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Der Israelit · 1931-01-08 · Heft 2 (8.1.1931) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 2 (8.1.1931)
Date
1931-01-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 2 Der Israelit 8. Januar 1931*; Grenzen hinaus. Er war jahrzehntelang die unentbehrliche geistige Sabbatkost der jüdischen Familie bis ins kleinste bayerische Dorf und öle entlegendste Gemeinde hinter den böhmischen Wäldern. Auch die Gebildete in Osteuropa, besonders in Litauen und dem damaligen Kurland (Lettland), lasen das deutsche Wochenblatt und erblickten ein neues Helles Licht. War das möglich, daß man in schönem korrekten Deutsch Gedanken aus dem Thoraabschnitt so wundervoll zum Ausdruck bringen konnte? Es war ein Novum, hübsche Geschichten, anmutige Novellen, ja sogar spannende Romane zu Gesicht zu bekommen, die, nicht wie die Literatur aus der Frühzeit der Haskala, das alte jüdische Leben verulkten, sondern jüdische Vergangenheit und Gegenwart verinnerlichten, verklärten und heiliges jüdisches Gut in einem niegeahnten Glanze erstrahlen ließen. Man fing auch dort an, den erzieherischen Wert dieser Volksliteratur zu begreifen. Sehr bezeichnend, daß ein Mann, der mit einem Fuße mitten im Haskala-Milieu stand, Samuel Jostef F i n, selbst ein Forscher und ein Schriftsteller von schöpferischem Geiste, sich daran setzte, die historischen Novellen Lehmanns, vor allem „Das Licht der Diaspora" und „Bostenai Gaon" ins Neuhebräische zu übertragen. Sie wirkten und wirken heute noch in der hebräischen Gewandung noch mehr als im Original. Schreiber dieses kennt Menschen, die im schweren geistigen Ringen ihrer Jugendjahre, vollgesogen mit dem Gedankengut aus den Werken Abraham Mapus, I. L. Gordons, Perez Schmolenskins, durch die Lehmann'schen Novellen, die in den 80er Jahren in dem hebräischen „Libanon" (erschien in Mainz gewissermaßen als hebräische Ausgabe des „Israelit") mählich wieder cmtt ‘vison das alte Jeschiwalicht in sich aufleuchten spürten^und dadurch auf d i e Wege gerettet wurden-, die sie schließlich heimsührten. Cs waren nicht allem diese Novellen (wir wollen sie hier nicht einzeln aufzählen), die dem Mainzer „Israelit" über den Kampf des Tages und der Woche hinaus Ewigkeitswert verliehen. : Man denke an die P e s ach - Hag a d a h, an die „Sprüche der Väter" u. v. m., die zuerst in Fortsetzungen im „Israelit" oder als Beilagelieferungen erschienen sind. In unzähligen Auf- : sätzen und Korrespondenzen des Mainzer „Js- : raelit" von einem halben Jahrhundert ist ein : Geschichtsmaterial aus einer bedeutsamen jüdi- : scheu Epoche des Werdens aufbewahrt, das heute kein jüdischer Historiker entbehren kann. 1 Am nos n"«, den 16. Aprll 1890, hauchte der Lehrer und Führer seine große Seele aus, nicht : ganz 60 Jahre alt. Bald 40 Jahre davon gehörten feiner Gemeinde und rabbinischen Wirksamkeit an, volle 30 Jahre, also über die Hälfte seines Lebens, sprach er aus öeu Spalten des „Israelit" führend und lehrend zu der großen jüdischen Gemeinde auf dem Erdenrund. In der von der Zeit und ihren Umständen gebotenen neuen Form seines „Israelit" wirbt und wirkt heute noch der Geist Lehmanns und der großen Führer ferner Zeit. ' Wenn es irgendwo zutrifft,, was die alten Kommentare zu dem Anfangswort des letzten Wochenabfchnittes bemerkten: tti- — Das Sterben eines Großen in Israel kann, wie das Vater Jakobs, nur unter ’n’v dem Gesichtspunkte des Lebens gesehen und gewertet werden, so bei Rabbiner Dr. Markus Lehmann 41 Jahre nach seinem Tode wird er uns mit jedem Tage neugeboren, an dem wir uns eine Position für das Thorajudentum neu erringen. Daß er m unserer Mitte ewig' weiterlebe, sei der Sinn dieser hundertsten Geburtstagsfeier. lVochenrundschau. Die „Alliance israellke universelle" Ditz Alliance Jsraelite Universelle sieht beim Eingang des neuen bürgerlichen Jahres auf ihr 7 0 j ä h rig e s Bestehen zurück. Ein Kind der jüdischen Rot, wurde sie 1860 unter dem Eindruck der Ritualmordhetze in Damaskus von jüdischen Rotabeln in Paris ins Leben gerufen. Sie war