Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 72 (1931)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1931)
- Date
- 1931-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 1 Der Israelit Blatter 1. Januar 1931 Etz Ib $ t-. j-; Veün Mittagimb Abendessen an gem-einsamen rituellen Tischen, dürfen Butter und' Käse bezw. Milchspeisen nicht serniert werden. 5. Es ist vorgesehen, daß die Reinigung und Aufbewahrung der Bestecke, des'Kupferkessels der Teller und der Gläser derart besorgt wird, daß jede Vermischung mit anderen Gefäßen absolut vermieden wird. Indessen ist es ratsam, daß die Koscherpassagiere ihre eig enen Bestecke haben sollen, deren Reinigung in heißem Wasser auch bei Tisch erfolgen kann. 6. Milchkaffee (kondensierte Milch in Buchsen' oder Tuben, nur in Origmalfüllung) wird in Gläsern, rituelle Speisen aus Glastellern serviert. 7. Das auf dem Schiff gebackene Brot kann auch für die rituelle Verpflegung benutzt werden, insofern sestgestellt wird, daß zum Backen kein Fett zum Unterfchmieren benutzt wird. 8. Die drei zulässigen Gemüsekonserven — Spargel, Erbsen und Karotten — werden ausgewärmt, und ohne jede weitere Zubereitung rrit r in Originalbüchsen serviert. 9. Marmelade, kondensierte Milch, rituelle Käse usw. sind nur dann als koscher zu betrachten, mertft solche in Originalpackung, mit erkenn barem rituellem Stempel, verabreicht werden. Was von diesen verabreichten S p e i s e n a n e r n e m T i s ch ü b r li g b l e i b t wird nicht mehr als rituell betracht e t und darf nicht mehr benutzt werden. 11. In jeder Klaffe sind» separate „Koscher- Tische" mit besonderen erkennbaren Tischdecken für fleischig und milchig vorgesehen. 12. Die für Freitag Abenderforderlichen Konserven werden eine Stunde vor Eintritt der Nacht in kochendes Wasser gelegt Die für Sabbat Mittag erforderlichen Konserven bleibenim Kupferkessel bis zum Gebrauch. f o l g u n g d lese r M a ßnah m e n gewahr leisteten rituellen Verpflegung'. 13. Die rituelle Verpflegung besteht aus: Suppenfleisch, Kalbskonserven, Hühnerkonserven, Kondensierter Milch, Schweizer Schychtelkäse, Würstchen (in Originalbüchsen), Marmelade, Tomaten, Pikles und Obst, Gebratene Fische, Gebratene Kartoffel, Oelsardinen, Sprotten in Oel, Geräucherter Hering, Nach den Weisungen des Punkt 7 gebackenem Brot. Gebackene Fische sind nur dann als koscher zu betrachten, wenn solche auf einem Rost und Eisenplatte, die beide vorher glühend heiß gemacht sind, gebraten wurden. Die Kartoffel werden in einer vorher ausgeglühten Bratröhre in den Schalen gebraten und in diesem Zustandauf den Tisch gebracht. 14. Die strikte Einhaltung dieser Weisungen durch das Personal wird vom Bordkommissar streng kontrolliert. Die Passagier e, in deren Jntersse diese Einrichtung getroffen ist, sind jedoch gebeten, auch ihrerseits die p ü n k t l i ch,e Einhaltung dieser Bestimmungen — auch durch tätiges Mitwirken, wie persönliche Besichtigung bezw. gelegenMche Beobachtung, die vom Küchenchef in freundlich entgegenkommender Weise ermöglicht wird, ordnungsgemäß zu fördern, bezw. sicherzustellen und bei Wahrnehmung etwaiger Uebertretungen dem Bovdkommifsar sofortige Mitteilung zu machen. 