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Der Israelit · 1930-12-18 · Heft 51 (18.12.1930) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 51 (18.12.1930)
Date
1930-12-18
Page
– (sequence 17)
Language
German
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18. Dezember 1930 Der Israelit Nr. 51 Seite 3 entspricht dem. Ideal des rw ns' bv in’s’Q3* Sobald Materie und Form des musikalischen Klanges Selbstzweck werden, überrennen sie die klare Bewußtheit des Denkens, i dem auch in der Tefillo die Führung gebührt. Es bedeutet aber eine wohltätige Temperierung des gar zu leicht überwuchernden Gefühles, wenn die Vokalmusik im Gottesdienst im wesentlichen von einer einzelnen. Perlon, dem im, ausgeht, und wenn weder die Wucht der Chöre, noch etwa — das wäre schon ein Schritt weiter — die berauschenden Klänge der Orgelpfeifen die klare musikalische Linienführung, wie sie der Einzelstimme eigen ist, überwuchert. Auch Singer und Bah, die n’vwn des alten Synagogeng'ttesdienstes, unterschieden sich in dieser- Hinsicht-quantitativ und qualitativ sehr stark von unseren Chören; sie ordneten sich dienend unter. Aus diesen grundsätzlichen Erwägungen ergibt sich, daß auch dort, > wo orthodoxe Gemeinden zur Einführung eines Massenchores geschritten sind, dieser Massenchor sich der Grenzen seiner Wirksamkeit bewußt bleiben und sich der Regel nach als begleitendes und regelndes Element dem Gemeindegesang einsügen muß. Damit kämen wir zu dem zweiten unterscheidenden Merkmal der jüdischen Synagogenmusik gegenüber der nichtjüdischen. Sobald die Synagogenchöre in ihrer Entwicklung und -Ausgestaltung sich die Kirchenmusik zum Vorbild nehmen, degradieren sie die Gemeinde allmählich zum bloßen Publikum, das sich an fremden musikalischen Darbietungen ergötzt und erbaut, statt selber durch Mitsingen die Kraft aktiven Miterlebens der religiösen Gefühlswerte in den Dienst des Gemeindeg'ttesdienstes zu stellen. Man braucht nicht so weit zu gehen, daß man gelegentliche konzertmäßige Darbietungen eines Synagogenchors ganz verwirft. Als Anregung für diejenigen Teile einer großen Gemeinde, die nun schon einmal zu stark europäisiert und assiimiliert sind, um in echt jüdischer Weise selber mitzujubeln und mitzuweinen, mag ein wertvolles musikalisches Konzertstück des Synagogenchores auch vom religiösen Standpunkt aus gelegentlich nützlich und begrüßenswert sen. Nur wenn diese Ausnahme zun Regel wird, beginnt die Gefahr der Entjudung des synagogalen G'ttesdienstes. Diese Erwägungen schließen nun keineswegs die Verwirklichung der letzten Anregung des Herrn Rezensenten aus. Es wäre ein Glück und sicherlich ein Nutzen für das religiöse Leben, wenn sich geniale oder auch nur einigermaßen begabte jüdische Komponisten fänden, die ihre Kraft der Entdeckung neuer gesanglicher Schönheit, dem snn ->'v vvv in der Synagoge wdmeten und dem N's>V so gut wie den Chören, wo sie bestehen, neue Formen des wahrhaft religiösen musikalischen Ausdruckes böten. Aber diese Komponisten müßten zuerst selber einmal ihrem inneren Wesen und Fühlen nachJuden sein; in ihrer Seele müßte die ganze Tiefe und Herrlichkeit und vor allen Dingen die originale Wesenseigentümlichkeit jüdischen Denkens, Lebens ynd Leidens, jüdischer Zuversicht und jüdischen Lebensmutes, jüdischer G'ttbegeisterung und jüdischen G'ttvertrauens lebendig sein, wenn es ihnen gelingen sollte, wahrhaft jüdische Musik zu schassen. Es ist nicht damit geschehen, daß allerlei bizarre musikalische Einfälle, wie sie begabte moderne Komponisten zur Auspeitschung der blasieren Empfindungen ihres Publikums benötigen, auf das Gebiet der Synagogenmusik übertragen werden. Da heißt es unsrer bescheidenen Meinung nach in ' der Tat: lieber in den ausgefahrenen Bahnen der kantoralen Tradition wandeln, auch wenn sie in den Augen der musikalischen Moderne keine Gnade findet, als neue musikalische Werte zu schaffen, die nichts weiter als Produkte der Nachahmung sind und infolgedessen den Quell wahrhaft-, jüdisch-religiösen Empfindens eher verschütten als zum Sprudeln bringen würden?' Die marokkanischen Juden, ihre Lage und ihre Tlakuraliflerungsbestrebungen. Vor kurzem