Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1930)
- Date
- 1930-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 52 Seite 3 Der Israelit 24. Dezember 1930 meint) e und Familien für die Reinhaltung des jüdischen Familienlebens und der jüdischen Sitte, mit dem Takte und den Mitteln zu führen, wie ^ie die Lage und die ZeA gebieten. Der „Chofez Chajim", einer der alten Pviefterhelden vom Schlage eines M a ti s j a h u, sprach nicht in der Wilnaer Schul allein, nicht zum östlichen Judentum, er sprach zu uns alle n. Wir könnten in der gesamten Judenheit seinen 90. Geburtstag nicht schöner feiern, als wenn wir uns all die Mahnungen zur Erhaltung der heiligen Quellen unsers Seins merkten. Das geschloffene »Tor der Hoffnung-. Eine wenig erfreuliche Neujahrtsbotschaft kommt aus den Vereinigten Staaten Amerikas. Die Jmmigrationskommission des Repräsentantenhauses hat, wie schon berichtet, mit acht gegen fünf Stimmen den Gesetzentwurf zur Ein st e ll u n g der E in w a n de r u n g i n d ie V er - einigten Staaten für die nächsten zwei Jahre an q e n o m m e n. Mit ganz geringfügigen Ausnahmen werden keine Einwanderer fürs erste mehr in Nordamerika lau- ,den können, denn es unterliegt leider keinem Zweifel, daß der Kongreß, in dem schon vor Jahren eine Antiemigrantenstimmung das unselige Quo t e n s y st e m geschaffen hat, das Gesetz mit sofortiger Wirkung gutheißt. Somit ist in einer Zeit der schlimmsten aller Weltkrisen, von der die Judenheit des Ostens am meisten betroffen wird, das letzte T or der Hoffnung den Emigranten geschlossen. SA da f r ika hat seit einem Jahre schon die Einwanderungssperre, vor Auswanderung nach den Staaten S ü d a m e r i k a s wird von den Emigrationsgesellschaften mit Rücksicht auf die politischen Unruhen und Wirtschaftskrisen in diesen Ländern gewarnt, Palästina bleibt mittellosen Einwanderernverschlossen. Wohin also mit ihrem Elend? Es wird in Amerika dieser Akt der Lieblosigkeit — und man darf angesichts der Tatsache, daß Amerika seinen gewaltigen Aufschwung der freien Einwanderung verdankt, auch sagen der U n d a n kbarke i t — mit der zur Zeit auch dort herrschenden Wirtschastskrisis erklärt und gerechtfertigt. Es war aber von jeher der Rechenfehler einer rein materialistischen Wirtschastsausfassung, daß fie im Menschen nicht eine Mehrung, sondern eine Minderung der Wirtschaftschance steht. Eine nicht über den Tag hinausfchauende kurzsichtige Politik kann solcher Engherzigkeit verfallen. Weitblickende und vor allem mensch- ■ftÜTTtTnernilfe. des Daseins aufrecht bleiben, um uns durch- 3urmgen und aus dem Dunkel zum Lichte zu kommen? Die Zweifelnden und Verzweifelnden, spricht Joseph schuldig, können wir bald sagen. Ihm gleich müssen 'auch wir unter Entspannung der reinsten Triebe und edelsten Kräfte in uns, über uns herauswachsen und so mit unserer-sittlichen Kraft, das Irdische meistern, dann werden wir sein Mort begreifen: Tvn unn!>k, Hadert nicht aus dem Wege." Als jüdische Menschen sollen wir uns als cm’»«» o^'vrrv ■»an, Vertrauende, denen G'ttesvertrauen von unseren Uranfängen an --ererbt ist, bewähren. kleines Feuilleton. Neue Probleme gesucht! Man hat sich ja schon einigermaßen mit der Tatsache -abgefunden, daß heutzutage alle möglichen und unmöglichen Zufälligkeiten ins Gebiet der Probleme, rangiert werden. Sorgen hat man schließlich in Fülle. Aber es gibt immer noch überflüssige Zeit, neue Tummelplätze für wissenschaftliche Akrobaten und eine Masse überschüssiges Papier. So sind wir auch im Gedränge der letzten Jahre mit der Rassenkunde beglückt worden, und nachdem die mehr oder weniger rassisch nicht ganz einwandfreien „Forscher" um Gobineau, Chamberlain und den bekannten Dr. Hans Günther (1922 hat er im antisemitischen Verlag Lehmann seine „Rassenkunde des deutschen Volkes" vom Stapel gelassen) mit Schädelmessungen, Nasenbetrachtungen, Blutproben und ähnlichem Hokuspokus diesen Komplex aufgerollt haben, sieht sich der Kämpfer für Klarheit und Vernunft gezwungen, auch