15. Nähere Aufklärungen erteilt die Palästina- Zentrale der Agudas Jrsroel in Frankfurt a. M., Schwanenstraße 12 und ihre Bertetungen in allen. Großstädten. Etwaige Speisen, die in diesem Verzeichnis nicht Vorkommen, gehören nicht mehr zur Einrichtung der lediglich durch strikte Be- Gesellschaftsreise nach PaWina Durch die regelmäßig verkehrende Eillinie Trjest-Jassa (41/» Tage) erübrigt pch eigentlich eine direkte Veian staltung von Gesellschaftsreisen.. Ohne irgendwelche Ver abredung fanden sich jüngst z. B. eine Anzahl von Teil nehmern schon einen Tag vorher im Hotel de la Visile in Triest zusammen. Es waren da u. A. ein älteres Ehe paar aüs Tel-Avio, die ihre Kinder in Europa und zugleich den Kurort Wiesbaden besucht hatten. Ein jüdischer Arzt aus Haifa mit seiner Familie, die aus Berlin kamen Ein junges Ehepaar aus Hamburg, die mit einem sechs monatlichen Studienaufenthalt in Palästina, den gemein samen Lebensweg beginnen wollen, u. V. A. Auch einige Familien der Württemberger, die sich aus der Rückreise nach Palästina befanden. Genau gegenüber, dem Hotel das auch einen deutschen Teilnehmer hat, sieht man den Dampfer „Celio" ein neues schönes Schiff des Lloyd Triestino. Mit ihm fahren an 200 Passagiere — wohl die Hälfte Juden — noch Palästina. Stlit ihm fahren auch wir. Wir sitzen im großen Saal des Hotels, einem der schönsten in Triest. In einer großen Vitrine sink inter ressante Antiquitäten ausgestellt, Unter diesen auch eine prachtvolle alte C h an-u k a - M e n 0 r a italienischer Her tunst. Bald stellt sich uns der Hoteldirektor vor und zeigt uns verschiedene hebräische Bücher. Sein Chef pflegt diese Bücher am Trödlermarkt zusammenzukaufen, die er dann jüdischen Gästen gerne zur Verfügung stellt. Einen Kizzur und ein Chumisch Vereschith durfte ich für die Reise mitnehmen. Am Tag vor Antritt der Reise gab es in Triest S i r'o k 0. In Palästina und- Aegypten nennt man dies Chamfin, weil dieser ungewöhnlich heiße Ostwind -nivwipmuin diesen Ländern regelmäßig in den 50 Tagen zwischen Pessach und Sch'wuoth vorzukommen pflegt. Immerhin kein gutes Zeichen für die bevorstehende Seefahrt. Die Nacht war kalt, lieber den nah^elegenen Schiffen lag ein dicker Nebel. Tut nichts, bemerkeein Mitreisender Rabbiner, die Reise beginnt Donnerstag Vorabend und Freitag 2 Uhr Nachmittags ist Neumond Wir bekommen sicher bald schönes Wetter. Die Erregung um nicht zu sagen, Niedergedrücktheit vor der Einschiffung hat jedoch immer etwas Ansteckendes. Schließlich sind wir alle froh, unsere Kabinen zu beziehen und das Gepäck gut untergebracht zu haben. Wir machen einen längeren Spaziergang' durch alle Geschosse des Dampfers. Ich stellte mich bald dem Kommisar vor, der mich über die rituelle Verpflegung bestens orientiert. Wir kommen darauf im einzelnen noch zurück Der Anblick des Schiffes in allen seinen Abteilungen macht einen angenehmen, beruhigenden Eindruck. Eratte Sauberkeit, moderner Komfort, vorzüglich hygienische Einrichtungen, höfliches, gutgeschultes Bordpersonal — namentlich auch in der 3. Klasse — sind die besten Begriffe, den „Celio"-zu charakterisieren. Während wir im Schiss bei leichtem Wind noch herumgehen, und dabei auch vom Regen bespritzt werden, tutet der Dampfer zur Abfahrt. Wir befinden uns bald auf hoher See. Sind bereits unterwegs. Eine höchst angenehme Ueberraschung. Das Schiff geht in größter Ruhe. Es bewegt sich kaum. Die Dampfheizung wird mit Benzin gespeist. Auch für Küche und Backöfen wird Petroleum benutzt. Die schwarze; Steinkohle, ihr schwerer Duft, sowie die kohlschwarzen Heizer sind nicht mehr. Sabbat auf km Schiff. Für die- Koscherpassagiere der 1. und 2. Klasse waren im großen Speisesaal 4 Tische reserviert, für'deren Bedienung ein geschickter Steward zugewiesen war. Zwischen den Gästen herrschte bald eist angenehmes,' geselliges Beisammensein. Nach jeder, Mahlzeit benschte man Mesuman. Vor Eintritt des Sabbats wurde nach Vorschrift Er uw gemacht. Es gab Unterhaltungen über Thoraworte und Talmudthemata. Wein für Kiddusch war vorgesehen'. An Bord hefanden sich