Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 3 (15.1.1931)
- Date
- 1931-01-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 3 Der I s r.a e l i t 15. Januar 1931 die an die zuständigen Stellen gesandt wird: „Der Allgemeine Rabbinerverband in Deutschland erklärt zu der Frage der Kalenderresorm: Wir begreifen das Interesse weitester Krelse an einer Kalenderresorm. Wir sehen uns aber genötigt, mit allem Nachdruck Einspruch zu erheben gegen solche Reformoorschläge, die durch die Einsetzung eines Blankotages Geltung und Heilighaltung des Sabbats aufs schwerste gefährden. Wir weisen darauf hin, daß es Vorschläge gibt, die diese Gefahr vermeiden und zwar durch Einführung einer Schaltwoche. Es wäre wünschenswert, dieser Schallwoche den Charakter einer „Weltfriedenswoche" zu geben.. An die Landesverbände soll das. Ersuchen gerichtet werden, Rabbiner in Städten mit Universitäten und anderen Hochschulen mit den Pflichten eines Studentenrabbiners zu betrauen. Oesterreich. Die Vertreter der Wiener Orthodoxie am Scheidewege. Wien, 8. Jan. Es ist nicht zu leugnen, wir durchleben hier in Wien schwere wirtschaftliche Zeilen, doch bei dem so ausge^ prägten Gemeinschaftssinn der Wiener Judenheit, ihrer großen Intelligenz unternimmt sie von Zeit zu Zeit einen Fluchtversuch aus den Sorgen des Alltags und macht einen Ausflug , ins Geistig-Seelische. Ihr besonderes Talent zum Ahnenkult bemerkt bei diesem Spaziergang ins Geistige, wie weit wir uns vom gepriesenen Einst befinden. Jahrzehnte hindurch betrachtete man die Kultusgemeinde als' schlafenden Riesen, den niemand, zu wecken versucht, die Kultusgemeinde vertrat die Judenheit nach außen hin bei feierlichen Anlässen, protestierte gegen Pogrome, ließ fleißig Kultussteuer eintreiben, der orthodoxe Jude erblickte in ihr nicht mehr und nicht weniger als das Erperimentier-Laboratorium fragmentarischer Resormbestrebungen. Mit einem skeptischen Lächeln dachte er an seine Kultusgemeinde und stand ihr teilnahmslos ohne jedweden Groll im Herzen zu hegen, gegenüber. Seine religiösen Bedürfnisse fand er in der Schiffschul, der Adas Jisrosl, befriedigt. Die Schiffschul hatte selbständig unter zähem Kampfe alle Institutionen geschaffen, die eine orthodox-jüdische Kehilla benötigt, Schechitah, Fleischbänke, Mayas, Jesod-Hathora und insbesonders hatte sie einen hervorragenden Rabbiner und Führer. Wer wahrhaft Jüdisches benötigte, kam zur Schiff, schul. So galt es Jahrzehnte hindurch als unumstößlicher Grundsatz, im Kultusvorstande hat kein Orthodoxer was zu tun, denn wirken kann man nicht und den Schein der Verantwortung für die dort herrschenden desolaten Verhältnisse auf religiösem Gebiete, dieses Odium der Mitverantwortung durfte man nicht auf sich nehmen. Die idyllische Ruhe der Kultusgemeinde vermochten selbst die schärfsten kritischen Erörterungen über die tieftraurigen Wiener religiösen Verhältnisse nicht zu stören. Das war so bis zum Umsturz. Nach dem Kriege traten Parteien auf im Kampfe um die Kultusstube. Da waren einige Herren, die damals führende Stellen in der Schiffschul inne hatten, der Meinung, es sei an der Zeit, daß auch die Orthodoxie sich in der- Kultusgemeinde vernehmbar machen müsse. Insbesondere, wo doch die breiten Massen der wahrhaft frommen Juden aus dem Osten auch religiöse Institutionen der Adas Jisroel als die einzig verläßlichen stark in Anspruch nahmen, sahen sich die Vertreter der Orthodoxie zu diesem Schritte veranlaßt. Die alten Getreuen, welche die erprobten Grundsätze nicht ausgeben wollten, wurden nur dadurch still gemacht, daß ihnen versichert wurde, daß die orthodoxen Vertreter bloß polit sche Verwaltungsfragen und Fürforgrangelegenheiten behandeln werden. In religiösen Belangen muß selbstverständlich der alte Grundsatz unverändert und fest eingehalten werden. Die religiösen Angelegenheiten, wie Schechitah, Rabbinat und Lehrkörper gehen die orthodoxen Vertreter nichts an. Ms die orthodoxen Vertreter in den Vorstand der Kultusgemeinde eingetreten waren, arbeiteten sie Jahre hindurch konform mit der Majorität. Sie erwarben sich durch ihre Kenntnisse die höchste Achtung ihrer Vorstandskollegen. In den zehn Jahren ihrer Wirksamkeit haben sich leider ihre Erwartungen nicht erfüllt und haben