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Der Israelit · 1931-01-01 · Heft 1 (1.1.1931) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
72 (1931)
Issue
Heft 1 (1.1.1931)
Date
1931-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines rilenschenschicksals und einer Zeitepoche. * . Von S. Jzchali. - (Fortsetzung). Und der Mann, sonst nur als „Jswostschik" (Fuhrmann) angerufen und angeschrieen, ging hochbeglückt, stolzen Hauptes, als Reb B e r l davon, schwang sich wie verjüngt, auf dien Bock Und drehte um nach der Dampferlandung, wo Verdienst harrte. Vom Boulevard führten Steinstusen zum Strome hinunter. Reb Jankel stützte den Rasibi am Arm, daß er nicht strauchele. Dieser aber ergriff mit ber Linken den Arm Meikemeiers. „Fall nicht, Bochurl, es ist etwas glatt und steil!" Und vor Aufregung und' Ergriffenheit über diese ihm vom größten Mann der Zeck, bei dessen Namensnennung man im Städtchen und in allen Städten sich ehrfurchtsvoll erhob, gewordene väterliche Obsorge verfehlte Meikemeier eine Stufe und wäre beinahe wirklich die Treppe hinuntergekollert. Am Hange des Boulevard saßen Arbeiter und klopften Steine, am und im Wasser standen Menschen mit bloßen Füßen und bis zum Knie aufgeschürzten Beinkleidern und banden Baumklötze aneinander. „Guten Tag, Juden!" grüßte Rabbi Jzchok Elchonon zuerst, bevor die Änderen ihn erblicken konnten. Da sie rasch aufstehen und die Arbeit fallen lassen wollten, wehrte er gütig ab: „Bleibt, bleibt Jüden. Man darf sich in der Arbet nicht stören lassen. Ist nicht die Arbeit zu schwer? Wie ist der Verdienst? Ah, Reb Leib, ist Euer Weib wieder gesund? Reb Jossel, Ihr habt zu dünnen Rock an, könnt Euch, G'tt behüte, erkälten, seid auch in Schweiß. Eßt Ähr alle auch genügend bei der schweren Arbeit?" Die Leute sahen beglückt von der Arbeit auf. Manche standen auf und hatten was vorzubringen, was zu beanstanden: Differenzen mit dem Brotherrn, persönliches oder familiäres Ungemach. Der Rabbi hörte alles, genau und ruhig an, hieß auch Reb Jankel hie und da etwas notieren. Reb Jankel murrte unzufrieden, undunge- ^Der Doktor hat strenge befohlen, der Rebbe soll spazieren gehen und sich für eine, Munde von der Arbeit ansspannen. Und draußen die gleiche Leier, Menschen, Schwätzer, Arbeit . . . Hinterher heißt es: Jankel hat nicht aufgepaßt . . ." „Habt doch ein Herz, Reb Jankel," begütigte der Rabbi, als müßte er bei ihm eine Gnade erflehen. „Seht doch, wie viele Leute tagtäglich zu mir mit ihrer Rot und Sorge As Haus gestürmt kommen. Diese Leute können doch nicht kommen, sie müssen um Brot für Weib und Kind arbeiten. Und habt Ihr gesehen-, w i e schwer sie arbeiten —, also muß ich zu i!hnen, und sie anhören. Für was bin ich ihr Row? ..." „Seid mauchel, Reb Jankel," schloß er, da Reb Jankel a nsin g> si ch seines „unjüdischen Herzens" zu schämen ... Den Rückweg nahmen sie am menschenleeren Ufer entlang. Der Rabbi könnte sich jetzt etwas inehr dem Jüngling zuwenden. Was er schon alles gelernt hätte, erkundigte er sich. Dies und Jenes,^ Rabbi Jizchok Elchonon griff ein Wort Äuf, Hellte eine Frage, Meikemeier stotterte eins AntwM,,die der Rabbi ausnahm und weiterspann. Mt, holte ihm die Worte gleichsam. aus dem Mundeheraus; denn es faß mancherlei im Jungen örinnen und wollte nicht offen heraus. Zuletzt wat Meikemeier so ermuntert, angeregt und lebhaft, daß er ganz unbefangen undohne Scheu Rede und Antwort stand-, als säße er vor Wulfe, seinem Rebben. Schade