Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 49 Der Israelit s 4. Dezember 1930 Weiteres Ansteigen der nationalsozialistischen Welle. Berlin. 1. Dez. In einzelnen deutschen Landesteilen haben am gestrigen Sonntag Wahlen in Gemeinden und Landkreisverwaltungen stattgefunden, die ein weiteres sehr erhebliches Ansteigen der nationalsozialistischen Welle erkennen lassen. In Bremen-Stadt, wä alle bürgerlichen und Arbeiterparteien eine Einbuße an Stimmen gegenüber der Reichstagswahl im September erlitten haben, haben die Nationalsozialisten ihre Stimmen mehr als verdoppelt. Auf ihre Liste wurden 45 713 (gegen 22 014 bei der Reichstagswahl) Stimmen abge^ geben. Von den insgesamt 120 Sitzen im Bremer Stadtparlament erhielten die Nationalsozialisten 32 (bisher 2) Sitze. Dagegen haben die Nationalsozialisten im Wahlkreis Bremerhaven, wo sie sich gespalten haben, ihre Stimmen kaum etwas vermehrt. — Bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung und zum Kreistag Bielefeld haben die Nationalsozialisten ungeachtet einer schwachen Wahlbeteiligung 22132 (gegen 16 641 bei den Reichstagswahlen) Stimmen auf ihre Liste vereinigen können. — Im Oldenburgischen Landesteil Lübeck-Eutin, der etwa 90 Städte und Gemeinden umfaßt, haben die bürgerlichen Gruppen rund 662/3 Proz. ihrer bisherigen Stimmen und sechs Mandate verloren. Die Nationalsozialisten ziehen mit sieben von insgesamt siebzehn Mandaten zum ersten Mal in den Landesausschuß ein. Eine Franz Rosenzweig- Stiftung in Hamburg. Hamburg, 24. Nov. Eine Franz Rosenzweig-Gedächtnis-Stiftung ist in diesen Tagen in Hamburg aus' Anlaß der ersten Jahrzeit des Denkers gegründet worden. An ihrer Spitze steht ein Ehrenpräsidium, bestehend aus Professor Dr. Ernst Cassirer, Hermann Gumpertz, Alfred Levy, Vorsitzender des Gemeindeoorstandes, Dr. Paul Rüben und Max M. Marburg. Dem Arbeitsausschuß gehören an Hermann Philipp (Vorsitzender), Rabbiner Bamberger- Wandsbeck, Oberrabbiner Dr. Carlebach-Altona, Rechtsanwalt B. David, Landrichter Dr. Feiner, Rabb. Dr. Holzer, Rabb. Dr. Italiener, Rechtsanwalt Dr. Louis Levy, Direktor Dr. Ernst Loewenberg, Prof. Dr. I. Markon, Syndikus Dr. N. M. Nathan, Wolfgang Meyer-Udewald und Dr. Max Plaut. Die Zuwahl von Frauen in den Arbeitsausschuß ist beabsichtigt. Zweck der Stiftung ist die Verbreitung der Schriften Franz Rosenzweigs. Die Stiftung wird am 28. d. M., dem ersten Jahrzeitstage Franz Rosenzweigs, die Pentateuch-Bücher in der Verdeutschung von Buber-Rosenzweig an diejenigen jungen Ehepaare der Hamburger Gemeinde zur Verteilung bringen, die während des Sterbejahres geheiratet haben; späterhin soll die Ueberreichung nach der religiösen Trauung geschehen. — Ehrenpräsidium und Arbeitsausschuß geben sich der Erwartung hin, daß man m anderen Städten dem Beispiele Hamburgs folgen wird, und daß die dem Andenken Franz Rofenzweigs gewidmeten Institutionen sich zu einer Franz Rosenzweig-Gemeinschaft zusammenschließen werden. Gegen das Schächtverbot. München, 30. Nov. Selten wohl hatte eine Obermeistertagung des Bezirksvereins Bayern im deutschen Fleischerverband so großen Besuch auszuweisen, wie die am vergangenen Sonntag in Nürnberg. Sowohl von den jüdischen als auch von den christlichen Rednern wurde die Aufhebung des Schächtverbots gefordert, mit der Begründung, daß durch dieses Verbot Landwirtschaft, Kommunen, Viehhandel, Großschlächter, aber auch sehr viele kleinere christliche Metzgereien, ungeheuren Schaden leiden. So -allein eine jährliche Einbuße von 600.000 Mk. an Schlachtgebühren. Dieser Ausfall an Schlachtgebühren muß jetzt natürlich von den nichtjüdischen Metzgern getragen werden. Der Stadtrat Gunzenhausen hat infolge des Entganges der Schächtgebühren die Fleischbeschaugebühren mehr als hundert Prozent erhöht. Andere Schlachthöfe werden diesem Beispiel folgen müssen. Der Umsatzrückgang an Vieh wird in Bayern durch das Schächtverbot auf ca. viereinhalb bis fünf Millionen geschätzt. Der Ausfall an Häuten und Fellen ist unermeßlich. Der 1. Vorsitzende des Landesverbandes jüdischer