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Der Israelit · 1930-12-04 · Heft 49 (4.12.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 49 (4.12.1930)
Date
1930-12-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Seite 3 4. Dezember 1930 Dauerwellen und Haararbeiten jstVertrauenssache! E(IGEN. OCHS Spezi a I i st d af Ü r Moselstr.16 . Taunus 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten Wochenrundschau. Wie weil ist Gens von Europa? Genf liegt noch weitab von Europa — wenn all das Vorkommen konnte, was sich am zweiten Sejmwahlfonnöag i« Polnis ch- O b e r s ch l es i e n und in der Gegend von Lemberg unbestrittenermaßen zugetragen hat. Daß man mit Stöcken und Knüppeln aus Leibern den. Dybuk ihrer nationalen Kultur und politischen Gesinnung auszutreiben suchte, erfährtdie Kulturwelt mit Entsetzen. Vielleicht aber rückt Genf. Europa etwas näher, wenn es diesen Vorkommnissen sein Augenmerk widmet und daran die Lücken der neuen Weltordnung erkennt. Wir wünschen es von Herzen, daß Grausamkeit und Unmenschlichkeit, wo und wie sie auch Vorkommen, streng geahndet und für die Zukunft unmöglich gemacht werden. Wir möchten aber ln Erinnerung bringen, daß sich ganz schlimme Dinge zur Zeit auch in anderen düsteren Winkeln Europas abspielen, über die kein politisches Blatt einen Leitartikel schreibt, keine Regierung ein Memorandum ausarbeitet, kein Botschafter eine Intervention vornimmt und kein Ratsvertreter in Genf eine außerordentliche Sitzung des Völkerbundesrates anstrebt — weil diese schlimmen Dinge Juden angehen. In B o r s ch a, das zu Rumänien, also auch zu Europa, gehört, hatte man nach tagelanger Terrorisierung und Mißhandlung der jüdischen Bürger die ganze I u d e n st a d t i n B r a n d g e st e ck t. Es gab Untersuchungen und Prozesse, und sämtliche Brand st i f t e r s ind „aus Mangel an B eweis en"' frei g esprochen worden. Zum Aeqüivalent — man ist ja in einem Kulturstaat! — wurden die verhafteten Juden, über ein Dutzend, gegen die der Untersuchungsrichter den Spieß umgedreht hatte, ebenfalls freigesprochen. In einem böhmischen N e st e spukt seit Monaten das R i t u a l m o r d g e f p e n st in Der Israelit den kranken Hirnen und Herzen der teils verdummten, teils verhetzten Menschen. Die Hüter der Ordnung hüten den Seuchenherd und schüren . das Feuer, die Untersuchung tritt in Aktion, der Staatsanwalt erhebt Klage und der Gerichtshof macht einen Prozeß d-araus. Man spielt Gericht. Und das alles ist so widerlich, komisch und verlogen, daß man über die Komödie lachen könnte, wenn nicht dahinter der tausendjährige Wahnsinn aus dem düstersten Mittelalter stände, der heute noch genau wie damals nach Blut schreit. Zwei Kinder hätten sich eine märchenhafte Geschichte zurechtgelegt: Juden hätten ihnen an der Hand Blutstropfen abgezapft. Welche Juden? Sie wissen es nicht. Vor Gericht verwickeln sie sich in Widersprüche und nehmen schließlich alles zurück. Das Blut rührt aus einer Verletzung durch Glassplitter her, alles andere sei erlogen und erfunden, ihnen später zum Teil auch durch die- Gendarmerie und den Untersuchungsbeamten beigebracht. Trotzdem geht der Prozeß weiter. Er ist bereits dreimal vertagt, aber noch nicht niedergeschlagen. Ein tschechischer Lehrer, der als Pädagoge und Erzieher der Kinder das ganze Phantasiegebilde zerstört, setzt sich damit dem Haß der Bevölkerung und der unteren Behörden aus und wird schließlich verhaftet. Die Juden der Gegend erleben die Tage von T i s s a E ß l a r und P o l n a in zweiter Auflage. In Prag sitzt an höchster Stelle das beste Staatsoberhaupt, das heute Europa aufzuweisen hat, ein Mann, der früher schon einmal allein den Kampf gegen eine Welt' für Recht und Freiheit und gegen den Judenhaß ausgenommen hat, der selber schon einmal ein ganzes Buch gegen das unselige Ritualmordmärchen geschrieben hat. Aber ein Eingreifen von Prag steht noch aus. Genf liegt noch weit ab von Europa . . . Das neue polnische Parlament. Die Konstellation im neugewählten Sejm und Senat ist so, daß