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Der Israelit · 1930-12-24 · Heft 52 (24.12.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 52 (24.12.1930)
Date
1930-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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jb55"' Der Jsraelit Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines TNenschenschicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Auf der linken Seite dehnten sich enge und schmutzige Gassen zur Wilia, einem Nebenfluß des Njemen, hinaus. Ueber die Wilia führte eine altersschwache, brüchige Holzbrücke in die Vorstadt hinüber, die man Slabodko nannte. Aus der anderen Seite lag der Morast noch höher als in Burki, die Pfützen waren noch grüner' und tiefer, die Häuser fast noch enger und kleiner, die Gassen und' Gäßchen schief und schmal und die Höfe so winzig, düster und schmutzig, als fürchteten sie die blanke Sonne. Meikemeier schien es beinahe,-als hätte alle Finsternis, alle Kleinheit, alle Armut, alle Beklommenheit, die doch eine jüdische Stadt, je größer, je mehr, einmal hoben muß, Per, jenseits des kleinen Flusses, ihre Ablagerungsstätte gefunden. Eigentlich war Kowno nichts anderes als Burki und andere Städte, nur daß es für Kehricht und Abfall eine eigene dunkle Kammer hatte, die sie Slabodko nannte. Die Hölzhäuschen waren dort zwischen Sumpf und Morast so regellos zusammengewürfelt und ineinander geschoben, daß es die Orientierungsgabe eines Beduinen oder eines alten Kapitäns oder 'eines Burkier Fuhrmanns dazu bedurfte, sich hier zurecht zu finden. Aber nach einigem Suchen und Fragen fand doch der Junge .endlich das Haus, das das Ziel seines Strebens war. Von einem geräumigen Hof umgeben, in dem viel Gras wild wucherte, stand der ebenzur Erde gelegene große kahle Bau, mit großen Fenstern nach allen Seiten, in dem etwa vierhundert Menschen, junge Kinder, Jünglinge und auch ältere Leute bis zum Greife, vor ihren Ständern faßen oder standen und« Talmudtexte sangen irr allen Tonarten, die je Menschen für ihre bewegten Gefühle fanden. Jeder hotte seine eigene Melodie, und es schien doch, als würden alle Melodien im Raume zusammenfließen zu einem eigenartigen Gesänge. Wie ' betäubt stand Meikemeier unter den mit soviel Inbrunst singenden Menschen, deren keiner Notiz von ihm nahm. Cr war in der großen Jeschiwa, die nun für die nächsten paar Jahre sein Heim sein sollte. Er hatte seine Melodie diesem rauschenden Meere vön Gesängen einzuordnen. Meikemeier hotte Empfehlungsbriefe von fei-, nem Vater, dem Stadtrabbiner von Burki und Rabbi Wulfe an verschiedene Leute und Instanzen in Kowno. Sie wurden gebeten, sich seiner anzunehmen, ferne Aufnahme zu bewirken und ihm die übliche Tages kost zu besorgen. Der Empfehlungsbrief des Stadtrabbiners von Burki war an den großen Kownoer Raw, Rabbi J i zchok Elchonon, gerichtet, und der Rabbiner hatte ihm, Meikemeier, ans Herz gelegt, diesen großen Mann, den größten der derzeitigen Großen, z u e r st zu besuchen und sich von dessen Umgebung nicht abw>eifen zu lassen. Er sei eine Sonne, der Kownoer Raw, der von vielen Schatten begleitet und vielen Wolken umgeben ist. Legte sich der Nebel, bliebe nur Sonne . . . Ein Strahl von ihr bringe Licht, Wärme uitd Heilung. So hatte der Stadtrabbiner,'der selber in jungen Jahren in 'Kowno und Slabodko gelernf hatte, den großen Kollegen von Kowno geschildert. In einem einfachen Haus einer stillen Straße, unweit des Alten Veshamidrafch, stand nun der Junge unter vielen anderen Menschen in„ der