Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1930)
- Date
- 1930-12-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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24. Dezember 1930 Der Israelit Nr. 52 Seite 5 1. Die Eltern sollen sich freiwillig verpflichten, ihre Pensionsbeiträge um 10 Prozent zu erhöhen und zwar rückwirkend von Monat Marcheschwan 5691 an, was für uns eine monatliche, Mehreinnahme von Fr. 500.— sein wird. Wir hoffen, durch Mitgliederbeiträge von -Gemeinden und Privaten unsere monatlichen Ausgaben zu decken, aber was machen, wir mit den offenstehenden. Schulden von Fr. 10 000.—, wie bezahlt man sie? Um unsere Schulden zu konsoldieren, machen wir folgenden Vorschlag: Wir appellieren an alle Väter, die bisher Schüler in der Jeschiwoh halten, und Freunde der Jeschiwah, ein jeder möge zur Erhaltung der Jeschiwoh beitragen in dem Sinne, daß er nur Fr. 200.— für unsere Jeschiwoh einmalig sammelt, was doch wirklich eine Kleinigkeit ist, wenn man in Betracht zieht, daß der Jeschiwohleiter selbst jährlich ca. Fr. 10 000.— bis Fr. 20 000.— zusammenbringt. . Auf diese Weise, d. h. wenn alle Eltern ihre Pflichten -erkennen und erfüllen werden, wäre die Krise beschworen und wir werden unsererseits streng Wache halten, daß keine neue Krise entsteht und daß wir in Zukunft uns nicht mehr von Eltern werden ausnützen lassen, wie bisher, die zu uns ihre Kinder gratis schickten, und heute in der Handelsschule Fr. 200.— monatlich bezahlen,. Polen. lieber Abschaffung der Beschränkungen gegen die Inden. Warschau, 17. Dez. Der dem A g u d a -^B l o ck ungehörige Abgeordnete Vlaclaw W y s z l i ck i , der auf der Regierungsliste des Sejm gewählt worden ist, teilt der Presse mit, daß die polnische Regierung von sich aus ein Gesetzprojekt über Abschaffung der noch aus der Zarenzeit stammenden gesetzlichen Beschränkungen gegen die Juden eingebracht hat. Wie schon mitgeteilt, hat der jüdische Parlamentsklub in der vorigen Woche ein ähnliches Gesetzprojekt eingebracht. Man hält es nun für sicher, daß der Sejm auf schnellstem Wege das Gesetz verabschieden wird. Die jüdische Presse gibt der Genugtuung Ausdruck, daß diese das jüdische Gefühl beleidigenden gesetzlichen Beschränkungen, deren Abschaffung seit mehr als einem Jahrzehnt zur öffentlichen Diskussion steht, bald der Vergangenheit angehören werden. Es handelt sich bei diesen Beschränkungen um das Verbot des Bodenkaufs durch Juden in gewissen Distrikten, um das Verbot des Uebertritts zur bzw. Wiedereintritts in die jüdische Konfession u. a. m. In der Praxis der polnischen Republik haben sich diese Gesetze nur selten ausgewirkt. Der Jüdische Parlamentsklub im polnischen Sejm hat heute folgende drei Vorschläge eingebrächt: 1. Das Gesetz über Lwangssonntagsruhe soll so umgestaltet werden, daß den jüdischen Ladenbesitzern und Gewerbetreibenden, die an den Sabbathtagen nicht arbeiten und ihre Geschäfte geschlossen halten, erlaubt werden soll, an den Sonntagen zu arbeiten und die Geschäfte offen zu halten; 2. Die von den Juden gegründeten Schulen mit hebräischer und jiddischer Unterrichtssprache . sollen Oeffentlichkeitsrecht erhalten, auch sollen ihnen Staatssubsidien gewährt werden; 3. Die Regierung soll eine Untersuchung der Wahlverstöße einleiten, die insbesondere zum Schaden der Liste 17 (Block zur Verteidigung der jüdischen Rechte) begangen wurden. In einer Reihe Wahlkreise wurden diese Liste von der Behörde annulliert, in anderen Wahlkreisen wurden Kanditaten und Wähler der. Liste 17 verfolgt und schikaniert. — Der einzige jüdische Senator, der Agudist Mendelsohn, wurde zu einem der der Sekretäre des Senats gewählt. Der Jüdische Parlamentsklub Polens in den Sejmausschüssen unvertreten. Warschau, 18 .Dezember., In der dritten Sitzung des neuen polnischen Sejm begründete der Abgeordnete Dr. Sommerstein den. Antrag des Jüdischen Klubs, auch kleineren Fraktionen, so auch dem sechs Abgeordnete zählenden Jüdischen Klub, eine Vertretung in den Ausschüssen einzuräUmen. Dr. Sommerstein führte aus, es handle sich Gei dem Jüdischen Klub nicht um eine gewöhnliche >, isolierte Gruppe von Abgeordneten, sondern um die Vertretung einer nationalen Minderheit von drei Millionen