Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1931)
- Date
- 1931-01-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 Nr. 2 Der Israelit wohl das Recht hat, Trauun-g>en vorzunehmen, nicht aber Ehescheidungen un>d> Chalizoth. Diesbezügliche Versuche scheiterten immer wieder an dem Widerstande des Rabbinatsassesfors, der sich auf fein verbrieftes Recht berief, wonach er allein zur Vornahme von Gittin in Wien berechtigt ist und dte Gebühren ihm gehören. Ein Kompromiß, wonach über Verlangen der Partei der. Schiffschul-Rabbiner beim Get mitwrrkt, der Gemeinderabbiner aber die vollen Gebühren erhält, wurde abgelehnt. Man erzählt sich, der Rabbiner M. habe damals dem Kultus- Präsidenten Stern erklärt, er müsse sich das Recht der, individuellen Tarifbestimmung Vorbehalten, damit „keinem Armen Unrecht geschehe". Erst jetzt durch die Pensionierung M.'s wird die Schifffchul zu ihrem Recht kommen; bisher mußten orthodoxe Göttin in Ungarn gegeben werden. Der Kampf gegen M. führte nicht zum Erfolg, well sowohl Gemeindeverwaltungen als auch die Oberrabbiner (zuerst Güdemann, dann Chajes) vor der letzten Konsequenz zurückschreckten und dachten: wenn Maierson demissionierte, oder pensioniert wird, dann bekommt Wien nie mehr einen halbwegs orthodoxen Rabbiner, der auch im Talmud beschlagen ist; einen solchen b r au cht d ie G e m e in d e ab er gegen die S ch i f f s ch u l, um nach außen hin die Form zu wahren, und auch einen orthodoxen Rabbiner zu besitzen. Ein anderer orthodoxer Rabbiner wäre aber nie nach Wien gegangen; denn: es bestand nur ein Gegensatz: Hier traditionell, orthodox, Schifsschul; dort Reform, liberal, Großgemeinde. . Hier religiöser Unterricht, von religiösen Lehrernerteilt; dort Religionsunterricht von Mechallele Sabbat gegeben. Von den Kaschrusinstitutionen ganz zu schweigen. Kein anerkannter orthodoxer Rabbiner wäre damals nach Wien geganglen. Inzwischen haben sich die Verhältnisse gründlich geändert. Einer sehr geschickt inszenierten internationalen Propaganda ist es gelungen, die Prinzipien der Schifsschul zu verwässern; während früher der Andersgesinnte meinte, daß die'Schifsschul das „alte verknöcherte Judentum des Mittelalters konservieren will" und daß deren Mitglieder „Fanatiker" sind, alle aber — ob Freund oder Feind — die Sonderstellung der Schifsschul als religiöse Frage betrachteten, ist die Schifsschul heute in mancher Augen -eine Vereinigung jener berüchtigten Störenfriede, die seit jeher ihre zerfetzende Arbeit „von Jerusalem bis Frankfurt" .praktizieren. Nicht gegen die Schifsschul selbst wurde etwa im Auslande gekämpft; nicht einmal in Wien. Aber die allweltliche Propaganda gegen die trennungssüchtigen Verräter und Querköpse wurde auf die Schifffchul übertragen. Sv; ist wohl anzunehmen!, daß ein misrachisti- ' scher Rabbiner^ leicht einen Wegffinden kann> um sich über die Bedenken der Schiftschul hinrvegzu- - setzen, und den maßgeblichen Posten im Wiener Rabbmat zu übernehmen. Hieraus erklärt sich auch die Stellungnahme der Zionisten im Gemeindevorstand, die eine energische Aktion für die Pensionierung des Rabbiners Ma-ierfon eingeleitet, und durch ihre Beharrlichkeit bis zum Erfolge durchgeführt haben. Eine kleine Gruppe ist mit der Pensionierung