Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1930)
- Date
- 1930-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 49 Der Israelit 4. Dezember 1930 hedrion in die Wege leiten. Die Kriege gegen die Kenaaniter waren ohne jede Schonung zu führen, und wir durften bei ihnen „keine Seele leben lassen" (Deut. 20, 16). Dies bedeutet aber nicht, daß ein allgemeines Morden und Brennen beginnen sollte, wie es vor kurzem in einer von Gelehrsamkeit scheinbar erfüllten Schrift E. Vischofss malitiöser Weise behauptet wurde. Vielmehr hatte Josua, wie es der Derufchalmi (Schebiith 1) und Maim. ib. 6, 5 überliefert, vorm Einzüge ins Land Israel den Kenaanitern einen Brief mit dreifachem Optionsangebot zu senden: Wer das Land verlassen will, möge es verlassen; wer im Lande bleiben will, möge die noachidischen Gebote auf sich nehmen und wem dies Beides nicht behagt, möge sich zum Kampfe stellen. Es wurde also der Vernichtungskrieg gegen diejenigen allein geführt, die sich der Wahrung der noachidischen Grundgebote aller Menschlichkeit überhaupt widersetzen wollten, — hier allerdings gegen Greis und Säugling. Ein solches Gebot zu erlassen, ist jedoch nicht in Menschenhände gegeben, auch nicht in die Hände der Edelsten Israels, die als Elite im Synhedrion versammelt sind. Es konnte nur ein einziges Mal erteilt werden, nämlich in der einmaligen und unwiderruflichen, unvergrößerbaren und (Deut. 13, 1) unverkleinerbaren Offenbarung des Gesetzes am Berge Sinai. Wohl ist das furchtbare Strafgericht über die Völker Kenaans (Deut. 9, 5) durch deren moralischen Verfall mitbegründet, der zur Zeit Abrahams (Gen. 15,16) noch nicht „reif" war. In Wirklichkeit aber handelt es sich hier nicht um eine Strafe, wie sie auch menschliche Rechtsprechung einem Volke erteilen dürfte, sondern um eine Katastrophe, die der Weltenrichter und -lenker durch sein in sein Land heimkehrendes Volk über die vom Quell ihres Lebenswertes abgeschnittenen Einwohner dieses Landes Hereinbrechen läßt. Eine Wiederholung solcher Maßnahme ist also solange undenkbar, als es keine neue Thora gibt, also nach unserem wichtigsten .Glaubensartikel ewig undenkbar. Das Gleiche gilt von der Ausrottung Amaleks in verstärktem Maße. Denn hier war nicht einmal mehr ein Optionsangebot zu erteilen. Ein solches erhielt denn auch vom Könige Saul nur (l. Sam. 15, 6) der bei Amalek zeltende Stamm der Keniter, nicht Amalek selber. Die Amalekausrottung ist Deut. 25, 18 scheinbar gleichfalls in einer auch sonst vorkommenden moralischen Weise als Strafe oder Rache begründet, ist aber bei näherem Zusehen wiederum eine von den Anordnungen, die so einmalig und unwiederholbar sind wie die ganze Thora als solche. Außerdem sind alle die Völker, welche in der Thora als besondere Feinde Israels gebrandmarkt sind, laut Mifchna Jadajim 4, 4 seit der Zeit der assyrischen Invasion als in ihren Nachbarnationen aufgegangen und verschwunden zu betrachten und alle Gesetze, die sich auf ihre besondere Bekämpfung beziehen-, somit gegenstandslos geworden. Das Gebot der alljährlichen Verlesung der Amaleksgeschichte am Sabbat vor Purim kann demnach, obwohl es nach Maimonides ein Thoragebot ist, nur als Erinnerung und Dankespflicht angesehen werden. 5. Die sonstigen Kriege sind (M. hilch. Mel 5, 1) zur Seßhastmachung Israels m seinem Lande und zur Stützung seines Königtums bestimmt. Da sie aber der Genehmigung des Synhedrions unterliegen, so sind die Vorbedingungen für sie nur dann gegeben, wenn ein Synhedrion vorhanden ist. Somit sind Kriege Israels an die Kontinuität der Ordination seiner obersten Behörde gebunden. Was würde nun ein Synhedrion, wenn diese Kontinuität (was allerdings nur nach der allemdastehenden, obenerwähnten Einzelansicht des Maimonides in der vormessianischen Zeit möglich ist) wiederhergestellt würde, daran hindern, auch kriegerische Handlungen anzuordnen? Wer hierbei lediglich dem Buchstaben unserer religionsgesetzlichen Codices folgen wollte, fände wohl kein Hindernis für eine Kriegstätigkeit, wie sie auch jedes andere Volk entfaltet. Wer aber außer in Paragraphen auch in Geist und Persönlichkeit denken