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Der Israelit · 1930-12-18 · Heft 51 (18.12.1930) · page 18

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 51 (18.12.1930)
Date
1930-12-18
Page
– (sequence 18)
Language
German
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oeite 4 Nr. 51 Der Israelit 18. Dezember 1930 genieur des Werkes, schloß die Kanzlei ab und trat vor das Haus hinaus. Er betrachtete den Himrnel und dessen Sterne und folgte dem Zug der Wolken; er lauschte der Stimme des Waldes und des Abendwindes und überlieh sich jenem versöhnlichen Eindruck, den die ewige Natur aus die Seele des Menschen ausübt. So siand er, still vor sich hinsinnend, vor dem Haus. Er nahm den Hut ab unb verharrte so einige Minuten; dann setzte er ihn wieder auf und machte einige Schritte. Und währenddessen dachte er daran, daß es von feinem Chef doch nicht schön war, daß. er ihn für den Abend nicht in den Kreis seiner Familie eingeladen hat. Wo es doch seinem Junggesellen-Herzen sehr wohlgetan hätte, wenn er Anteil an der feiertäglichen Wärme, an dem .Glanze des mit großer Sorgfalt geschmückten Christbaumes gehabt hätte. Man hat auch bereits drinnen die Kerzen des Tannenbaumes angezündet; die Wohnung des Herrn Chefs ist lauter Wärme und Fröhlichkeit . . . und er steht' hier draußen, allein und frierend. Gegenüber dem Haufe wohnte ein jüdischer Arbeiter. Am Fenster seiner erbärmlichen Hütte gab es natürlich keinen Vorhang, und so konnte man alles sehen, was drinnen vorging. Am Fenstergesims brannte eine Reihe kleiner Kerzen. Die Frau sah auf einem Schemel und klaubte Bohnen aus, ein kleiner sechsjähriger Bub spielte gearbeitet... Jetzt soll er auf einmal den Schleier seiires Inkognitos lüften? Was soll dann aus seinem hohen Ansehen werden, das er bisher genossen hat? ' Wie er so dort auf der Straße stand, den Blick nicht von den bescheidenen Kerzen wendend, kaln der kleine Bub seines Chefs, der siebenjährige, kleine Kurt, vor das Haus hinaus, in der Hand ein Stück Kuchen. Er erblickte den Ingenieur, und er erblickte dort gegenüber die Kerzen des Juden Frojim. „Nicht wahr, Onkel Ingenieur," sagte er ärgerlich und deutete auf das Fenster, „das dort sind jüdische Kerzen, die dort brennen?" Und Vinzenz Szalontai — ohne daß ihm aufgefallen wäre, woher dieser siebenjährige Bub den Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Kerzen kannte, und' statt ihn sanft zu belehren, daß heute auch die Juden Feiertag hatten, den man in Ehren halten mußte — erwiderte ihm kurz und unüberlegt: - „Ja. Das sind jüdische Kerzen." „Dann werde ich hingehen und sie auslöschen," sagte Kurt laut. „Fürchtest du dich denn nicht, daß dich der Jude schlagen wird, wenn du sie auslöschst?" Drinnen riß jemand das Fenster auf, und eine energische Stimme rief heraus: „Kurl, kommst du gleich herein?! Du wirst fragt hätte." „Das war vor langer Zeit, im Altertum," höhnte die Tanne. „Jetzt lebenwir in einer anderen Zeit." " - „Das ist Uebertreibung und Selbstsucht," lautete die Antwort. „Und auch eine Feigheit — das sagen wir." - „Vernunft und Klugheit ist noch lange keine Feigheit." „Gut, einverstanden, bleiben wir bei der Selbstsucht. Die Selbstsucht verdient aber auch in diesem Falle eine Rüge." So stritten, debattierten die kampflustigen kleinen Kerzen; ihr gesprächiges Knistern verstummte nicht sür einen Augenblick. Der Tannenbaum blieb natürlich die Antwort nicht schuldig; aber Vinzenz Szalontai achtete schon nicht mehr darauf, was die Tanne erwiderte ... Er persönlich hielt sich schon für besiegt. Für besiegt bereits damals, als die kleinen Kerzen sagten, er möge an seinen Vater denken. Dieser hätte ganz anders geantwortet, wenn Kurt ihn gefragt hätte. Selbst im Finstern fühlte er, daß' er vor Scham rot sein müsse. Was sollte er nun tun, um seine Scham zu verbergen oder seinen Fehler wieder gut zu machen? - Einige Augenblicke überlegte -er noch draußen MSOK -- V-' r' ' mm mm: SfiSSsCj Ruine am Wege in Palästina Dorf Siloah in der Sonne Gemälde von Frieda Abraham . Gemälde von Frieda Abraham mit einem Kreisel; der. Mann aber, der Frojim, ging in Hemdänneln, aber mit der