^' Walker denkt. Von Heinrich Einstädlrr. In der Anlage ist eine Anzahl Arbeiter damit beschästigt. „die Bäume auszuputzen." Mit Leitern erklettern sie die kahlen Riesen, und mit Sägen entfernen sie alles dürre und so dichte Gezweig. Ganze Geäste, sogar manche Wipfel werden entsernt und sinken unter Aechzen und Krachen zur Erde. Bald ist es" schon eine ganze Reihe, die emes großen Teiles des Reichlumes, den das Wachstum vieler Sommer geschaffen hatte, beraubt worden ist. Arm, nackt, flirrend stehen diese Bäume da und erzittern im kalten Januarwinde, und andere, die das Schicksal nahen sehen, können ihm nicht entfliehen und müssen es auch über sich ergehen lassen. Mehrere Kinder schauen den Arbeiten zu. Unter ihnen steht Walter. Er tritt an einen Gärtner heran, der eine Leiter hält, und fragt ihn nach dem Grunde dieses Tuns. Der Mann schaut einen Augenblick zu dem kleinen Knaben hin. Er hat wohl schnell den Eindruck gewonnen, daß er ein anständiges und kluges Kind vor sich hat. und gibt ihm bereitwillig Bescheid. Und nachdem Walter alles gehört und verstanden hat, was er wissen wollte, dankt er höflich und tritt wieder bescheiden zurück. Waller denkt nach. In Gedanken spricht er zu den Bäumen, deren Geschichte ihm naheliegt. „Arme Bäume! Jüßt so viel leides! Messer schneiden euch ins Fleisch und trennen Glied um Glied von eurem Körper. Euer Reichtum schwindet, euer Stolz geht dahin. Ich höre euere Seufzer und euere Klagen; aber wehren könnt ihr euch nicht. Und was nützt es, wenn ihr hinüberschaut zu euren Brüdern, die noch nicht Art und Säge gefällt haben. Auch sie werden nicht vom Gärtner vergessen. Ihr Leid ist euch kein Trost. Aber blickt weiter! Es kommt auch wieder einmal der Frühling. Da werden eure Wunden heilen. Da wird euch neue Freude erblühen. Vielleicht habt ihr zu hoch hinausgewollt, habt euch gar zu breitgemacht. Das war nicht gut für euch. Das beeinträchtigte euer ferneres Gedeihen. Jetzt ist alles Dürre und Ueberflüfsig'e entfernt; keiner erhebt sich mehr über seine Brüder. Da werdet ihr im Sommer viel besser aussehen. Eure Kinder werden sich fest -um euch schmiegen, alles wird Zusammenhalten und zusammenwi.ken, daß jeder sich eueres Anblickes erfreuen kann. Gleichmäßig werdet ihr eure Arme gegen den Himmel erheben und den Schöpfer loben, der auch durch Leid segnete." Rabbi Aron, ein junger Gelehrter. Nach einer Darstellung von Rabbiner Dr. Lazar Münz. (Mitgeteilt anläßlich seines 100. Jahrzeitstages.) Durch Eeistesgäben ganz seltener Art war der jüngste Sohn des Schemen Rokeach, Rabbi Aron ausgezeichnet! Rabbi Aron, gewöhnlich Reb Arondel genannt, zeigte schon als Kind ungewöhnliche Anlagen des Geistes. Wie einst sein Vater, der Schemen Rokeach und sein älterer Bruder, der Schaare Thora, entfaltet er schon im jugendlichen Alter seine Geisteskräfte in einem hohen Grade, Der Israelit und als Knabe von kaum 13 Jahren beherrschte er einen großen Teil des Talmuds, und einige der ausgezeichnetsten Traktate waren ihm >. so. geläufig, daß er aus dem Gedächtnisse den Inhalt jeder Seite und sogar jeder einzelnen Zeile getreu anzugeben vermochte. Späterhin eignete er sich auch eine vollständige Kenntnis jenes weitverzweigten Lehrstoffes an, der in der Codices aufgeschichtet ist. Alles, was der geniale Jüngling in seinen Geist ausnahm, erfaßte er mit der größten Klarheit und Gründlichkeit und verstand das gesamte Material mit einem Scharfsinn zu verarbeiten und zu kombinieren, wie es nur großen, im