befand sich der Präsident der französischen Republik, Doumergue, auf einer Inspektionsreise durch Französisch-Marokko. Aus diesem Anlaß beschäftigt sich die französische und marokkanische Oeffentlichkeit, ebenso die französisch-jüdische Presse lebhaft mit der Frage der Naturalisierung dex marokkanischen Fuden. Bekanntlich leben in Französisch-Marokko etwa 120.000 jüdische Familien. Sie besitzen die bürgerliche Gleichberechtigung erst seit 1912, dem Fahre,, in welchem Frankreich das Protektorat für Marokko übernahm. Bis dahin war es den Juden verboten, Stiefel zu tragen, andere als schwärze Kleider anzulegen und zu reiten. Die sogenannten Mellähs, die Judenviertel, wurden noch bis zum Jghre 1920 nachts geschlossen, Juden durften sich dann nicht außerhalb des Ghettos! aufhalten. Dadurch, daßHie'französische Regierung älle diesesBestimmungen fällen ließ, erwarb sie sich die Sympathien der Juden, forderte? aber; gleichzeitig den» Widersprich dev Araber heraus. - Hierdurch gerieten die marokkanischen Juden in eine Ausnahmestellung, die sie von den Mauren isolierte und immer mehr zu den Franzosen tendieren ließ. Auf der einen Seite herrscht für sie noch die zwangsmäßige Kompetenz der rabbinischen Gerichte, es sind ihnen gewisse Beschränkungen hinsichtlich ihrer Freizügigkeit auferlegt, auf der anderen Seite aber fühlen sich die Juden den Arabern gegenüber als bevorzugte, den Europäern näherstehende Bürger. Um dem rechtlich zweideutigen Zustand ein Ende zu machen und die endgültige äußere Europäisierung durchzuführen, bemühen sich die jüdischen Gemeindevertretungen in Marokko zusammen mit ftanzösisch-jüdischen Organisationen um die Naturalisierung aller marokkanischen Juden. Sie soll, nach den Wünschen der „Chunta", der jüdischen Gemeindeorganisation, durch ein Dekret vorgenommen werden, das erklärt: alle bisher nur als Juden gekennzeichneten Bürger werden automatisch Franzosen. jiigSil; Israel Baal Schemlow, Begründer des Chassidismus Jy. einem Interview, das der Generalbevollmächtigte des französischen Residenten in Marokko, M. Urbain Blan, Herrn Esriel Carlebach gewährte, wurde diese Frage eingehend besprochen. M. Blan erklärte, daß er persönlich die Zeit für ein solches Regierungsdekret noch nicht für gekommen halte. Die Majorität der Juden wohne noch unter den fürchterlichsten hygienischen und kulturellen Bedingungen in den jahrhundertealten Höfen der Ghetti. Sie besäßen kaum - eine andere als eine jüdische Bildung, und wenn auch die Alliance Jsraelite Universelle Vorzügliches zur Hebung des Zivilisations- Standards leiste, so reichen doch ihre Mittel zu einer vollkommenen Umformung der Judenstädte in Europäer- 'städte nicht aus. Unter solchen Umständen könnten die Juden nur, auf ihren verbrieften Bürgerrechten fußend. Synagoge im Heimatdorfe Rabbi Israel Baal Schemkows deren schrittweise Erweiterung fordern, müßten aber einsehen, daß es für eine Kollektiv-Naturalisation noch zu früh sei. Solange die Mellahs noch so aussehen wie heute, schloß der Vertreter des Residenten die Unterredung, ist an ein decret Cremieux nicht zu denken. Bemerkenswert sind die Argumente, die der Pascha von Fez, Jbn-Jdris, in seiner Unterhaltung mit Esriel Carlebach über die gleichen Fragen geltend machte. Er sägte, dem geltenden Rechte nach seien die Juden Untertanen des Sultan, und die französische Emanzipationserklärung von 1912 habe nur mit dessen- Einverständnis erlassen werden können. Mit ihr seien hie Juden aber nicht etwa freie Bürger, sondern, gleich idey Mauren, dem Sultan unterstehende Marokkaner geworden. Daß Frankreich, neue Auslegungen des Begriffs „Protektors über Marokko" geschaffen hat, ändere an der Sachlage nichts. Vom Sultan sei die Selbstverwaltung der jüdischen Stadtviertel eingesetzt worden. (Sie besteht aus sechs von den Juden gewählten Vertretern und dem Pascha als Vorsitzenden, hat die Rechte und Pflichten einer Stadtverwaltung und eigenes Zwangssteuerwesen). Nur er könne, wenn er wolle, die Juden für vollkommen selbständig erklären, und erst dann dürsten die Franzosen ein Naturalisations-Dekret erwägen. Bei dieser Lage der Dinge hat es natürlich auch nicht ausbleiben