Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1931)
- Date
- 1931-01-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450652-2450654--77547-2535185- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
8. Januar 1931 Der Israeli t Nr. 2 Seite 3 .die Schaffungun-d Versorgung jüdischer Land- Siedlungen die I. C. A., für die jüdische.Wanderung die vereinigten I m m i g r a t i o n s g e - fellfchaften. In Palästina hat der Zionismus das Heft in Händen, der von jeher in Fehde mit der Alliance lebte. In allen Ländern 'Mittel- und Osteuropas wirken große Organisationen zum Schutze nach außen und zur Hilfeleistung nach innen. Der siebzigjährigen Französin bleibt heute, nicht mehr viel zu tun übrig. Aber sie gedenkt nicht, sich zur Ruhe zu setzen und sich auf ihr Altenteil zurückzuziehen. In ihrem letzten Rechenschaftsbericht zeigt sie noch den Willen zum Leben. Sie protestiert gegen Iden neuen Kurs in der englischen Palästina-Politik und hat auch einige Worte für die letzte politische Entwicklung in. Deutschland. Sie kann einige Hilfsaktionen im Berichtsjahre verzeichnen, die sich aber im Vergleiche zu den früheren Unternehmungen der A. I. U. höchst dürftig ausnehmen. Das S ch u l w e r k besteht. An dem Geiste in den Schulen hat sich nichts geändert. Und gerade in diesem Punkte hätte die Alliance Äsraekte Universelle, besäße sie noch die Kraft Dazu, sehr viel umzulernen. Welksludenkenwerk. Im Jahre 1920, als nach vier blutigen Kriegsjahren sich bei den Besseren der Wille zu einer Völkerverständigung regte, wurde das Weitst u de n t e nw e r k gegründet, in dem hauptsächlich chri st l i ch e, aber auch jüdische und neutrale Studentenorganisationen in unparteiischer Weise, nur im Interesse der Bildung, sich im Dienst am Geist zusammenfinden wollten. Konfessionelle Fragen standen zunächst außerhalb des Arbeitsbereiches der Organisation. 1928 war Die Spannung an den Unversitäten bereits so angewachsen und die Gefährdung der Hochschule so groß, daß das Weltstudentenwerk an Diesen Fragen nicht mehr vorüberkonnte. Es ries 1929 eine Konferenz in Bierville (Frankreich) ein, um eine ruhige Aussprache zwischen jüdischen und christlichen Studenten zu ermöglichen und damit eine Entspannung der Lage zu eriwirken. Die Verhandlungen konnten damals in einer Atmosphäre völliger Frecheit und Offenheit vor sich gehen. Der Erfolg war nicht von langer Dauer, die Hetzkampagne der folgenden iJahre brachte bald die Verstänüigungskonserenz von 1929 um ihre Früchte. Das muß leider klar in allen Tonarten auf der zur Zeit in Genf tagenden zweiten Konferenz diiefer Weltstudentenorgamsation ausgesprochen werden. In einem Referat über „Die Stellung der Juden im Leben der Völker" und einem Berichte über den „Antisemitismus in den Hochschulen Europas" wurde ein Bild von der Tragik des jüdischen Studenten entworfen, das in seinen Emzelzügen uns längst bekannt, in seiner Gesamtwirkung aber doch von neuem erschüttert. S t u d e n t e n e l -e nd! Man dachte in früheren Zeiten bei diesen Worten an den jungen Juden aus Osteuropa, der, weil ihm die heimatlichen MldungsquelleN' verschlossen waren, als Externer oder Autodidakt ins Ausland kam, über tausend Hindernisse hinweg den Weg zur Hochschulesand und dort von den Kommilitonen, auch den jüdischen, als Fremdpflange scheel angesehen und von den Behörden allerlei Ausnahmegesetzen unterworfen wurde. Die Dinge haben sich sehr geändert. Studentenelend ist längst kein ostjüdisches, sondern in Berlin und Wien sowohl wie in Budapest und Bukarest ein jüdisches Problem f ch l e ch t h t n. Der Hochfchulantisemitismus in Deutfchlan d steigt an mit der reißenden Welle des Nationalsozialismus überhaupt. An der Bra u ns ch wer ger Hochschule, zuletzt auch an der Jngenieurakademie in Olde n b u r g, um nur die letzten Attacken zu nennen,, verlangen die Studenten, zum Teil unter Ermunterung von Senat und Rektor, den Numerus clausus für die Juden. Der All - g e m e i n «e Studentenausfch u ß hat mit großer Mehrheit