hier eine Art Aufklärungssich denkende Wirtschaftler wissen aber, daß neue Menschen Kraft, Initiative, zuweilen auch Geld ins Land bringen, also Voraussetzungendie eher zur Behebung als zur Steigerung der wirtschaftlichen. Misere führen müssen. Geradezu drakonisch mutet die sogenannte „Erleichterung" für Frauen und Kinder in Amerika ansässiger Ausländer an. Sie dürfen zu ihren Männern und Vätern über -den Ozean wandern, falls sie bis spätestens 10. Dezember 19 30, 1 2 Uhr Mitternacht, ihr Visum von dem amerikanischen Konsulat ihres Wohnortes erhalten haben, aber auch dann nur im Rahmen der gesetzlichen Quote. Das klingt schon beinahe wie Hohn. Wenn ein T a g über die Nacht vom 10. Dezember herangelichtet war und die armen Frauen und Kinder das goldene Tor zum Konsulate noch nicht gesunden hatten, ldann werden sie noch zwei Jahre im Elende schmachten und der Zusammenkunft mit ihrem Ernährer harren müssen. Vorausgesetzt, daß nach zwei Jahren das Notgesetz nicht für weitere Jahre oder für alle Zeiten st a b i l isiert wird. An Gelüsten solcher Art fehlt es in Amerika nicht. Amerika — das Amerika der Freiheit, Menschlichkeit und der Fremdenliebe — müßte noch einmal entdeckt werden! Rückverbindung. Zu einem Vortrage Arnold Zweigs. Die Berliner Jüdische Gemeinde vereanstaltet von Zeit zu Zeit Religiöse Sonntagsvorträge, für die man sich gelegentlich Denker oder Dichter auch außerhalb des theologischen Kreises holt. Am vorletzten Sonntag sprach im Rahmen einer solchen Sonntagsfeier Arnold Zweig über „Die Quellen der j ü d i - schen Widersta n frsfraft". . . Zur Behandlung dieses Themas sei ganz allgemein Folgendes vorausgefchickt: ' Der treu zum Gesetze haltende Jude denkt so wenig über die Quellen der jüdischen Widerstandskraft nach, wie etwa über die Quellen s e in e r Kraft überhaupt, die Quellen seines Lebens und seines Willens, sich dieses Leben zu erhalten und zu gestalten. Grübelt man schon einmal darüber nach, so denkt man an die Lehre vom Sinai, die „unser Leben und die Dauer unserer Tage" gewährleistet, man denkt an den ^iVL'p-Charakter des jüdischen Volkes, der es bedingt, daß seine Liebe zu seiner jüdischen Eigenart und der Mut und der Wille, sie zu bewahren und zu betätigen, mit dem Maße der Leiden und Verfolgungen um dieser Eigenart wachsen. arbeit einzuleiten. Nur und wirklich nur von diesen Gesichtspunkten aus sollte in der Zeit unsrer heutigen anderen Sorgen die Beschästiguug mit blondhaarigeil oder Schwarzgelockten Dingen erfolgen. Eine in dieser Hinsicht einfache, gute Zusammenstellung bringt der durch seine Veröffentlichungen auf allen Gebieten der Naturwissenschaften bekannte Urania- Verlag, Jena, heraus. Es ist eine auf die Heranziehung der notwendigsten Gründe und Auseinandersetzungen bedachte Schrift (80' Seiten) von Prof. Dr. Iltis. Der mit allen, rassischen Wassern gewaschene judenfeindliche Gegner zwingt zu einer Informierung über derartige Themen, die man — wenn die Magenfrage in sozial befriedigender Weise eines Tages gelöst sein sollte — dann wieder ruhig wird vertagen dürfen. I. Raphael. (Lierkiebe). — „Ein Zuchtstier, der geschlachtet werden sollte, ist mit 7 Schüssen im Kopf dem Metzger Denergi al Prato durchgebrannt. Ein berbeigerufener Polizeisoldat konnte dann mit einem Karabiner das Tier zu Strecke bringen, bevor ein Unheil geschah." Das geschah dieser Tage, nach einem Berichte der Zeitung „Südschweiz", im Schlachthose zu B e l l i z o n a, im Lande des Schlachtverbotes. (Milchiges Roggenbrot). In der „Allgemeinen deutschen Bäcker- und Konditoren-Zeitung" vom 3. Dezember wird in einem Artikel über das Roggenbrot der diesjährigen Ernte darauf hingewiesen, daß es zur Vermeidung von Riffen und Sprüngen im Brot in diesem Jahre notwendig sein werde, dem Brote auf irgend eine Weise Säure zuzufügen. Zu diesem Zwecke werden drei Vorschläge gemacht, von denen der dritte den Gebrauch von saurer Magermilch oder Buttermilch empfiehlt. Da der Artikel eine offizielle Mitteilung aus dem In- Man könnte