die Zahl der jüdischen Abgeordneten sich stark vermindert, die jüdische Sache aber ungeheuer gewonnen hat. Der letzte Sejm zählte 19 jüdische Vertreter, der vorletzte 46. Der neue Sejm zählt im ganzen 12 jüdische Abgeordnete, von denen 6 agudistisch orientiert, unter diesen zwei führende Agudisten (Oberrabbiner Lewin-Rzeszow und Minzberg- Lodz) sind. Bon den übrigen jüdischen Abgeordneten sind nur 2 Grünbaum-Zionisten, die anderen zionistischen Deputierten kommen aus Galizien und vertreten außen- und innenpolitisch eine maßvolle Taktik. Im Senat hat die Aguda einen würdigen Vertreter in Herrn Ascher Mendelsohn, der, wie Minzberg, auf der R e g i e r u n g s l i st e stand, während die Zionisten bei den Senatswahlen leer ausgingen. Misrachr hat im neuen Parlamente keine Vertreter mehr, da sowohl Farbstein wie Rabbiner Rubinstein zu Hause bleiben. Ebenso der zionistische Spitzenkandidat der Lemberger Zionisten, Dr. Schreiber. Es ist nicht allein das, daß der Sieg der Regierungspartei auf der ganzen Linie eine Konsolidierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse verspricht, einen besseren Rechtsschutz garantiert und, bei der ausgesprochenen judenfreundlichen Einstellung der leitenden Männer, einen weiteren Ausbau des jüdischen bürgerlichen Rechtes gewährleistet, das Ergebnis drückt sich in tieferem .Sinne darin aus, daß die j ü d i s ch e S a ch e gewonnen hat. Es ist ein Sieg des Agudaged a n k e n s und bedeutet die erste größere Kraftprobe, die diese jüdische Bewegung, als Sammelbecken aller Gesetzestreuen in Polen, glänzend bestanden hat. Die vollkommene Niederlage der Grünbaum-Partei würde dem aufrechtes Juden gewiß keine Genugtuung bereitet haben, handelte es sich nur um eine etwas anders geartete jüdische Partei zur Vertretung jüdischer Interessen nach außen, etwa gegen die Regierung oder nichtjüdische Parteien. In Wahrheit war aber die Kampffront der Grünbaumgarden von jeher und einzig und allein nach innen gerichtet, gegen die Orthodoxie, gegen die Aguda, sagen wir es klar heraus, gegen die religiöse Traditio n. Hätten sie ihre Macht behauptet und ihre Autorität in Parlament und Gemeindepolitik begründet, dieser Sieg hätte sich bald in einer „heiligen Allianz" von Zionisten und Assimilanten zur Radikalisierung der Gemeinden und des gesellschaftlichen jüdischen Lebens ausgewirkt. Diese Gefahr hatten die religiösen Führer in Warschau und in Wilna und in den Residenzen der Chassidim-Rabbis klar erkannt, und sie war es, die ihnen, zum ersten Male, die Feder in die Hand drückte und sie zum Teile in die politische Arena zwang, die Massen des gesetzestreuen Volkes aufzurufen, für ihre heilige Sache einzustehen. Der Erfolg blieb nicht aus. Was die Aguda -Jugend dazu beigetragen hat, ist, nach einem uns von besteingeweihter Seite in Warschau zugehenden Bericht, erstaunlich un>d darf als die Frucht agudistischer Erziehung zum religiösen Selb st bewußt sein von bald zwei Jahrzehnten angesehen werden. In Polen wird keiner mehr fragen:'Was ist die Aguda, was will sie und was kann sie? Was sie ist, was sie will und was sie kann, haben kleines Feuilleton. Die Juden in.Venezuela. Man schreibt uns aus Venezuela: In der Hauptstadt Venezuelas Caracas ist auf Initiative des Herrn Marcus Weinfeld ein öffentlicher jüdischer G'ttesdienst eingerichtet worden. Bisher fanden sich nur an den hohen Feiertagen die Sephärdim in einem Hinterhause zusammen, um nach den Traditionen der Inquisitionszelt chre Gebete im Geheimen zu verrichten. Diesem unwürdigen Zustand wurde nun durch Herrn Weinfeld, den Präsidenten der europäisch-jüdischen Gemeinde, ein Ende gemacht, indem er bei der Behörde das öffentliche Recht für den jüdischen Gottesdienst und die jüdische Gemeinde erwarb, und dieses Recht in aller Oeffentlichkeit durch die Zeitungen bekannt gab. Die Wirkung war erstaunlich. Wie aus dem Schlafe find alle versprengten jüdischen Teile erwacht, um sich zu einer Gemeinschaft zu sammeln. Bei dem ersten öffentlicheil G'ttesdienste war auch eine sephardische