Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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30 27930 der m rr r$;r 4. Dezember 1930 gen den ungenügenden polizeilichen Schutz ein, derHen Juden, ber den Ausschrelturigen vor dem Stadttheüter geleistet worden sei. Es wurden Garantien dafür verlangt, daß die Polizei unbedingt und mit eiserner Strenge gegen alle ^Belästigungen jüdischer Mitbürger einschreite. Schweiz. Eröffnungsfeier des Wintersemesters in der Jeschiwah, Montreux, 25. Nov. Es war eine freudige Wiedersehensstimmung, die in der Jeschiwah am Sonntag den 3. November herrschte. Manchen hatte wohl gegen Ende des vorigen Semesters das Heimweh ein bißchen gepackt, nach einem halben Jahr fern von Eltern und Geschwistern, aber jedem sah man es an, wie ihn nach den vier Wochen Ferien ein anderes Heimweh den freudigen Augenblick hat herbeiwünschen lassen, wo er die liebgewonnenen Kameraden und die lieb gewonnenen Räume Wiedersehen konnte. Den Höhepunkt erreichte diese Stimmung, als am Sonntag nachmittag, nachdem man gerade die letzten Ankömmlnige begrüßt hatte, die nunmehr vollzählige Jeschiwah von wiederum etwa 60 Bachurim zusammengetreten war, um die Eröffnung des neuen Semesters zu feiern. Nach einem herzlichen Willkomm an alle Bachurim beginnt der Pin feine großangelegte Rede, in der er das Programm einer Weltanschauung entwickelt, die er als Sinn und Wert des Lebens des Juden, als Erziehungsgedanken der Jeschiwah proklamiert. Es ist unmöglich, auch nur-andeutungsweise die Tiefe der Gedanken und die hinreißende Form dieser Rede eines Vaters an seine geistigen großen und kleineren Kinder im Rahmen eines Berichtes wiederzugeben. Thora, Mussar, Liebe und vom m»o» waren ihre Tonleiter und sie sind charakteristisch und programmatisch für den Geist und die Arbeit der Jeschiwah. Polen. Die Situation in Polen. Warschau, 1. Dez. In einem sehr instruktiven Artikel im Zentralorgar. der polnischen Orthodoxie, „Das Jüdische Togblatt", wird noch einmal resümierend auf die Geschichte des wilden Wahlkampfes hingewiesen, deren Folgen vorauszusehen es keiner Prophetengabe bedurfte. Es ging der Aguda nicht um den Kampf, sondern um das Judentum, uin die Einigkeit, und darum tat sie alles, was sie tun konnte, um den nutzlosen Bruderkampf zu vermeiden. Gescheitert sind alle Friedens- und Verständigungsversuche am Starrsinn eines Mannes, der. sich zum Ziele machte, die jüdischen wirtschaftlichen Organisationen zu zerbrechen und die Orthodoxie aus der politischen Arena zu drängen. Wenn nun die jüdische Repräsentanz im Parlamente numerisch geschwächt ist, so fällt die Verantwortung einzig aus die Häupter derer, die die Säulen der jüdischen Einheit zerschmetterten mit dem Rufe ni»n omvi-s ay 'vor- Der Ausgang hat aber sein Gutes darin, daß er als; die Liquidation einer Katastrophenpolitik v o n 12 I a hr e n angesehen werden kann. Es' dürfte der letzte Bruderkrieg in der jüdischen Gasse um die Sitze im Parlament gewesen sein. Bei den nächsten Wahle werden die Lehren dieser Wahlkampagne, daß eine jüdische Einheitsfront nur auf dem von Aguda und Wirtschaftsorganisationen gewiesenen Wege zu erreichen ist,. in ganz anderen Wahlresultaten in Erscheinung treten. - Es hat keine günstigere Zeit für die Juden in Polen gegeben, als die heutige, da eine liberale, ausgesprochen judenfreundliche Regierung das Rückgrat einer Mehrheitspartei hat, in einem Parlamente, das zwar nicht viele Juden in seinen Reihen sieht, aber auch so gut wie gar keine Antisemiten. Um aber bei der Regierung .etwas zu verlangen und zu er langen, ist eine geschlossene Linie der jüdischen Politik unabweislich notwendig. Die Aguda, die während des ganzen Wahlkampfes die Bruderhand zur Verständigung, leider vergebens, ausgestreckt hafte, ruft auch heute noch, nach der zwölften Stunde, die wenigen jüdischen Vertreter in Sejm und Senat zu einer