Talmudstudium ergrauten Gelehrten eigen zu sein pflegt. Mit dieser außerordentlichen Fassungskraft verband er ein seltenes Gedächtnis. „Was er feit feiner zartesten Kindheit, wo man ihn im Talmud zu unterweisen begann, gelernt hatte, dasblieb — so schreibt sein Vater — seinem Gedächtnisse eingeprägt; er glich einer ausgekalkten Cisterne, die keinen Tropsen verloren gehen läßt." Die unausgesetzte Tätigkeit und lebendige Regsamkeit des Geistes übte jedoch auf den zarten Körper des jungen Gelehrten einen nachteiligen Einfluß aus. Setup Gesundheit wurde immer schwankender. Um den regen Geist von seiner stetigen Gedankenarbeit abzuziehen, und seine Aufmerksamkeit stuf andere Gegenstände zu lenken, empfehlen die Aerzte dem jungen Manne, täglich spazieren zu reiten. Diese und ähnliche Ratschläge vermochten jedoch nicht dem überhandnehmenden Uebel zu steuern. Sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich immer mehr, und die Krankheit wurde lebensgefährlich. Was solange befürchtet wurde, trat leider ein. Im Anfänge des Jahres 1831 hauchte Rabbi Arondel seine edle Seele aus. Er hatte ein Alter von 13 Jahren UNd einigen Monaten erreicht. Der Denkstein auf seinem Grabe verkündet mit kurzen inhaltschweren Worten die Geistesgröße des so früh hingerafften, „an Scharfsinn und Gedächtnis unvergleichlichen" Gelehrten. Als bereits das Leiden seines Sohnes stark vorgeschritten war, mußte sich Rabbi Eleaser entschließen, zur Feier eines Familienfestes nach einem fernen Ort zu reisen. Die Hochzeit seines jüngsten Sohnes Rabbi Arje Löb. die in Tarnow gefeiert wurde, war schon von früher auf dstse Zeit festgesetzt und konnte nicht mehr ausgeschoben werden. Nach einigen Wochen kehrte Rabbi Eleaser von der weiten Reise nach Hause zurück. Es war an einem Freitag Nachmittag. Als er in seiner Behausung eintrat merkte der greise Rabbi bald, was vorgefallen war. Der Sohn war gestorben und ruhte bereits , im Grabe. Doch Rabbi Eleaser sprach nichts über die traurige Begebenheit und bewahrte seine ruhige Fassung. Er legte seine Sabbatgewänder an und beging den heiligen Sabbat in feierlicher Ruhe und festlicher Stimmung. Der Sabbat ging zu Ende, und das Habdala-Gebet wurde vom Rabbi verrichtet. Kaum waren die letzten Worte der Habdala verklungen, so -brach der gewaltsam zurückgehaltene Schmerz des Rabbi in seiner ganzen Größe aus. Tränengüsse entströmten den Äugen des greifen Vaters, und herzerschütternde Klagen brachen aus der gramerfülllen Brust hervor. Um dem in der Blüte der Jahre Hingeschiedenen teuren Sohn ein würdiges Denkmal zu setzen und den Namen desselben im Andenken zu erhalten, gab der greise. Vater ein Werk, an dem er bereits bei Lebzeiten seines Sohnes arbeitete, das er aber erst nach dessen Tode vollendete, unter dem Namen „Sichron Aron" „Andenken an Aron" heraus. Mit lebendigen Worten schilderte der Verfasser in der kurzen Einleitung zu seiner Schrift die Geistesgröße seines Sohnes, und in ergreifender Weise verleiht er dem namenlosen Schmerz Ausdruck, den er über den vorzeitigen'Heimgang desselben empfunden. „Mir trauert des Herz, so ich mich erinnere, wie er zwei oder drei Tage vor seinem Hinscheiden die Worte sprach: „Wehe mir, daß meine Kenntnisse spurlos dahin schwinden." Und so war es leider auch. Seine Weisheit starb mit ihm hin. Denn er schrieb nie» seine Geistesprodukte nieder, weil er sich auf sein wunderbares Gedächtnis verließ. Rabbi Eleaser teilte uns jedoch an verschiedenen Stellen seiner Schrift treffende Bemerkungen und Gedankenblitze von seinem Sohne mit und berichtet uns, daß ihm bei der Abfassung seiner Arbeit das vorzügliche^Eedächtnis desselben öfter gute Dienste geleistet hatte. Blick in die Presse. Unter der Ueberschrift „Die spanische Wand" brachte das amtliche Organ des Vatikans, der „Osservatore Romano" vor kurzem einen Artikel, der leider nicht im mindesten von der religiösen Presse Deutschlands beachtet worden ist. