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Der Israelit · 1931-01-08 · Heft 2 (8.1.1931) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 2 (8.1.1931)
Date
1931-01-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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8 Ianuar 1931 Der I s r a eil t Nr. 2 Seite 11 Men. Ein Freund unseres Blattes, der sich in . der Na^kriegszeit in Wien aufhiely . und jetzt vorübergehend dort weilte» -schildert im folgenden seine bemerkenswerten Eindrücke _ Mer in den letzten Kviegsjahren in, den Hun Sergegenden der Mittelmächte geweilt hat, der gläübtsichin jene Zeiten zurückversetzt, wenn'er heute durch die Leotzäldstadt, das Ghetto der einst so iüstigest KcpifersiädtWien rvandW / -. Wie damals, - Jammergestalten, aus deren AUgett Hunger schreit; tzraubärtt'ge und weiß häci-rrtze, j u n g e Männer^ abgehärmte Frauen deren Gesichtsaüsdruck von eistem Martyrium kündet, deren Augen von heroischem Pflichtbe wußtsW. erzählen. Kaüm hundert wohlhab-ende Mitglieder zählt die Orthodoxie Wiens, kaum zehn Prozent können einen geregelten Beruf mit festem Einkommen aufweifen, kaum ein Drittel verdient das Existenzminimum'— und sie leben doch; J: - Sie lächen NNd Mgen, jamniern- und sprechen sich selbst Müt M und politisieren. Ausfallend: Trotz Not und Elend - feh lt hier jede Spur von Neid Und Mißgunst. Jedermann freut sich, wenn dör ändere satt ist'; jeder sorgt für den anderen Wer hilft dem zweiteN; Wenn einer hät, dättn haben alle; wenn einer brauchtdann helfen alle. - Die Synagogen sind gefüllt, die Schiurim besetzt. Wenn m den Tefillaüs die-Gebete um MrNdsjüh an der Reihe sind, sieht man Uänen, hört man Schreie aus gepreßtem Herzen sein Verbergen vor dem Nachbar kennt man hier nicht)- aber „waani bechasdecho botachti" ist von eitiÄn Jcntchzest begleitet — In den Klausen wird getanzt, und hungernde Chässidim singen weltentrückt — —- * * Die Wiener Juden sind ungefähr 12 Prozent der Wiener GesaMtbevölkerung, Sie österreichischen Juden fast 5 Prozent der Einwohner Oester- . Die orthodoxen Juden dürften in Wien (wenn man ZugehörigM zu einem orthodoxen Bethaus und Sabbatruhe als Mäßstab nimmt) drei Prozent ündl in Oesterreich e i n Prozent der Gefamtbevölkerung betragen. Außerhalb Wiens gibt es nur noch im Burgenland, im Baden und Neustadt geschlossene orthodoxe- Siedlungen, Die Wirtschaftskrise ist heute schon mehr als paneuropäisch; aber in dem zerstückelten Oesterreich mit seinem Wasserkopf Wien, wo jeder fünfte Einwohner ein öffentlicher Beamter ist, für den vier andere sorgen müssen, führt die Krise zum wirtschaftlichen Sterben, zum staatlichen Bankerott. Nur einzelne Berufe sind noch imstande, ihren Mann zu ernähren; fast durchwegs Berufe, die nicht von religiösen Juden ausgeübt werden. * Da gibt es eine Unzahl aktiver und pensionierter Minister, taufende wohlbestallter Politiker und Hund erttaufende öffentlicher Beamter; darunter verschwindend wenige Juden und kaum zehn Orthodoxe. Die ortbodoxen Juden haben ungefähr ein Tausendstel jener aus öffentlichen Mitteln bezahlten Stellen iinne, welche ihnen auf Grund ihrer Einwohnerzahl gebühren würden. Numerus clausus zu Gunsten der Juden, —- eine Utopie! An sich auch leidend, aber durch Regierungsmaßnahmen gestützt, und mit natürlichem Absatz gesegnet, ist die Landwirtschaft; sie ist judenrein. - (Birnbaums vom wirtschaftlichen Standpunkt aus begrüßenswerte VeMndlichungsbestrebungen haben hier noch keine Erfolge gehabt, und „in der Tat: qualitativ^ hochwertige Gemeinschaften und intensives