beschlossen, nicht allein den Numerus clausus zu verlangen, sondern auch sämtlichen jüdischen Studenten das Wahlrecht im Allgemeinen Studentenausschuß zu entziehen. Studentenorgane in Deutschland hetzen unter der Parole „Deutschland den Deutschen!" Jüdische Studenten, die in Versammlungen das Wort ergreifen, werden aus dem Saale verwiesen. Zuckeiner anderen Zeit hätte das Wettstudentenwerk soviel Arbeit wie in -der heutigen. Fraglich bleibt nur, ob seiner Arbeit etwas mehr als ein moralischer und demonstrativer Erfolg beschieden sein wird. Diese Jünger der Wissenschaft, die Kulturträger von morgen, die sich dermaßen vom Strome der Gasse hinunterreißen lassen, daß sie blind und taub sind für das höhere Licht des Rechtes und die Stimme der Vernunft, werden kaum noch ein Ohr haben für das warnende und mahnende, zur Besinnung rufende Wort aus Genf. Der reiche Westen. Ein Berliner Silualionsbild. Der ganze Vorstoß von rechts und links, von Seiten der Nationalsozialisten und Kommunisten richtet sich gegen den „Berliner Westen", wo sich angeblich das jüdische Parvenutum auf Kosten der armen arbeitenden Massen breitmacht und im Glücke schwelgt, im Auto durch die schönen Straßen saust und in Villen ein Schlemmerleben führt, indes in den Armenvierteln Berlins und Deutschlands die Menschen darben, und mit der Arbeitslosigkeit das Elend wächst und wächst. Wie es in Wahrheit im Berliner Westen mit dem jüdischem Reichtum aussieht, erhellt klar aus einem. Berichte des W o h l f a h r t s - undJug e n d f ü r s o r g e a m t e s der Jüdischen Gemeinde, erstattet auf einer Konferenz der jüdischen und allgemeinen Presse. Wir erfahren da folgende erschreckende Zahlen: In der letzten Zett ist ein Ansteigen der Rot unter der jüdischen Bevölkerung infolge der Wirtschaftskrise insbesondere in den w e st l i ch e n B e z i r k e n Berlins sestzustellen. Durch eine besondere Winterhilfeaktion werden Bedürftige mit Obdach, Nahrung, Kleidung und Feuerung versorgt. Im Vorjahre gelangten ca. 8000 Zentner Kohle zur Verteilung, in diesem Jahre wurden bereits 10.000 Zentner ausgegeben. In sechs Volksküchen werden 500 bis 600 Personen verköstigt. Fünf warme Stuben in verschiedenen Gegenden stehen nachmittags und abends Besuchern, die dort mit Tee und Brot bewirtet werden, offen. Schließlich ist die Gemeinde stark' an der jüdischen Darlehenskasse G. m. b. H. beteiligt, die Darlehen nach kaufmännischen Gesichtspunkten gewährt. De Kaffe hat im Jahre 1928: 194.000, 1929: 198.000 und 1930: 210.000 Mark an Darlehen ausgegeben. Die Rückzahlungssummen betrugen 1928: 183.(k.'0, 1929: 182.000 und 1930 trotz der verschärften Wirtschaftskrise 160.000 M. Ueber die bisherige Arbeit der Gemeinde und ihre künftigen Pläne zur Bekämpfung der Not wird folgendes mitgeteilt: Die produktive Fürsorge der Gemeinde erstreckt sich auf Rechtsschutz, Wirtschastsberatung, Arbeitsnachweis, Berufsberatung, Kleiderfürsorge, Obd achlosen-, Durchw and erer- und- Strafentlassenensürsorge. Besondere Bedeutung kommt der Wirtschaftsberatung zu, mit deren Hilfe mitunter die Liquidierung aussichtslos gewordener Kleinunternehmungen und die Neubegründung von Existenzen durchgeführt wird'. Die Rechtsschutzabteilung steht Erwerbslosen bei der Durch¬ Für Körper und Füsse nur DIAiQN-Puder Deutung der Einzeltatsachen des nonn-oi» das im Aus- Spinnen seines überzeitlichen Weseusgehaltes eigentlich zum Angelpunkt der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes wird, dessen geschichtliche Vergangenheit sich als immer wiederkehreude, jüdische Gegenwart und Zukunft offenbart. 