Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1931)
- Date
- 1931-01-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 2 De r Isr a e l i t 8. Januar 1931 fetzung ihrer Rechtsansprüche cm die öffentlichen Wohlfahrtsinstitutionen zur Seite. - f Besondere Bedeutung kommt angesichts des Anwachsens der Arbitslostgkeit dem Arbeitsnachweis der Jüdischen Gemeinde zu. Einerseits macht .sich in kaufmännischen Betrieben immer mehr -.eine allgemeine Altersgrenze von etwa 35 Jahren für die Aufnahme von Angestellten geltend, andererseits stößt die Unterbringung jüdischer Arbeitsuchender auf besondere Schwierigkeiten, ..die nochHadurch erhöht werden, daß immer mehr Unternehmungen die Aufnahme von Juden grundsätzlich -ablehnen. Trotzdem ist es dem Arbeitsamt gelungen, eine verhältnismäßig große Anzahl von Stellensuchenden unterzubringen. Das Arbeitsamt ist bemüht, möglichst viele Arbeitsuchende heranzuziehen, um die Bedürfnisse der Arbeitgeber durch entsprechende Auswahlmögkichkeit auch qualitativ in hohem Maße befriedigen zu können. Die fortschreitende Verarmung bisher begüterter Schichten des Berliner Judentums hat die Errichtung einer eigenen Abteilung für Arbeitsuchende höherer Angestelltenkategorten notwendig gemacht, die anfangs des nächsten Jahres eröffnet werden wird- Es handelt sich hier um die Unterbringung von gewesenen Direktoren aus dem Bank- und Versicherungsfach und der Industrie, sowie von Akademikern, die sich nach Erschöpfung aller persönlichen - Beziehungen in ihrer Not an »die Jüdische Gemeinde gewandt haben. Auch die Berufsberatung, durch deren vorbeugende Fürsorge das weitere Einströmen von Juden in überfüllte Berufe verhindert werden soll, hat sich veranlaßt gesehen, neben ihrer Hauptstelle in der Auguststraße im Berliner Norden in der Fasanenstraße eine Nebenstelle für die westlichen Bezirke zu errichten, die steigende Frequenz zeigt. Die Berufsberatung hat im Jahre 1926: 603: 1927: 919; 1928: 951; 1929: 968; bis 30. September 1930: 882, insgesamt 4323 Kinder in Lehrstellen untergebracht und ihre Ausbildung überwacht. — Die Berufsberatung der Jüdischen Gemeinde steht in dauernder Verbindung mit den städtischen BerufseiMungsprüfungsstellen. Die produktive Fürsorge der Gemeinde wird durch Notstandsarbeiten ergänzt. So wurden in den Sommermonaten am jüdischen Friedhof in Weißensee 180 bis 200 jüdische Arbeiter beschäf- - tigt, zu allen Bauarbeiten der jüdischen Gemeinde werden jüdische Arbeiter herangezogen und in der Kleiderkammer, die für den Bedarf der vom Wohlfahrtsamt betraten Personen an Kleidungs- und Möbelstücken zu sorgen hat, werden .30 . Personen täglich mit "dem'Herrichten alter Kleider und Möbel beschäftigt. Der Kleiderkammer sind Schneider-, Schuhmacher-, Polster- Und Tischlerwerkstätten"- ungegliedert.-'-Ferst-er besteht eine Nähstube, in der jüdische Frauen zum selbständigen Erwerb durch Näharbeiten geschult werden. .. " Die Obdachlosensürsorge'' betreut Monatlich etwa 2l)0 jüdische Obdachlose! Die. Strafentlassenenfürsorge ist bestrebt, dem entlassenen Strafgefangenen den Uebergang ins Leben zu erleichtern. Sie verschafft ihm Wohnung, macht ihn also seßhaft und verhilft ihm wieder zu einem Erwerb, sei es zu einer Arbeitsstelle Mer zuselbständiger Tätigkeit. Eine eigene Herberge' der Jüdischen Gemeinde ist im Bäu. Eine besondere Stellung nimmt die jüdische Wand e r f ü r sorge ein. Deutschland ist einerseits Durchzugsgebiet für ausländische Juden',' die aus dem Osten nach Ueberfee auswandern, andererseits findet eine Abwanderung deutscher Juden aus den Kleinstädten in die Großstädte statt. In neuerer Zeit ist auch,.eine Auswanderung deutscher Juden nach Uebersee zu konstatieren/: '; . Die Wanderfürsörge.hat im abgelaufenen Jahre durch Ausgabe von etwa. 2000 Fahrkarten einen 'wesWlichen 'MUrah^ zst^' dest Reisekosten der Durch- und Auswanderer