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Der Israelit · 1930-11-27 · Heft 48 (27.11.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 48 (27.11.1930)
Date
1930-11-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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27. November 1930 Der Israelit Nr. 48 Seite 3 lvochenrundschau. Jüdische landwirkschafMche Siedlungen. Der Plan, die jüdische Not in Deutschland, die politische wie die wirtschaftliche, durch» Berufsumschichtung, durch Gewinnung der Juden für das Dorfleben und die L a n d arbe i t zu beheben, ist nicht von gestern. Verfechter dieser Idee ist bekanntermaßen Pros. Dr. Franz O p - p e n h e i m e r, der sich von Mißlungenen Experimenten in Palästina nicht entmutigen läßt und mit ungeschwächtem Elan nach der Richtung jüdischer Landsiedlungen in Deutschland weiter agitiert, wofür wir ihm danken wollen. Illusorisch werden aber alle derartigen Pläne für uns. sobald man „jüdische Siedlungen" gründet, die höchstens als Siedlungen für bestimmte Juden anzusprechen sind, das Prädikat „jüdisch" aber nicht verdienen, somit auch nicht die geringste Aussicht für eine Linderung der schweren Notlage in den treu zum Religionsgesetz haltenden jüdischen Schichten versprechen. Wir sprechen hiermit keinen allgemeinen Verdacht aus. Uns liegt ein Bericht der ITA. vor über eine am 17. November im- Hause der Frau Gertrud Mosse in Berlin stattgefundene Versammlung der vom Reichsbund für jüdisch e S i e d l u n g e n geschaffenen „Gesellschaft der jüdischen Landarbeit", in der Prof. Dr. Oppenheimer ein Referat hielt. Er sprach über die überseeische Auswanderung in den letzten Jahrzehnten im Allgemeinen, wie über die binnenländische Wanderung aus den Agrargebieten des Ostens, die eine Vermehrung der Industrie auf Kosten der Landwirtschaft mit all den bekannten traurigen Erscheinungen wie Ueberproduktion, Lohnrückgang und Arbeitslosigkeit zur Folge hatte. Daraus, meint Oppenheimer, lasse sich Kapital für den jüdischen Siedler schlagen, d. h. für denjüdischen Händler in der Groß- und Mittelstadt, der L and si-edler werden soll. Eine Regeneration des deutschen Judentums soll dadurch herbeigeführt werden, daß der deutsche Jude A n t e i l a m d »e u t.s ch e n Boden erhält und so m-ithilft bei der Siedlungstätigkeit in Deutschland zum Nützen des deutschen Vaterlandes. Die Ausführungen Oppenheimers wurden ergänzt und unterstrichen von Herrn Rabb. Dr. B a e ck, der daraus hinweist, daß so oft in der Bibel die Worte stehen: „leben und glücklich sein", die Worte hinzukommen: „auf dem Erdboden" Dem Juden des Mittelalters w>ar ein gowiffer Ersatz für den Boden darin geboten, daß seine Gedanken, seine Empfindungen dem großen Universum, dem Kosmos, zugewandt waren. Dem Großstadljuden von heute fehlen diese Empfindungen, darum schaffe man seine Verbundenheit mit dem Boden. Dem bibelkundigen Herrn Rabbiner Dr. Vaeck ist es ganz gewiß nicht unbekannt, daß den Worten in der Bibel „dem Erdboden", immer noch ein Wort hinzugefügt wird, nämlich: „den dir G'tt, dein G'tt, gegeben hat!" Wozu die Tatsache, daß G'tt Eigner des Bodens ist, verpflichtete, weiß Herr Dr. Baeck auch. Die Verheißungen eines „glücklichen Lebens auf dem uns von G'tt gegebenen Boden" sind ja stets als Lohn und Frucht der strikten Befolgung des G'ttesgesetzes gedacht. Das Verbundensein mit dem Boden kann ganz gewiß unsere Verbundenheit mit dem Universum und mit dem Kosmos, — die sich besonders im S a b b a t g, e b o t, aber auch in der kleinsten Vorschrift ausdrückt —■ nicht ausheben. Warum spricht der Herr Rabbiner in der Versammlung kein Wort über das „G'ttesgefetz" im Siedlungsprc^ramm; über die Notwendigkeit, die Siedlungen gleich von vornherein s o zu gründen, d-aß sie einer jungen jüdischen Generation die Möglichkeit bieten, den Sabbat zu halten und die Speisegesetze zu beobachten, daß sie auch sonst noch in Stunden der Arbeitsruhe für die Mische Seele etwas bieten? Es wäre Gelegenheit dazu