Zusammenarbeit auf. . ... , Än die re l i g.i ö sie n Massen im Lande ergeht aber ein Ruf, der in gewissen Punkten auch in anderen Ländern gehört werden soll. Es seien hiermit einige fundamentaxe Sätze dieses Appells wiedergegeben: D^r -I s-r-a e t ti „Ihrreligiösen Juden habt bei dem Kampf einen Einheitswillen.bekundet, der uns allen zur Ehre gereicht. Unser Führer, Rabbi Aron Lew in aus Rzeszow, ebenso Oscher Mendelsohn und Leib Minzberg in Lodz, sie werden, wir dürfen des sicher sein, auf der Wacht stehen zur Verteidigung der jüdischen Bevölkerung insgesamt, wie der Orthodoxie im'Besonderen. Es ist nicht unsere Schuld, daß das polnische Judentum in diesem Wahlkampfe so viele schwere Opfer bringen mußte. W i r haben den Kampf nicht gewollt. Aber es wird keiner fernerhin wagen, gegen uns in der Weise vorzugehen, wie es bis jetzt geschehest' ist, weil Ihr den Beweis erbracht habt, daß ein großer vereinigter Kl all von religiösen Juden besteht und, um seine Führer geschart, seine Interessen und seine Ehre zu verteidigen weiß. Eure Aufgabe ist es aber, zu beweisen, daß diese Vereinigung nicht nur eine von der Not für die Not geschaffene Einheit sei. Sie muh sich als dauernder Einheitsbau bewähren und entwickeln und ihre Kraft nicht nur im Negativen, in der Abwehr von Angriffen und Verunglimpfungen, zeigen, sondern auch im Positiven, im Aufbau des jüdisch en Lebens auf der Grundlage der Thora und Tradition." Es wird im Appell auch Dank und Bewunderung der jungen Kämpferschar der Orthodoxie ausgesprochen, die, echte Enkel der Makkabäer, unbekümmert um Anfeindung und Terror rings herum, mit bewundernswerter Disziplin, im Kampfe für die heilige Sache ausharrten. Zum ersten Male in der Geschichte der orthodoxen Organisation stellten sich innerhalb der ihnen gezogenen Grenzen auch die jüdischen Töchter in den Agudavereinen in den Dienst der heiligen Sache. Es liegt ein eminenter moralischer Sieg darin, daß gerade die Jugend, die uns die Gegner längst abgesprochen haben, daß gerade sie aus den Plan trat und mithalf, den Sieg gegen einen modernen Hellenismus, der nach Macht und Geltung rang, zu erfechten. Diese Tatsache macht das Errungene zu einer Zukunftssaat. (Siehe Wochenrundschau.) Nr. 49 Seite 7 Schlimme Wahlauswüchfe in Krakau. Krakau, 30. Nov. Nach der absoluten Niederlage der Zionisten bei den Senatswahlen schrieb deren Führer Grünbaum: „Wir haben auf der ganzen Linie verloren. Die Senatswahlen haben unsere Niederlage besiegelt. Haben wir den Mut, es einzugestehen!" Seine Anhänger und Mitläufer haben aber diesen Mut nicht, um so mehr, den traurigen Mut, die Orthodoxie für ihre eigenen Fehler verantwortlich zu machen und in niederträchtiger Weise zu beschimpfen. An der Spitze dieser unsauberen Kampagne steht ein Mann, der sich „Rabbiner" nennt, Herr Dr. Thon. In einer Reihe von Artikeln in einem zionistischen Blatte in polnischer Sprache, zieht er gegen die Orthodoxie in einer Weise her, daß es auch seinen Gesinnungsgenossen in seiner Gemeinde zu viel wird. Er vergißt sich soweit, das sittliche Niveau der galizischen Orthodoxie anzutasten und , sie im Zusammenhänge mit den argentinischen Madchenhändlern zu nennest Das Blatt selbst fügt noch aus eigenem mancherlei hinzu. Es wird der Boykott gegen die von der Orthodoxie unterhaltene Takln u d T h o r a - S ch u le, die 12 000 Kinder aus allen Schichten der Bevölkerung umfaßt, gepredigt. Eine orthodoxe Protestverammlung in Krakau faßte eine scharfe Resolution und entsandte eine Delegation an die R e l i g i ö s e K o m Mission der Krakauer Kehilla. Wie dem „Jüdischen Togblatt" aus Krakau berichtet wird, chat die Kehillaverwaltung zunächst Herrn Dr. Thon wegen seines Auftretens von f e i n e m A m t e fu spendiert. Schweden. Schreibdispens am Sabbat für jüdische Schüler in Schweden. Malmö, 25. Nov. Den wiederholten Bemühungen des Herrn Rabbiners Wohlstein, Mitglieds des Zentralkomitees des Weltverbandes. Schomre Schabbos, ist es gelungen, für die jüdischen Gymnasialschüler in Schweden, einen Schreibdispens an den Sabbat- und jüdischen Feiertagen zu erwirken. Der Erfolg ist um so mehr anzuerkennen, als hier die Klassenarbeiten gewöhnlich am Sonnabend geschrieben werden. 