Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 51 (18.12.1930)
- Date
- 1930-12-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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MMMM ^| Feuilleton Beilage AiV Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Älenschenschicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Die Dachstube Jossel Wilkomirers war für Meikemeier eine Zauberkammer der Weltwunder. Er war in einem Jahre der Welt und ihren Rätseln merklich nahe gerückt, under konnte unter Schauern wundersame Dinge erzählen, als Hätte er sie selbst erlebt. Dabei brach Meikemeier M» Beziehungen zur lebendigen Welt Nochum Lesters nicht ab. Mit zehn Jahren las er in den chederfreien Stunden alles, was chm in die Hand kam: alte Zeitungen, Romane von Abraham Mapu, Gedichte von Adam Hakauhen und I. L. Gordon, Weltgeschichte von Kalman Schulmann, aber auch ältere Schriften über Länder und Meere. Er verschlang alles wahllos mit gleichem Heißhunger. Was schwarz auf weiß geschrieben stand, war feststehende Wahrheit und unwiderruflich. Meikemeier war schon ein kleiner Philosoph, ein Politiker und bewandert in vielfachen Weltweisheiten, als er zu Eisik, dem Gemorom e l a m e d, kam, daß er ihn für die Jefchiwa vorbereite.- Daß es in Europa abseitige und übergangene Genies auf allen Gebieten gibt, ist bekannt. Geiger, die unter einem günstigeren Stern als große Virtuosen im Rampenlicht des Konzertsaales vom Beifall umrüufcht fein konnten, und jetzt in den Höfen gegen Kupferpfennige musizieren: Herbergsphilosophen, die sich mit eigenen originellen Gedanken herumtragen, welche in gepflegteren Köpfen sich vielleicht zu weltumwälzenden Ideen hätten auswachsen können; Erfinder, von fixen Ideen besessen, die unter glücklicheren Umständen vielleicht Welterlösend gewirkt hätten; kleine Dichter und Theatermacher, denen nur äußere Armut und widrige Umstände den Weg zum Weltruhme versperrt haben; Männer von politischer Weitsicht und Initiative, die das Schick sal statt in Ministerium und Parlament auf die Bierbank gesetzt hat; geniale Bastler, die nicht Meister geworden sind. Daß es auch in der östlichen und talmudifchen Welt solche Originale, Eigenbrödler und geistige Emstedler gab und gibt, die sich nicht einzurenken vermochten und daher mit ihren, genialen Fähigkeiten verärgert und verdüstert auf falschem Platze sind, ist gewiß. Einer dieser genialen Sonderlinge war Eisik, der M e l a m e d. Eisik war zum großen Rabbi geschaffen. Er hatte, so sagte man, den kompletten Talmud mitsamt Kommentaren im Kopfe. Sein Scharfsinn war mit klarer Logik gepaart. In der talmudischen Diskussion baute er nach oben und nach unten, so hoch und so tief, bis ihm die anderen gar nicht mehr zu folgen vermochten, zumal er stotterte, seine Sprache, wenner in Erregung kam, sich überschlug und ihm ohnehin stets die nötigen Worte für die Fülle von Gedanken fehlten. Es mangelte ihm am Schlüssel für das in seinem Innern ruhende geistige Kapital, die Goldklumpen konnten nicht zu Kleinmünzen geprägt werden. Hochgewachsen und hager, mit schlaff herunterhängenden Armen, sah er stets feierlich und vernachlässigt zugleich aus. Zu der Aermlichkeit seiner Kleidung kam noch ein bewußtes Sichgehenlaffen. Wie alle Uebergangene war er vom Kampfe zweier Seelen in feiner Brust geschüttelt. Cr war stolz und demütig zugleich, von seinem inneren Werte durchdrungen und , ohne Ansprüche ans Leben, Geltungsdrang wechselte mst Resignation. All dieses genügte, ihm in jungen Jahren.den Weg zu einem seiner würdigen Rabbinerstuhle zu verbauen. Und so wurde er das, wofür er sich am wenigsten eignete: Lehrer der Kinder, denen er, kaum r>on seinem Wissen etwas vermittelst ^-konnte. Er lernte mit den. Kindern nur und ^ausschließlich Talmud. Alles andere existierte für ihn nicht. Respekt konnte er den Kindern nicht einflößen, ihnen eine schwierige Stelle auch nicht plausibel machen. Es saß in ihm und wollte sich auch mittels der Faust, mit der er oft nicht nur in der Luft herumfuchtelte, auf die Kleinen nicht übertragen. In Wut über die eigene Hilflosigkeit, verlor der sonst ruhige und weichherzige Mann alle Selbstbeherrschung. Oft verließen,,, die Kinder seine Schule mit blauen Flecken, selten aber mit einer klaren Vorstellung von dem eigentlichen Gang der durchgenommenen Talmudstelle. Trotzdem war Meikemeier,, als -er mit zwölf Jahren das Cheder Eistks verlieh, mit einer ganzen Anzahl großer Talmudtraktate vertraut und, reif für die Jefchiwa, die „Wulfe, der Dajan" im Städtchen leitete. / .- Wulfe war ein schöner Mann in jüngeren Jahren, ein früherer „Woloschiner", der, weil Burkier Kind, Anspruch auf den Rabbinerstuhl machte und eben darum die Stelle nicht erhielt. Er gründete sich fein eigenes Reich in seiner kleinen Schule, die einigen Ruf in der Umgegend, die die Schüler stellte, hatte. Der Lehrbetrieb in dieser kleinen heimischen Jeschiwa ließ Meikemeier Zeit, seine Beziehungen zur Welt- und Kulturader im Hause Nochum Leisers aufrecht zu erhalten. Er las abends und am Sabbat viel und blieb auf dem Laufenden. Große Barmizwofeste kannte man im litauischen Städtchen nicht. Meikemeier wurde am Tage seiner religiösen Großjährigkeit in der großen Schul zur Thora gerufen, trug die Haftora vor und zu Hause vor den Gekehrten der Stadt eine tiefgehende, selbst-erlernte halachische Auseinandersetzung. Das kleine Leben ging weiter. Er wurde größer, dünner und mit alter Weisheit vollgestopft. Irregulär fand auch neuere Weisheit Eingang durch das weitgeöffnete Tor seiner Sinne. Wie aber der Frühling nach einem kalten Pesfach erblühte, der, unbekannt wann, seinen fünfzehnten Geburtstag in der Fülle seiner Tage enthielt, ging die Mutter zu Selig, dem Gemischtwar-enhändler hinüber, erstand dort eine leere Kiste, darin sie mit viel Liebe und vielen Tränen einiges an Wäsche empackte, und Meikemeier küßte Vater und Mutter und fuhr mit dem Dampfer ist die Welt hinaus — bis Kowno. Er sollte jetzt ein richtiger Bochur, auf einer fremden Jefchiwa sein, mit „Tägessen" (Tageskost) und allem, was zu einem Jefchiwa-Bochnr gehört.' Kowno war eine herrliche Stadt, für den fünfzehnjährigen Jungen aus dem Städtchen, der Inbegriff aller Erhabenheit, Weltschönheiten und 'Freuden. Wenn man mit dem Dampfer, von Burti kommend, in den gut ausgebauten Hafen einfuhr, leuchteten einem weiße Fassaden und vergoldete Kirchentürme, geheimnisvolle Spitzen und Zinnen blendend entgegen, die eine neue Welt verhießen. Die Straßen waren voller Menschen, und alle hatten es so eilig, daß sie sich fast überrannten. Eine Straßenabhn wurde von Pferden gezogen, und ein uniformierter Kondukteur klingelte an jeder Straßenecke, wo Leute aus- und einstiegen. Zahllose Droschken fuhren leicht und federnd durch die Straßen, und die Droschkenkutscher in