nicht einverstanden; sie verlautbart in den Tageszeitungen, daß sie an die Regierung mit der Bitte herangetreten sei, die Gründung einer Sonderg-emeinde aus religiösen Gründen zu gestatten, da die Pensionierung eines Rabbiners reltgionsgefetzlich unstatthaft und somit das Verbleiben in einer Gemeinde,, die eine solche durchführt, unmöglich sei. An der Spitze der Aktion stehen auch Nicht-Sabbathalter. Wenn dem Verlangen'stattgegeben würde — was allerdings noch sehr zu bezweifeln ist -—, entstünde die pikante Situation, daß in Wim eine Trennungsgemeinde besteht, die Schiftschul aber zur Großgemeinde gehört. Die Schifffchul kann sich dannmit dem — religionsgesetzlich sehr schwachen- — Trost abfinden, daß sie der Großgem-einde nur Steuern und ideelle Werte gibt, aber Nichts bekömmt. Vor einigen Jahren wurde mir von einem bestinformierten Orthodoxen erzählt, daß vor dem Kriege die größten Anstrengungen gemacht wurden, um zwei orthodoxe Vertreter in den Kultusvorstand zu loffen. Die Liberalen wollten sich zu den größten Opfern'verpflichten; die Orthodoxen lehnten ab. Sie wollten sich nicht verkaufen. Heute haben sie sich verkauft, ohne dm Gegenwert zu bekommen. Da doch kein Grundvorhanden sein kann, keine Forderungenzu stellen, muß man annehmen, daß sich die Majorität über die orthodoxen Forderungen hinwegsetzt. Vor dem Eintritt der Orthodoxen hätten sie a l >l e s erreichen können, aber damals wurde, anscheinend aus falscher Noblesse nichts verlangt; getreu dem Wiener Wahlspruch: >,Mir wer'n ka'n Richter brauchen!" Hitler wollte auch sein Heimättänd Oesterreich beglücken. Sein Vertreter und Freund Starhemberg sah schon im G-eisie die „Hunderffieben" ins Parlament ziehen. Dies stimmte ihn übermütig und er'gab Kostproben seines späteren Regimes. Auch Lueger hafte seinerzeit Mit dem aptifemü tischen Programm die Massen erobert und eine große Partei geschaffen. Aber Lueger schalt die Juden und predigte gegen sie; als jedoch einer seiner Anhänger zur Tat schreiten wollte, sprach er die berühmten Worte: Lasset mir meine Juden in Ruhe! HAer-Starhemberg jedoch kennen den österreichischen Volkscharakter nicht; sie schritten gleich zur Tat, und- — brachten knapp acht Abgeordnete durch.-- Die Leopoldstadt quittierte das. Wahlresultat mit einem „Boruch Haschern" und ging an die gewohnte Arbeit. Die Wahl war bald vergessen und in den Straßen herrschte das gewohnte Leben-. In einem Privathause wurde ein Sefer-Tauiroh eingeweiht; an tausend Personen begleiteten-die heiligen Rollen durch die Straßen, fl-ankiert von Fackelträgern und einem starken Schupo-Aufgebot. Auf dem riesengroßen Platz der Karmeliten versammeln sich Hunderte zu „Kiddusch-Lewonoh". Nachdem sie ihr Gebet beendet haben, singen die Chassidim laut und -lebhaft: Tauwim Meauraus — K l e i n - I e ruf cho l a jirn —. G. Solltch? Von Hermann Seckbach in Frankfurt a. M. „Soll ich?" Ach, liebe Binder, wie oft find diese beiden kleinen Wörtchen ausschlaggebend.für unser Tun und Handeln. Verkörpert sichdoch in ihnen der Iezer taüw und der Iezer Hora. „Soll ich folgen?" erklingt gewiß manchmal ber den Kindern die Frage, wenn Eltern oder Lehrer irgend etwas zu tadeln haben. „Soll ich dem einen oder anderen zeigen, daß ich mehr bin als er? Soll ich