Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1931)
- Date
- 1931-01-08
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 Nr. 2 Der Israelit 8. Januar 1931 Cine Veröffentlichung ans den Memoiren der Glücke! von Hameln vor 65 Zähren. Von Otto Neumann in Brrlin-Wilmersdorf. Vorstandsmitglied der Gesellschaft für jüdische Familiensorschung. (Fortsetzung.) In ihrem zwölften Lebensjahre ward sie Braut und in ihrem vierzehnten (1659) verheiratet mit einem Witwer Namens Chajim Hömel (aus Hameln, woher der Familienname Homel-Goldschmidt in Frankfurt von einem ihrer Söhne mit Namen Jsak, der in Frankfurt ansässig geworden). Tendlan berichtigt dies später dahin, daß der Stammvater der Familie Homel in Frankfurt (und Mainz?) nicht ein Sohn der Verfasserin, sondern deren Schwager sei, das vierte Kind ihres Schwiegervaters, den sie zwar, wie sie sagt, nicht persönlich gekannt habe, von dem sie aber, sie tituliert ihn „Mehurer", mit außerordentlicher Verehrung spricht. R. Jsac Homel, sagt sie, war eine neschamah tehorah, ein großer Lamdan, er ist nicht über fünfzig Jahre alt geworden, in Reichtum und Ehre und mit gutem Namen gestorben. (Feilchenfeld Seite 46) Ihr Schwiegervater hieß Joseph Homel, dessen Vater, Samuel Stockerl, Parnes in ganz Hessen gewesen. Ihre Schwiegermutter, mit Namen Freuden, war eine Tochter von Nathan Spanier aus Stathagen. Nachdem sie (Glücket) 1689 Witwe geworden, verheiratete sie sich 1693 zum zweitenmale mit einem Manne Namens Hirsch Levi in Metz, jedoch unglücklich. Daß die Verfasserin in dem Hause ihrer Eltern eine für damalige Zeit mehr als gewöhnliche Erziehung genossen hat, geht aus manchem hervor, was sie einleitend aus den früheren Ereignissen, ihrer Familie mitteilt. Nachdem die Großmutter, Mate, ihre Tochter Olk an Jakob Reh verheiratet hatte, war ihr wenig übrig geblieben, und sie sah sich genötigt, sich mit ihrer elfjährigen Tochter, der Mutter der Schreiberin, in das Haus Rehs zu begeben. Hier irrt Tendlau, be?.w. das ihm vorliegende Manuskript. Die Tochter Olk' war mit Elia Cohen in Altona verheiratet, mit Jakob Reh aber die ältere Tochter Glücke!. (Feilchenfeld S. 29—29 und Stammtafel A. Seite 326—327). Von Reh's (Feilchenfeld schreibt Ree) ging Mate zu Elia Cohen (Tochter Olk). Glückel sagt: „Es mag wohl etwas Widrig vorgefallen seien, wie es wohl bei Eltern und Kindern vorzukommen pflegt. Das elfjährige Mädchen (Bela, die Mutter Glückels) verstand die Kunst, Silber- und Goldspitzen zu klöppeln, so daß das junge Mädchen mit noch anderen Mädchen, denen es Unterricht erteilte, sich und die Mutter, wenn auch dürftig, so doch ehrlich und anständig nähren und kleiden konnte. (Bei Feilchenfeld sagt Glückel (Seite 29): Sie kam schließlich so weit, daß sie sich und ihre Mutter davon ernährt hat und sich auch hübsch und reinlich davon hat kleiden können. Aber sie haben nicht viel übrig gehabt, so daß meine liebe Mutter sich oft den ganzen Tag mit einem Stück Brot beholfen hat.) Bela heiratet später einen Witwer (Löb Pinkerle,. Bei Tendlau namentlich nicht genannt). Dieser hatte von seiner ersten Frau, Reize, eine Stieftochter, „die kein Gleichnis gehabt, sowohl an Schönheit als im Tun. Französisch hat sie wie Wasser gekonnt." Tendlau gibt jetzt die Geschichte wieder, die Feilchenfeld Seite 21—23 berichtet. Der Vater hatte auf ein Pfand 500 Reichstaler geliehen. Eines Tages erscheint der Darlehnsnehmer mit zwei Begleitern, um das Pfand einzulösen. Sie verständigen sich aber in französischer Sprache, dem Juden das Pfand zu entreißen und ohne Zahlung sich aus dem Staube zu machen. Die Tochter (Churga) Hort dies und kann ihren Vater rechtzeitig von der Absicht der Drei verständigen. Dies gibt Tendlau aber nicht, wie