1>agsn 8is „die gute. Kleidung u Auf Wunsch Verarbeitung England. Die Situation in London. London, 29. Nov. Die offizielle Zusammenkunft der mit der Palästina- Frage betrauten Kabinettskommission mit Weizmann und den Vertretern der Agency ist, wie berichten, nach einer ersten Zusammenkunft vertagt worden. Man erwartete lirsprünglich eine Wiederaufnahme der am Donnerstag abgebrochenen Verhandlungen schon am letzten Montag, dann hieß es, die Sitzung werde am Mittwoch stattfinden und nun ist davon die Rede, daß man erst nach einigen Wochen wieder zusammenkomme, um die Antwort der Regierung auf das Ultimatum Weizmanns entgegen zu nehmen. Auf Seiten der Regierung mag diese Vertagung nicht unangenehm empfunden werden, weil auf diese Weise zunächst einmal die Nachwahl im Whitechapel vorübergeht, bei der der Sieg oder die Niederlage des Labour-Kandidaten zum guten Teil von den Juden abhängig ist. Weizmann andererseits ist durch die Vertagung die Möglichkeit gegeben, die amerikanischen Führer herüberkommen zu lassen, die naturgemäß der englischen Regierung gegenüber viel energischer und unbefangener auftreten können, als es angesichts der langjährigen Bindungen Weizmanns diesem möglich ist. Bei den Amerikanern spielt im Unterbewußtsein oder halbbewußt immer der Gedanke mit, es könne eines Tages England das Palästina-Mandat wieder abgenommen werden, um es in die Hände der Vereinigten Staaten von Amerika zu legen. Ernsthafte Politiker halten den Gedanken zwar für absurd und ihn auszusprechen wird man sich heute hüten, aber mindestens für die Würdigung der Psychologie der amerikanischjüdischen Führer muß er im Auge behalten werden. „Jewish Chronicle" veröffentlicht ein Interview mit Lloyd George, das einen zu ausgesprochenen wahltaktischen Charakter trägt, als daß man es ernst nehmen könnte. Die Juden im Whitechapel sollen den liberalen Kandidaten wählen. Umso bemerkenswerter ist jedoch, daß Lloyd George in dem Interview die Balfour-Erklärung in einer Weise behandelt, die den Tendenzen des „Jewish Ehronicle" selbst eigentlich wenig entspricht. Das Blatt steht von jeher auf dem Standpunkt, daß der Sinn der Balfour-Erklärung letzten Endes der Judenstaat, mindestens ein jüdisches „Commonwealth" gewesen sei. Lloyd George aber sagt zwar, man habe nicht bloß eine Gelegenheit für die Juden schaffen wollen, in einem jüdisch-nationalen Heim zu kolonisieren, sondern man: habe „etwas mehr" gewollt. Dieses mehr besteht darin, daß es sich um — die Wiederschöpfung der hebräischen Kultur in Palästina gehandelt habe, was dann im nächsten Satz folgendermaßen formuliert wird. „Palästina wurde von uns unzweifelhaft dafür ins Auge gefaßt, ein wahres und wirkliches nationales Heim für die Juden zu schaffen". Im Grunde besagen diese Erklärungen Lloyd Georges überhaupt nichts, denn sie lasten die berühmte Umwandlung des Satzes „Palästina als Nationalheim" in die Formel „ein Natinoalheim in Palästina" vollkommen unberührt. Etwas wichtiger ist schon die in der „Times" jetzt veröffentlichte Erklärung des Colonels Meinertzhagen, der berichtet, daß ihn Balfour am 30. Juli 1919, bevor Meinertzhagen als erster politischer Beamter nach Palästina reiste, folgendermaßen instruierte: „Alle Entwicklung, industrielle Pläne aller Art und finanzielle Unterstützungen müssen auf dem Prinzips aufgebaut werden, daß die Juden die meistbegünstigste Nation in Palästina sind. Alle vorbereitende Arbeit, die unternommen wird, bevor das endgültige Schicksal Palästinas bestimmt ist muß in ähnlicher Weise auf diesem Prinzips beruhen."