Metzgermeister, Max Levi-München, führte hierzu aus, daß die wirtschaftlichen Schädigungen des einseitigen Schächtverbots in Bayern alle Befürchtungen übertroffen haben, und daß daher erforderlich sei, Schritte zu unternehmen, um ein weiteres Umsichgreifen des Schadens zu verhüten, insbesondere um einen großen Teil der jüdischen und auch einen Teil von christlichen Kollegen vor dem sicheren Ruin zu bewahren. Wohl habe der Bezirksverein Bayern versprochen, die Angelegenheit auf dem nächsten Bezirkstag in der Pfalz zur Sprache zu bringen; allein bis dahin sind noch angesichts der außerordentlich schlechten Wirtschaftslage sofortige Maßnahmen unerläßlich. Er ersuche daher den Bezirksverein, alle durch: das Schächtverbot in Not geratenen Kollegen durch entsprechende Maßnahmen zu unterstützen, sonst würden in einem Jahre die Hälfte der jüdischen Kollegen verschwunden sein. Kollege Levi bat Berlin. Der Rektor der Berliner Universität teilt mit, daß sich bei' einer Besprechung die studentischen Führer ihm gegenüber einmütig verpflichtet haben, alles zu tun, um die Äufrechterhaltung der Ordnung an der Universität zu gewährleisten. Bei den Verhandlungen konnte sestgestellt werden, daß seitens aller studentischen Gruppenführer trotz der vorhandenen Gegensätze, der feste Wille zur Wahrung der Würde der Universität betätigt wurde. München. In dem Städtchen Watte n h e i m in der bayerischen Pfalz ist die Synagoge schon seit vielen Jahren nicht mehr zu G'ttesdiensten benutzt worden. Infolgedessen ist das Gebäude jetzt von der Israelitischen Gemeinde der Pfalz an die katholische Gemeinde von Wattenberg verschenkt worden. Warschau. Zum 50. Geburtstag Jabotinskys wird von einer Organisation in Polen geplant, ein Geschwader von fünf Sportflugzeugen für Palästina zu errichten. Die Arbeiten sollen vorwiegend durch Schüler des Haifaer Technikums unter Verwendung palästinensischen Materials ausgeführt werden. Sonst haben die Herren keine Sorgen? Prag. Der Redakteur eines in Munkacz erscheinenden ungarischen Blattes, der einen Verleumdungsfeldzug gegen den Joint und seine karpathorussischen Vertretung führte, wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Karlsbad. Die ITA. will von informierter Seite erfahren haben, daß der Zionistenkongreß im Februar kommenden Jahres in Karlsbad stattfindet. Die tschechoslovakische Regierung habe jid) bereit erklärt, alle Erleichterungen für den Kongreß zu schaffen. Jaffa. Im Hafen von Haifa find 360 Juden, Chaluzim und Heimkehrer angekommen. — Nachdem wiederholt hebräiche und arabische Zeitungen wegen freier Kritik vorübergehend verboten worden waren, wird sowohl im arabischen „Felestin" wie im hebräischen „Doar Hajom" eine gemeinsame Aktion der Zeitungsherausgeber zum Schutze der Pressefreiheit erwogen. Auch eine Verständigung! Lodz. In Lodz verstarb im Alter von 75 Jahren der hebräische Schriftsteller B. Katzenelsohn, der unter dem ' Pseudonym „Ben Jemini" bekannt ist. Ben Jemini war Mitarbeiter, der hebräischen Encyclopädie Haeschkol und hat auch eine Reihe von Dramen in hebräischer und jiddischer Sprache verfaßt; Itewyork. In Baltimore verstarb im Alter von 83 Jahren der hebräische Dichter Israel Fine. Fine stammte aus Rußland, von wo er im Jahre 1891 nach Amerika auswanderte. Im Jahre 1914 verfaßte er eine „Ode an Amerika" in hebräischer Sprache, deren Manuskript im Smithsonian-Jnstitut aufbewahrt wird. Fine gehörte zum engeren Freundeskreise des Präsidenten Röosevelt. um Annahme einer Entschließung, in der der bayerische Landtag unter Hinweis auf die katastrophalen Auswirkungen des Schächtgefetzes um eine Revision des Gesetzes ersucht werden soll. Kollege Lindauer, München, Koll. Weil, Nürnberg; owie auch nichtjüdische Redner, unterstrichen diese Ausührungen in sachlicher Weise. Der Vorsitzende des Bezirksoereins Bayern, Geheimrat Weinberger-Nürnberg, führte in der Hauptsache dämr an, daß man nie und nimmer daran geglaubt hätte, daß in Bayern allein eine solche Frage gelöst werden könnte. Zur Sache selbst vertrat Geheimrat Weinberger die Ansicht, daß