Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-12-04 · Heft 49 (4.12.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 49 (4.12.1930)
Date
1930-12-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450648--77457-2535117
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4. Dezember 1930 Der Isra e l i t Spendenausweis des Deutschen Keren halhora Hamburg. Postscheckkonto Hamburg Nr. 24753. Nachtrag zum Ausweis in Nr. 17 der „Blätter". Einz e l f p c-n d e n : J$. Schawetz, Berlin NW. 87 200. Bernhard Kugelmann, Berlin (anläßlich Neder im Hotel Victoria in Schuls-Tarasp) 50. eine private Förderung jüdisch-arabischer Wirtschaftskooperation war -unter solchen Umständen bedauerlicherryeise weder Zeit, noch Kraft, noch Kapital vorhanden. Dm Regierung kündigt eine Neuorientierung ihrer Wirtschaftspolitik un. Mit Recht heißt es im Weißbuch-Kommentar der Jewifh Agency: „Alles kommt auf den.Geist an, in dem die geplante weitgehende Intervention der Regierung durchgesührt wird". Macht die Regierung diesmal ernsthafte Anstrengungen, um durch finanziell gut ausgLstattete Institutionen und durch gesetzgeberische Reformmaßnahmen die all ge meine Wirtschaft des Landes zu fördern, fo wird die Schwere dieser unendlich lernften historischen Tage nicht umsonst -ertragen worden sein. Juden und Araber würden den Weg zueinander finden. Landlose und von arabischen'Wucherern gepeinigte Fellachen bekämt Land, Arbeit und Kredite, intensive Agrikulturmethoden, nicht die extensive Holzpflugwirtschaft würde durch eiu vernünftiges Steuersystem gefördert werden und auf der Basis des Wohlstandes einer arabischen und jüdischen Landbevölkerung könnte Industrie und Handel aufgebaut werden und den Export im wetten Wirtschaftskaume des vorderen Orients Planmäßig vorbereiten. Wenn die Regierung ernstlich ihre Wirtschaftspolitik in dieser Richtung umorientieren will, so kann dieses Palästina, in dem Juden und Araber Arbeit, Boden, Lebensraum besitzen, in wenigen Jahrzehnten organisch entstehen. O b aber die Regierung dieses Palästina wirklich will, das ist eine politische Frage. Der Wirtschaftler kann sie nicht beantworten. Er wird vielleicht ohnmächtig Zusehen müssen, wie das Werk jahrelanger Bemühungen von politischen Maßnahmen zerschlagen wird. Korrespondenzen « RaebricDten. Deutsches Reich. Die Wahlen zur Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gemeinde und zur Preußisch- Jüdischen LüNdesversammlung. Berlin, 1. Dez. Am Sonntag, den 30. November, fanden in Berlin "die Wahlen zur Repräsentantenversammlung der JüdischenGemeinde und zur Landesversammlung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden statt. : Die Wahlbeteiligung am gestrigen Wahltag war denn auch eine außerordentlich starke. Offizielle Wahlziffern lagen am Montag noch nicht vor, doch schätzt man die Zahl der abgegebenen Stimmen auf etwa 78 000, was mehr als 60 Proz. Wahlbeteiligung bedeuten soll, ein Verhältnis, das bei jüdischen Wahlen in Berlin bisher roohl noch nicht erreicht worden ist. Die Stimmenvermehrung kam aber fast ausschließlich Liberalen und Volkspartei zugute. Die für die einzelnen Parteien abgegebenen Stimmen können, solange offizielle Ziffern nicht vorliegen, nur auf Grund privater Zählungen mitgeteilt werden. Demnach wurden abgegeben, für Listy 1 (Liberale Partei) rund 42 000 Stimmen, Liste 2 (jüdische Volkspartei) rund 26 000 Stimmen, Lifte-- 3 (Religiöse Mittelpartei) etwa 1800, Liste 4 (Konservative Partei) etwa 1450, Liste 5 (Poale Zion) etwa 1950, Liste 6 (Deutsche Liste) etwa 1330 Stimmen, Lifte T c(Klal Jisroel) 120 Stimmen, Liste 8 (Ueberparteiliche Bereinigung) efwa 2400 Stimmen, Liste 9 .(Positiv- Liberale) 750 stimmen. Die 41 Sitze in der Repräsentanz der jüdischen Gemeinde (bisher waren es 21 Sitze, und zwar 10 Liberale, 7 Volksparteiler, 1 Poale Zion, 2 Mittelparteiler, 1 Konservativer) verteilen sich auf die einzelnen Parteien wie folgt: 24 Liberale, 14 Volksparteiler. . Religiöse Mittelpartei .1 Mandat: Kommerzienrat Gerson Simon. Poale Zion 1 Mandat: R.