Seelen. Der .Jüdische Klub werde, wenn er nicht in den Ausschüssen vertreten ist, gar keine Möglichkeit haben, irgendwie fruchtbar' im Plenum des Sejm zu arbeiten. Der Sejm lehnte diesen Antrag ab, sodaß der Jüdische Klub..zum ersten Male seit Bestehen des Sejm in den Ausschüssen unvertreten bleibt. Dom Jüdischen Klub wurden Anträge "auf Herabsetzung der Umsatzsteuer und Niederschlagung alter Steuersorderungen an Personen, die infolge der Krisis mittellos geworden sind, eingebracht. In einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter erklärte der agudistische Deputierte Oberrabbkner Lewin u. a.: Di« Woche. Berlin. Bei einer Kundgebung der Kirche gegen den Krieg im Plenarsaals des Reichswirtschaftsamtes sprach neben den Vertretern der katholischen und evangelischen Konfession Rabbiner Dr. Leo B a e ck über d i e Friedensidee und die Friedensarbeit im Judentum. — Am Sonntag und Montag, den 4. und 5. Januar 1931. findet in Hannover die 6. R e i ch s k o n f e - renz des Verbandes ostjüdischer Organisationen in Deutschland statt. — Der Leiter des „Internationalen Rechts-Wirtschafts- und Pressebüro", Herr Syndikus^ Dr. Frankfurter, wurde in Anerkennung seiner Verdienste um das zwischenstaatliche, internationale Rechts- und Wirtschaftsleben von der „Internationalen akademischen Association für Kunst und Wissenschaft" durch die Verleihung ihrer höchsten Auszeichnung besonders geehrt. Wien. Das Rektorat der Hochschule für Handel hat das „deutsche Studentenrecht" im Sinne der von der auf dem völkischen Rassenprinzip fußenden Deutschen Studentenschaft gemachten Vorschläge verfügt. Man befürchtet ein Uebergreifen dieser Taktik auch auf andere Hochschulen. — Der allgemeine Wiener Kirchenbauverein, der unter dem Protektorat des Wiener Erzbischofs steht und gelegentlich auch an Juden um Unterstützung herantritt, empfiehlt in einem Rundschreiben an seine Mitglieder, ihre Einkäufe in „bewährten, christlichen, arischen Geschäften" zu machen. Die jüdischen Zeitungen erheben gegen diesen unerhörten Judenboykott Protest. London. Im Unterhause wurde von James Hall, dem neugewählten Abgeordneten von Whitechapel, das Gesetz der Zwangssonntagsruhe i n den Steinbr ü ch e n bei Haifa zum Gegenstand einer Interpellation gemacht. Der Unterstaatssekretär sagte, es fei in der Sache ein Bericht vom Hochkommissar eingefordert worden. — Unter Teilnahme von Vertretern des Kriegsministeriums, zahlreichen aktiven jüdischen Soldaten und Matrosen, sowie jüdischen Militär-Krankenpflegerinnen, fand in der Hampstead-Synagoge der jährliche militärische Chanukkah-Festg'ttesdienst statt. Die Festpredigt hielt der oberste jüdische Militärkaplan, Rabbi Dayan M. Galopp. Paris. Der neugebildeten Regierung Steeg gehört ein Jude, der Deputierte Leon Meyer, als Handels-Unterstaatssekretär an. Bukarest. In der Nacht vom 16. zum 17. Dezember demonstrierten Studenten in den Straßen Bukarests und schlugen in vielen Häusern die Scheiben ein. Es kam verschiedentlich zu Zusammenstößen zwischen den demonstrierenden Studenten und Polizei. In die »von Juden bewohnten Straßen konnten die Studenten nicht gelangen. Warschau. Im Alter von 65 Jahren verstarb in Lukowe der dortige Rabbiner Schmuel Schloma Braun, ein berühmter talmudischer Gelehrter und Autor vieler talmudischer Werke. — Marschall Pilsudski, der in diesen Tagen eine Auslandsreise antritt, wird auch Aegypten und Palästina besuchen und in Jerusalem Gast des britischen High Commissioners, Sir John Chancellor, fein. Amsterdam. Die afchkenafische und sephardische Judengemeinde in Amsterdam bereitet eine gemeinsame Massenpetition an die Regierung gegen die Kalenderreform vor. Die Petition zählt bereits 30 000 Unterschriften. London. Die Verhandlungen zwischen der englischen Regierung und der Jewish Agency sind auf Anfang Januar vertagt worden. Ueber den Verlauf der bisherigen Sitzungen wird nichts, bekannt gegeben. „Wir Vertreter des gesetzestreuen Judentums Polens protestieren gegen die Behauptung des Sprechers des Jüdischen Klubs im Sejm, wonach der Klub die jüdische Bevölkerung Polens repräsentiert.. Das trifft keineswegs zu. Wir repräsentieren die Mehrheit der polnischen Juden. Ich bin nur darum nicht