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Der Israelit · 1931-01-15 · Heft 3 (15.1.1931) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 3 (15.1.1931)
Date
1931-01-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Rr. 3 dem berühmten Gavn-, dem Lemberger Oberrabbiner Rabbi Josef Saul Nathanson Var der ihn auch in seinen Responfen 2^21 gelegentlich cmführt. Aus dieser Zeit stammen auch einige Bemerkungen des Rabbi DaM Tewele Katzenellenbogen zum Talmud Jerufchalmi, die in der Krotofchiner Ausgabe dieses Talmuds gedruckt sind. Als Zwanzigjähriger wurde er zum Rabbiner in Wirrballen (Gouvern. Sumalk) ernannt. Später wurde er nach Suwalk selbst'' berufen, welche Stadt von jeher schon Sitz großer talmudischer Kapazitäten, wie Rabbi Ajsik Chower (Pundik), Pcrbbi Jechiel Heller, R. Leiser Simcha Rabbinowitz (Kalwarver), R. Hillel Lipschitz, R. Schmuel Mohliwer gewesen ist. Als im Jahre 1907 beschlossen wurde, den seit 10 Jahren vakanten Posten des Oberrabbiners in Petersburg zu besetzen — und der Schreiber dieser Zeilen mit der Wahl des entsprechenden. Mannes beauftragt wurde — kam, nachl einer Reise durch Litauen und Polen!, nur R. David Tewele Katzenellenbogen in Frage. So verwirklichte sich-die Voraussage des berühmten Zadik Rabbi Israel Salanter Er wurde Oberrabbiner der^ Hauptstadt des großen russischen Reiches und blieb treu auf feinem Posten bis zu seinem Tode. Ueberall, wo er amtierte, entfaltete er eine segensreiche Tätigkeit und wirkte nnmn pp nann1?- Besonders aber sei diese Tätigkeit in Petersburg selbst hervorzuheben, da der Kreis seines Schaffens hier sehr ausgedehnt war. Dank seiner Imnative wurden viele Synagogen und D'Wttö ma und anschließend „Chadorim" gegründet. Dadurch wurde das religiöse Leben der Gemeinde sehr gehoben und kam durch den erlauchten Führer in großen Aufschwung. Seine hohen menschlichen Qualitäten, Takt und Klugheit erwarben ihm die Anerkennung der rhöheren Behörden sogar während der zaristischen Regierung. Vieles hat er erreicht, da man gefühlt hat, daß alles, was er tat, D’aw llnb geschah. Im Jahre 1909 gelang es, die Erlaubnis, der Regierung zu einer Konferenz der Rabbiner in Wilna zu erreichen, nur weil Rabbi D. T. Katzenellenbogen den Vorsitz übernahm. Als seinerzeit in Finnland von der zaristischen Regierung ein Schächtverbot als „kaiserlicher Befehl" ausgegangen ist, gelang es nur feinem persönlichen Emwirken auf die General-Gouverneure v. Beckmann und seinen Nachfolger v. Sejn, dieses Verbot aufzuheben. Der kaiserliche Befehl lautete zwar for-- mell, daß die Verordnung aufrecht erhalten! bwibty aber sie erlaubte das Schächten unter gewissen Regeln; diese Regeln aber waren genau mit der entsprechenden Stelle im Rambam übereinstimmend. ' Besondrere Tätigkeit entwiickelte er während des Weltkrieges. Er stand zusammen mit Rabbi Chaim Oser Grodzenski, dem Lubawitscher Rabbi R. Schalom Bär Schn-eersohn und dessen Sohn, ldem jetzigen Lübawitscher-Rabbi, Rabbiner R. Jfäak Rubinstein, Rabbiner Dr. Eisenstadt, Schreiber dieser Zeilen u. a. an der Spitze des Komitees zur Versorgung der jüdischen Soldaten im russischen Heere m-it-Mazzah und Koscherprodukten. Es handelte, sich da um die beträchtliche Zahl von einer halben Million jüdischer Soldaten. . Auch gelang es ihm, zusammen mit dem Schreiber dieser Zeilen ca. 5000 Rabbiner während des Weltkrieges von der Militärpflicht freizusprechen. Dies war eine besonders schwierige Aufgabe, aus dem Grunde, weil die Regierung, die auch die Geistlichen anderer Konfessionen sonst freisprach, bei den Juden nur die Krönrabbkner anerkannte und /von der gangen Phalanx der wirklichen Rabbiner nichts wissen wollte. Dazu kam noch, daß in einer kurzen Zeit vier Innenminister nacheinander wechselten und man mit einem jeden von neuem verhandeln mußte. Semem Ansehen bei der. Regierung war es auch zu verdanken, daß