bisher, in erzählender Form wieder, sondern nach dem Wortlaut des Originals. Von der Verschiedenheit der Tendlauschen und Feilchenfeldschen Uebertragung hier eine Probe: Tendlau sagt: Als nun mein Vater s. A. mit dem Pfand gekommen, hebt sie hoch an zu singen: Bechajtti lo hamaschkon! hajom bekaan, machar wajivrach (Bei meinem Leben, kein Pfand! Heute hier, morgen läuft er davon). Sie hat nebich in der Hast nichts anderes herausbringen Können. Feilchenfeld dagegen: Als nun mein seliger Vater mit dem Pfand kam, fing sie laut auf hebräisch an zu singen: Um Ettes willen, nicht das Pfand, heute hier, morgen ist es entflohen. In der Hast konnte die Aermste nichts anderes herausbringen. Von der Stieftochter Churga wird noch gesagt, daß Pinkerle sie wie sein eignes Kind liebte und achtete. Sie verheiratete sich später mit dem Sohn des - R. Kalman in Aurich, starb aber im ersten Wochenbett. Nun folgt ein merkwürdiges Begebnis: „Einige Tage nun nach ihrem Begräbnis beraubte man sie und zog ihr die Tachrichim (Totengewänder) aus. Da kam sie zu Traum und offenbarte es. (F. sagt: da ist sie — jemand — im Traum erschienen). Man grub sie aus, und als es so befunden ward, gingen die Werber flugs und nähten andere Tachrichim. Wie sie sitzen und nähen, kommt die Magd „Pilsel" (nach pucelle, pulcelle) in die Stube zu gehen und sagt: „Um's G'ttes Willen! Eilt Euch mir Euerem Nähen! Seht Ihr nicht, daß das Mes zwischen Euch sitzt?" Aber die Frauen haben nichts gesehen. Wie sie nun fertig sind gewesen, haben sie dem Mes seine Tachrichim geben, und so ist sie auch ihr Lebtag (!) nicht wieder kommen und in ihr Ruh geblieben." (Feilchenfeld Seite 23). Tendlau berichtet jetzt, übereinstimmend mit Feilchenfeld, daß, nachdem Elückels Mutter Bela, sich mit Pinkerle verheiratet hatte, sie die Großmuttter Mate zu sich nahm und sie 17 Jahre hindurch in hohen Ehren in ihrem Hause hielt. Mate starb infolge der Pflege, die sie den vor dem Kosakenaufstand nach Hamburg geflüchteten Juden angedeihen ließ. Die Flüchtlinge kamen elend und krank in Hamburg an. Es fehlte an Platz, sie unterzubringen, denn ein jüdisches Hospital bestand noch nicht. In notdürftiger Weise brachte man die Kranken aus Hausböden unter. Mate pflegte die Kranken aufopfernd, ohne auf die Warnung vor der Gefahr der Ansteckung zu achten. Schließlich aber erkrankte sie und starb 74 Jahre alt. Sie war noch rüstig, wir eine Vierzigerin. Vor ihrem Tode nimmt sie Abschied von ihren Kindern und dankt ihnen für die ihr erwiesene Liebe, und verfügt noch über ihre Ersparnisse von 200 Reichstalern. (Feilchenfeld Seite 30—32.) Hieran soll sich nach Tendlau folgendes anschließen, das sich bei Feilchenfeld nicht findet: Ich habe alles Bisherige und auch wie mein Vater s. A. meine Schwester Hendle s. A. (Hendle war mit 25 Jahren gestorben) ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURTA. M. JETZT HOLDERUNSTR. 25 t DIE N E U E TELEFONNUMMER CAROLUS 45866 ausgegeben hat nur in Kürze gedacht (erwähnt) und geschrieben, um zu zeigen, wie meine Mutter, die G'tt erhalte, so eine verlorene Waise gewesen und doch ihr Vertrauen aus G'tt, gelobt sei Er! gesetzt hat, der ihr auch so herrlich und reichlich geholfen, wie folgende Geschichte ausweist, und ob es schon ihren Kindern, den einen nicht so rpohl als den andern geht, geht es doch den meisten g'ttlob wohl und haben alle ihr Brot. Darum, wer sich mit ganzen Herzen aus G'tt verläßt, den wird der Höchste nit verlassen, vertraut (bitchu) auf G'tt und G'tt sei Euere Zuflucht, gelobt sei er immer und ewig! Hier folgt eine Geschichte zum Trost für alle betrübten, besorgten Herzen, daß man sich soll niemals mejaesch sein (verzweifeln) an der Hülfe G'ttes. Dieses maase, sagt