Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1931)
- Date
- 1931-01-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Meikemeiers^ Weg zum Kreml. Die Geschichte eines INenfchenfchicksals und einer : Zeitepoche.! " ' Von S. Jzchäki. . ' - . Eortsetzung). Das große WM führte in dieser Biltmngsstätte R i j f t m Beer, ein langer, hagerer, nicht zu junger Mann mit asketischem Gesichte, bis zum Nacken Herübwallenden krausen Haaren und fanatischen kurzsichtigen Augen im Schatten schwarzer Brauen. Dieser Nissim Beer war der typische Jeschiwaflüchtling, der mit glühendem 'Haß alles verfolgte/ was früher den Jnhalt/Und die LiM feines Lebens ausmachte. Weil er üb^r die Heiligtümer seiner Vergärigenheit nicht hinwegkonnte, weil er sie nicht einfach als Ballast abwerfen konnte, ohne sich selber über Bord zu werfen, mußte, er sich mit ihnenauseinandersetzen. Und die „FeMdschaft" gegen die alte Lehre war vielleicht nur eine andere Form der Liebe und des inneren Verbundenseins. Damals, bei der Auswirkung der nachmendelsfohnschen Aüfklärungswelle im Osten, war dort diese Sorte von liebhassender Jugendwohl bekannt. In Kowns-Slabodko war Nissim Beer der Führer derer, die sich offen oder im geheimen zu diesem Kreise zählten. Es waren fürwahr keine Himmelstürmer und Weltumwälzer, aber kühn war oft ihre Sprache, und der Zweifelswurm nagte am alten Glaubensbaum, mehr am Holze als an der Wurzel. Nissim Beer war ein Universalgeist. Und zu erzählen, zu schildern, wußte er, wie keiner voll all den Menschen, die Meikemeier bis jetzt in den Weg gekommen waren. Er sprach über alles, über Himmel und Erde, über G'tt, Mensch Und Welt. Die Webersche Weltgeschichte in der poetischen Uebersetzung von Kalman Schulmann hatte er mit allen Zahlen, Daten und Namen im Kopfe. Die Namen der Sterne und der Götter der griechischen Mythologie beherrschte er, als gehörten sie zu seiner Sippe. Die französischen Romane, soweit sie in hebräischer Sprache zu lesen waren, hatte er ebenfalls allesamt in sich ausgenommen. Er kannte eine Menge mathematischer Regeln, ^lateinischer Vokabeln undsogar: das griechische .. Alphäbe^,obwohl er. nie -in seinem Leben eine .Schulbank gesehen hatte. Klar,' daß er. ein genia- , .se,r.!^chflchspieler wM Die? Bibel beherrschte er ' sashnWwendig?! Dyn Talmud'und talMudischer Literatur-.war,von:der,-.ersten Jugendzeit in ihm . -gerade/sp viel haften, geblieben, als nhtig war, die „Weltffemdheit" und .„Buchweisheit" dieser. Literatur mit der Lauge seines Spottes zu begießen. Der zionsfreundlichen Bewegung stand er skeptisch entgegen. Er war darüber hinaus, er hatte Welt träume, in deren Rahmen sich der . -spezielle. Jakobstraum nicht einreihen konnte. Er hätte KM Marx, Lassalle und viele andere gelesen und war ■ ein glühender Verehrer von August Bebel und Liebknecht, über deren Auftreten im Deutschen Reichstag damals.die hebräischen Zeitungen ebenso lange Berichte brachten wie andere / Blätter. Hier tat sich Meikemeier eine ungekannte . Whlt aus, in die ganz einzutreten er noch zögerte. Er blieb an der Türe und schaute vorsichtig hiM / Was ihm. schon an der . Schwelle den. Weg dperspeMe, das war das kleine Schächterhäuscheu /MBürki, die Gemoro, die Jeschiwa, das Messilas Jeschorim, die - tieffchauenden Augen «Babbj Noachs . -v;* . -,'j -iii,. 