durch feine Vermittlung viele Juden, die wegen angeblichen Verrats und Spionagebefchuldigungen unter Anklage standen, vom Tode und vor Ver¬ De.r Israelit 15. Januar 1931 schickung nach Sibirien gerettet worden sind. Sein Haus und feist Tisch standen allen frei, und dem Axmen . und Bedürftigen fehlte es nie an kräftigen Worten dies Trostes Md einer materiellen Hilfe. Wo es zu helfen galt, scheute'fr nicht, den letzten Rubel aus seiner Tasche zu ziehen. Ich kann nicht umhin, einkleines Beispiel seiner großen Herzensgute und Hilfsbereitschaft hier zu bringen. Als im Jahre 1918 die Rot in Rußland sehr groß wurde und es an Lebensmitteln und'Holz fehlte, hat der gütige Mann eines Tages drei Säcke Holz auf den Rücken seiner Kinder, von denen eines jetzt vor Beendigung der Studien auf dem Berliner Rabbinerseminar steht, geladen und dem Schreiber dieser Zeilen ins Haus geschickt. Als kleines Muster seiner hervorragenden talmudischen Kenntnisse und seines Scharfsinns feien hier erwähnt feine zwei Werke: „Maajan me nefloach" (Novellen zum Talmudtraktat Jewamot, Leningrad, 1923), welches viel in den litauischen Jefchibot studiert wird und „Diwrei David", Homilien (Wilna, 1928). Seine Bücher hat er jedem, der es verlangte, unentgeltlich zugesandt. Rach seinem segensreichen, tätigen Leben war sein Alter nicht ungetrübt. Er und seine Familie waren in den letzten Jahren großer Rot ausgesetzt. Trotzdem aber hat dieser edle Mann und gewisfeyhyfte Führer , fein Amt unddie Stadt nicht verlassen rma 'am iay! Möge das leuchtende Vorbild dieses Gavn und Zaddtk als Mahnung der künftigen Generation dienen! nrh? p' irron schriften unserer Altvorderen, selbst insoweit wir unser Bewußtsein gegen die Folgen chxer Ueber- ' tretung gestumpft zu haben' glauben/ mit der gleichen Treue und ohne Schere vor den Hohngesprächen/eMr wrderspMchsvollen Zeit befolgen/ Denn eine jüdische SöW muß rein Hn Mills' Innerste, damit sie dereinst dem Astblicke öer: itrw rein entgegenreisen kann. Eine neue „Sitten" - Ordnung zieht vom. roten Osten heraus und bedroht das Familienleben Europas mit Gefahren, /gegen: die unsere jetzigen Sabbatnöte ''verblassen. Glaubt man etwa, die heuchlerische Aufschrift „ F a m i l i e n b a d " seid geeignet, eine Generation aufzuzüchten, die dem Ansturm einer' f a m i l i e n l e b e n f e i n d l i ch e n Schemkuliur standhält? Gemütliichkeitsausdrücke. aus der guten alten Biedermeierzeit können heute nur Verwirrung anrichten. Rüsten wir uns lieber dar-- auf, daß es bald hart , auf hart geht, —/wenn schon nicht in der Poliitik, denn, kannegießern! wollen wir nicht, aber sicher ist''der Kultur. DeO Jüdin der Gegenwart wmtfr 'eme Weltaufgabe; Sie kann mit streitbar festgehalt-enem Zniuth die Welt vordem Zusammenbruch desjenigen bewahren, das alle Kultur stützt:, dem natürlichen Familiensinn, der Scham und der Ehre. Aufs Neue erklingt der aiin-Ruf unseres überragendep Meisters: Jungfrauen in Israel! Rach dem Wurfe des Jahrhundert- 'vermögÄ-Hr' vtel.!'^-- Ein Mahnruf. Von V. C. Wenn vor vierzig Jahren die neutestamentliche Redeweise „Dem Reinen ist alles rein" bis in unseren Kreis drang, — wenn sie damals den Fernerstehenden einen Scheindispens vom ganzen RiMalgesetz gab, einigen Gesetzestreuen aber ein solches von/ Zinuth, — wenn insbesondere letzteres damals oft auch .unter dem Wahlspruch „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß" selbst in unseren Familien verlacht wurde, — dann durfte man diesen armseligen Hochmut dem Ungeiste der damaligen Zeit zugutehatten, die nur das gelten ließ, was im Bewußtsein lebt und ein unterbewußtes Seelenlebennicht kannte oder kennen wollte. Wir -aber leben im Zeitalter der Psychoanalyse. Die geheimsten, von ihrem Träger selber nicht geahnten Schliche und Gänge des Innenlebens sind freigelegt. Und in einer solchen Zeit wollen viele nicht mehr oder noch nicht