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Der Israelit · 1930-11-27 · Heft 48 (27.11.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 48 (27.11.1930)
Date
1930-11-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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27. November 1930 Der Israelit Nr. 46 Seite 5 noch immer dieselben Zustände herrschen, wie in den Tagen der ersten Okkupation, wo der jüdische Pflüger mit dem Gewehre aus dem Rücken seiner Arbeit nachgehen mußte. (Schluß folgt.) r Korrespondenzen « ßacbricbten. Deutsches Reich. Wahlen! Berlin, 24. Nov. Am 30. November finden in Preußen die Wahlen .zum Landesverband der Synagogen-Gemeinden statt. Während man außerhalb Berlins überall in Anbetracht der Zeitverhältnisse — wirtschaftliche Not, Antisemitismus, — auf einen Wahlkampf verzichtete und die Auslese der Vertreter durch eine Kompromißliste vornahm, ist in Berlin selbst der Kampf auf das Heftigste entbrannt. Null« dies sine linea. Zu deutsch: Kein Tag ohne Versammlung. Doch dieser Kampf gilt nicht den relativ bedeutungslosen Wahlen zum Verbandstag, sondern der gleichzeitig stattfindenden Neuwahl der Repräsentanten der großen Berliner Gemeinde. Um die Herrschaft in der Berliner Gemeindestube geht der Streit. Vorausgeschickt sei, daß die letzten Wahlen im Mai 1926 stattfanden; damals war die Lage eine relativ einfache, denn die Parole lautete: hie liberal, hie antiliberal. Galt es doch, die langjährige Herrschaft der liberalen Partei zu brechen. Das Ziel wurde erreicht, aber bald stellte sich heraus, daß man nur die eine Diktatur mit der andern vertauscht hatte. Die Jüdische Volkspartei, d. h. die Zionisten, verstanden es, in den letzten Jahren als stärkstes Glied der antiliberalen Koalition durch Regsamkeit und Rücksichtslosigkeit sich die entscheidenden Posten im Gemeindevorstand zu sichern und so der Verwaltung ihren Partei- . stempel aufzudrücken. Dieses Vorgehen hat zu einer starken Erbitterung der übrigen Parteien geführt und dem im Gange befindlichen Wahlkampfe fein Gepräge gegeben. Nicht weniger als 10 Parteien haben ihre Listen eingereicht: die Musterung dieser Listen ergibt einen interessanten Einblick in die Strömungen, die heute die Berliner und wohl auch die deutsche Judenheit durchziehen. In erster Linie sind es die Liberalen, die, begierig die Scharte von 1926 auszuwetzen, eine außerordentlich rege Tätigkeit entfalten. An der Spitze ihrer Liste steht Dr. h. c, K l e e m a n n, der bekannte Direktor der Dresdner Bank. K., der seit Jahren schon im Gemeindeoorstand tätig ist, genießt mit Recht allseitige Achtung,' da er, jedem Radikalismus abhold, auch für die Bedürfnisse der anderen Richtungen jederzeit Verständnis zeigte. Sonst bringt die Liste in der Hauptsache die Ramen-.der bisherigen liberalen Repräsentanten und Stellvertreter, welch letztere Kategorie durch die jüngste Statutenänderung in Wegfall kam. Die Spitze der zionistischen Liste ziert selbstverständlich wieder Herr Dr. Klee, gefolgt von Herrn Kahres k i, dem tatsächlichen Herrscher innerhalb des gemeindepolitisch interessierten Teiles der Berliner Zionisten. > Von den Misrachisten hat man diesmal Herrn Rechtsanwalt Dr. L ö b ausgeschaltet, offenbar um den Platz für Herrn Professor P i ck fteizumachen, der, trotz der wenig schönen Art, in der man seiner Tätigkeit in Palästina ein jähes Ende bereitete, an seiner zionistischen Anhänglichkeit nicht irre geworden zu sein scheint. Als ^freuer Kandidat der gleichen Richtung tritt Herr Dr. k f s b e r g in die .Erscheinung. - . > Eine wirklich^eirstchneidende Veränderung weist die mitteipar't'eiliHe- Liste auf. Es fehlt dort der Mame des Herrn Rabbiners Dr. Weiße, des Gründers und bisherigen Führers der Partei. Herr Dr. Weiße hat mit Rücksicht auf sein Alter, trotz inständigster Bittenseiner Freunde, eine Wiederaufstellung abgelehnt. Die Liste führt nunmehr Herr Kommerzienrat G e r s o n Simon, der aber, bei allem verdienten Ansehen, Herrn Dr. Weiße nicht zu ersetzen vermag. Sein Fehlen dürfte der Partei voraussichtlich einen nicht unbeträchtlichen Stimmenverlust