sie für die eigene Organisation nicht den ge; ringsten Vorteil verschafft. Zur Illustration ihres Mißerfolges möge folgender Tatbestand dienen. Einmal wagten sie ihre Mimmalforderungen in einem Antrag dem Vorstande zu Kenntnis zu bringen, er wurde erstaunt angehört. Aber zur Beratung desselben kam es nie. Es besagt: „Lange zvird neues Geschirr noch danach-riechen, waren keine revolutionären Forderungen, die etwa die Einheit der Gemeinde hätten erschüttern können, vielmehr Selbstverständlichkeiten, die aus Gerechtigkeit - gegen dis Orthodoxie hätten erfüllt werden müssen. Man wagte es zu verlangen, daß das Besdin der Adas Jisroel das Recht von Gittin uns Chalizah erhalle, damit jene Or-, thodoren, welche die diesbezüglichen Entscheidungen des Kultusgemeinde-Rabbinates nicht anerkennen können, nicht gezwungen seien in solchen Fällen nach auswärts (z. B. Stuttgart. Die Landesverbände der süddeutschen Länder Bayern, Württemberg, Baden- Pfalz und Hessen veranstalten seit Jahren^ wissenschaftliche Fortbildungskurse für ihre Rabbiner. Die diesjährige Tagung fand in Stuttgart statt und war vom Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs vorbereitet worden. Der größere Teil der Rabbiner Süddeutschlands, darunter sämtliche württembergische Rabbiner, hatten sich aus der Tagung eingesunden. Konstanz. Infolge eines Gastspieles der „Habirna" am hiesigen Stadttheater wurden von Deutschnationalen und Deutschvölkischen in Presse und Versammlung scharfe Proteste gegen die „Einfuhr rassenfremder Kunst und Kultur" erhoben, Der Direktor des Stadttheaters setzte sich kräftig zur Wehr und ist entschlössen, das Gastspiel unter allen Umständen durchzuführen. Men. Im Streite um den Remarque-Film würden von den Hakenkreuzlern so schwere Drohungen gegen die Juden in der Leopoldstadt ausgenstoßen, daß die Judenbezirke unter besonderen Polizeischutz gestellt werden muß? ten. Obwohl, nunmehr der. Film verboten ist, wurden die Polizeiwachen noch nicht zurückgezogen. Budapest. Der Budget-Vorschlag der Budapester Neologengemeinde für 1931 bälanziert mit der Summe von 4*4 Millionen Pengö (über 3 Millionen Mark). London. Der bekannte Zionistenführer und Schriftsteller Nahum S o k o l o w, Präsident der Exekutive der zionistischen Weltorganisation, vollendet am 23. Januar sein 70. Lebensjahr.— Mod) dem soeben bekanntgegebenen Testamente Lueien Wolfs hat er feine wertvolle jüdische Bibliothek und diverse Aufzeichnungen, darunter das Tagebuch über feine anläßlich der Friedenskonferenz'im Jahre 1919 mit verschiedenen Staaten geführten Verhandlungen zum Zwecke der Durchsetzung von Minderh.eitsrechten für die Juden der Jüdischen Historischen Gesellschaft in England, deren Präsident er war, hinterlassen. — Nach längerer Krankheit ist der Führer der Mohammedaner Indiens, Mau - lana Mohamed Ali, im Alter von 53 Jahren in London gestorben. Er war der Gründer der altindischen Möhammedanerliga und hat in der sogenannten Kalifatsbewegung in Indien eine hervorragend? Rolle gespielt. Nach den Unruhen in Palästina war Mohammed Ali einer der Führer der antizionistischen Bewegung unter den Mohammedanern.. Newyörk. Das jüdische Mitglied des amerikanischen Repräsentantenhauses, Dick ft ein, - hat im Kongreß der Vereinigten Staaten die Frage der englischen Palästina-Politik zur Sprache gebracht und eine diplomatische Intervention der Vereinigten Staaten wegen der Herausgabe des Weißbuches, dessen Inhalt einen Vertrauensbruch gegenüber den Juden darstelle, gefordert. nach Mattersburg) zu gehen. Die geduldigen Vertreter der Orthodoxie warteten nur und leisteten weiter der herrschenden Mehrheit Liebesdienste und die noch geduldigeren orthodoxen Massen ließen sich so schön Hinhalten. Es kam ein kritischer Wendepunkt und es kamen viel Fragen auf die Tagesordnung, die zu einer klaren Stellungnahme zwangen. Es sollen Rabbi.