begreifen, d-aß Dinge,, die von jüdischer Sitte verboten;sind, es auch,bleib,en Müssest^ menst ihre nachteilige Wirkung niemandem zum Bewußtsein kommt. ' Selbst wenn es wahr wäre (•?), haß die Eindrücke, die Familie-nbad und' Frauenmdde Hervorrufen; niemanden zu ihm selber merklichen sündhaften Gedanken führen, muß ein Jude/der die Gesetze des Schöpfers auch sonst befolgt undin'ihnen geossenbarte Geheimnisse der G'titeswett verehrt, diese Ausschreitung gegen die ewigen Zniuthgesetze mißbilligen. Wie mag eine Jüdin, die dem Gebrauche unserer Äh'ninnen treu ihr Haupthaar verhüllt, dessen Animct doch gewiß niemanden bewußt beeinflußt, der Unsitte des Familienbades und der heutigen Mode folgen! Ist es nicht ein doppelter Widerspruch? Und ist es nicht schonansich unlogisch, daß man zugleich auf die Analyse der dunkelsten Urgründe unbewußten Seelenlebens schwört und dabei Schuld auf sich lädt, indem man ben Seelenkern des Mitmenschen verletzt, den Kern, der keine Gewöhnung und Stumpfüng kennt. Aerzten, Frauen undvor allem den immer zeitgemäßen^ Juste-milieu-Rabbinern unseres psychoanalytischen Zeitalters ser diese Frage vorgelegü i Wir wissen., ja auch niemals, welches die Absicht der ritualen Speife-und Kleidungsg-efetze betreffs der Wirkung auf unser Seelenleben ist und befolgensie doch unter größten Opfern. Daher sollten wir auch die Zniuthvoriionespsnaenreu * NrcdNcdte«. Deyksches Reich. Die Wahl als Warnung. Berlin,?. Jan. Dr. Nathan Birnbaum veröffentlicht in der neuestem Nummer seines Organes „Der Aufstieg" folgende Betrachtung zum Wahlergebnis: In Berlin fanden Wahlen in die Repräsentanten-- Versammlung der Jüdischen Gemeinde statt. Von ungefähr 130.000 Wählern wählten über 77.000. Es erhielten die Liberalen beinahe 42.000 Stimmen und 24 Mandate, dir Volkspartei (Zionisten) 25.000 Stimmen: und 14 Mandate, die Mittelpartei, die überparteiliche Gruppe und die Poale Zion je ein Mandat. Die konservative. Partei, deren Spitzenkandidat ich war, blieb-, ohne Mandat. Kein Zweifel, daß ein solches Wahlergebnis in der' größten jüdischen Gemeinde Deutschlands zu Erklärungen: und Betrachtungen hUausfordert..- Dabei-. ist. füruns der,, stampf zwischen. Liberalen, u)sd, Ziomsteq, von /, geringer Pedeutung.. Ihn entschied, offenbar' der^ Umstand, daß die Liberalen, 'die sich bei der vorletztemWahl von, den -Ziomstch hatten überrumpeln . lassen, ^ausende^. und . Aber-s:^ tauseüde der damaligen.'^ahlfaülen,^für! .siih, zur Wähl-/: Urne. bringey.i,unü..so., die .Zwnishn, .hie .selbst guch um , . .ProzeM.'<stimmepH.-nMr.;(pls :ber .der. letzten Wahl zusammenscharrten, wert überflügeln konnten. Für uns ist nur von Bedeutung, daß wir einen richtigen Blick für den Umfang und die Ursachen der Niederlage gewinnen, die gerade die konservative Partei erlitt. Schon die nackten Ziffern zeigen uns ein erschreckendes' Miß- , Verhältnis: Unter 77.000 Wählern und gegenüber 42.000 Liberalen und 25.000 Zionisten bloß 1400 Konservatwe! Aber der peinliche Eindruck verschärft sich noch, wenn wir uns erinnern, daß jq; die Parteilosungen der anderen für, uns eigentlich quantrie^nsgiigeable find, baß wit anders ' zählen müssen,' als man es ' bei d,er Auszählung tat — nicht nM den Listennummern der/Parteien, sondern nach der Stellung zum asten überlieferten Judentum: Wir sehen uns dänn mit unseren. 1400- Mannen einer der lleberlieferungnicht mehr treüen -EbcheitsMvl yon über . . 75.000 gegenüber.- Wohl haben wir dabei mehrere tausend' konservative:- MitlWfer. der Volkspartei in diese Front ein-; bezogen. Allein das 'ist ja das Ungeheuerliche, bäß " wir/ M:d'oMMbW^enNMfsÄ(l Mil' sie^sich eben-- selbstetüK*-- bezogen haben. Das ist ja die Tragik, daß -die paar tausend Ueberlieferungstreuen/ die in der großen Berliner ■ jüdischen Gemeinde übriggeblieben sind, nicht beisammen

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