-A. Dr. Oskar Cohn. Ueberparteiliche Vereinigung 1 Mandat: Dr. Jsmar Freund. n Die Konservative Partei (Listenführer Dr. . Nathan Birnbaum), die seit Jahrzehnten ununterbrochen in der Jüdischen Gemeinde vertreten war, zieht nun nicht mehr in die Gemeindestube ein. Sie ist von der Äolkspartei vernichtet worden, von deren Mitgliedern einige religiös-konservative Interessen verfechten. Abgesehen von der, Ueberparteilichen Vereinigung hat keine der übrigen neu eingereichten Listen ein Mandat erringen können. bester das Resultat der Wahlen zur Preußischen Landesversammlung liegen ebenfalls noch keine offiziellen Ziffern vor. ^Die Stimmabgabe hat sich wohl von derjenigen zur Repräsentantenwahl nur wenig unterschieden. Auf Grund privater Schätzungen rechnet man mit folgender Verteilung der Berliner Mandate (in der gesamten Provinz wurden Einheitslisten auf Grund zwischenparteilicher Einigung aufgestellt): 3 4 Liberale, 24,Jüdische Volkspartei. Von der Religiösen Mittelpartei werden wohl Geheimrat Dr. Julius Stern und Prof. Dr. M. Sobernheim der Landesversammlung angehören. Die Konservative Partei entsendet Dr. Adolf Wechselmann in die Landesversammlung. Vertreter der Poale Zion dürfte Rechtsanwalt Dr. Oskar Cohn sein. Die Deutsche Liste rechnet mit 1 Mandat: San.-Rat Dr. Alfred Peyser. Die Ueberparteiliche Vereinigung hat 2 Mandate zur Landesversammlung errungen: Dr. Jsmar Freund und Staatssekretär z. D. Prof. Dr. Justus Hirsch. Auf die übrigen Listen entfällt kein Mandat. Die offiziellen Wahlresultate zu Gemeinderepräsentünz und Landesversammlung werden, sobald die Hauptkommission ihre Arbeiten beendet hat, mitgeteilt werden. Die zionistische'Wahlniederlage in Berlin; Verschwinden der konservativen. Berlin. 1. Dez. Die Wahlen vom 30. November sind vorüber; ihr Ergebnis ist in der Ueberschrift dieser Zeilen vorweggenommen: die.-Z i o n i st e n, die in den letzten Jahren die Gemeinde beherrschten und diese Herrschaft als Ergebnis einer naturgemäß erfolgenden Entwicklung im Leben der Gemeinde priesen, haben eine entscheidende Niederlage erlitten. Die Wahlbeteiligung war eine für Berliner Verhältnisse außerordentlich starke. Während! bei? der letzten Wahl, 1936, im ganzen, rund 50 000 Stimmen abgegeben wurden, stieg die Stimmenzahl bei ungefähr gleichbleibender Zähl der Wahlberechtigten auf über 7? 000. Dieser nicht vorauszusehende starke Auftrieb war es, der die vor 8 Tagen an dieser Stelle ausgestellt^ Wahlprognose m.einem Punkte widerlegte. Wir hatten angenommen, keine der beiden um die Herrschaft in der Gemeinde ringenden Parteien würde die absolute Mehrheit erreichen, wobei wir allerdings ausdrücklich den Liberalen die größeren Chancen zuerkannten: Die starke Wahlbeteiligung war es, auf ihre Ursachen kommen wir noch zurück, die den Liberalen den Sieg brachte. Sie vermochten ihre Stimmenzahl von 23 000 in 1926 auf beinahe 427)00 zu steigern; mit 24 Mandaten (von 41) haben sie die Mehrheit. Die Zionisten, die "mit ungeheurer Anstrengung arbeiteten — sie hielten mehr Versammlypgen ab als alleanderen Parteien zusammen — verstmchten zwar ihre Stimmenzahl von 16 000 auf 25 000,^-also um, 50 Proz., zu erhöhen, aber den prozentualen Anteil an der Gesamtstimmenzahl vermochten sie nicht zu steigern: sie erhielten 1926 wie heute rund xis der abgegebenen Stimmen. Sie erhalten 14 Mandate. Bei den übrigen Parteien hat sich die hier gestellte Prognose restlos bewährt. Herr Dr. Freund, der Schöpfer, Und Spitzenkandidat der, Ueberpartei, der in feinen Aufrufen von Zehntausenden zu erzählen wußte, die seine Parole mit Begeisterung ausgenommen hatten, Nr. 49 Seite 5 zu nrmn ein Bild von Ihrem Kinde zu billigem Preis bei