jüdisches Leben,, wie man sie in Wen vielfach beobachten kann (Jeruscholajim, Warschau, Lodz, Preßburg, Frankfurt) gedeihen doch wohl am besten in großen Zentren, mit mehreren Gedaulim, Führern und steter geistiger und seelischer Anregung.) In Grbßbetrieben kann ein religiöser Jude nicht Unterkommen. Das Hchrdwerk, welches früher viele religiöse Juden ernährt hat, wird von den großen Fabriken ruiniert. Nur Schneider bringen sich noch fort, da die Fabriksware wegen Schaatnes nicht gekauft wird; Schuhmacher, Uhrmacher ufw. sind längst brotlos. Der Kleinhandel tan. mit den Kredit- und Ratengefchästen der Großbetriebe nicht konkurrieren. . . Ich fragte einen Freund unter Hinweis auf eine Kguda-Versammlung mit etwa drechundert Teilnehmern: „Wovon leben diese Leute?" Er antwortete: „Von N isf'Lm und N i f l oaus". Er hielt mich für einen Apikaürvs, als ich chn fragte: „Wovon -lebten sie aber wirkli ch? " Wenn man jedoch; am Sabbat-Vormittag durch die Schiffgasse geht, dann sieht man (vom Alter) glänzende Kleider. aber strahlende Antlitze. Wenn man diese Ruhe und Glückseligkei sieht, glaubt man an ein Wunder: Das ist nicht Nur-Wiener Leichtlebigkeit, das ist Neschomoh jesieroh! In der ZEder geschäftlichen Hochkonjunktur als jedermann einem' Berufe niachgeheN kostnte schätzte man die Jäufchrbe Aühel auf 10 Prozent Jeder zehnte orthodoxe Jude war Rabbiner öder Mel'ämed; oder er war ohne Stellung, einfach einK; >;der sitzt und lernt": Sie wurden von den „Verdienern" unterhalten. Heute ist der Prozentsatz der „Lerner" bedeutend größer. Wovon leben sie und ihre kinderreichen Familien? Von Nissim! Die Zähl der in den Chädorim lernenden Jünger hat . nicht abgenommen. Die Zahl der in die Jeschiwos nach dem Burgestland und der Tschechoslowakei gesMdten Bachurim hat zutze- NömnieM Kett jirbu! Ich, frage. meisten Gewährsmann, woher die Leute denn das Geld, nähmen? Die' Antwort ist echt wienerisch: „Nun, das muß doch fein!" Ein wichtiges Thema _'m politischen Diskussionen bildet däs Problem des Austrittes; in Wien nennt man es Trennung. Zwei Meinungen streiten hier. Die einen sa gen: Wr — die Schiffschül —*■ sind vollkommen getrennt von der großen Gemeinde: diese Tatsache ist bisher bloß noch nicht gesetzlich festgelegt;wir werden in Mrze trachten, die gesetz liche Regolun-g zu erreichen. Die anderensagen: Keine Spur von Trennung, insolange sie nicht gesetzlich festgAegt ist. Darauf müssen wir unser ganzes Streben richten. Beide Gruppen sind sich darüber einig, daß etwas geschehen muß; seit zehn Jahren, daß es sofort geschehen muß — von keiner Seite wurde bisher auch nur e i n- Schritt unternommen. — Das ist Wien! * * Ms seinerzeit Rabbi Salmon Spitzer s. l. >er Vorgänger des durch feine Stellung iNneri)alb der Aguda in den letzten Jahren wettbekann- ::en Rabbi Fürst n. j. seinen Austritt aus der Großgemeinde vollzog, soll er erklärt haben, daß eine „Trennung", so sehr sie prinzipiell erwünscht ei, aus ökonomischen Gründen nicht in Frage 'omme. Die Orthodoxie Wiens zählte damals etwa 200 Familien. Unter den Liberalen gab es einige sehr reiche und wohltätige Familien (Rothschild, Guttmann, Königswarter ufw.), deren Vater oder Großvater noch Jereim gewesen waren, so daß auch s i e noch Interesse für Judentum und religiöse Juden Hatten. Wäre die Trennung damals dnrchgeführt worden, dann wäre damst ein Trennungsstrich wischen Orthodoxen und Liberalen gezogen, der ich auf allen Gebieten auswirkt. Wien war damals die Hauptstadt für eine Milli p ii österreichischer Juden. Von diesen Rußland in drückendster