damals die einzige große jüdische Organisation, mit dem Zwecke, „überall für die Gleichstellung und den moralischen Fortschritt der Juden zu arbeiten" und „all denen, die in ihrer Eigenschaft als Juden leiden, eine wirksame Stütze zu sein." Führende Männer wie Isidor C a h e n, Narcisse Leven, Charles Netter u. a. haben ihr Pate gestanden. Ihr erster Präsident war der französische Justizminister Adolphe Cremieux. Das war die Früh- und Glanzzeit der Alliance Jsraelite Universelle. Sie arbeitete in ihren jungen Jahren auch nicht schlecht. Von den ersten Judenverfolgungen in Rußland in den 70er und 80er Jahren bis zum Kriegsausbruch stand sie den-notleidenden russischen Brüdern mit großzügigen- Fonds, mit: Rechtschutz auf diplomatischem Wege, sowie mit Ermöglichung der Auswanderung kräftig bei. Sie griff ein, als der Notschrei aus den Mischen Städten in der Türkei, in Kletnasien, in Rumä» nien und Marokko zu ihr drang. In Palast i n a hatte sie als erste mit der Gründung der Ackerbauschule „Mikweh Israel" 1866 den Versuche gemach:, Juden für das Land in Palästina ^ünd' Palästinaland für Juden zu gewinnen. Weniger rühmen können wir d a s, was die Greisin heute als den Glanzpunkt ihres Lebens in der Vollkraft ihrer Jahre ansteht: ihr S ch u l - und E r z i e h u n g s w e r k. Wenn die..Alliance sich gern ihrer alljüdischen Pläne auf großer internationaler Linie rühmte, so zeigte doch ihr Schulnetz im Orient, auf dem Balkan und auch» in Palästina,^, daß sie unter dem „moralischen Fortschritt" der Juden in erster und. letzter Reihe ihre A s s i m i l at i o n a n d ie f r a n z ö si> sch e Kultur versteht. Rabb. S amson Rast h a e l Hirsch s. A. war der erste, der gleich' bei der Gründung dieses Zerstörungswerk der neuen Allianz im Orient voraussah. Aus den. Alliance-Schulen sind vortreffliche Franzosen hervorgegangen, — wir haben in früheren Jahren im „Israelit" oft genug darüber Klage geführt, — die es nicht nur auf Kosten des Juden in sich geworden sind, sondern sich auch wie Fremdpflanzen im heimatlichen Milieu ausnahmen und demselben schließlich verloren, gingen. Die Alliance- Schüler in Palästina waren an Paris orientiert und wanderten auch zumeist dorthin aus. Mib dem jüdischen Geiste in den Schulen des Herrn Antebi war es allzeit schlecht bestellt. Die umfassende Bedeutung und der Aufgabenkreis der Alliance haben bei Ausbruch des Welt-- krieges einen schweren Stoß erhalten. Ihr spezifisch französischer Charakter rächte sich bitter in. einer Zeit, da der Nationalismus die einzelnen Länder Europas einengte und, vor Einfuhr fremden Geistes absperrte. Die d i p l o m a t i s ch e n Wege, auf denen die Alliance früher zur Linde» rung der poMschen Not der Juden etwas tun konnte, sind verschüttet. Es fft auch heute, eine ' andere Not, der Haß wird aus anderen Quellen genährt, der Antisemitismus als Volksbewegung, kann von den Höfen und Ministerien aus nicht dirigiert oder gemeistert werden. Da kann eine jüdische Organisation mit dem Sitz M Paris gar wenig Ausrichten. Es sind inzwischen andere große Organisationen entstanden, die, wirtlich ohne politische Note und ohne national-kulturelle Färbung, Großes leisten. Für die jüdische Not in Europa ist der amerikanische Joint da, für Pazifismus und Judentum. Von Dr. M. Ascher in Ber-les-Bains. In Anschluß an den Artikel des Herrn Bezirksrabbiner Dr. B. Cohen in Friedrichstadt in No. 49 und 50 d. Bl. „Verlangt das Thoragesetz den Pazifismus?" mag auf die Broschüre des Prof. Aug. Forel „Der supranationale Friede" hingewiesen werden. Dort ist von vielen Völkern die Rede,, die noch heute kulturunsähig sind, so die Papuas, Weddas, Mas u. a. m., die im Interesse der Kulturmenschheit verschwinden müßten. Nur weil auch die Weisesten der Weisen heute nicht kompetent sind, das Vernichtungsurteil auszusprechen und weil es zu schwer ist, die Grenze zu ziehen, sieht man sich genötigt, sie unter humane Vormundschaft eines Staates zu stellen.