S A M S O N & Co. ZEIL102 Telefon 25379 zieht, genau wie hier vorausgesagt, ohne Gefolge in die Repräsentantenversammlung ein. Ueber die Aussichten der K o n s e r v a t i v e n hatten wir schon in der Vorwoche bemerkt, daß es zweifelhaft .sei, ob die Zugkraft des Namens ihres Spitzenkandidaten, Dr. Nathan Birnbaum, das Manko gutmachen könne, das die mangelhafte Organisation und matte Propaganda verschulde. Unsere Zweifel waren leider nur allzu berechtigt. Der Wahlausgang war für die konservative Partei ein geradezu katastrophaler. Von rund 3000 Stimmen in 1926, damaliger Spitzenkandidat Herr Moritz A. L o e b, ging sie, trotz der stark erhöhten Wahlbeteiligung, auf 1390 Stimmen zurück; die konservative Richtung wird also in den kommenden 4 Jahren in der Nepräsentantenversammlung nichtbertreten sein. Ueber die Ursachen, die zu dieser Niederlage führten, wird in einer ruhigeren Stunde noch ausführlich zu sprechen sein, aber heute schon mag gesagt werden, daß es eine tief zu beklagende Tatsache ist, wenn in der größten deutschen Gemeinde kein Vertreter des gesetzestreuen Judentums mehr seine Stimme erheben kann. Die Tatsache selbst sollte vor allem denen zu denken geben, die auf Grund oberflächlicher Beurteilung historischer Entwicklungen sich dem Wahne Hingaben, die sogenannte Austrittsgemeinde, d. h. die ßelbständige überlieferungstreue jüdische Kehilla sei in unserer Zeit keine Notwendigkeit mehr! Der Ausfall der Repräsentantenwahl wird mit Beginn des kommenden Jahres das Gepräge der Berliner Gemeinde völlig verändern. Bei der Neuwahl des Gemeindeoorstandes werden die Zionisten von den 11 zu vergebenden Sitzen voraussichtlich nicht mehr als 3 erhalten. Herr K a r e s k i wird also den curulischen Sessel des Gemeindevorsitzenden verlassen müssen; Herr Dr. K o l l e n s ch e r wird keine Gelegenheit mehr haben, weitere zionistische Schulen zu errichten. Weit wichtiger aber würde es fein, daß der Herrschaft des Parteibuches ein Ende gemacht, daß der Versuch einer Umwandlung der Religionsgemeinde in eine Volksgemeinde ein Ziel gesetzt wird. Auch jener Anschauung, die die religiösen Fragen in den Hintergrund drängen, sie zwar im Rahmen der Gemeinde belassen, aber sie dort mehr und mehr zu einer Privatangelegenheit machen, dafür aber die „Bindung der Massen" durch Sportplatz und Ledigenheim, durch Kunstsammlung und Leihbibliothek erzielen will, dürste ein Erfolg nicht mehr beschieden sein. Den Zionisten selbst gebührt das Verdienst, ihre letzten Ziele mehr und mehr in den Vordergrund gedrängt und dadurch die gegnerischen Massen mobil gemacht zu haben. Nicht die bessere Organisation beiij Qiberaten unb nicht die größere GeschÄlichkeit ihrer Propaganda — a u f beiden Gebieten sind die Zionisten unerreichte Meister — waren es, die an dem gestrigen Sonntag, trotz seines milden Frühlingswetters, die Massen aus dem Westen und Norden den ungewohnten Gang zur Wahlurne antreten ließen. Es war vielmehr das auch in diesen sonst indifferenten Kreisen aufdämmernde Bewußtsein, daß es sich bei dieser Wahl um die Grundlagen der jüdischen Gemeinde handle; das ließ die Wählerscharen anschwellen und das brachte den Zionisten die Niederlage, von der sie sich wohl so bald nicht erholen werden. Letzte Frist zur Anmeldung von Jnvatidenforderungen polnischer Staatsangehöriger. Berlin, 27. Nov. Advokat Dr. Roman Pretzel, Berlin, schreibt uns: Mit dem 31. Dezember 1930 endet die Frist zur Entgegennahme von Eingaben wegen Zuerkennung von Invalidenrenten in Polen und nur bis zu dieser Frist vom 31. Dez. 1930 können Witwen, Waisen, Eltern, nach gefallenen bezw. verstorbenen Kriegsinvaliden ihre Forderungen bei den zuständigen polnischen Behörden anmelden. Die nach dem 31. Dezember 1930 zur Anmeldung gelangten Forderungen werden nicht mehr berücksichtigt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.