'IlfHO; j, , Oft-aber>. iwenn Nissim»•. Beer ■ m einnehmsnt der, warmer und werbender Sprache vorden jungen Kausleuten, Handwerkern und Jüngern, ■- - die sein,aufmerksames Auditorium bildtteu, bie große Weltpläne'.entwickelten, das Reich der Zukunft zeigte/ mite i n e' r Handbewegung Kapital, Eigentum und Herrenrecht aufhob und mit der anderen Hand die produktiv Arbeitenden mit tollkühnem Schwünge gang hoch an die Spitze hob, so daß in der Mitte die „Bourgeoisie", ganz in sich zusammenschrumpfte, wenn dabei' Worte wie „Recht und Freiheit", „Üngebundenheit des Geistes", „Adel der Gesinnung", „Erhebung der Seele" und ähnliche Kraftwendungen wie leuchtende Raketen ausstiegen und perlend zerstoben, dann -war es Meikemeier ganz eigenzu Mute. Es schien ihm, als seien die Gegensätze zwischen Jeschiwa und Mussar auf der einen und dem Hinterhäuschen des Eisenkrämers auf der anderen Seite weggefegt, als stände das alles in irgend einer Form auch schon in Bibel, Talmud und „Messilas Jeschorim", seiner Lieblingslektüre in der Mussarschule. Sodann aber starrte ihn doch wiederum das Fremdartige der Nissim Beer'schen Letzte so grinsend an, daß er Len Schritt in die neue Welt doch nicht wagte. Meikemeier las aber die neuen Bücher, die er in die Hand bekam. Nicht alles konnte er in der mit /deutschen Ausdrücken' und Fremdwörtern vollgespickten hebräischen Uebersetzung gleich kapieren. Nissim Beer wußte zwar alles, aber was Spinozas'schen „Pantheismus" vom „G'tt in di«r und G'tt überall!", wie man ihn im Ched-er erfaßt hatte, unterscheidet, konnte auch er nicht befriedigend' erklären. Warum man deswegen den Gang der Geschichte „materialistisch", d. h., wie Nissim Beer sagte, „ohne Wunder und Wunderglaube" deuten muß, war schon gar nicht zu verstehen. Ist G'tt in uns, um uns, in jeder Aeußerung unseres Lebens, warum nicht erst recht in den, geschichtlichen Zusammenhängen? Können sich Glieder einer Kette von selbst ineinander finden? Es muß doch Jemand geben, der sie ineinander recht! Und der war G'tt, das war das Wunder . . . Soviel verstand schon der grübelnde und .fabulierende Sechs¬ oder Siebzehnjährige. Dieses Wissen stand» für chn abgeschlossen, als sie, -achtjährige Kinder, im Eheder von" Weier ZiMMes das erste Buch der Thora zuende gelernt und dieses- Ereignis mit süßem Tee und mürbem Kuchen in unvergeßlicher Weife gefeiert hatten. . - Die Freiheit-, die Gerechtigkeit unddie Liebe, die in den neuen Schriften für den Arbeiter und dem Armen gefordert wurden, hatten eigentlich im- Boden der-neübn 'Lehren von G'tt- und -Welt keine rechte' Wutzel. Im Cheder, m der Jeschiwa, nn BeshaMiürasch? wuchsen und reiften diese Früchte so üppig und natürlich wie die Ziviebeln im Garten Seligs, des- Burkier MekäMed: Sichtbarlich-schießt, das grüne Röhr-ln die Höhe/ unten sitzt fest in der Erde. die Mutterzwiehel und treibt ihre Neugeborenen in die Sonne. Verlieren diese die Verbindung mit der Wurzel, verdorren und verfaulen sie. „G'tt ist und will die Lieb e, das Recht ist die Säule seines Thrones, die Wahrh'V-ii,3ft• --feilt--SiegeMld/''F-r.r-e^e ferst Name!" Das. genügt. -Woher aber Liebe, Gerechtigkeit, Freiheit und^Friede unter den Menschen-, wennnG'tt^die Geschichte nicht gemacht und das Leben nicht-gestaltend bestimmt hätte? : Der Kownoer Raw, der mit dem Jswostfchik> „Reb Beer"> wie mit einem leiblichen Bruder spricht Und zu den Hafenarbeitern hinuntersteigi, um ihre Not und Hoffnung zü Höven — wo hatte e r seinen Sozialismus her? Dieser siebte in ihm, daß er sich seinerMr nicht bewußt wurhe. Weil die Thora und der Talmud in ihm lebten, chieit G'tt in ihm wohnte. --// im.' Er las aber