vielleicht, suchte man nach einem biologischen Gesetz, sagen: Wie der Trieb in den' Menschen gesetzt ist, über natürliche Hemmungen hinweg-, Lasten und Leiden überwindend, für die Fortpflanzung des Geschlechtes zu sorgen, so ist vom Schöpfer und Gestalter der Weltschicksale dem Volke feiner Wahl die Kraft und der Mul auf seinen Leidensweg milgegeben, über hundert Etappen des Ungedmachs ans letzte Ziel zu gelangen und eine Menschheit dahin mitzureißen. Arnold Zweig sagt das nicht. Er kann das nicht sagen, weil er u. a., ganz ohne Rot für den Zusammenhang seiner Ausführungen, mit einer Inflation von „Jahrtausenden vor der üblichen Zeitrechnung", operiert, was ihn von vornherein auf -eine weltenweit vom Sinai gelegene naturalistische Weltanschauung festlegt. Lassen wir das unbeanstandet. Ein Dichter braucht nicht zu wissen, daß die Naturwissenschaft, von Darwin und Haeckel bis zur Psychoanalyse, mancherlei Sprünge gemacht hat, ohne die „Rückverbindung" mit den „letzten Ergebnissen" früherer Forschungen aufrecht erhalten zu haben. Zunächst wundert sich Zweig darüber, daß die Judenheit in Augenblicken schwerster Bedrohung ihrer Existenz sich nicht etwa zur geeinten Front zufammenschließt, sondern im Gegenteil, gespalten und uneinig ist. Das widerspreche allen biologischen 'Gesetzen. Katzen wagen sich nicht mitten unter die Hunde, sondern flüchten einzeln oder sammeln sich, wenn sie sich bedroht fühlen; Schafe, kauern ineinander, wenn Gefahr kommt. Zweite Frage: Wie konnte sich das Judentum mit dieser sporadischen Tendenz dennoch behaupten und durchsetzen? Im Völkscharakter, der in Ereignissen der biblischen Zeit wurzelt, könnten die Quellen dieser Widerstandskraft nicht gesucht werden, mit den sogenannten „nationalen Substanzen", könnten die Erscheinungen nicht geklärt werden. Der Glaube au diese „nationale Substanzen" sei Aberglaube. Also - was denn? Die R ü ck v e r b i n d u n g ists! (also doch?) Nicht das Hinausströmen in das Unbekannte ist ein Zeichen der Kraft, sondern die Fähigkeit zur Rückverbindung. Unser eigenes Wesen ist Fortwirkung und Fortgestaltung der Wesensubstanz unserer Vorfahren, unser Unterbewußtsein, das unsere Lebensäußerungen bestimmt, wird von dieser Erbsubstanz entscheidend geformt. In DIAK2N - Puder bewahrt Ihren Liebling vor Wundsein. stitut für Bäckerei in Berlin (Prof. Dr. Neumann) ist, so besteht die Gefahr, daß der hier empfohlene Weg vielfach beschritten werden wird. Es dürfte daher richtig fein, Roggenbrot, das von nichtjüdischen bezw. nicht unter Aussicht stehenden Bäckereien gekauft ist, nicht zu Fleischspeisen zu genießen, sich bei dem Genuß von Fleischspeisen vielmehr auf Weißbrot zu beschränken, soweit nicht Brot von jüdischen zuverlässigen Bäckereieil zur Verfügung steht. (Küvsch und bezeichnend). Ein jüdischliterarischer Klub in Tel-Aviv lädt den bekannten Schriftsteller S. I. Agnun, der religiös gesinnt ist und auf religiösen Anstand hält, ein, aus seinen eigenen Werken' zu lesen. Die Veranstaltung ist auf Sabbat festgesetzt. Agnun, der seine Pappenheimer kennt, weigert sich zuerst, willigt aber zuletzt ein unter der Bedingung, daß die Teilnehmer das Rauchen unterlassen. Das wird ihm zugesichert. Vor Beginn der Vorlesung betritt der Präsident die Tribüne und sagt: „Die Damen und Herren werden gebeten, nicht zu rauchen, da Herr Agnun das Rauchen nicht vertragen kann". Hinter ihm betritt der Schriftsteller das Podium und sagt malitös: „Ein Irrtum, meine Verehrten! Ich mag das Rauchen sehr gern, aber der liebe G'tt verträgt an diesem Tage das Rüuchen nicht". Familiennachrichten. Varmizwoh: Manfred, Sohn des Herrn Studienrat Max Baer, Frankfurt a. M., Fischerfeldstr. 4. 3. Jan. 1931 'mi nsns p~v Synagoge Friedberger Anlage. BerannoortUch für den allgemeinen Teil und vas Femllew« S. Schachnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate t. V.: S. Schach» nowttz. ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon <8. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M. s-M