gewesen». Der „Reichsbund für jüdische Siedlungen in Deutschland" hat nämlich bereits fein »erstes Siedlungsgut in Groß - Ga g l o w bei Kdttbus. In der Versammlung wurde auch Bericht über dieses erste Experiment erstattet und dasselbe als vielverheißend hingestellt. Von anderer orthodoxer Seite erhalten wir aber eine Zuschrift, mit der Anregung, eine e i g e n e S i »e d I u n*tz von» m i ndestens z -e h n T e i l n e h m e r n für solche jüdische Landwirte zu schaffen, die noch treu zur Tradition galten. Es wird in dieser Zuschrift betont, daß-es „unter den vielen jüdischen Landwirten und Gärtnern in Deutschland ein»e ganze Anzahl von jungen Menschen g»ibt, die getreu ihrer traditionellen Vergangenheit gesinnt sind, ihr religiöses Leben weiter wie im Elternhaus und ihrer Weltanschauung gemäß auch in ihrem ländlichen Berufe zu führen", es fei aber schwierig für solche Leute, einen Stellungsnach- DIAI2N "Puder bewahrt Ihren Liebling vor Wundsein. denkt. Ein solcher Jude ist Träger des lebenzerstörenden' Bazillus des 'individualistischen Denkens. Ein solcher Jude bildet eine Gefahr für das - Leben der jüdischen Gemeinschaft, für das Leben der Menschheit und« 'für das Leben des Kosmos. Ein solcher Jude ist krank und kann den ganzen Volksorganismus infizieren. Ja, der ganze Volksorganismus ist kranksolange es auch nur einen einzigen kranken Juden gibt. Das ist etwas ganz anderes, -als wenn der mittelalterliche Staat (eine künstliche Organisation im Gegensatz zum natürlichen Organismus des naturgegebenen Volkes) feine Bürger zu einer vorgeschriebenen Anschauung zwingen wollte. Der Staat »als künstliche Organisation besitzt keine lebendigen Bewegungen, also auch keine ihm eigene Denkweise. In ihm haben alle ihm angehörenden Völker und nationalen Anschauungen Platz. Eine Majorisierung gibt es hierbei nicht. Der Staat hat kein Recht, irgendeiner nationalen Anschauung vor einer anderen in -ihm vertretenen den Vorzug zu geben. Da alle nation-alen Organismer? in der Welt des Lebendigen gleichwertig sind, so Haben sie auch alle im Staat das gleiche Recht. Innerhalb -eines nationalen Organismus aber, also insbesondere innerhalb des Organismus des Mischen Volkes ist -es Pflicht, um des Lebens des Organismus willen, um des Lebens der Menschheit und des Kosmos willen sich gegen jeden Volksangehörigen zu wehren, der nicht als Zelle im lebendigen Volksorganismus lebendig mitschwmgt. Wir Juden müssen uns -daher davor schützen, daß das-vielleicht letzte Bollwerk des Lebendigen auf Erden gegen die lebenzerstörende Geisteshaltung Europa-Amerikas verschwindet: Das jüdische „Lernen" und das jüdische Denken. Jude, Du allein von al-l-en Völkern der Erde hast den Schlüssel in der Hand , der aus der Welt» der Lebenszerstörung heraus führt und die T ü r z u m L e b e n d i g e n , z u r W e l t - u n d M e n s ch h e i t s e r l ö s u ng öffne t.D u besitzest den Schlüssel. Schließe auf! G e h e h i n u n d „ l e r n e "! Wir sind deshalb dem Verfasser des Buches „Jidischkeit im Lushn", *) dem berühmten Fachmann auf dem Gebiet der jiddischen Sprache, Dr. Salomo. Birnbaum, zu Dank für seine Arbeit verpflichtet. Schon seit längerer Zeit arbeitet er in der. orthodoxen Öffentlichkeit des Ostens in dieser Frage. Jetzt veröffentlichte er dieses Buch, das voller interessanter Gedanken und Bemerkungen, Auseinandersetzungen und Beweise ist und eine ausführliche Konstruktion der jiddischen Orthographie, wie sie auf Grund der alten, von jedem fremden Einslutz reinei Orthographie geschrieben werden mutz, enthält. Das Buch ist von Anfang bis zu Ende von inniger Liebe zur Jiddifchkeit und ihrer Sprache erfüllt. Auf Grund dieser Schrift wurde bereits aus der in Rabka anläßlich der Sommerkurse des „Bajs-Jakow" abgehaltenen Konferenz beschlossen, die alt-neue Orthographie in die orthdoxe Literatur und Presse einzuführen. Die Einführung ist z. ZI. bereits in den Bajs-Jakow Schulen und B.