gierig „Das Kapital", die „KMk der politischen Oekonomie" und verstünd 'stöin GMgen nur so viel, daß kein Reicher Anrecht auf seinen Reichtum habe, daß er an seinem Gewinne. denjenigen beteiligen müsse, dessen Hände die Besitzvermehrung geschaffen haben. Das alles stand doch aber schon in Len alten Schriften; warum verstellte sich dann dieser Karl Marx und sagte.nicht — statt der vielen schweren fremden Worte: „Materialismus", „Bourgeoisie", „Internationale" — gleich und glatt: „G'tt hat's befohlen!" Wozu neue Gesetze, von Menschen gegeben, wenn doch die alten, von G'tt gegebenen noch bestehen und mehr besagen? Aber Meikemeier, der jetzt ins siebenzehnte Lebensjahr ging, der Junge mit den dünnen Kleidern und dem ewig hungrigen Magen, dem schlechten Schuhwerke, den nur fünf Kosttagen in der Woche und den zehn Kopeken in der Tasche, war — mit oder ohne Karl Marx — Anti - k a p it a l ist . . . Aber''waren die Propheten kapitalistisch; ist es der Talmud, der ganze Traktate den Pflichten des Besitzenden, dem Schutze des Arbeiters widmet? Hatte man den Arbeiter gedungen und mit ihm die Art der Verpflegung nicht genau ausgemacht, so müßte man ihm ein Festmahl bereiten wie das von König Salomo, stand in Mischna, in Gmoro, in Raschi und» Tossaftsten. Und Rabbi Chajim, der Jeschiwaleiter und Rabbi Roach, der Mussarlehrer, halten so vieles dazu zu sagen, um sich ergebende Widersprüche, zu Gunsten. des Arbeiters auszugleichen. Vom ethischen Kern dieses Lehrsatzes sprach man gar nicht. Er fiel nicht aus. Lehrstoff, aber kein Thema für die Mussarst u n d e. Der Mussar stand über dem formalen Rechte, er begann da,, wo selbstverständliche Pflicht aufhörte ... In den neuen Büchern, die ihm Nissim Beer in hebräischer Sprache zusührte, füllten Vorschriften und Bestimmungen, die jedem» Kinde aus dem Chumischcheder des Meier Zimmes geläufig wären, ganze Kapitel aus. Als müßten die Lehrsätze: „Uebervorteile deinen Nächsten nicht und beraube ihn nicht," „Behalte nicht den Lohn des Mietlings bei dir über Nacht" erst entdeckt und noch einmal unter Feuer und Donner verkündet werden! Kapital und Arbeit! Und dazwischen ein Bürgerstand, der zum Kapitale strebt, dem Kapital .lvebdienert, auf Kosten des Arbeiters. Und darunter ein vierter Stand, der nichts besitzt, von..seiner Hände Arbeit sich nicht ernähren kann oder wM. Was geMHt mit-diesem?....^ Wer nicht oder nicht mehr arbeiten kann, wird von der , tzeffentlichkeit, dem Staate, dem - d ie; großen Betriebe gehören oder .unterstehen, versorgt. Wer nichtmitschaffen w i l l, gehe zugrunde. /, - Kapital! Kluft, Kampf! - Bor MeikemeierL Seele trat ein Blld, hicht tzus /hen ^BüErn von Marx und Engels, auch nicht" aus Talmud oder „Mestilath Jeschorim". Boas, der reiche Grundherr, der „Kapitalist", grüßt die. Schnitter auf seinem Felde: „G'tt mit Euch!" Sie sagen: '„Es segne Dich G'tt!" Zwischen.,Kapital und Arbeit steht hier ein Höheres, steht G'tt. r Und eine Fre m d e kommt, eine Enterbte aus weiter Ferne, eine, vom „vierten Stande". Altes Erbrecht, alte Annehmerpflicht treten fast automatisch in Wirkung, verhelfen' ihr zu Erbe UNd/GlÜck /.'. / /,// . / 7; Was Agt Hart Marx, was sagt Nissim Beer dazu?'7 ' . , //" . „Was? . . ' / Z Hinter ihm stand Rabbi Noach, der allsehende MussMehrer. sah ihm mit großen Blicken v.oll Güte und Sorge so ckies in.die Augen, daß der WME SusamryeIchpgk. /'/ ,7. - / /„Was ist mff D^. BochM?"? Häst/Hu. Kummer/än d e r e Gedanken?" Fortsetzung folgt.)