verursachen. Spitzenkandidat der Konservativen Partei ist Herr Dr. Nathan Birnbaum. Der bisherige einzige Vertreter der Partei in der Repräsentanz, Herr Moritz A. Loeb, hat, ebenfalls mit Rücksicht aus sein Alter, die Wiederaufstellung ab gelehnt. Zweifellos ist Herr Dr. Birnbaum, dessen hohe geistige Bedeutung in allen Lagern anerkannt wird, der beste Kandidat, über den die Konservativen zur Zeit verfügen. Ob die Zugkraft seines Namens hinreichen wird, trotz, der Mangel- Me Woche. Mürzburg. Die „ H a b i m a " , die in Berlin und in Frankfurt ungestört und mit großem Erfolge „Uriel Acosta" spielen konnte, wurde in Würzburg mit nationalsozialistischen Exzessen übelster Art empfangen. Die Polizei mußte scharf eingreifen, um die Straßen, die zum Theater führen, frbi zu halten. Die Vorstellung im Theater selbst konnte mit Verspätung durchgeführt werden. London. Wie die ITA. zu berichten weiß, droht P aßfiel d mit seiner Demission für den Fall, daß das Weißbuch zurückgenommen wird. — Der polnische Gesandte in London hat beim britischen Außenministerium wegen des Verbots der jüdischen Einwanderung in Palästina interveniert. Es sind 2000 Juden in Polen, die, in der Absicht, nach Palästina' zu reisen, ihre Geschäfte liquidiert haben und nun existenzlos dastehen. — Exkönig Hussein, der frühere Beherrscher des Hedschas, ist im Alter von 81 Jahren in Cypern gestorben. Er war ein Verfechter des „Arabischen Staatenbundes" und ein ausgesprochener Feind des Jüdischen Nationalheimes. — Die älteste englische jüdische Zeitung und eine der ältesten jüdischen Zeitungen der Welt, „Jewish Ehronicle", feiert ihr 90 jähriges Jubiläum. Wien. Der bisherige Rabbiner der orthodoxen Gemeinde in Pittsburg (Amerika), Rabbi Wolf Leiter, wurde von der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien als Nachfolger von Rabbiner Mayersohn, der von seinem Amte zurücktritt, berufen. Jerusalem. Der „Doar Hajom" wurde wegen scharfer Artikeln gegen England in Sachen des Weißbuches von der Palästinaregierung für mehrere Tage e i n - g e st e l l t. „Dawar" weist daraus hin, daß arabische Zeitungen ihre Hetze betreiben dürfen, ohne von der Behörde gemaßregelt zu werden. — Das Mitglied des Direktoriums der Palestin Potash Company, Van V r i e s l a n d, hat ehrenamtlich das Generalkonsulat für Holland in Palästina übernommen. Der frühere, holländische Konsul in Palästina war Jacobus Kann. Buenos Aires. Der bekannte jüdische Maler Maurice Minkowski, der durch die verschiedenen Ausstellungen feiner Bilder in Berlin und im übrigen Deutschland auch die Bewunderung der deutschen Kunstkenner gefunden hat, hat heute in Buenos Aires bei einem Autounfall den Tod gefunden. Moskau. In den großen Komplottprozeß, der jetzt in Moskau vor sich geht, sind auch acht Juden verwickelt, u. a. Schatzkin, der Führer des kommunistischen - Jugendverbandes, H a l p e r i n und R e s - n i k.-Elf jüdische landwirtschaftliche Genossenschaften wurden für musterhafte Bewirtschaftung ihres Bodens und die dadurch erzielte Ernte prämiiert. — Aus Anlaß des zehnjährigen Bestehens der Sowjetrepublik Krim wurde eine Amnestie erlassen, mit der Einschränkung, daß , politische Vergehen, auch weoen z i o n i st i s ch e r Betätigung, von der Amnestie ausgeschlossen bleiben. haften Organiatfion der Konservativen und ihrer wenig zugkräftigen Propaganda, mehr als den Spitzenkandidaten durchzubringen, ist zweifelhaft. Als Nr. 5 erscheint die „S o z ia ldem okratische Liste P v a l e Z i o n". An ihrer Spitze, wie immer, Herr Dr. Oskar Cohn, der, seit ihm auf dem Gebiete der allgemeinen Politik die Erfolge versagt' blieben, mit vielem Eifer, wenn auch nicht immer mit gleichem Verständnis, sich 'der jüdischen Gemeindepolitik widmet. Nicht mehr auf dieser Liste erscheint Herr Alfred Berger, der, als neu- und wohlbestallter „Sozialsekretär", wie es scheint, seinen proletarischen Kampfgenossen Valet gesagt, und dafür auf der zionistischen Liste, mitten unter der von ihm bisher bekämpften jüdischen „Bourgeoisie" Platz genommen hat. Wenn es sich bis hierher um sozusagen historische, d. h. bei allen bisherigen Wahlen auftretende