mehr als 100 jüdische Passagiere. Am Sabbat Abend konnte indessen der Gottesdienst nur mit einem knappen Minjan abgehalten werden. Um einige Stunden später, etwa gegen 9 Uhr Abends waren wir in Brindisi. Einer der Minjanäre machte die schalkhafte Bemerkung: „Wir haben einen neuen Minjanmann bekommen." Soeben ist Dr. Mossinsohn, der Leiter des Iaffaer hebräischen Gymnasiums in Brindisi eingestiegen. Sabbat Vormittag war das Minjan trotzdem nicht viel größer. Von den mitfahrenden Chaluzim haben sich nur wenige am Gottesdienst beteiligt. Es wurde auch gelaient. Ein Teilnehmer, der seine Füllfeder, an der Rocktasche angeheftet hatte, wurde zum Thoraaufrufen nicht zugelassen. Auch zu . Mincha gab es Minjan. De^ ganzen -Sabbat konnte man bei herrlichem Sonnenschein; auf Deck; bleiben. Es war direkt eine Vergnügungsfahrt und Auneg Schabbos dazu. Bei Ausgang des Sabbats versammelten sich die Gäste zu Hawdoloh in der Kabine des Rabbiner H., dessen Gattin, ohne davon eine Ahnung zu haben, ein kleines, aber bezeichnendes Mißverständnis verursachte. Die jüdischen Gäste der 1. Klasse merkten es Nämlich, daß ihnen konsequent immer milder Kaffee serviert wird. Einer derselben faßte Mut, und sagte, er möchte doch einmal auch einen rechten Kaffee bekommen, von demselben, der an den anderen Tischen serviert wird. Det" junge Steward ein frommer Katholik, war dazu nicht leicht zu bewegen. „Rituelle Gäste" müssen Kaffee Hag trinken. So habe es auch Frau Rabbiner H. ausdrücklich gewünscht. Ein Herr und eine Dame interpellierten Herrn Rabbiner H. und es stellte' sich bald heraus, daß. Frau Rabbiner H. für sich selbst Kaffee Hag gewünschthatte, -weil ihr dies von-ihren Aerzten geraten worden war. Ein Brief. '' k;. ' Zwei ältere froytM^JÜden, aus dem Osten stamrneNd, beide aus England kritninend, haben ihn geschrieben. Etwsts gekürzt gebe ich ihn hier wieder: „Es ist auf dem SMff. alles so schön. Auch in der 3. Klasse haben wir gute' llnterkunst. Man sagt uns, alles sei auch recht koscher. .Man gibt aber , auch Käse und Butter auf den Tisch, aus welchem die Fleischspeisen aufgetragen werden: Möglicherweise werden auch die mit „koscher" bezeichneten fleischigen' Bestecke d azu benutzt. Und d as Wärmen. am - heiligen Schabbos? -And die gebratenen Fische und Kartoffeln? Wir hören, daß Sie ein frommer Rabbiner' aus Ierü-' fcholajim sind und daß Sie selbst auch' an den Mahlzeiten teilnehmen. Wir bitten Sie sehr,' Uns doch zu belehren, ob die rituell/ Verpflegung rmif dem Schiffe zuverlässig sei und wie wir uns dabei zu verhalten haben.".- > . Die rituelle Verpflegung auf der Palästina Eillinie des Lloyd Triestino. M Den Fragestellern erteilte ich folgende Antwort:, Die Direktion des Lloyd Triestino hat im'einem Merkblatt die Bestimmungen für die rituelle Verpflegung gaitz genau fixiert. Zeder Passagier, der es mit dem Kaschruth genau nimmt, muß sich vor allem an diese-Vorschriften halten. Irgendwelches Abweichen von diesen ' Vorschriften gehört nicht mehr zur vorschriftsmäßig gewährleisteten rituellen Verpflegung. Die Fleisch- und Milchkonserven sind einwandfrei koscher. Für das Aufwärmen — auch für den Sabbatgebrauch — sind entsprechende Instruktionen erteilt. Eine tätige Mitwirkung von gesehestreuen- Passagieren als rituelle Beobachtung ist angezeigt und erwünscht und wird auch vom Kommissar und Küchenchef bereitwilligst gefördert. Fürm einen Teil habe ichin persönlicher Besichtigung des Küchenbetriebs, sowie beim Brotbacken die Aeberzeugung gewonnen, daß die einschlägigen Bestimmungen befolgt werden. Was die fleischigen Bestecke und die Verabreichung von Butter und Käse