Glückel, Hab ich in (von?) ein Sepher geschrieben, welches ein trefflicher Mann (isch chaschub) gemacht hat, ein Präger mit Namen. Tendlau gibt hieraus nur ein Rätsel (Glückel sagt Räthnis) wieder und dessen Lösung (nach Elückels Bescheid). Ein Rätsel lösen nennt sie, ein Rätnis bescheiden. (Schluß folgt.) Auch eine Raffenknnde. Seitdem H. St. C h a m b e r l a i n, Richard Wagners Schwiegersohn, das Rasseproblem popularisiert und mit seiner phantastischen Verhimmlung des Ariertums die Hirne umnebelt hat, haben die Rassentheorien, mit deren Behandlung jeder seinem eignen Volkstum so wohltuend chmeicheln kann, viele Deutsche angezogen, besonders nachdem Deutschland und die Deutschen in der Schätzung der Völker so schwer gelitten haben. Mit solcher Selbsterhebung, welche mit jüdischem Volksbewußtsein der Auserwähltheit, die nur für besondere Pflichterfüllung gedacht ist und nur die Auserwähltheit des Erstgeborenen unter gleichberechtigten E'tteskindern für diese Aufgabe bedeutet, nicht vergleichbar ist, mußte sich eine Herabsetzung anderer Völker verbinden. Sie hat nicht wenig zur antipatischen Einstellung der Völker der Welt gegen Deutschland im Kriege beigetragen. Günther * gibt sich Mühe, die wissenschaftliche Linie zu hallen. So tut er gleich den sinnlosen Begriff der „arischen Rasse", mit der die Rassenlitergtur bisher gearbeitet hat, als unwissenschaftlich ab. Statt dessen taucht aber in allen Ecken und Enden die nordische Rasse auf und wird als das wirksame Prinzip alles körperlichen und seelischen Adels in der Welt gepriesen. Günther weiß es ganz genau: 10—15 Prozent der gesamten Erbanlagen der Juden in der hebräischen Frühzeit sind nor- * Rassenkunde des jüdischen Volkes, von Hans Eünther. I. F. Lehmanns Verlag, München 1930. 352 Seiten Gebunden 13.— Mk. difcher Herkunft, aber" nur noch 5—10 Prozent sind es kurz vor Beginn der üblichen Zeitrechnung. Mit den meisten anderen Behauptungen ist er weniger sicher. Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Wendung „es ist anzunehmen" oder der Optatioform „es dürfte" oder dem kleinen bedeutungsvollen Wörtchen „es scheint". Wir tref-' fen sie hauptsächlich bei der Darstellung den höchst problematischen vorhistorischen Wanderungen nordischer und westischer Stämme "nach Asien und Aegypten usio. an. Bei Verwendung biblischer Urkunden ist die bibelkritische Literatur zu Grunde gelegt. Trotz der nur „wahrscheinlichen" Prämissen sind die Schlußfolgerungen meist mit erstaunlicher Sicherheit statuiert. Danach sind also die Juden ein orientalisch - vorderasiatisch - ostbaltisch - hamitisch (äthiopisch) nordisch - negroides Gemisch. Herr Günther ist imstande, aus jeder Photographie und jedem verwitterten Relief — und er bildet sehr viele ab — jeden einzelnen auf seinen rassenmäßigen Ursprung zurückzu--! führen, zum Beispiel: Benjamin d'Jsraeli „vorwiegend hamatifcher Einschlag", Carl Marr „ostbaltisch mit orientalischem Einschlag", ein abgeschliffenes 2600 Jahre altes ägyptisches Relief, welches jüdische Gefangene darstellt „vorderasiatisch-orientalische Menschen". Auch seelische Differenzierung und Rückführung auf rassenmäßigen Ursprung geht Herrn Günther leicht und sicher von der Hand. „Zügellose Lust am Fleische ist innerhalb der vorderasiatischen Rasse ebenso möglich wie Abtötung des Fleisches", jetzt versteht jeder Eüntherianer allerlei am heutigen Juden (wie ihn feine Feinde sehen). Jeder Zug in Einzelmenschen und in Völkern, jedeL körperliche und seelische,, ist nach Günther unabänderliche Erbschaft, nichts ist wandelbarer Milieueinfluß. Und nebenher wird mit unwissenschaftlichen' mystischen Begriffen, wie „Blutbewußtsein" operiert. Allerlei unbehagliche Zustände im europäischen Dasein werden