kann, erinnert sich sofort an | die großen Ansprüche, die das mündliche und das schriftliche Gesetz an jedes Mitglied des Synhedrions stellen und fragt sich, welcher Notstand wohl erst eintreten muß, um solche Menschen zu kriegerischen Entschlüssen zu drängen. Es ist ja aus der Geschichte zur Genüge bekannt, welche friedlichen Zeiten der jüdische Staat immer dann durchlebte, wenn er unter völlig absoluter Herrschaft des Thomgefetzes stand. Denken wir. an die biblische Zeit des Salomo und des Ehiskia, — oder an die nachbiblische der Salome. Daß auch ein g'ttschauender Gesetzeslehrer wie Rabbi Akiba menschlichem Irren unterliegend einen Barkochba für den messianischen. König halten und ihm zu seiner Kriegführung Glück wünschen konnte, das ist eben nur Zeugnis dessen, daß auch im Geiste des Gesetzeskünders Leben herrscht, Leben mit seiner Not und mit seiner Hoffnung. Man vergesse hierbei auch nicht das anderthalb Jahrtausende hindurch friedlich durch die Zeiten gegangene, fast selbständige Exilarchenreich der Juden des Zweiströmelandes (586 v. bis ca. 1000 nach Chr. Geb.), dessen Frieden nur einmal unterbrochen wurde, als Mar Huna, der Jüngere, den Ueberfall der Zendiks abwehren mußte, die dem Lande Güter- und Frauenkommunismus aufnötigen wollten. Wenn man.sich etwa die Frage vorlegt, weshalb nun trotz Fehlens jedes Thora-Verbots des Kriegesührens jüdische Kriege in keinem bedeutenden Maße unter der Herrschaft des Gesetzes vorgekommen sind-, dann lautet hierauf die Antwort ganz ähnlich wie die auf die Frage, weshalb der Jude trotz Fehlens jedes Abstinenzgebots ganz erheblich viel weniger zum Trünke neigt als andere Völker. Alle neunmalklugen Antworten der Mediziner und Sozialhygieniker haben hier kläglich versagt. Der Jude ist weder, wie die Einen meinen, trinkfester als sonstige Völker, noch, wie die Anderen meinen, zu ängstlich zum Trinken oder gar zu berechnend, um den Rausch zu wagen. Sondern ihn hütet ganz einfach die große Speise- und Reinheitsgesetzgebung der Thora, die den Tisch zum Altäre und die Speise zum Opfer weiht, vor dem Unmaß im Trunk. Der Rausch läßt sich, obwohl nicht dem Volke Israel verboten, einfach nicht dem Rahmen des Lebensbildes feiner Gesetzesbefolgung einstigen. Ganz ebenso verhält es sich mit dem kriegerischen Treten. Es ist nicht mit Gesetzeswortenverboten, aber es widerstrebt dem Gesamtgeiste der Thorabefolgung. Wer dazu angehalten wird, nicht einmal den heimatlichen Boden seines Volkes anders denn als G'tt-eslehen zu betrachten (Lev. 25, 23), wer als Erdenpilger durchs Leben gehen gelernt Hat, — wer vor allem im Staats- und Privatleben durch stündlich und täglich zu. befolg,ende Gesetze zu solcher Gesinnung wirksam erzogen worden ist, findet keinen Weg zu jener tierischen Wut, in welche sich die Völker gegeneinander durch leichtfertige Ruhmsucher und Gewi'nnraffer Hetzen lassen. Das Gesetz gleicht nach dem Worte der Weisen dem „Engel G'ttes, der (Ps. 34, 9) seine Getreuen umlagert und schützt", nämlich vor dem Herabsinken aus dem Heiligtum reinen Menschentums. Dies und nichts Anderes ist auch der Grund, weshalb sich der Jude, obgleich ihm formal auch hierbei kein Religionsgesetz im Wege steht, nie für Jagd interessiert hat. Denn wer für seine eigene Nahrung die humanste und schnellste Tötungsart am Tiere zu vollziehen gewöhnt ist, kann auch das zur Nahrung Anderer bestimmte Tier aus rein gefühlsmäßigen Gründen nicht .mutwillig anschließen und zu Tode hetzen. So zu ersehen aus einem bekannten Responfum Rabbi Jecheskel Landaus. ' (Schluß folgt.) Selbsterhallung. Das große Treffen mit Esau durste Jakob erst dann wagen, als ein Sohn zur Welt kam; der den Namen Josef erhielt. So lesen wir ja in rrr'i, Kapitel 30, Satz 25 'wi pS> apjp "MX'-I *|ov nx i>ni m^’ 1V83 'Ml „Und es war als Rahel Josef geboren hatte, sprach Jakob zu Laban: Entlasse mich u. s. w." Talmud und Midrasch, auch Raschi zur Stelle geben über den Zusammenhang folgende Auskunft: „Josef war die Flamme zum Feuer Jakobs, das Esau wie Stroh verbrennen sollte", wie es in Obadja heißt: apy ms "Tn 'ist oiVasi vpb wy msi *jov N'21 mb- Mit Josef, einem