diesem oder jenem ein gutes Mort, einen freundlichen Blick, ja nur einen Gruß gönnen?" Und gar oft sind kleine und große Kinder geneigt, ohne lange zu überlegen, dem Iezer^hora zu folgen und so, vielleicht unbewußt, nicht richtig zu handeln. , Welche Folgen darausentstehen können, will ich Euch, liebe Kinder, mit einer kleinen Begebenheit erzählen: Es ist schon einige Zeit her, da lag im Saal 8 eines jüdischen Krankenhauses ein schwer kranker Patient. Es war ein sonderbarer'Mann mit unglaublich viel Eigenheiten. Er hatte ein so abstoßendes Wesen, daß man sich mit ihm gar nicht unterhalten .konnte. Und er suchte auch keine Unterhaltung.. Besonders auffallend .aber war -es, daß der Kranke, obwohl er in jüdischer Umgebung sich befand, vollständig teilnahmslos für alles Jüdische blieb. Wenn im Saal die Sabbatlichter entzündet wurden und die Kranken später gemeinsam frohbewegt die Se>- 3. Januar 1931 miraus sangen, so berührte ihn dies alles nicht. Seine Welt war scheinbar eine andere. - Wochen und Wochen vergingen so.-— Da würde eines 'Tages ein kleiner Junge-eingeliesert und im glei- - chen Krankensaal untergebkacht. Ihr müßt Euch, siebe Kinder, nun mal vorstellen, welches Mitgefühl - alle 'Patienten erfaßt, wenn so ein süßes; Bübchen zwischen ihnen sich befindet. Der kleine Salynion war aber auch; .ein liebes Kerlchen. Obwohl von schwerer Krankheit betroffen, , war er, wenn die Schmerzen ihn nicht gar zu sehr plagten, immer fidel und munter und lies bald voneinem Bett zum anderen. Wenn er dann die Kranken mit seinen leuchtenden, treuen Augen ansah, dann freuten sie sich alle, und es war' ihnen, als ob mit dem lieben Buben ein Engel E'ttes seinen Einzug-gehalten hätte. Nut em Patient im Saal schien dies alles nicht zu beachten,. selbst dann nicht wenn der kleine Salomon an sein Bett kam und ihn liebevoll berührte. Es war dies der merkwürdige , Kauz, den ich Euch,'liebe Kinder, schilderte. Nur ab und zu beobachtete ich, wie er heimlich ergriffen war,- wenn Salomon sein Nachtgebet verrichtete und nach dem jüdischen Tert aus Deutsch hinzusügte, G'tt möge ihn und alle im Saal 'bald gesund werden lassend Leider erfüllte sich ber dem Jungen dieser Wunsch:-nicht. Seine Krankheit wurde schlimmer und er mußte , aus .dem/Saal heraus und allein in ein . anderes Zimmer, gelegt werden. " ' Doch wer beschreibt mein - Erstaunen, - als ich spät abends unseren kleinen Salomon, besuchte und an semqm Bette — unseren Spnderling oörsand, der immer und immer wieder di: schmalen Händchrn des Bübchens streichelte. Mit Erlaubnis der Schwester, sagte er mir, sei er hier eingetreten; er hätte es im . Saal — ohne Solomon — nicht länger aushalten können. „Und nun sehen Sie mich nicht so erstaunt an. Hören Sie meine Lebensgeschichte und verurteilen Sie mich nicht — ich will, jetzt anders — ganz anders werden", sagte er stockend. - Und dann sing er an, zu erzählen: „Ich stamme aus einem frommen jüdischen - Hause. Meine Eltern waren reich, und wir Kinder hätten alle Vorteile einer wohlhabenden Häuslichkeit. Heute empfinde ich bitter, daß dies für mich nicht gut war. Bildete sich doch bei mir bereits als Schuljunge eine Ueberhebüng heraus, die noch gesteigert wurde durch das Ansehen, das ich als Kind vermögender