Delegation vertreten, die, von Herrn Weinfeld in feierlicher Weise begrüßt wurde. Tags daraus brachten die Zeitungen - Venezuelas große Artikel über Juden. Judentum, jüdische Lehre und jüdische Literatur, alles im sympathischen Sinne gehalten. Ein ähnlicher öffentlicher Gottesdienst wurde in Valencia von Herrn Eduard Sonnenschein eingerichtet, wobei zum ersten Mal eine Seserthora eingeweiht wurde. Venezuela ist ein neues Emigrationsland, in dem aber die Emigranten noch nicht in der Lage sind, aus eigenen Mitteln jüdische Institutionen zu schaffen und zu erhalten. Die Juden Venezuelas rechnen auf die Mithilfe von Europa und Amerika. Das jüdische Venezuela, das heute noch auf Unterstützung anderer Länder angewiesen ist, kann vielleicht später — wie in Nordamerika — Hilss-, quelle für andere Teile der Iudenheit" werden. Es wird zunächst um Abgaben von Büchern für die Bibliothek und Lesehalle gebeten, die an folgende Adresse zu senden sind: Weinfeld & Cia. Caracas-Venezuela oder an Weinfeld & Co. Antwerpen, Av. Brialmont 37 / Belg. (Die Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde Berlin). Die Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde in Berlin hat in den letzten Monaten durch Neuerwerbungen und Schenkungen einen derartigen Zuwachs erhaltestj daß die in der Oranienburger Straße 29 befindlichen Räume für die Ausstellung nicht mehr ausreichen. Es ist deshalb auch schon ein neues Gebäude zur Unterbringung der Museumsschätze in Aussicht genommen. Erst in den neuen Räumen wird man einen Ueberblick über die kürzlich erworbenen palästinensischen Ausgrabungen interessanter Ton- und Glasgefäße, die reiche Münzsammlung und die mannigfaltigen Kultusgeräte gewinnen können. An Werken moderner Künstler sind besonders zwei der bedeutendsten Gemälde von Lesser Ury hervorzuheben, das von der Pressa 1928 bekannte Monumentalbrld „Der sterbende Moses" und ein Selbstbildnis von 1930. Mar Liebermann ist mit einem Porträt des Chirurgen James Israel, Pissaro mit einem feinen Aquarell vertreten. Den berühmten holländischen Meister Joses Israels stellt ein Bildnis von I. Mofcheles dar. Zwej Gemälde von Josef Oppenheimer und zahlreichen jüngeren in Paris tätigen Künstlern ergänzen die Reihen dieser Neuerwerbungen. (Verein für Jüdische Museen in Bayern). Im Sommer dieses Jahres hatten sich unter dem Eindruck der in München durch den Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden in Verbindung mit der Kultusgemeinde München veranstalteten „Ausstellung jüdischer Kult-Geräte und -Einrichtungen für Synagoge und Haus" Männer und Frauen aus allen Kreisen der bayerischen Judenheit vereint, um das m Bayern überkommene Kunstgut aus jüdischer Vergangenheit zu bewahren und zu pflegen, wo es gefährdet ist. Diese Bemühung führte zu der nun erfolgten Gründung des „Vereins für jüdische Museen in Bayern E. V.". Der Verein bezweckt die Sammlung 'und Pflege 1. von jüdischen Altertümern, die geschichtlichen, kulturellen oder künstlerischen Wert besitzt, 2. von Werken jüdischer Kunst, 3. Abbildungen von Persönlichkeiten, Baulichkeiten und Gegenständen, die für das Judentum von wesentlichem Interesse sind, 4. von Archivalien, Handschriften und Druckwerken, welche die jüdische Geschichte und Kultur betreffen. Dabei wird auf Sammlung solcher Gegenstände, die für die Geschichte und Kultur der Juden in Bayern Bedeuturtz heben, besondere Rücksicht genommen werden. Der gewählte Vorstand setzt sich aus Persönlichkeiten aus alleu Landeskreisen zusammen. Die nächste Aufgabe wird die Bereitstellung von Mitteln sein, damit zur geeigneten Zeit durch Erwerbungen das schon Vorhandene vermehrt werden kann. Die Ausstellung und Zugänglichmachung der Sammlung in würdiger Fornr ist das wichtigste. Ziel des neuen Vereins. Der Verein richtet an alle Interessenten die Bitte, ihren Namen dem 1. Vorsitzenden (Dr. Leo Baerwald-München, Haydnstraße 10) oder dem Geschäftsleiter (Theodor Harburger-- München, Augustenftraße 53) angeben zu wollen.

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