Pelerine und mit schwarzglänzendem Vlechzylinder auf dem Kopf, sahen so feierlich aus, als hätten sie in ihren Droschken stets nur Kniase gefahren. Fuhrwerk und Fuhrmann erinnerten an die Zwei- und Vierspänner des Hofes von Burkj. statt Zugaben: „Quai itäf" ist und bleibtder Beste! Die Straßen von Kowno steckten voller 'Geheimnisse und Sehenswürdigkeiten. Schon unweit. des Landungsplatzes dehnte sich das weite eisenumgitterte Viereck, nach Norden abgeschlossen vom Portale einer gewaltigen Kirche, die man hier Kathedrale nannte. In!; der; rechten Mitte des freien Platzes erhob sich, ein . schmaler brauner Turm aus Stahl und BroWe mit einer Spitze, die beinahe in die WM-eMhin einragte. Das war, so wurde Meikemeier bMhkt, nicht ein Ueberbleibsel vom babylonischen Htzrrnbau, sondern ein Denkmal für die Schlacht, die der große Kaiser von Frankreich, Napoleon — -er hatte im Städtchen viel von ihm gehört, — En Moskau verloren ,und hier auf dem Rückzug, kyapp vor der deutschen Grenze bereute ... Als wollten sie sich gegen dieses metallene Symbol französischer Machtgier wappnen, exerzierten ganze Abteilungen russischer Infanterie um die „Zigunke" herum, übten langsamen Schritt und Eilmarsch, machten Kniebeuge wie die Marionetten im Puppentheater, knieten auf den Boden und zielten mit einem geschlossenen Auge, drehten sich im Kreise, schlugen in die Trommel und schmetterten in Trompeten von früh bis spät. Unteroffiziere schimpfen und brüllten wie am jüngsten Tage, holten gelegentlich auch mit der Faust aus, und Meikemeier nahm sich ehrlich und heilig vor, nie und nimmer Soldat zu fein. Von drüben, durch die schmalen bunten Fenster der Kathedrale, kamen langsam getragene Kirchenchöre, begleitet von Orgelklang und Glvckengeläute, und mischten sich in das unheilige Fluchen und in das harte Dröhnen der Soldatenstiefel auf dem Exerzierplatz. Viele Kinder, jüdische Kinder, genau so schmutzig und dürftig gekleidet, '.mir alten, wissenden Gesichtern und großen eckigen Köpfen auf dünnen Schultern, wie in Burki, umgaben in großen Scharen den. Platz der Soldatenspiele. Bis hie und da ein Soldat mit Nagaika kam und die Zudringlichen.davonjagte. Nur ein Gäßchen weiter links und ein anderes Gäßchen weiter rechts befchchen sich das Alte- und has Neue Bash amid ra s ch, große,; ragende Bet- und Lehrhäüser, die -Tag und Nacht, von Petenden Äkch> Lelchendeni,; von Müßiggängers' „Maskilnn", PhUosophen, Bachüriin, Sendboten,' Melamdim, Agenten, Lose-' Verkäufern, Vätlanim und Abenteurernaller Art angefüllt waren. DäzwischW der Fischmarkt, der besonders am Freitag morgen, nicht weniger lautes und turbulentes Leben ausströmte, wie jede Markthalle einer europäischen Großstadt, der aber darüber hinaus noch feine eigenen ö st l ich e n ützd j ü d is chen Geräusche und Gerüche hatte. Oberhalb dieses beweglichen, schreienden und lärmenden, menschenangesülkten Judenzentrums dehnte sich eine schöne breite Straße, von mächtigen Lindenbäumen auf beiden Setten flankiert, der „Neue Plan" genannt, die' Kowno er „ftnter den Linden". Die Straße ging in die Welt, ins Unendliche hinaus, denn sie Mündete am grauen Haus vor den Eisenbahnschienen, die über' Wilna und Bialistok nach P e t e r 's b u r g führten. Das Wunder der Eisenbahn zu erleben, konnte sich Meikemeier in den ersten Tagen, nach ganz benommen von all dem Schönen und Großen, noch nicht gönnen. (Fortsetzung folgt.)