frisch und frei auf den Einfluß jüdischen Geistes zurückgesührt. Und das Facit?: Der Jude ist „anders" als seine Umgebung und kann sich kraft Naturgesetz nie ändern. Daher „ist die Judengegnerschäft eine rassenseelische Gruppenerscheinung der abendländischen Geschichte." Darum reine Scheidung, und die sobald als möglich! Begrüßt wird der aktive Zionismus. Man mutz sich nach alledem fragen: Wie soll sich die außerdeutsche Welt gegen die dort lebenden Deutschen verhalten, welche doch rassenmäßig körperlich und vor allem seelisch „anders" sind und als andersartig empfunden werden? Jedenfalls haben alle Völker, welche den Judenhaß pflegen, an Weltgeltung Einbuße erlitten, während andere, welche die güten Kräfte nützen, wo sie sie fanden, prosperierten und Weltgeltung gewannen. San.-Rat Dr. A. Stern, Frankfurt. (Die Familie des Papstes Analet 2., und die angeblich jüdische Stamm-Mutter der Hohenstaufen und der Habsburger.) Es ist unbestritten, schreibt R. Silbergleit im Septemberheft der von Dr. Arthur Czelkitzer herausgegebenen Zeitschrift „Jüdische Familien-Forschung", daß der Papst, der unter dem Namen Anaklet 2. von 1030— 1038 die dreifache Tiara getragen hat, jüdischer Abstammung war. Er gehörte der Familie Pierleoni an, die in Rom, im Stadtbezirk Trastevere, wohnte und von dort aus einen mächtigen Aufschwung nahm. .Papst Urban 2. (1088— 1099) hatte nur mit ihrer Hilfe von Rom Besitz ergreifen können. Der Großvater des Petrus Leonis, der das Geschlecht begründete, war noch Jude gewesen, hatte mit dem päpstlichen Hofe Wechselgeschäfte gemacht und war dann Christ geworden. Leo, der Sohn des Petrus Leonis, verschwägerte sich mit römischen Großen. Leo erhielt den Titel „Konsul der Römer." Leos zwei Enkel, die Söhne seines Sohnes Petrus (Petrus Leonis, Pierleoni) wurden Geistliche. Der eine, Petrus, ging nach Paris an die Universität und nahm nach beendigtem Studium die Kutte in Cluny, eine günstige Vorbereitung zum Pontifikat. Auf seines Vaters Wunsch nahm ihn Papst Paschalis nach- Rom, machte ihn bald zum Kardinaldiakon von S. Cosma und Damian, und nicht lange daraus wurde er Kardinalpriester von S. Maria in Trastevere. Dann bekleidete er das Amt eines Legaten in Frankreich und in England. Nach dem Tode des Papstes Honorius wurde er zu dessen Nachfolger erwählt. Es erstand ihm aber gleich ein Eegenpapst aus der Familie der Papvechi, Gregor, der sich Innozenz 2. nannte. Man hat gesagt, es sei dies deshalb geschehen, weil Anaklet von sehr' „jüdischem Aussehen" gewesen sei. Anaklet 2. erwies sich kraftvoller als Innozenz 2. Während .dieser am Tage seiner Wahl in die Festung der Frangipani auf den Palatin 'lüchtete, zog Anaklet, unterstützt von seinen Brüdern, an der Spitze seiner Anhänger nach St. Peter, sprengte das Tor, ließ sich weihen, stürmte den Lateran und nahm die Kirchenschätze in Beschlag. Cr unterließ es aber auch nicht, sich auch von den Juden einen Teil ihrer goldenen g'ttesdienstlichen Gefäße herausgeben zu lassen. Nach dem Chronisten Olderich hätte der Normanne Roger, König von Neapel und Sizilien, sich mit einer Schwester Anaklets verheiratet. Ist dies wahr, so ist durch diese Frau kein Geringerer als Friedrich 2. von Hohenstaufen, ein Urenkel des Juden Leo geworden. In der gleichen Nummer der „Jüdischen Familien- Forschung" versucht Arthur Czellitzer nachzuweisen, daß die.Behauptung, daß das jüdische Blut der Pierleonis in die Hohenstaufen und durch sie in zahlreiche europäische LFürstengeschlechter geflossen sei, eine Fabel wäre. D,er Irrtum sei vermutlich dadurch entstanden, daß ein Chronist des 13. Jahrhunderts die „Alberia filia regis Castiliae et Leonis" mit der Schwester Anaklets der „Alberia nlia Petri Leonis" verwechselt hat. X