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, daß — eine rühmliche Ausnahme! — das mutige Kampfblatt der Vitus Heller-Jugend, „Die junge Tat", in seiner Juni-Ausgabe diesen Aussatz der päpstlichen offiziellen Zeitung wiedergibt. Was das uns angehl? Gerade heute sehr viel! Der Artikel „Die spanische Wand" veranläßt jeden jungen Menschen, der es mit der Verwirklichung der Religion innerhalb aller Lebensgebiete ernst nimmt, zum Nachdenken. Die spanische Wand, — das ist die „Religion", hinter der sich alle Ausbeuter und Unterdrücker verschanzen, wenn es um die Rettung und Heilighaltüng des Prosits geht. Ein großes Laos unserer Tage propagiert das Wort „Religion ist Opium für das Volk", — das stimmt, denn die religiöse Geschäftigkeit unsrer Gesellschrstsstützen, denen Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit Und Verelendung nur „Krisenerscheinungen" find, hat auch alles, was mit Religion zusammenhängt. in den Bereich des Schachers und der Volksöedrückung gestellt. „Wohltätigkeit" soll das,. Prinzip der 15. Januar 1931 Gerechtigkeit ablösen, — so hat man Religion erniedrigt. Nachstehende Sätze des katholischen Artikels sollen ein kleines Bild vom Geiste der gesamten bedeutungsvollen Ausführungen geben: „Bemühen sich denn wirklich alle, die von E'tt gewollte Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, in dieser Welt zur Herrschaft zu bringen? Jenes Gebet ist Lüge, dessen Frucht nicht die Nächstenliebe ist, denn diese beiden Dinge bilden ein einheitliches Gebot. Und der Prophet Jesajas sagte, daß g'ttgesättiges Fasten darin besteht , „die Knoten des Joches zu lösen, die Unterdrückten zu befreien, alle Art der Sklaverei auszuheben!" — und weiter: „Liebe wird dem Nächsten zuerst das geben,was ihm ge-, bührt, bevor sie ihm Geschenke macht, und ich möchte mit Lacordaire sagen: Der Anfang aller Liebe ist die Geröchtigkeit! — Der tätige Arbeiter hat Recht aus einen Lohn, der ihm erlaubt, seine Familie anständig zu erhalten, er hat ein Recht auf Gesundheit, Leben und die Freuden des Daseins. Auch dann, wenn er einen gerechten Lohn erhalten wird, wenn er vermöge der gewerkschaftlichen Organisation ein freier Mitarbeiter des. Arbeitgebers geworden ist... Der tätige Arbeiter ist berechtigt und verpflichtet zu einem auskömmlichen Erträgnis für seine Arbeit, er soll nicht Almosen empfangen müssen aus dem Geldbeutel mildtätiger Menschen, er muß es ab lehnen, ein Unterstützungsbedürftiger zu sein. Es ist gräßlich, wenn man sich gut gehen läßt und glücklich ist, Bedürftigen zu sagen: „Glücklich jene, welche Trübsal leiden!" Diese teufliche Einstellung ist ein Hohn, der zum Himmel um Rache schreit! Es ist eine schöne Sache, um diese Worte, aber vorangehen muß das Beispiel... Wenn es auch nicht nötig ist, brutale Revolte zu predigen, so muß man allen Brüdern die Freuden des Lebens verschaffen und darf sie nicht im Namen der ewigen Güter der zeitlichen berauben." Vielleicht wissen wir jetzt, warum wir, wenn ab und zu ein flammender Protest gegen Rußland und anderer