-J. Presse durchgeführt. Jedem Jiddischsprechenden und sich für Jiddisch Interessierenden, der das Wesen dieser Sprache verstehen lernen will, sei dieses Buch wärmstens empfohlen. . Im Anschluß an die aus dem Werke „Hygiene und Judentum" in der letzten Nummer veröffentlichten Aufsätze bittek uns der Verleger um Richtigstellung seiner Adresse. Die Verlagsfirma ist: Jac. Sinnlich, Dresden A. 1, Zeughausstraße 3, der Preis des reich illustrierten in Leinen gebundenen und auf Kunstdruck . gedruckten Werkes beträgt Mark 5.— ' *) „Jidishkekt in Lushn. Warschau 1930. Verlag „Jeschurun". Lekküre. Don Saly Geis in Trl-Awiw. Auf dem Schreibtisch liegen diese drei ganz verschiedenartige Neuerscheinungen: 1. Hertz „Hans Günther als Rassenforscher".Z 2. Szanto „Der Zionismus, eine nationalistische und reaktionäre Utopie."-) Hofs „Von kommenden Dingen. Zwei Vorträge über das Judentum."3) Es hätten gerade so gut einige andere Neuheiten des Büchermarktes sein können, die unser Interesse als Juden beanspruchen; — immer wäre die Frage berechtigt gewesen, wieviel der jüdischen Leser die Fähigkeit haben, zwischen Wahrem und Falschem zu unterscheiden. Wenn aber die Voraussetzung zum Selbsturteilen nicht erfüllt ist, dann setzen sich unrichtige Anschauungen vom Judentum beim Leser fest. Diese Gefahr kann nicht ernst genug genommen werden. - - In der ersten der vorliegenden Broschüren — sie beherrscht übrigens das Gebiet der Rassentheorien und stellt eine lesenswerte Arbeit dar — tnitb in der üblichen Auffassung der christlichen Theologie das Christentum als eine Fortentwicklung, Veredlung des Judentums hingestellt, wie aus dem gleichfalls schon fortentwickelten Judentum der Propheten entstanden sei. (Seite 7). , Der Verfasser der zweiten Broschüre, ein Assimilant radikalster Richtung, ist ein fanatischer Gegner des orthodoxen Judentums („mittelalterliche Speise- und Ritualgesetze", „überlebte Religionsdogmen", „stupide Dogmengeist") und des Zionismus, gegen den er, ein geschickter Z Berlin, Philo-Verlag -) Berlin, Verlag Aufklärung und Fortschritt. 3) Charlottenburg, Verlag Kedem Polemiker, sein Geschütz ausfährt. Man mag zum Zionismus aber stehen, wie man auch wolle, so wird man doch der Beweisführung eines Mannes das größte Mißtrauen entgenbringen, der die „Lösung des Judenproblems in seinem wesentlichsten Kern" in der „Einführung des jüdischen Proletariates in die internationale Arbeiterbewegung" sieht. Sicherlich ist auch bei dieser politischen Schrift dem Durchschnittsleser das einschlägige Material nicht so bekannt, daß er zu den Ausführungen Szantos selbständig Stellung nehme. Ist es bei der ersten Broschüre die Vergangenheit, bei der. zweiten die Gegenwart, so handelt es sich bei der dritten wesentlich um Probleme der jüdischen Zukunst, die kritische Prüfung erfordern. Von den beiden Vorträgen Hoffs gipfelt der erste m dem Sätze: „Wenn endlich die Orthodoxie sich weit mehr der jüdischen Kunst zuwenden würde, wie die jüdischen Künstler mehr der Religion, so wird es wieder zu einem wunderbaren Aufschwung reli-' giöser Kräfte kommen,' wie auch zu einer nicht minder wunderbaren neuen jüdischen Kunst." Der zweite Vortrag wendet.sich an die jüdische Studentenschaft; die originale Begabung des jüdischen Genius fei Prophetie und Diplomatie (der jüdische Diplomat ist der selbstbeherrschte, geduldige, sachliche, gerechte, großzügige Mensch), die jüdische Studenten mögen sich auf neutralen Boden zur Verwirklichung dieses Ideals vereinigen. Man wird einwenden, daß die Sorge um das Verständnis derartiger Bücher seitens d?ks jüdischen Publikum unbegründet ist. Dieses Publikum ist wohl sehr belesenlaber nur so weit, als es nicht um das Gebiet der jüdischen Interessensphäre geht, denn darin fehlt .es ihm plötzlich an der nötigen Zeit. Das ist natürlich auch ein Ausfluß des Strebens, sich zu assimilieren. Alle geistigen Strömungen finden bereitwillig Eingang bei ihm, nur gegen jüdische geistige Strömungen verschließt sich seine überwiegende Mehrheit.

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