großen i kahlenVorhalle und wart e t e, Viele Menschen drängelten zur Türe, wo sie ein kräftiger einäugiger Diener mit Wucht undunsanften Worten zurück- und zurechtschob. Manche versuchten es durch ein Trinkgeld. Der Diener nahm an, aber feine Worte wurden kaum sanfter. Je drei oder vier ließ er ins Zimmer und hielt die anderen so lange im Schach, bis wieder so viele hinaus gekommen waren. „Was willst D u?," fuhr der ungeschlachte Diener, der eine erschreckende Aehnlichkeit mit Meier Zimmes daheim hatte, den Jungen an, das D u besonders betonend. „Kommen auch schon Kinderaus den Wiegen oder davongelaufene Chederjungen hierher, um den Rebben aufzuhalten? Der Kownoer Raw ist kein Melamed. Was willst Du?" Ganz eingeschüchtert holte der Junge den Brief aus der Tasche hervor und überreichte ihn schweigend dem grollenden Türhüter. „Natürlich," brummte der Einäugige, aber schon um einen Grad versöhnlicher, „Briefe! Alle kommen sie mit Briefen. Tinte ist billig im Städtchen und ein Gänsekiel gibt es auch. Was soll ich mit dem Wisch?" Aber ohne Anspruch aüf Beantwortung dieser Frage packte er mit der linken Hand Meikemeier am Kragen, öffnete die Türe - zu einem kleinen Spalt und schob ihn mit der Rechten hinein, indes die Linke den Ansturm auf den sich aufgetanen Spalt kräftig abwehrte. Meikemeier befand' sich in einem kleineren Raum vor einem Tisch, an dem zwei stark bebärtete Männer, ein älterer und ein jüngerer, beide mit baumelnden Schaufäden unter dem aufgeknöpften Rock, dasahen und eifrig an Konzepten schrieben. Von Zeit zu Zeit warf der Alte dem Jüngeren einen bösen Blick, auch ein verweisendes Wort zu. .War der Alte der Kownoer.Raw? Meikemeier betete im Innern zu G'tt, daß er es nicht sei, daß ihm die Enttäuschung erspart bleibe. Und G'tt erhörte sein Gebet. Der Alte sah durch scharfe Brillengläser zu ihm hin, nahm ihm wortlos den Brief ab, öffnete und las ihn und sagte dann etwas erhaben: „Nun, Bochurl, (junger Mann), Du willst zum Kownoer Raw. So so! Man schreibt. Du kannst für Dein Alter lernen und willst auf die Jeschiwa. Da mußt Du aber über die Wilija gehen, dort ist die Jeschiwa . Aber warte noch ein bißchen, setz Dich so lange." Meikemeier hätte dieser Aufforderung gar -nicht folgen. können, auch wenn er es gewollt hätte. Die zwei Stühle im . Raume waren von den beiden Schreibern besetzt.! Ein dritter wackeliger Stuhl war voll mit Akten belegt. Er ging an das Regal, das eine ganze Wand ausfüllte, und nahm sich, das erste beste talmudische Buch heraus. Die grimmigen Blicke aus dem Einauge des Türhüters, die strenge kalte Sprache des Sekretärs jagten ihm keine sonderliche Angst ein. In Erwartung dies großen Mannes, dessen Stimme er hinter, der dünnen Wand, wo sich scheinbar mehrere Menschen aufhielten, hörte, verspürte er aber ein Herzklopfen, daß ihm beinahe der Atem verging. Ueber eine Stund>e hatte er bereits gewartet. Wie ein in einer Ecke abgelegtes und vergessenes Konzept, unter den Büchern und Konzepten in den Regalen, stand er da. Die beiden Schreiber sprachen miteinander ohne einen Blick oder ein Wort für ihn. Aus dem Vorzimmer drangen, fo oft die Türe aufging, die aufgeregten Worte der drängenden und mit dem Diener verhandelnden Menschen, aus dem Jnnenraum einzelne abgehackte gemessene Sätze. Dort schienen mehrere Herren bei einer Beratung zu sitzen. Da ging plötzlich die Türe von -innen auf. Meikemeier fuhr zusammen. Vier oder fünf Herren, zwei - nr. 52 1930 unter 'ihnen in moderner Kleidung und mit rundgeschorenem Bart wie sie daheim mir