Eltern genoß. Wie leicht ist doch ein- Kind'geneigt, dies andere fühlen zu lassen. Auch ich' handelte, danach.. Meine Lehrer hätten's mit mir nicht-leicht: Na, und erst die Mitschüler, denen ich nicht gewogen war! Die hatten oft nichts zu lachen! Und doch war ich immer der „Mittelpunkt", denn, obwohl meine Begabung nicht allzu groß war, kam ich m der Schule gut .mit. Erhielt ich doch in allen'Fächern zu Hause Nachhilfe; und ich muß sagen,. erst setzt kann ich's ermessen, wieviel schwerer es armx .Kinder in dieser Beziehung haben, - - Doch ich will Ihre Zeit nicht zu sehr in Anspruch nehmen und mich; kurz fassen. Nach Absolvierung meiner Schulzeit kam ich zu Verwandten ins Ausland und kehrte nach einigen Jahren nach Deutschland zurück. Ich spielte nun den reichen Mann, der, lassen..Sie, michs Ihnen ge- . stehen, sich mehr und mehr von allem Jüdischen entfernte. Ich hatte ja genügend Geld; lebte sorglos uhd baute auf mein Glück. - Wozu, so redete ich mir ein, brauche ich da G'ttvertrauen! — Wie schwer, wie entsetzlich schwer hat sich dieses an mir gerächt! Harte Schicksalsschläge trafen mich. Meine Eltern starben kurz hintereinander, und ich, der ich gewohnt war, aus dem vollen zu schöpfen, solltg nun in wirtschaftlich schwerer Zeit die Leitung des väterlichen Geschäftes übernehmen. Ich hielt mich für mach- - tig, allzu mächtig,und ließ viele dies merken. Was ich 1 besonders nun aH; ungerecht' empfinde, roärf daß. ich Geu fälligkeiten, die mir/erwiesen wurden, als selbstverständlich hinnahm, und es Mchh iefstmäl /für nötig . fapd, in Irgend . ,j einer Form zu sanken./!So kain es,daß,, als - ichsgesill schäftlich Ttügsückdürch die,jpielen Äufregüngen schwer - drL'ankte,' -IMiitL'. stü^E' obsten Freunde mich-inlicht mehr beächfen,. Wiehes cheiter ging, wissen Sie ja;-schwer ' leidend wurdeich ' hier eingewiesen. Hadernd mit Meinem Geschick verachtet ich mich und alle anderen' Menschen! und fand keinen Weg mehr zu G'tt. — — Da kam dieser wunderbare arme Junge in unseren Saal. Seine gütige, liebevolle Art, sein bescheidenes We- . sen entzückten mich, und wenn er abends sein „Nachtgebet" sagte und für uns. alle Gesundheit erflehte, da .flössen ,.jseine Worte wie Balsam in mein wundes Herz, und in mir entständen Gefühle, die ich in meinem ganzen Leben; / noch nicht hatte. Alle- Fragen, die sonst an -mich herantraten und die. ich meiner - früheren Lebensführung nach als selbstverständlich verneinte, . kämen mir zum Bewußtsein berm Anblick dieses goldigen-jungen. Wie oft sagte einstens eme böse Stimme in'mir „Nein" bei.den Fragen: „Soll ich beten? Süll - ich' dank meinem RÄch tum mit- -i,- fühlend helfen?" Der kleine Junge hat mich gelehrt, " daß der Reichtum -nicht im Besitz, sondern im Herzen « liegt. Unauffällig hetete ich Abend für Abend gerneinl sam mit Salomon und als er so schnell aus unserem Saal hierhergehracht - wurde, suchte ich den Meg äü/sein -../ Beitchen, um ihm zu danken ' dafür, haß er meine ' Seele dem allgütigen G'tt wieder nahegebracht undtzmich zu 'einem anderen Menschen gemacht hat.";!;: :||( . l Der kleine Saldmon und seinijFr^nd^tuhen längst E in E'ttes Erde, aber gär oft noch wird ihrer gedacht/ besonders wenn irgendwie, irgendwo die Frage erklingt: „Soll ich? - - - - '