Armut. Wenn diese einen Arzt-Spezialisten benötigten, sich ausbilden wollten (Hebammen ufw.) Mußten sie nach Wien kommen. Da diese armen Provinzjuden' fast durchwegs glaubenstreu waren, nahmen sie ihre ebenfalls religiösen Brüder in Wien in Anspruch, wenn sie einen Fürsprecher benötigten. Rabb. Spitzer glaubte, wegen der Hochhaltung des Prinzrpes durch hundert Jereim in Men nicht taufende Familien außerhalb Wiens dem Elend preisgeben zu dürfen, um so mehr, als die Schifftchak ihre eigenen Käschrusinstitutionen und UnterrrchtsanstMen hätte; Da in Oesterreich die Kultussteuer nicht als zur Staätssteüer eingehoben wird, sondern selbständig Mens der Mltusgemeinde, zahlten Rabbi Spitzer und seist Kreis die Steuer an die KultüsgememLe jedesmal erst, nachdem sie hierfür gepfändet würden. Und heute? Die orthodoxen Familien zählen nach Tausenden. Die ehemaligen liberalen jüdischen philantropischen Aarnilien sind verschwunden. Sie sind entweder keme Phllantropen mehr öder sie sind nicht mehr Juden. Das große Hinterland, auf welches Wien Rücksicht nehmen mußte, ist verschwunden. Aber von Austritt keine Spur. Jrn Gegenteil; orthodoxe Männer, unter ihnen der anerkannte Führer der Wiener Orthodoxie, sitzen ist der Groß-GeMeinde-Stube. * * Als der geniale. Prof. Chajes Oberrabbiner der Wiener Kultusgemeinde war, verstand er es nicht nur die zionistische Hartei ist Wien zu organisieren, sondern er versuchte auch die Kultusgemeinde mtt ihren Institutionen und Hilfsquellen feinen zonistischen Zielen dienstbar zu machen. Wien war damals eine Hochburg des Kulturzionismus. Wien war auf dem Wege zur Bolksgemeinde. Die nur negativ eingestellten Liberal könntest unmöglich dem Pösitwismus Chajes's und seiner von ihm inspirierten Getreuen standhatten. Da traten orthodoxe Männer in den Gemeindevorstand ein. Es gelang ihnen, der Verheerung Einhalt zu gebieten. Mit dem Tode Chajes begann der Abftteg der Zionisten m Wien; Wirtschaftsnöte taten däs ihrige und die Mgememe zionistische Krise gab den Rest. Es gibt heute in Wien keine zionistische Gefahr mehr, und wenn die Liberalen nur einige Persönlichkeiten von Format oder zumindest mehrere fleißige, interessierte Arbeiter hätten, gäbe es kaum mehr Zionismus. Die Orthodoxen thronen aber n o ch i m m e r in der Gemeinde. Unter Einwirkung der Orthodoxen hat sich die Kultusgemeinde in denletzten Jahren dazu bequemt, den chassidifchen Klausen- und kleineren Minjanim „Subventionen", Gnadengaben, Darlehen usw. zu gewähren. Von einer. Mitbestimmung und Mitbeteiligung der Orthodoxen ist keine Rede. Für eine vor kurzem eingerichtete Unterabteilung des Wohlfahrtsamtes wurde ein Zionist als Leiter bestellt; sämtliche altbewährten Beamten des Amtes und« and-ere Fachleute wurden übergangen. Die Schiffschul bezieht überhaupt nichts von der Gemeinde und würde wohl nichts von ihr annehmen, aber die ohnedies überlastem Schrfsschnlmitglieder zahlen beträchtliche Steuern für die Groß gemein de. * * Seit Jahren wurde von vielen anständigen Juden in Wien ein Kampf gegen den jetzt zurückgetretenen Dajan der Großgemeinde, Maierön, geführt. Insbesondere seine Praktiken bei Ehescheidungen und Ehalizoth.wurden wieder- >olt auch in der Oeffentlichkeit kritisiert. Man erzählt sich vöst geradezu gigantischen Scheidungsjebühren (die verttagsgemäß in die Taschen die- 'es Päbbmers geflossen sind, und sich der Konrölle der Gemeindeinstänzen entziehen). Belebte ein GroßteA in GMzien und Karpachoi zeichnend ist, daß der Rabbiner der Schiffschul

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