^erstellen besetzt werden. Einige maßgebende Herren der Majorität haben das Bestreben, Persönlichkeiten an diese Stelle zu berufen, deren Ent; wicklung und Betätigung , dem Geiste des überlieferten Judentums nicht ganz ferne stehen und von denen sie erwarten, daß sie die kranken religiösen Verhältnisse der Wiener Kultusgemeinde, wenn auch nicht hellen, so doch wenigstens Besserung bringen. Doch scheinen diese Herren an den Satz aus Horaz vergessen zu haben, der womit man es zuerst füllte." Man. will sich dies nicht eingestehen, daß dies an sich eben ein Ding der Unmöglichkeit ist. Denn ein Rabbinat, mag es noch so religiös eingestellt sein, wenn es aber einem Vorstände untersteht, dessen Mitglieder zu achtzig Prozent Mechalele-SchabbvH dessen Großteil sich über Kaschrus hinwegsetzen, kann und wird von orthodoxen Juden nicht anerkannt werden. In dieser widerspruchsvollen Situation befinden sich die Herren Orthodoxen im Kultusvorstand. Das beliebte Mittel der Abstinenz bei kritischen Abstimmungen kann nicht genügen. Sie haben die sittliche Pflicht, den Kandidaten. mit voller Offenheit die Lage darzustellen, insbesondere, da es sich um Männer handelt, die eine verdienstvolle Vergangenheit für die Orthodoxie haben. Sie müssen ihnen sägen, wir fürchten die Danaer, auch wenn sie schenken. Es ist an der Zeit, daß die Herren so viel Mut aufbringen, und es aussprechen, daß kein wahrhafter Jehudi die Verantwortung für die religiösen Institutionen der; Kultusgemeinde zu tragen vermag. Es wäre hoch an der Zeit, die öffentliche Stimmung zu erkunden, denn es ist sehr fraglich, ob das Ansehen der bisherigen orthodoxen Vertreter nicht zu sehr gelitten, hat. Werden die Herren den; Mut ausbrrngen und weiter im Vorstande verbleiben? Werden die Herren, die für die Adas Jisröel-Schiffschul das Wort führen, den Mut und die Kraft besitzen, ihre Vertreter an ihre Pflicht zu mahnen? Die Wiener Orthodoxie hat durch ihre Opferbereitschaft und durch ihre Energie es verdient, daß ihre Führer ihr Rechenschaft ablegen. Sie ist fest entschlossen, ihr heiliges Erbe zu verteidigen, um es unversehrt ihren. Kindern weiter zu geben. Sie ist es dem Andenken ihres großen Gründers schuldig. Mögen sie es wissen: der Geist Rabbiner Salomon Spitzers s.A. ist lebendiger als je. (Unsere eigene Stellungnahme behalten wir uns vor. Red.) Angae«. Die ungarische Regierung erlaubt nicht die Bildung von israelitischen Status quo- Gemeinden. Budapest, 9. Jan. Vor einiger Zeit wurde im Kultusministerium ein Gesuch um Genehmigung zur Gründung einer israelitischen Status qu o - Gl aub ens g ern e ind e in Budapest eingereicht. Nun ist. an den hauptstädtischen Magistrat der Bescheid des Kultusministers herabgelangt, der die G e n e h m i g u n g v e r w e i g e r t. In der Motivierung des ministeriellen Bescheides ist folgendes zu lesen: Da die Pester israelitische Kongreßgemeinde und die Budapester israelitische orthodoxe Gemeinde durch den Unterhalt gemeinnütziger Institutionen, darunter hauptsächlich ausgezeichnet eingerichteter Schulen und Wohltäligkeilsanstallen eine segensreiche und patriotische Sendung erfüllen, und es mithin nicht nur ein konfessionelles, sondern auch ein kommunales und sogar Landesinteresse ist, daß diese Glaubensgemeinden nicht durch Absonderungsbestrebungen in ihrer materiellen .Leistungsfähigkeit und Entwicklung gehemmt werden, mache ich mir .den Vorschlag des Verwaltungsausschusses zu eigen, der die:, Abweisung des Gesuches um Gründung einer israelitischen Status quo-Gemeinde beantragt. Die Gewissensfreiheit und die freie Religionsübung wünsche ich nicht im mindesten einzuengen, doch stelle ich einerseits , fest, daß die auf dem Gebiete der Hauptstadt bereits bestehenden Institutionen und E'tteshäuser . der Glaubensgememden zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse aller Schattierungen Gelegenheit bieten/andererseits aber es nicht als Hemmung der -freien Religionsübung betrachtet werden kann, wenn einer kleinen Gruppe nicht die Möglichkeit geboten wird, überflüssigerweise eine neue Religiönsgemeinde ins Leben zu rufen, und dadurch den Fortbestand bereits bestehender Religionsgemeinden im Konkurrenzwege zu gefährden. (I. T. A.) Polen. Vandalismus und HeiliglumsschLnhung. Warschau, 12. Jan. . Auf. der Plenarsitzung -des A. C. der polnischen Rebbes, die hier am Di,ennstag eröffnet wurde und an derapch viele Rabbiner und politische Führer der Orthodoxie teilnahmen, wurde zunächst über die Verordnung des Kultusministeriums betreffend die. Stellung her Rabbiner und die Kehill «wählen verhandelt. Eine erschütternde Unterbrechung erfuhren die Beta-