Mütze aus dem Kopfe, im Zimmer laut singend auf und ab. „Was hat denn der Frojim, daß er heute beleuchtet?" fragte er sich. „Ach, ich weiß schon, auch er hat ja Feiertag, Chanukkah, oder wie es heißt . . . auch der Kantineur hat gesagt, daß er Kerzen anzünden muß." Und indem er an all das dachte, überkam ihn plötzlich irgendeine schwermütige Stimmung; der Schatten einer Erinnerung senkte sich auf sein Gesicht und machte ihm das Herz schwer. Emst, vor langer Zeit, in einer anderen Gegend des Landes, aber in einem ebenso einfachen kleinen Zimmer, ging ein bärtiger Mann ganz so auf und ab, sang ganz so, und neben ihm spielte ein kleiner Junge ganz so mit dem Kreisel. Jener Mann war sein Vater, und jener kleine Junge war er selbst. Und jetzt, dreißig Jahre später, steht er hier im Finstern und empfindet es als eine Uebergehung, daß ihn fein Chef nicht eingeladen hat, daß er Nicht auch ihn an dem Glanze des Lichtbaumes teilnehmen ließ. „Wenn ich jetzt zu Frojim hineingehen würde," dachte er für sich, „würde von dem Glanze der sieben kleinen Kerzen auch auf mich ein Strahl fallen." Szalontai machte eine Geste, wie jemand, der eine unliebsame Absicht von sich abweisen will. Seitdem er hier ist, hat er es forgfämg verheimlicht, daß er ein Jude ist; er hat auch nicht Pessach gehalten und hat sogar an den hohen Feiertagen dich draußen noch erkälten." Kurt blieb die Antwort, ob er sich vor dem Juden fürchte oder nicht, schuldig. Hätte er Zeit gehabt, würde er sicherlich geantwortet haben, daß er sich nicht fürchte'. . . So drehte er sich aber rasch um und eilte zurück in das Haus. Und Szalontai fühlte jetzt einen Ekel vor sich selbst. Kurz war der Dialog, den er . mit -Kurt geführt hat, aber dennoch genügend lang, um ihn mit einem Ekel vor sich selbst zu erfüllen. So weit war es mit ihm demnach gekommen, daß er feine Religion verheimlicht hatte . . . Nachdem das Fenster geöffnet worden war, flackerten die Kerzen des Christbaumes hell auf; aber auch bei Frojim mußte jemand die Türe geöffnet haben, denn auch die Kerzen auf dem Fenstergesimse bewegten sich hin und her. Szalontai kam zu sich. Es schien ihm, als wollten die kleinen Flammen des Fensters mit diesen mißbilligenden Bewegungen sagen-, daß sie sich ihr Recht nicht nehmen ließen. Sie nahmen den Kampf mit den Nachbarkerzen, auf, denn sie hatten ein Recht, hier zu brennen! Und Szalontai dünkte es, als hätten sich die Kerzen des Fensters mit denen des Christbaumes in eine Debatte eingelassen. ' „Warum nimmst du es dir so sehr, zu Herzen, Vinzenz? Du hast keinen Fehler begangen!" sagte stolz die Tanne. „O doch, du hast gefehlt," war von drüben die Antwort. „Denke nur cm deinen Vater; er hätte anders geantwortet, wenn Kurt ihn gein der Kälte; dann ging er mit einer energischen Wendung geradeswegs auf das Haus zu, in welchem Frojim wohnte. „Ich wünsche einen glücklichen guten Abend," sagte Frojim voller Hochachtung. „Bitte zu befehlen, Herr Ingenieur. Irgendeine geschäftliche Sache?" „Keine Spur, mein Freund. Es hat mich nur draußen in der Kälte gefroren, und so kam ich denn herein um ein bißchen Wärme." - „Ich fühle mich sehr geehrt, Herr Ingenieur, daß Sie gerade zu mir gekommen sind, sich zu wärmen. Ich sehe Sie gerne bei mir ... Aber am Weihnachtsabend gerade zu mir?" . „Ich bin deshalb zu Ihnen gekommen, weil heute Chanukkah ist, mein Freund." „Also der Herr Ingenieur ist ein I u d e? " dachte Frojim für sich mit warmer Freude, und er hatte plötzlich das Gefühl, daß die große Entfernung verschwunden war./ Die, Entfernung, die er sich zwischen sich und dem Ingenieur vorgestellt hatte. Und weil er ihn als Bruder aufnahm —ist doch „Kol jisroel achvm" — würde er plötzlich nicht nur zutraulich, sondern auch naiv vertraulich. „Also der Herr Ingenieur sind ein. Jiche?" sagte er laut und mit großer Freude. „Dann also „börüH haboh", Herr Ingenieur. Auch Ihr lieber Mater dürfte seine Gaste wahrscheinlich so begrüßt haben . : . Bitte Platz zu nehmen, Herr * Ingenieur, und fühlen Sie sich wohl hier bet uns " (Einzig autor. Uebers. a. d. Ilng. v. Maurus Mezei, Wien)

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