'So der Hinweis auf die weltgeschichtliche Ausgabe des Judentums, immer wieder zu. zeigen, daß die erdrückenden -verflachenden und kulturauflösendeu Mächte der äußeren und innerem Assimilation von der kleinsten Gemeinschaft überwunden werden können, wenn diese nur geschlossen und hingebungsvoll Trägerin eines hohen Gedankens ist und in edler Konsequenz mit diesem Gedanken -auch die letzten Verzweigungen des Lebens durchdringt und erfüllt.. Wie fein die. psychologische Deutung des Unterschiedes der beiden Gesetzesmeinungen' war, die in der Gemoro über die Zahl der Chanukalichter streiten. Beth-Hillel, das täglich.ein Licht mehr zu Zünden heißt,. entsprechend den „vergangenen Tagen" des Festes, als Gleichnis der'Vergangenheit aus deren kampf- und sieghaftem Verlaus man die Kraft zur steigenden Hoffnung schöpfen kann, während Beth-Schammai durch bie täglich abnehmende Zahl der Lichter an die noch übrig- Lleibenden, an die „kommenden Tage" gemahnt, an die .Last und den Schrecken einer ungewissen trüben Zukunft, die die Lichter der Hoffnung immer mehr verringern; und -aus diesem Dilemma des zuversichtlichen Optimismus Beth- Hillels und des zukunftsbangen Pessimismus Bet-Schammais rettet der Schiedsspruch der Gemoro: rva rtsVn ^ini sporn es bleibt wie Beth-Hillel. Und so müssen wir stets unsere Blicke auf die glorreiche Vergangenheit richten, die uns eine ebenso verheißungsvolle Zukunft verkündet. Und in aller Herzen sangen die uralten Jeschrwahinelodien. die Lehre des vergangenen und der Glaube an ein neues künftiges Ehanuka, an die Auferstehung neuer Makabäerhelden, erfüllt und durchdrungen vom ewig leuchtenden und unbesiegbaren Hasmonäergeist. Eröffnung der größten jüdische« Bibliothek der Welt. Das neue Heim des Jüdisch-Theologischen Seminars für Amerika, ein im Zentrum von Rewyork gelegener Komplex von drei mächtigen Gebäuden, wurde dieser Tage seiner Bestimmung übergeben. Das mittlere der drei Häuser, das von einem hohen Turm überragt wird, ist zur Aufnahme der Bibliothek des Jüdisch-Theologischen Seminars bestimmt, die die größte judaistische Büchersammlung der Welt darstellt. Durch die Unterbringung der Bibliothek in einem entsprechenden Gebäude, wird ihre Freigabe für' die öffentliche Benutzung ermöglichst werden. Das Bibliotheksgebäude ist dem Andenken Jacob H. Schiffs gewidmet, dessen Familie durch große Spenden zur Errichtung des Hauses beigetragen hat. Während der mächtige Turm in seinem Innern durchwegs mit Regalen ausgestaltet wurde, die die Aufstellung von 200 000 Bänden ermöglichen, enthalten die anderen Teile des Es-? bäudes neben zahlreichen Räumen für Derwaltungs- und bibliothekstechnische Zwecke einen großen Lesesaal, einen Manuskriptsaal und einen Ausstellungssaal. Im Erdgeschoß wurde ein Museum dieser Art in Amerika und umfaßt u. a. die berühmte Benguiat-Sammlung.. Die Bibliothek wurde vor 44 Jahren gleichzeitig mit der Gründung des Jüdisch-Theologischen Seminars angelegt. Ihren Grundstock bildet die Büchersammlung des ersten Rektors des Seminars, Dr. Sabato Morais. In späteren Jahren erfuhr sie eine wertvolle Bereicherung durch die Eingliederung der Sammlung des Richters Mayer Sulzberger, die 8000 zum Teil äußerst seltene Bücher und 600 Manuskripte umfaßte. Weit über das Niveau einer bloßen Jnstitutsbibliothek aber wurde sie im Jahre 1923 gehoben, als die aus 3500 Büchern und 4000 Manuskripten bestehende Büchersammlung von Elkan N. Adler in die Bibliothek des Jüdisch-Theologischen Seminars eingebracht wurde. Ihr heutiger Bestand ist mit 84 000 Druckschriften aus dem Gebiet der jüdischen Geschichte Philosophie und Kultur, darunter zahlreichen Inkunabeln aus dem 15. Jahrhundert, und etwa 6000 Manuskripten, von denen einige bis ins 9. Jahrhundert zurückreichen, größer und reichhaltiger als die judaistischen Abteilungen der Universitätsbibliothek von , Oxford und des Britischen Museums. Wochenkalender. o. 10. - 17. Jan. 1931 - v. 21. - 28. Tebet 8691 Samstag 10 2l| E Sonntag 11 22 Montag 12 23, Dienstag Mittwoch Jan. 13 14 «w 24 25, a-Tsa msm Donnerstag 15 26 Freitag 16 27 Samstag |1T, 28 wann pa-nn «nw« Maulet» Samstag nachm. - 3 Uhr 373|i8 ÜJtin. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuill eton 2. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. 58.: S. Schach» nowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Sermon ffi. nt. b. Frankfurt o. M. — Druck Sermon-Druckerei, Frankfurt a. M.