betrifft. will ich mit dem Rommifat darüber sprechen. Doch empfehle ich Ihnen schon jetzt, lieber Ihre eigenen Bestecke zu.benutzen. Der Kommisar, Herr Raimondo Dannecker, dem ich diese Beschwerden mitteilte, lud mich ein, mit ihm zusammen die Mahlzeiten in ber 3. Klasse zu besichtigen und bat mich, ihn auf etwaige Mängel aufmerksam zu machen. Er überreichte mir zunächst eine rituelle Verpflegungstabelle, aus der -ersichtlich war, daß auch in der 3. Klasse einmal täglich Fleischkonserven — für 2 Personen zusammen eine Originalbüchse — verabreicht werden. Hierzu kommen abwechslungsweise — wie er sich italienisch-Deutsch ausdrückte — naturell gebratene Fische, naturelle Kartoffel. gebraten, Sardinen, geräucherte Heringe, Tomaten, Eier, Pikles, Obst und Brot.^Der Qualität nach alles in guter und gefälliger Auflage. Auf meine Vorstellung, daß. auch Käse aus den Tisch kam, erklärte der Kommissar, daß Käse überhaupt nicht zur rituellen Tafel der 3'. Klasse gehöre. Der Kellner habe offenbar nur in entgegentom-, mender Absicht dem Verlangen eines Päffagieres nachgegeben. Es hat sich übrigens herausgestellt, daß dev Käse bei der Mahlzeit nicht gegessen wurde. Nun begreife er yber, um was es sich dabei handelt und er werde sofort verfügen, daß Käse, Butter und Milch zu den rituellen Mahlzeiten Mittags und Ab en d s überhaupt nicht gebracht werden. Im Verlaufe dieser Unterhaltung gab uns Herr Dannecker in verständnisvoller Darstellung noch folgende Erklärungen. Für die rituelle Verpflegung haben wir von der Direktion die genauesten ' Instruktionen. Die Direktion legt größten Wert darauf, ... die von kompetenten rabbinischen Autoritäten vorgeschriebenen -Maßnahmen striktest zu verwirklichen. Eine direkte: rituelle Küche kann aus technischen Gründen einstweilen . nicht in Frage kommen. Es würde einmal der Versuch;' mit einer selbständigen 'Koscherküche gemacht. Streng rituell-lebende Passagiere waren jedoch mit der Einrichtung völlig unzufrieden. Der; gegenwärtige Modus hat, sich unvergleichlich besser bewährt.''Da es sich iü der Häupiäche nicht um frisch gekochte Speisen, handelt, konnte sich ' die Direktion auch zur Anstellung eines speziellen rituellen Aufsehers nicht entschließen. Die Direktion weiß es aus Erfahrung, daß rituelle Aufseher, die auch von streng religiösen Passagieren als vertrauenswürdig anerkannt werden, nicht leicht zu bekommen find, unter den Passagieren finden sich aber stets strenggläubige Israeliten, die gelegentlich Besichtigungen, die vom Küchenchef mit größter Zuvorkommenheit gefördert werden, vornehmen., übrigen werden die Bestimmungen für die rituelle Verpflegung neuerdings in klarster Fassung an allen rituellen Tischen angebracht, werden. Wir wollen uns gerne bemühen, etwaige Mängel, die zu unserer Kenntnis ge-, langen, zu beseitigen. Oberster Grundsatz bleibt dabei, daß der rituelle Charakter dieser ..Einrichtung ausschließlich nur nach Maßgabe der vorgeschriebenen rituellen Bestimmungen, die jedem Passagier zur Verfügung stehen, -begrenz t und gewährleistet ist. Wenn, aber einzelne jüdische Passagiere Non diesen Bestimmungen: abweichend und' ab und zu auch solche Speisen verlangen,-.:, die in b'er'rituellen Tabelle nicht Vorkommen, so hat das mit dergewäMeisteten ritullen Verpflegung nichts zu tunj. Es kann -doch-nicht Aufgabe des Schiffsbetriebes fein, auf; derartige' Willis che einzelner Passagiere irgendwelche Ingerenz zu nehmen. Die rituellen Maßnahmen beziehen sich lediglich auf die Mahlzeiten an den rituellen Tischen und aus die in der rituellen Verpflegungstabelle verzeichne--, ten Sorten. Was darüber hinausgeht, gehört, wie ge--