Länder religiöser Verfolgung losgelassen' wird, eigentlich zuerst in unserem eigenen Hause nach dem Rechten sehen sollten! Worte, wie die eben aus dem Blatte des Papstes zitierten, dürfen nicht wie ein schöngeistiges, literarisches Aufbegehren verhallen, — alle Menschen, denen der Kampf um G'tt und das Ringen um die Vollendung des g'ttlichen Ebenbildes, des einzelnen Menschen^ mehr ist als eine zur Gewohnheit des Alltags gewordene Phrase, müssen vielmehr ohne Rücksichten auf . traditionell gewordene gesellschaftliche Heucheleien dieser Zeit, die nicht mehr weiter weiß, die geschlossene Front einer anständigen, ehrlichen und gerechten Ordnung' entgegensetzen. Die Kanzeln der Religion müssen zum Tribunal werden. . I. Raphael/ (Eine jüdische Kunstgalerie in London.) Im Gebäude des jüdischen Asyls in Whitechapel wurde durch Herrn Ernst Schiff eine Ausstellung der Vereinigung für jüdische Kunst „BenUri" feierlicher öffnet. Der berühmte jüdische Maler und Bildhauer Leopold Pilichowsky, Präsident der Vereinigung „Ben Ilri", hielt eine Ansprache, in der er insbesondere die Teilnahme von Rabbinern an der Feier freudig begrüßte. Die Eröffnung einer Sammlung jüdischer Kunstwerke sei ein seltenes-Ereignis. Er selbst habe bisher nur dreimal, zum ersten Mal in Düsseldorf, zum zweiten Mal in Berlin und zum dritten Mal anläßlich der. großen Ausstellung jüdischer Kunstwerke und Altertümer in der Whitechapler Kunstgalerie im Jahre 1906, solchen Eröffnungsfeiern beigewohnt. Dayan Dr. Feldman gab dem Wunsche Ausdruck, die jüdische Kunstgalerie im jüdischen Asyl möge ein Asyl des jüdischen Geistes sein. Chacham Dr. Easter regte die Sammlung der illustrierten Titelblätter jüdischer Werke aus dem Mittelalter und ihre Einreihung in die Galerie an. Es sprachen noch der Bürgermeister von Stepney, Davis, Ernst Schiff, Otto Schiff, Edward Good und Frau Israel Zangwill, die der Hoffnungauf das Zustandekommen einer interterritorialen Ausstellung jüdischer Kunstwerke Ausdruck gab. Eine solche Ausstellung würde wesentlich zur Erkenntnis der Elemente jüdischen Kunstschaffens beittagen. (Schlachthofbctrieb.) Folgender Fall mag zur Charakterisierung der Parteien beitragen, die den Schächtschnitt bekämpfen und einen Antrag auf sein Verbot in fast jeder Stadtverordneten-, Landtags- oder Reichstags- Sitzung Vorbringen. In einem Schlachthof der Hiesiglen Gegend soll ein Kalb geschlachtet werden; der betreffende Geselle schlug vielleicht zwei bis dreimal auf den Kops des Tieres, um es dann in diesem gestreckten Zustande aus die Schlachtbapk zu legen; hier dauerte es eine geraume Zeit, bis er ein Messer zur Hand nahm, um zur Blutentziehung zu schreiten;—— — er hatte dem Tiere.'kaum den Hals geöffnet, als er auch schon daran ging, den .Kopf auszuschlachten und ihn vom Rumpf zu trennen, während das geschlachtete Tier nun zappelnd „ohne Kopf" auf der Bank lüg; dieser Anblick erregte sogar bei den anwesenden Fleischern Grauen, dem sie auch Ausdruck gaben. ... Hier wäre eine Arbeit für Tierschutzverbände und Vereine, sich dafür einzusetzen, daß derartige Machinationen verboten werden., Fleischermeister, Gesellen und Händler, die sich derartiges zu.schulden kommen lassen, müßten für eine bestimmte Zeit von der Arbeit auf Schlachthöfen ausgeschlossen werden. .-v.*:. Vielleicht kümmern sich die Herren Nationalsozialisten 'um.;'diese.Vorkommnisse, deren Urheber zum., großen Teil in ihren eigenen Reihen zu suchen sind. Kantor Erich Eohen, Leobschitz O.-S. v.