wars, daß die Wohnung des Rabbiners nicht weiter entfernt lag und die Unterhaltung nicht ausgedehnt, werdenkonnte. Nun aber, standen sie vor dem Haufe und das Verhör war zu Ende. Er durfte noch einmal mit hinein, und nach wenigen Minuten halte er einen Brief in der Hand', geschrieben in zackigen, verschnörkelten Schriftzeichen von Reb Jankel und unterzeichnet von „Jzchok Elchonon Spektor, Rabbiner der heiligen Gemeinde zu Kowno." Ein Stempel in schwarzem Marmorstein graviert, mit Rauch vom Kerzenlicht angeschwärzt, war unten dem Vogen» aufgedrückt. Adressiert war der Brief an Lecker und Verwaltung .. der Jeschiwa in Slabotto. ...Sein Lebens¬ und- Lehrgang für die nächste Zeit war festgelegt, geregelt und gesichert, v. In der Jeschiwa hatte Meikemeier seinen bescheidenen Platz am Eckfenster, wo er, von den -Anderen wenig beachtet, sein eigenes 'Leben führte, das sich im äußeren Rahmen nur wenig von dem seiner älteren undjüngeren Genossen unterschied. Er lernte fleißig, war stets für den Schiur gut vorbereitet, geisteswach für die Diskussion-, die sich an jeden Satz knüpfte und' schnitt beim Verhör gut ab. Er erhielt die mittlere Wochenrate, hatte ein kle-ines Zimmer bei Jankel Oscher, dem Schneider, der ihn am Samstag schon Stunden vor Tag weckte, daß er, der fünfzehnjährige Junge, mit ihm, dem Sechszigjährigen, Mischna lerne. Er aß wie die anderen „Kosttage", die Rieten und Lücken aufwiesen, hatte Heimweh, bekam Briefchen mit kleinem Inhalt durch Leibe, den Kommissionär, der allwöchentlich einmal aus Burki mit dem Dampfer nach Kowno fuhr, lernte mit jüngeren Mitschülern den Schiur gegen kleines Entgelt, das gerade für trockenes Brot in den „kostlosen" Tagen reichte, lernte, lehrte, aß und hungerte und gedieh dabei körperlich und' geistig-. Um sein inneres Ich rangen aber schon von Anfang an zwei Mächte. In der Dämmerstunde wandelte der Geist Rabbi I Israel Satan t e r s durch die dunklen Hallender Jeschiwa. Rabbi Roach, der Maschgiach und Mussarlehrer, hatte noch zir Füßen Rabbi Jisroels gesessen, ex dachte dessen Gedanken, lehrtedessen Lehre und sprach dessen Worte bis auf Stimmfarbe und.Tonfall. Tagsüher faß Rabbi Roach, der sanfte und strenge-, stille und unerbittliche zugleich, auf erhöhter Stelle, auf einem Podium, von wo aus sein Auge den ganzen Rauin beherrschte. Dieses..dunkle Auge hinter pechschwarzen Brauen, war hellsehend, konnte-durch Kleider, Fleisch und Knochen bis «ins tiefste Innere schauen.. Rabbi Roach hatte das zweite Gesicht. Streifte sein Auge einen Schüler, wußte dieser, er war entlarvt. Irgend eine innere Störung, eine Ablenkung, ein Gedanke, fern vom Traktate — noch wußte der Schüler selbst nicht, wie und woher — und schon stand Rabbi Roach vor ihm: „Jüngele, man darf lernen, man darf Nicht fremde Gedanken haben! Die Tauroh ist Wein, und komnck Fremdes hinein, ist er picht mehr rein . . . Was, Jüngele, hast Heimweh? Ich sage Dir: daheim ist alles gilt und gesund und die Tauroh ist unser Heim. Kopfschmerzen, Zahnweh, sonstwelchen Kummer? So sage es nur mir, Roach, der Euch ein Vater ist- Und er glättete mit der flachen Hand die Stirn des Jungen, fühlte feinen Puls. Und' unversehens hatte, er fchost die.Stelle im aufgeschlagenen Folianten erfaßt, die den Jungen beschäftigte oder nicht genug beschäftWe. „Etwas schwer? Verstehst Du etwas nicht?. Ra, langsam, wollen ij. ßr. i II M mal sehen, wollen zusammen den Tcmsfaus durchgehen — —-" Man muß in den. Tauch (ins Innere) einer jeden Reschomo eindringen, war der pädagogische Grundsatz Rabbi Roachs. ' Und dieser Mann klopfte, wenn der Abenddämmer zu den Fenstern der Jeschiwa hinaufkroch, mit der flachen Hand aufs Pult und rief die Jünger zur Mussarstunde. Er ries so, wie dne’ Mutter ihre Kinder zum Essen herbeiruft. Und alle kamen, auch die, welche weniger Hunger nach der bittersüßen Musfarkost verspürten. Die Mussarstunde war nicht einheitlich. Bunt und farbenreich im Dämmer des sinkenden Tages kam sie wie aus geheimen Höhen angeflogen, und darin lag ihr eigener Reiz. Die einen saßen still und ruhig in einer Ecke, in ihr Buch vertieft, als lasen sie eine moderne Lektüre. Andere liefen verzückt hin und her und gaben wilde, unzusammenhängende Schreievon sich. Wieder andere gruppierten sich um einen älteren Freund oder um Rabbi Roach selbst, der ihnen aus einer Schrift mit gedämpfter Stimme etwas vortrug. Jeder hatte fein eigenes Buch, seinen eigenen Mussar, seine eigenen Gedanken und Empfindungen^ Wie Kranke, deren jeder se-m eigenes Heilmittel sucht. Zuweilen fanden sich aber im Raume irrende und schwirrende Worte zu einer Parole zusammen, dann gab es eine kleine Gruppe, um ein Wort, einen Gedanken, eine Losung versammelt. Meikemeier lagen die Bücher, d'ie die Strafen des Gehinnom in so anschaulicher und grausiger Weise auszumalen wußten, nicht. Ihm schauderte von solchen Möglichkecken. Die Buße bis zur Zerknirschung verlöschte alle Lichter in ihm. Aber nichts scheute er so sehr wie die Finsternis in sich. Das eine aufliegende. Muffarbuch liebte er über alle Maßen, das „MessilasJeschar i m ", den „Weg der Geraden" von Luzatto. Schon der herrlichen Sprache und des klaren Aufbaus wegen. Es las sich äußerlich wie ein modernes Buch von Mapu, Schulmann und Gordon. Aber es waren kostbare alte Perlen von immerwährendem Glanze. Die hier gelehrte Demut war eine andere, als die unter Androhung von Höllenqualen diktierte im „Scheweth Musiar". Seine Seele, wie alle anderen Seelen, hatte Lücken und Schlacken. Die mußten entfernt, aus geschaltet und ausgeglichen werden, damit das Gold rein und ungetrübt leuchtete. Das tat „Messilath Jescharim" so klug, so überzeugend und mit so zarter Hand, wie eine Mutter, die ihr Kind weich in . die Kissen bettete. Die Schlacken sielen ab, der Seele selbst tat der Reinigungsprozeß nicht weh. Das war die e i n e Macht, die um den Jüngling, nicht ohne Erfolg-, rang. Die zweite Macht, lockte und arbeitete hinter einem kleinen Eisenladen, in einem Hinterhäuschen, in dem junge Menschen eine kleine Bibliothek und Lesehalle eingerichtet hatten. Dort versammelten sich junge Leute, dte im Beshamidrasch ihren Welthunger Nicht zu stillenvermochten, um Zeitungen und Zeitschriften zu lesen, um zu hören und zu erfahren, was draußen vorgehe. Auch Jünger der Jeschiwa pflegten sich, vom Drange nach Welt und Wissen getrieben, auf Umwegen, in dunkler Stunde dort hinzuftnden. In diesem düsteren Raume war das Milieu ähnlich wie im Cheder Rochum Leifers im Städtchen, nur etwas freier, etwas bewußter im Streben nach maderner Bildung. Die Gespräche hatten hier schon zuweilen eine bestimmte Rote gegen die Kleinheit hinter dem Lichte in Gasse und Lehrhaus. Meikemeier fand hier den Faden, der von Rochum Leiser eingefädelt wurde und; m der Jeschiwa abgerissen schien, verstärkt, in doppelter unddreifacher Berknotung wieder. (Fortsetzung folgt.)

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