ein direktes Herantreten an den Landtag ohne Erfolg sein werde, vielmehr müsse man die Zeij Wolf Tel. Hansa 27930 zuständigen Stellen auf die schädlichen Auswirkungen des Schächtgefetzes für die bayerische Wirtschaft aufmerksam machen; Er empfahl daher, vielleicht Schlachthofdirektvr Dr. Kuppelmayr in München um die Ausarbeitung eines Gutachtens und um andere Unterlagen zu bitten, die es ermöglichen sollen, vom Landtag die Aufhebung des Schächtverbots zu erwirken. Dieser Vorschlag fand einstimmige Zustimmung der Versammlung.; Der Vorsitzende des jüdischen Metzgerverbandes, Levi, dankte der Versammlung für das Solidaritätsgefühl der ganzen Kollegenschaft, gab dem Wunsche Ausdruck, daß diese Kollegialität auch über Bayerns Grenzen hinaus Anerkennung finden werde, zum Wohls des Bezirksvereins Bayern, zum Frieden des ganzen deutschen Fleischerverbandes. Die großen Schäden, die die bayerische Vieh- und Landwirtschaft, vor allem die ausschlaggebenden Großviehmärkte durch das Schächtverbot erleiden, hätten schon früher Anlaß geben sollen, die wirtschaftlichen Auswirkungen zu würdigen und zu ermessen, als dies geschehen ist, und es tut not, daß dieses von anderen. Interessenten, baldigst nachgeholt wird, bevor es zu spät ist. Die Krawatte aus Anlaß des Habima-Gaftfpiels vor dem Würzburger Stadtrat. Würzburg, 23. Nov. Der Würzburger Stadtrat befaßte sich in seiner letzten Sitzung mit der Störung des HabiMa-Gastspiels iM Stadttheater durch Nationalsozialisten, wobei mehrere Theaterbesucher, besonders jüdische, schwer belästigt und mißhandelt wurden. Der sozialdemokratische ' Stadtverordnete, Rack y, begründete die Interpellation seiner Fraktion und wies darauf hin, daß die Krawalle mit Hilfe von hetzerischen Flugblättern planmäßig von den Nationalsozialisten vorbereitet wurden. Dieses Flugblatt sei von der Polizei zu spät beschlagnahmt worden. Auch sei die Polizei zu spät, erst um S% Uhr abends, vor dem Theater erschienen, um die Straßen von den Hunderten Nationalsozialisten, die das Theater belagerten, zu säubern. Oberbürgermeister Dr. Löffler erklärte, er habe die Vorgänge auf der Straße selbst miterlebt. Die Leute, fuhr der Oberbürgermeister fort, die sich vor dem Theater jusammengerottet hatten, waren nicht die Blüte der deutschen Jugend. Es durfte nicht passieren, daß 25 bis 30 junge deutsche Menschen über einen einzelnen Menschen herfielen und ihn blutig schlugen. Das war kein Heldenstück! Ich wünsche diesen Leuten, daß auch sie einmal in die Lage kämen, solchen Anpöbelungen ausgesetzt zu sein, in sich den Ekel aufstelgen fühlen, von einer Rotte bedroht und beleidigt zu werden. Wenn man durch die Straßen ging, hörte man immer wieder die Worte: „Eine Schande für Würzburg!" (Rufe: „Sehr richtig!") Die Polizeidirektion wird die Vorwürfe gegen ihre Beamten zur Kenntnis nehmen. Der Führer der nationalsozialistischen Rathausfraktion, Wolz, erklärte, er billige nicht die Ausschreitungen. Auch er habe beim Lesen des Flugblatts den Eindruck gehabt, daß es sich nur um eine „Kritik" handele. Er glaube nicht, daß das Flugblatt von parteioffizieller Seite verbreitet wurde (Gelächter). Er halte die Habima-Aufführung für unklug und für einen Verstoß gegen das nationale Interesse. Oberbürgermeister Dr. L ö f f l e r weist auf die Möglichkeit, ja, Wahrscheinlichkeit hin, daß dann die deutsche Kunst in den änderen Ländern ebenso behandelt werden würde. Der Demokrat Willms meinte, der nationalsozialistische Redner habe die Sache so dargestellt, als wenn die Initiative zu der Habima-Vorstellung von den Würzburger Juden ausgegangen wäre; in Wirklichkeit habe die Theater-Intendanz die Häbima zu. Gaste geladen. Der Sozialdemokrat Racky stellte fest, daß das Flugblatt mit „Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" unterzeichnet feil Das Flugblatt enthalte die Aufforderung zu Demonstrationen. In einer von der Würzburger Kultusgemeinde gemeinschaftlich mit dem Cent r a l - V e r - ein einberufenen öffentlichen Versammlung-legte die Würzburger Jüdische Gemeinde schärfsten Protest ge»