geleistet. Für diese umfangreiche Fürslorgetätigkeit reichen die eigenen Mittel der Gemeinde nicht aus. Es.wird als dringend nvlrvendigerachtef daß die Wohlfahrtsarbeit der^ Gemeinde An 'wD . höherem Maße als bisher von privater Seite gefördert werde.. (Die säbbattreuen/Kreise sollten ihre.Mittel allerdings auf die Erhaltung der gleichartigen Institutionen des - R e t chs ver $ b an d es der Schomre Sch ab b ös - Stellenvermittlungen konzentrieren. Red.). Rußland, — wie es geworden ist. Bemerkungen zu zwei Büchern und zwei Broschüren. Von I. Rapha.'l in Beckum. Ob Pro, ob Contra — Rußland ist, selbst nach dem Geständnis feines scharfen Antipoden Lloyd George, eine Realität, die im großen Maßstabe Weltgeschichte zu wachen gewillt ist. Wenn wir, als religiöse Menschen,, an die Fülle dieser Materie Herangehen, so ist das ein nicht unkompliziertes, Unterfangen; der religiöse Mensch muß zunächst vom uneingeschränkten Prinzip der Gerechtigkeit ansetzen, — gerade bei der Be- oder PerurteilunH russischer Dinge. Und -es gebietet öiefe Gerechtigkeit, gleich eingangs zuerklären,' daß für uns die diplomatischen Intrigen, die wirtschaftspolitischen Eifersüchteleien, die Abenieuergelüste entthronter Potentaten und Machthaber und die ausfallende Geschäftigkeit der,zahllosen gut honorierten Pressefabrikanten eb. wenig maßgebend sein dürfen, wie jene sattsam bekannten unentwegten Verhimmler und gedankenlosen Nachbeter aller Moskauer Theoretisiererei. Jenseits von der durch Zeitungsmache anerzogenen „Gefühle" der Liebe, des Hasses, der „Aversion", der Angst, hat der religiöse Mensch selbst im russischen Werden und Geschehen die Hand des Weltenlenkers zu erblicken, — und dann als Folgerung sich seine eigne Ausgabe im Bereich d>er Gestaltung der Dinge klar, eindeutig zu formulieren. Der Bolschewismus kann höchstens unsichere Bürgergemüter schrecken; wer fest im Glauben an eine Realisierung des Religiösen, an diese Kraft ewiger Ideen um den sittlichen Aufstieg der Menschheit wurzelt, dem kann das russische Problem nur zum Ansporn, aber natürlich auch zum Nachdenken über eigne Unterlassungssünden und Versäumnisse werden. Um überhaupt der russischen^ Frage einigermaßen gerecht zu. werden. Ist es unzureichend, die Tagespresse 'als alleinige Ouelle zu verwenden. Man soll nicht ohne weiteres gewisse historische Epochen, in die kleinliche Sphäre! einer Episode reihen. Darum begrüßen wir'/die Sammlung hochinteressanter Aufsätze, die von dem bekannten, Berichterstatter^ des: Berliner Tageblatts, P a u l S che f f e r / in Buchform (Leipzig 1930, Bibliographisches. Institut. 450 Seiten), herausgebracht worden sind. Sie erstrecken sich über den Zeitraumder im Aufbau der russischen Ordnung wohl von; ausschlaggebender Wichtigkeit gewesen ist., Daher der Titel dieses, außergewöhnlich fachlichen .Buches: *' ,;s©t eb e n I a h r e Sowjetunion". In chronologischer Reihenfolge, — wie das eben alles geworden ist, zeichnet hier ein begabter Schriftsteller, ein routinierter Beobachter und, was noch mehr bedeutet, ein Mensch mit psychologischem Einfühlungsvermögen die ganze, ineinander verstrickte Kette von russischen Sorgen, Fehlschlägen, Energien-, Persönlichkeiten, Kämpfern pnd VMweiflern, — die Summe von einzigartiger BKeitschaft. Cs mag fein, daß Liefe Art Kampf nur inmitten der russischen Landschaften, ihrer ungeahnten Steppen und Einöden und -ihrer ebenso . weitläufig gerichteten Menschen möglich ist. Paul Scheffex - darf t mehr nach Rußland zurück. Politische Gründe werden angeführt; Rußlandhat das: System , politischer Gesinnungsschnüffelei nommen; und das ist für-uns>f: denen °Scheftef ganz sicher noch unendlich mehr zu sagen.hätte;, bedauerlich. Das vorliegende Werkidetzaudelt Ne russische Politik bis gegen Ende 1929. Mehr von persönlichen Erlebnissen und Enttäuschungen ausgehend, hat Georg Solo* ist o