Gruppen handelte, so muß der getreue Chronist weitere neue Gruppen verzeichnen. Da stoßen wir vor allem auf den sympathischen Namen „ K l a l I i s r o e l". Die diesen Namen tragende Liste rekrutiert sich aus den Reihen jener religiösen Ostjuden, die erkannt haben, daß sie von den Zionisten bisher nur als Stimmaterial benutzt wurden, während ihre religiösen Interessen, die identisch sind mit denen der übrigen Konservativen, eine Förderung seitens der Zionisten nicht erfuhren. Ob dieser Liste schon diesmal ein großer Erfolg beschieden sein wird, bleibt abzuwarten; als Zeichen einer betzinrtenden Erkenntnis und folgerichtigen Loslösung von der Vormundschaft der Zionisten, besitzt sie auf alle Fälle eine symptomatische Bedeutung. Gleichfalls aus ostjüdischen Kreisen stammt die Liste des „Jüdischen Demokratischen Blocks". Im Gegensatz zu der ebenbesprochenen Liste liegen hier rein politische Motive zugrunde. Ihren Urhebern sind die Poale Zion noch zu zahm; es sind kommunistisch-bundistische Gedankengänge, aus denen heraus sich ihr Wahlruf gegen die „Vormünder des Ostjudentums" wendet, der u. a. verlangt, daß in den Schulen der Gemeinde „Jiddisch" als Unterrichtsgegenstand eingeführt werde! Auch dieser Liste wird kaum ein großer Erfolg beschieden sein. Als gänzlich neu erscheint ferner eine „Deutsche L i st e ". Hinter dieser verbirgt sich das Häuslein „Nationaldeutscher Juden". Ihr Führer, Herr Dr. Max Naumann, hat allerdings nicht den Mut gefunden, sich an die Spitze seiner Liste zu stellen, sondern diese freilich nicht gerade beneidenswerte Rolle dem bekannten Juristen, Herrn Professor Dr. H e i l f r o n, abgetreten, dessen Stärke wohl mehr aus j u r i st i s ch e m als auf jüdischem Gebiete liegen dürfte. Ob von Dr. Heilsron dieser Liste großes Heil widerfahren wird, scheint uns fraglich. Ernstliche Beachtung dagegen verdient das Auftreten der „Positiv-Liberalen jüdischen Verein i g u n g". Hier haben sich eine Anzahl junger Liberaler zusammengefunden, denen, wie es in ihrem Programm heißt, die Erkenntnis aufging, daß das Reformjudentum mit feinem „Abgleiten in unjüdische Formen" und Aufgeben jüdischen Eigenlebens zur Vernichtung des Judentums führen muß-. Es sind junge Menschen, zumeist aus dem traditionellen Judentum längst entfremdeten Häusern stammend, die sich hier, als ehrliche Sucher nach jüdischen Werten von dauerndem Gehalt/ vereinigt haben. Ihr Wille geht nach einer Verbindung von Tradition und Neuzeit; sie stehen am Anfänge ihres Weges. Verfolgen sie ihn konsequent und unerschrocken, so werden sie zu der Einsicht gelangen müssen, daß das, was sie heute noch „Formen" nennen, nicht nur unauflöslich dem inneren Kern des Judentums verbunden ist, sondern daß diese Formen seine Bekenner niemals verhindert haben, an der geistigen Entwicklung ihres Zeitalters in vollem Umfange teilzunehmen. (Maimonides, Jehuda Halevy, Mendelssohn!) Die letzte in der Reihe der neuen Listen — finis coronät opus — führt den langatmigen Namen „U eberparteiliche Vereinigung für die Gesamtintereffen und die Einheit des Judentum s". Kürzer und treffender wäre: „Partei I s m a r Freund". Ihr Programm hebt, in Fettdruck hervor, daß „das Ueberhandnehmen des Patteisvefens in unserem öffentlichen jüdischen Leben als ein Unglück empfunden werde". Es ist also durchaus folgerichtig, wenn man diesem Uebel durch Gründung einer weiteren Partei abzuhelsen sucht! Der Vorgang wird verständlich, wenn man weiß, daß der alleinige Schöpfer, Gründer und Organisator dieser Partei, Herr-Dr. Freund ist. der bisherige Generalstabschef der Mittelpartei, jetzt nicht mehr ohne eigene Partei auszukommen vermag. Er steht denn auch auf beiden Listen für Repräsentanz und Landesverband, als Spitzenkandidat. Unter dem Wahlaufruf stehen eine Reihe angesehener Persönlichkeiten, u. a. Professor E i n st e i n,*) aber — Offiziere ohne Soldaten bilden keine Armee. So wird wahrschein- *) Die ITA. vermittelt eine Erklärung Einsteins, wonach er nicht wünscht, auf Aufruf und Wahlliste zu stehen und der Repräsentanz anzugehören.

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