— Soweit der berühmte Psychiater und Soziologe. Die Thora aber in g'ttlicher Weisheit zieht die Grenze und verlangt mit Recht die völlige Vernichtung der nm?a Va '’nn «V :paay n „Du sollst niemanden am Leben lassen" omVy fry vinn «V „Du darfst nicht Mitleid mit ihnen haben". Auf nvx cmx» ps nwyaa (18/3 x->j?'->) kV rmv oanx x’aa 'ax ne?x paa px ne?yaaa apyn «V na cmav aaVn «V vn'npnaa aiz?yn »V „nach den Werken des Landes Aegypten, wo ihr gewohnt, tuet nicht, und nach den Werken des Landes Kanaan, wohin ich euch führe, tuet nicht, und nach ihren Satzungen wandelt nicht" bemerkt arnxa niaixn Van D’VpVapa a’ayaa Vr?a önxn V«? an'Lwav ran :a"n •mn rmv aanx X'aa »at? na?«;Van p VpVapn '«na?* ia iaa?'a? wx>a oVaaa fVpVipn V«na?' ia?aaa? pay paxe? „die Handlungen der Aegypter und Kanaaniter waren verderbter als die der andern Nationen; die Nationen, die von den Israeliten bezwungen wurden, waten sittlich verderbter als alle andern: o"aan in traVm a"a: yaa? aVaps? ai”m av'VvnV ->nnx m«a raß? iVap? aa’Vpnty nnx önV araVa onana npe?V nio« mxn Man gab sich vollständig damit zufrieden, wenn diese Völker die sieben schon den Noachiten aufgetragenen Grundgebote annahmen. Wo aber die Erfüllung der Grundgebote zurückgewiesen wurde, da war Vernichtung geboten. Mögen wir hundertmal traarin ’aa anam genannt werden, Volk, dem niaam Erbarmen als Grundeigenschaft nachgerühmt wird und mögen mit vollem Recht Israels Könige im Ruf gestanden haben, gnadenoolle, huldreiche Könige zu sein — rr>a '2V» »> aasna? «a nan anaa? i'V« anax’a (20/3 'S D’aVa) an non ’aVa 'a 'snw» „da sprachen die Diener zu Benhadad: Siehe doch, wir haben gehört, daß die Könige des Hauses Israels güttge Könige sind", so durste Mitleid doch nur dort empfunden werden, wo es am Platze war. Unkraut aber muß mit der Wurzel ausgerottet werden.— Der „sehr alt" gewordene König David erkennt, was er an seinem Sohn Adaunijo gefehlt — ws rax lass? sVa und mit kühler Energie macht er den Unberechtigten unschädlich.— Im Angesicht des Todes erkennt David, daß gegenüber Ioab und Sime! Milde von schwerem Übel wäre und in abgeklärter Ruhe erheischt er Ahndung der Verbrechen. Wenn der sterbende David seinem Sohn Schlomoh scheinbar Akte der Grausamkeit befiehlt, so war es doch nur, weil er den Fehler falsch angebrachter Milde klar erkannte und wieder gut machen wollte. Die Vernichtungskämpfe, die Israel unternommen hat, waren nur gegen solche Völkerschaften gerichtet, denen ihre grenzenlose Degeneration ohnehin zum Verhängnis werden mußte. Und nie und nimmer war Eroberungs» lust Beweggrund der Vernichtungskriege Israels, sondern als Motto galt ihnen naa« anaV» «V na?« p»V (20/18 o»nan) x 'iV Dnxana ompVxV wy n«?x onayan Vaa nwvb „damit sie euch nicht lehren, wie all' ihre Greuel zu tun, und ihr euch verschuldet wider den Ewigen, euren G'ü". kleines Feuilleton. Lhanuka in Montreux. Das Chanukafest, oft in seiner innern Bedeutung sooberflächlich aufgefatzt und so gedankenlos vertan,, brachte in der Ieschiwah eine geistige Auseinandersetzung besten Stils in Gang. Das Ereignis, das vor mehr als 2000« Jahren stattgesunden hatte, bot Stoff, mehr noch, war fast zwingende Veranlassung, die Grundprobleme des Judentums und des jüdischen Seins-zum schier unerschöps-? lichen, zentralen Thema einer tiefgehenden, vielsePgenr Aussprache zu machen. Die beiden schönen Festabende, die die ganze Jeschiwah in dieser spezifisch jüdischen, verinnerlichten, reinen und maßvollen, herzenswarmen Freude feierte, ließen ein reiches ttefes Wissen von Judenjtum und von Menschheitswerten aufleuchten. Wahrlich, hier hätte der. erlesenste jüdische Geist, der in der Jeschiwah nur talmüdische Streitfragen erörtert glaubt, eine edle>^ weltanschauliche Befriedigung gesunden. . Und nicht nur der raa'v'-«?xn Rabb. E. Botschko, bestritt mit seinen drei großen Reden Len Hauptteil der- Diskussion, sondern säst alle reiferen Köpfe unter den Bachurim beteiligten sich, abgesehen noch von einigen feinsinnigen Ansprachen seitens der Dozenten. Wenigstens ein paar der besten Gedanken sollen hier kurz skizzenhaft festgehalten werden. So die symbolische

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