Namen, der Vermehrung bedeutete, durste Jakob Esau trotzen. Man muß schon die ganze gemütsvolle Schilderung der Geburt der Söhne, — der Stämme der jüdischen Nation, — ihrer Namensgebung u. f. w. auf sich einwirken lassen, um den gewaltigen Abstand zwischen damals und heute in Bezug auf den Willen zur Selbsterhaltung und zum Weltaufbau zu erkennen. Ein Freudenruf, eine Dankeskundgebung ist der Name, den jedes Kind mit ins Leben bekommt. R e u b e n zeugt, daß G'tt „die Pein einer sich weniger geliebt fühlenden Mutter gesehen hat", S ch i m e o n: daß „G'tt ihre Stimme gehört hat." Der dritte Sohn bekommt, was noch mehr wiegt, von Vater ivv tnp den Namen Levi, was die Mutter in vollendetem Glücke mit den Worten.deutet ’i>K ’px ntf” orsrt „nunmehr ist der Anschluß zwischen uns vollständig". Jehuda ist der heiße Dank für vierfachen Segen. So geht es weiter. Josef, der erste Sohn Rahels, trägt aber in seinem Namen tpv> den Wunsch und den Willen zu weiterer Vermehrung, zur Ausbreitung, zur Erhaltung und Entfaltung des Geschlechtes und der Nation. Ist dieser Wille in der Jakobsfamilie lebendig, dann fürchtet sie keinen Laban und keinen Esau. Mit „Josef" kann Jakob stolzen Hauptes, im Bewußtsein seiner ewigen Kraft, dem feindlichen Bruder — allen Geschicken, die vom Namen dieser feindlichen Macht herrühren, — entgegenziehen. In Zeiten schwerer Not sieht sich der Mensch vor der Gewissensfrage: „Enthaltung oder Erhaltung?" Oft sind aber die „schweren Zeiten" nur eine billige Ausrede. Kulturnationen haben gerade in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwunges eine Bevölkerungsstatistik aufzuweisen gehabt, die wie ein Menetekel des Unterganges anmutets. Glückliche Völker haben sozusagen selber und steiwillig die Korethstrafe auf sich genommen. Indes in weniger von der Sonne des Glückes beschienenen Ländern sich arme Menschengruppen im harten Ringen mit dem Leben erhielten und rapid vermehren. Darf im jüdischen Leben Wirffchastslage allein Regulator der Volkskraft sein? Ist nicht vielleicht der Mensch noch das kostbarste Gut und das beste Kapital zur Behebung der Weltnot? Im zweiten Buch Moses wird mit der Erzählung von der Drangsal in Mizrajim begonnen. Und die Erzählung wird unterbrochen mit dem Berichte von „einem Manne aus dem Hause Levi, der eine Frau aus dem Haufe Levi" ehelichte. Ein kleines Intermezzo und die Leidensgeschichte geht weiter. Welcher Mut gehörte wohl damals, in einer Zeit, da der Jude mit Leib und Leben den Fronherren verfallen war, da man die jüdischen Kindlein in den Fluß warf, welcher Mut gehörte in solcher Zeit dazu, ein Haus zu gründen? Aber der mutige Mann aus dem Hause Levis tat es, und was daraus entstand, war die Erlösung aus der Rot. Wie viele sind es heute, die im Zusammenbruch der Zeiten, nachdem sie alles verloren, auf ihre Kinder noch als auf ihr einziges Gut Hinsehen können! Wie viele, denen heute Kinder Halt und Stütze im Leben geworden sind. Müßten sie nicht von einem Grauen erfaßt werden bei dem Gedanken, sie hätten damals,- als sie noch jung im Lebenskämpfe standen, so zughoft und kleinmütig denken können wie es eine moderne Zeit tut? Es gilt heute noch wie damals,—und heute vielleicht noch mehr als zu jeder anderen Zeit — das Wort des Pfalmisten ö’m n r&m nan „Siehe ein Geschenk G'ttes sind die Kinder, höchster Lohn die Leibesfrucht". Das Lied vom braven Mann, kann sich das Glück des G'ttesfürchtigen nicht anders denken, als im Bilde der Kinder, die „wie Setzlinge des Ölbaumes seinen Tisch umringen". „Unsere Söhne wie die jungen Pflanzen, groß gezogen von Jugend auf, unsere Töchter wie Eckpfeiler", lautet Sabbats Abschiedslied. Die Altvätermoral leuchtet, und leuchtet auch in diesem Belange der Welt voran. Abkehr von der Thora brachte, mit vielem anderen, auch Kleinmütigkeit, Vertrauensarmut und vor allem Mangel an Verantwortungsgefühl für die- Gemeinschaft, für Erhaltung des Kreises^ Tschuwah, Rückkehr tut not. Mit Joses, dem Namen, der Vermehrung bedeutet, der den Wunsch und den Willen zur Erhaltung und Entfaltung in sich trägt, kann Jakob Laban wie Esau die Stirn bieten, — damals wie heute.