n fein Buch „ U n t e r d e n r ote n M a chth a Dem " (Verlag für Kulturpolitik, Berlin -1-930) geschrieben. Er war einer von denen, die seinerzeit auf Veranlassung von Krassin zu Beginn der SoMetherrschaftWe Beamtenlausbahn einschlugen. Wer VerfassexM bereits> 1923Hvieder aus diem Sowjetdieüst!' cmsgesjHieden.f Die Zustände, die er damals bei der Botschaft in Per lin, bei der Vertretung in Estland, in London und auch in seinen Moskauer Arbeitskreisen gefunden hat ynd ausgiebig schildert, zeigen die unheilvollen Auswüchse, die maßlosen' Streb-ere ien politischer Parvenüs, die Sucht nach " persönlicher Bereicherung, — Zustände, die jeden anständigen Menschen anwidern müssen, die jedoch im Rahmen dieses Buches keine rechte Wirksamkeit entfalten könnend es ist nämlich reichlich auffallend, mit welcher zarten Schonung der Verfasser sich allein. als die einzige ethische Persönlichkeit mitten in dieser Corona der schlemmenden, faulenzendien, prassenden Sowjethorde behandelt. Dem vorurteilsfreien Leser bleibt es ein Geheimnis, wie dann ein ethisch -einwandfreier Mensch fast vier Jahre lang sich im Milieu des .politischen, moralischen und kulturellen Niedergangs bewegen kann! Sicher ist es, wie mir außerdem von autoritativer russischer Seite bekundet worden ist, daß die Zustände am Anfang des russischen Systems mehr als hanebüchen gewesen find, — dennoch, Hegern .diese Vorfälle" um.l ein Jahrzehnt zurück; sie sind ein' Beitrag zurf Geschichte des Umsturzes, .nicht des Aufbaus oder der Beziehungen, die heute die Staaten der Welt zum russischen Reich auszunehmen' suchen. Darum bleibt Solomons Buch eine interessante Lektüre Über das Treiben einer bestimmten Sorte von Politikern, — mehr nicht. Entschieden wirkungsvoller arbeiten knappe Broschüren. Im Verlag D i e tz, Berlin, ließ der russische Sozialdemokrat A b ra m o w i t s ch im Aufträge der Kommission zur Untersuchung der Lage der politischen Gefangenen in der Sowjetunion eine Zusammenstellung der schlimmsten Fälle politischer Verfolgungen erscheinen. Gewiß werden die Realpolitiker von den „Notwendigkeiten" sprechen, die für jedes Staatswesen, das um feine Existenz ringt, in Anwendung gebracht werden müssen. Diesen Verfechtern des Glaubens an den Belagerungszustand vermögen wir nicht zu folgen. Dem Kämpfer für Freiheit und Recht muß jedes Unrecht Unrecht fein, — und selbst der Staat hat sich an die Gesetze der Moral zu ketten! Mit besonderem Elan sollte die Religion hier ihren Ruf nach Menschlichkeit erschallen lassen.. Zum Protest muß man moralisch berechtigt sein. Leider kommen in Hinsicht auf russische Mißstände gerade die meisten -und lautestest Prdteste aus denjenigen- Kreisen, 'die littstinLK-Mrrs^enden Schicht des Mesenreiches saßen MdWunoch keine Worte iflarstwender EntrüMnM-gWmsdie jahrzehntelangen .Grausamkeiten derJüdestpogrome! finden konnten! Das muß emmal ausgefprochen werden. Völlig abwegig erscheint daher eine Broschüre des Fürsten T r u betzkay über das -an sich unbedingt ernst zu nehmende Kapitel der Glaubens v e r folgungen in Rußland (Verlag Hans Harder, Wernigerode, der im' übrigen noch -andere bedeutende -Veröffentlichungen über Rußland' herausgebracht ' hat). Darüber hinaus gibt uns, westeuropäischen Juden, der Zerfall u n s r es Jüd>entums genug Sorgen aufauch uns r e Synagogen stehen leer^ werden sogar — verschenkt, und man soll sich mal die Parodie einer Religion ansehen^die -stch in den prunkvollen Andachtsstätten unsrer Gföß-- stäüte an den hohen Feiertagen breit macht! Cm wesentliches Moment' im Aufbegehren DMn - reli- Verfolgungen andrer Staaten bildet das g e'MD t e' Bei fp-i e i \ Man wird den' MfchMistischeniFanatismM am besten dadurch beikommen, wenn wir so etwas. wie den FanatiS-- MUchZeiner tebendGeN/kDdffchMirR-eliigioftM M» seren eignen Bereichen zu schassen und durchzu» seßen gewillt sind. -