gegen die Behauptungen Sommersteins im Sejm ausgetreten, weil ich einen Skandal in einer öffentlichen Sejmsitzung, der sich aus einer Rede und Widerrede entwickelt und einen „Chilul haschem" bedeutet hätte, vermeiden wollte. In Zukunft aber werde ich es nicht dulden, daß die Vertreter der Zionisten im Sejm im Namen des gesamten jüdischen Volkes sprechen." Jüdische Fragen vor dem polnischen Sejm. Warschau, 18. Dezember. Im Verlauf der Budget-Debatte im polnischen Sejm hielt Abgeordneter Dr. Thon, Vorsitzender des Jüdischen Parlamentsklubs, eine große Rede, in der er scharfe Kritik an dem von der Regierung vorgelegten Budget übte. Nach ihm sprach Abgeordneter I. E r ü n b a u m über behördliche Schikanen und Verfolgungen, denen die nationaljüdische Liste 17 (Block für Verteidigung der jüdischen Rechte) ausgesetzt gewesen sei. Oberrabbiner L e w i n (Agudah) legte in einer großen Rede die Grundsätze positiver parlamentarischer Arbeit dar. Er protestierte gegen die Behauptung des Deputierten Sommerstein, daß die Zionisten die eigenlichen Vertreter der Juden in Polen seien. Für die Kandidaten der Agudah sind Hunderttausende von Stimmen abgegeben worden; er, Rabbi Lewin, wurde ausschließlich von Juden gewählt. Rabbi Lewin schilderte die über alle Maßen schlechte Lage der jüdischen Bevölkerung Polens, vertrat sodann die jüdischen religiösen Forderungen und beklagte es, daß auch in dem neuen Budget für jüdische religiöse Bedürfnisse eine allzu geringe Summe eingesetzt worden ist. Rumänien. Ein Streit um zerrissene Thorarotten. B u k a r e st, 16. Dez. Ein christlicher Bürger aus der Provinz brachte vor kurzem einen Teil einer zerrissenen Seser Thora nach Bukarest, den er nach seinen Angaben auf einer Auktion von Eisenbahnartikeln erworben hatte. Es wurde festgestellt, daß es sich um den Teil einer Sefer Thora handelt, die während der Studentenunrnhen in Großwardein und Klausenburg i. I. 1927 in einer Synagoge geraubt und zerrissen worden war. Tatsächlich befinden sich noch heute in mehreren Bahnhöfen und der Provinz Reste von Thorarollen und andere Gegenstände des jüdischen Rituals, die von den marodierenden Studenten seinerzeit nach ihrer Rückreise vom Studentenkongreß in Großwardein in den Eisenbahnen zurückgelassen worden waren. Der Präsident der Bukarester jüdischen Gemeinde, Herr Eli Bercovici, wollte das Torastück von dem Christen Badescu kaufen, der aber einen ungewöhnlich hohen Preis dafür verlangte. Die Gemeinde entschloß sich darum, die Polizei zu Hilfe zu rufen und den Thora-Rest beschlagnahmen zu lassen. Auf Intervention der Bukarester Gemeinde und des Gemeinde - Bundes ordnete das Kultusministerium an, daß von der Eifenbahndirektion alle in den Bahnhöfen befindlichen Synagogengeräte und Gegenstände des jüdischen Kultus, die seit 1927 geraubt worden waren, nicht mehr auf Auktionen verkauft, sondern dem Bukarester Rabbinat abgeliefret werden. Im speziellen Fall des Badescu ordnete das Kultusministerium an, daß dieser durch die Polizei dazu bewogen werde, seine auf der Auktion erworbenen Gegenstände zu einem „vernünftigen Preise" an die jüdische Gemeinde abzutreten. Badescu wollte sich nicht dazu verstehen, sondern erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft, die entschied, daß die Badescu abgenommenen Gegenstände dem „rechtmäßigen Besitzer", d. h. Badescu, zurückerstattet werden. So ist, nach all den Interventionen bei den zuständigen Behörden, eine in einer Synagoge geraubte Thorarolle Besitz eines Nichtjuden geworden, weil er sie auf einer Auktion „rechtmäßig" erworben hat. Gegen den Entscheid des Staatsanwaltes hat die jüdische Gemeinde beim Justizminister appelliert. England. Der Bericht der klagemauerkommiffton beim englischen Kolonialamt eingelangt. London, 16. Dez. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur aus zuverlässiger Quelle erfährt, ist der Bericht der Klagemauerkommission bereits in den Händen des Kolonialamtes. Da das Kolonialamt bisher keine Gelegenheit hatte, den Bericht zu überprüfen, konnte auch bezüglich einer eventuellen Publikation noch leine Entscheidung getroffen werden. Auf alle Fälle wird jedoch eine Kopie des Berichtes demnächst dem Völkerbund übermittelt werden,