der Doktor, der Apotheker und Juda, der reiche Holzhändler, trugen, gingen durch den Raum und hinaus. Die Schreiber erhoben sich ehrerbietig, der Einäugige draußen verbeugte sich liebdienerifch. Nun sal) der ältere Sekretär zur Wanduhr mit den schweren Gewichtsteinen hinauf und sein Blick erfaßte den Jungen beim Regale: „Es ist zwecklos, junger Mann, kannst heute den Rebben nicht mehr sprechen. Es ist bereits elf Uhr und er muß jetzt seinen Spaziergang machen. Ist ihm vom Arzt verordnet. Komm nachmittag oder morgen!" Schon hatte Meikemeier, enttäuscht und entmutigt, die Türklinke in der Hand, als nochmals die Türe von innen aufging, und jetzt stand Rabbi Jizchok Elchonon selbst in seiner ganzen ragenden Gestalt im Zimmer. Keiner brauchte es dem Jungen zu sagen, er sah und erkannte ihn sofort. Jeder erkannte ihn, wer ihn s o sah. Das war die Sonne, von der Schatten und Nebel wichen . . . Groß und gerade wie eine Eiche, obwohl der gewaltige Kopf etwas vornübergeneigt auf den Schultern faß, das ganze Gesicht bis zu den Augen bedeckt von gekräuselten weißen Haarsträhnen, die sich am Kinne zu einem dichten Busch sammelten und bis zur Brust hinunterwallten. Was im Gesicht die Haare noch übrig ließen, war weiß wie Alabaster. In den großen, von buschigen Wimpern beschatteten Augen wohnte das Leid von ganz Israel, die Liebe und das Erbarmen für ganz Israel. Der Fünfzehnjährige empfand das alles mit seiner Kindesseele, ohne es in klaren Formulierungen zu bedenken. Der Rabbi hatte einen schwarzen, weiten, blitzsauberen Oberrock an, der bis zu den Fußknöcheln ging. Auf dem Kopfe faß ejn Zylinderhut, der die Gestalt noch größer, noch imposanter machte. In der Hand hielt er einen großen Stock mit schwerem Silberknauf. Er war zum Ausgehen, gerüstet. .Sofort erhob sich der ältere Sekretär, schloß eilig die Briefmappe, knöpfte den Rock zu, fuhr sich wichtig über den Bart, griff nach dem in der Ecke stehenden Stecken und machte sich bereit, seinen Rabbi auf dem täglichen Spaziergang zu begleiten. Ein vorwurfsvoller Seitenblick traf den Jungen. Warum er sich eigentlich noch immer nicht verduftete? Dieser aber hatte in einem Gemisch von Angst, Neugier, Aufregung und Verehrung wirklich zunächst das Fortgehen vergessen. Nun aber geschah das Wunderbare, an das Meikemeier später sein Lebenlang wie an eines der spärlichen Gnadengeschenke vom Himmel in seinem gewitterbewegten Leben mit inniger Dankbarkeit dachte. Just im Momente, da er sich zur Tür hinausschieben wollte, erreichte ihn der Blick des Rabbi, ein Blick, wie er vielleicht sonst nur einmal un Jahre auf ihm ruhte: wenn er am Abend vor Jomkippur-Eingang vor seinem Vater stand und dessen Hände segnend auf seinem Haupte ruhten. „Was will der Bochur?" fragte der Rabbi, halb an den Sekretär, halb an ihn selbst gewendet. ... „Einen Brief," stammelte der Diensttuende. Und schon hatte der Kownoer Raw den Brief in der Hand. Er überflog ihn rasch. „Scholaum!" reichte er dem Jungen die Hand, in die dieser vor lauter Aufregung und Verlegenheit einzuschlagen vergaß. „Willst hier lernen? Sehx schön, kannst Du schon was?" Meikemeier wagte nicht, auf die letzte Frage klare Antwort zu geben. Was dieser große Mann unter Lernen verstand, war ihm noch so fern, wie der blaue Himmel oben, oder die lichte Stadt Petersburg, dahin die Schienen von der Mündung der Alleestraße aus führten. Eine Antwort wurde auch gar nicht erwartet. Der Rabbi erkundigte sich in einem Tone, der eigens auf die

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