können, daß sich innerjüdische Konflikte im Zusammenhang mit der lebenswichtigen Naturalisationssrage ergaben. Wenn man auch in allen Kreisen der marokkanischen Judenheit zugibt, daß die persönliche Sicherheit der Juden unter dem französischen Protektorat gewährleistet scheint, so ist man doch geteilter Meinung darüber, ob die Franzosen sich dem immer mehr anwachsenden Widerstand der Berber^ gegenüber werden behaupten wollen und können, und ob nicht mit dem Aufhören des französischen Protektorates gerechnet werden muß. Diejenigen jüdischen Notabeln, die an diese Möglichkeit glauben, halten es verständlicherweise für inopportun, die französische Staatsbürgerschaft anzustreben. Sie werden von einer geringen Anzahl Juden unterstützt, die noch heute die spanische Staatszugehörigkeir besitzen und behalten wollen. Die Diskussionen über dieses Thema haben ihr Echo auch in den Unterredungen gefunden, die Präsident Doumergue mit jüdischen Delegationen in Rabat, Casablanca, Marakesch und Meknes führte. Cs wurde ihm überall eine enthusiastische Aufnahme an den Toren der Ghetti bereitet. Die jüdische Gemeinde von Fez überreichte ihm einen, von ihren Mädchen gewebten wertvollen Teppich. Bei den Ansprachen der jüdischen Notablen kam aber zum Ausdruck, daß sie erwarten, Frankreich werde ihren Patriotismus, den sie in letzter Zeit eifrig betätigt haben, auch durch die Naturalisierung lohnen. Rabbinische Geschichten. Uebertragen aus dem Sammelbuche meines Vaters )1oV Von Jakob Lupolianski in Karlsruhe. Rabbi Mordechai Banneth erschien einmal in einer Audienz beim Kaiser Josef II. von Oesterreich, um die kaiserliche Druckerlaubnis für eine neue Ausgabe des Talmuds zu erwirken. „Gern will ich die gewünschte Erlaubnis für den halachifchen Teil des Talmuds gewähren", sagte der Kaiser; „aber die agahischen Stellen im Talmud, die so viel alberne und widersinnige Dinge enthalten, dürfen nicht gedruckt werden. Wie lächerlich mutet z. B. eine Stelle im Traktat Berachoth 56 an, wö es heißt: bi^ n-rnp nimn („Wenn man einen Topf im Traume sieht, ist es ein Zeichen des Friedens")!" „Eure Majestät erlauben mir eine Erklärung der angeführten Talmudstelle," erwiderte Rabbi Mordechai Banneth, „und Eure Majestät werden erkennen, daß es nur einer richtigen Erklärung bedarf, um alle scheinbar sinnlosen Talmudaussprüche aufzuhellen. Uns allen sind Feuer und Wasser als ihrem Wesen nach entgegengesetzte, widerstreitende Elemente bekannt. Wo beide zusammentreffen, entsteht ein Kampf, ein Zischen, Brausen und Sieden. Füllt man aber einen Topf mit Wasser und stellt ihn aufs Feuer, so sieht man auf einmal die beiden sonst so feindlichen Elemente in einträchtigem Frieden beieinander; keines stört das Andere. Der Topf ist es also, der den Frieden zwischen dem Wasser, das in ihm, und dem Feuer, das unter ihm ist, herstellt. Daher heißt es nicht mit Unrecht: p’o m!>m rrvnp nsnn- * * Rabbi Dow Beer M e i s e l s von Warschau wurde zum Mitglieds eines polnischen Landesparlaments gewählt und nahm seinen Sitz bei den linken Parteien des Hauses ein. Vom Präsidenten befragt, warum er sich zur Linken gesetzt habe, gab Rabbi Weisels zur Antwort: „Die Juden haben ja keine Rechte." Der Kampf der Kerzen. Eine Chanutkahgefchichte von Julius Cfermelq. Es war am Weihnachtsvorabend. Die von der Arbeit ermattete Welt bereitete sich für den Feiertag vor. Die in gelbliche Nebel gehüllte kraftlose Wintersonne war bereits hinter dem Gipfel des Berges verschwunden, un-d von Osten kam. langsam die Abenddämmerung einhergezogen und mit ihr auch der Feiertag. Der Schlot des Sägewerkes stieß noch einen letzten Rauch aus; vom Lagerplatz hatte sich auch schon der letzte Arbeiter entfernt, und eine tiefe Stille legte sich auf die ausgedehnte Anlage des Sägewerkes. Das Maschinenhaus schwieg; das Tor der Sortierungshalle gähnte finster in das graue Halbdunkel; auch aus den versperrten Stallungen war kein Wiehern, kein Pferd eg etrampel zu vernehmen: —überall herrschte Stille; nur einige Hunde erwiderten wütend das ferne Heulen eines Wolfes. Vinzenz Szalontat, der geschäftsführende In-

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