Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 48 (27.11.1930)
- Date
- 1930-11-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 48 27. November 1930 Der Israelit Strom des Lebendigen entspringt, wenn es selbst lebendig, wenn es triebhaft ist, wenn ein Trieb, der über dem Individuum steht, den Menschen zum Denken, zum Denken gerade m eben derselben Art, wie er denkt, drängt? Dann liegt dieses Denken eingebettet im Strom des Lebendigen. .Das aus dem Besinnungsakt entstehende Urteil ist nicht die zu Stein erstarrende Welle, sondern gerade die aus dem Wasser, aus dem Strome des Lebendige sich heraushebende Welle, die urtümliche Gestatt des Lebendigen, lebendig und wandelbar bleibend, jederzeit bereit, im Strome des kollektiv-lebendigen Denkens wieder unterzutauchen. Wenn schon im Beginn des Denkaktes dessen lebensfeindlicher Charakter fehlt, wenn schon der geistige Akt des Denkens aus dem Lebendigen quillt, dann fallenauch alle aus dem individualistischen Denkakt entstehenden lebensfeindlichen Folgen fort; dann ist der Geist nicht Widersacher der Seele, vielmehr sind Seele und Geist Elemente des einen Lebens; wie sie selbst Leben sind, können sie auch nu.r Leben wecken. Von dieser Art ist das Denken des kollektivistischen Menschen. Sein Leben und sein Denken entstammen derselben Quelle, nämlich dem kollektiven Lebewesen, dessen Zelle der Mensch ist. Als Zelle dieses großen Lebewesens lebt er deswegen, weil das Kollektivum lebt. Als Zelle dieses großen Lebewesens denkt er deswegen, weil das Kollektivum denkt. Sein individuelles Leben und sein individuelles Denken fließen aus dem Strom des kollektiven Lebens, aus dem Leben seines Volksorganismus, der vor ihm war und nach ihm sein wird. So ist auch das Denken des kollektivistischen Menschen nichts als lebendig. Das Judentum ist kollektivistisch. Die Thora ist die lebendige Bewegung desjenigen Lebewesens, das wir das jüdische Volk nennen. Der einzelne Jude, soweit er eine gesunde Zelle des jüdischen Volksorganismus ist, ist die in der Bewegung des Gesamtorganismus mitschwingende Einzelzelle des Volkskörpers. So hat nun jeder Jude zu wählen zwischen dem Leben und dem Tod. Beharrt er weiter im individualistischen Denken des europäisch-amerikanischen Kulturkreises, so darf er sich nicht wundern und beklagen, wenn er in dem allgemeinen Strudel des Unterganges alles Lebens mitversinkt'. Rafft er sich dagegen noch im letzten Moment auf, erkennt er die Gefahr, kehrt er um zum kollektivistischen jüdischen Denken, so kann er nicht nur sich, nein, so kann er die ganze Juden heit, ja, die ganze Menschheit, ja, sogar dien ganzen Kosmos vor dem Tode retten. Denn Denken ist die lebendige Bewegung des Organismus Kosmos und die Menschheit das Denkorgan des kosmischen Organismus. " Wie fängt man nun das kollektivistische Denken an? Kollektivistisches Denken ist, wie wir gefunden haben, das -triebhafte, aus dem Lebendigen entstammende Denken. Der einzelne Mensch findet den Strom des Lebendigen dort, wo er zunächst in die über sein Einzelleben hinaus reichenden kollektiven Organismen hineingestellt ist, nämlich in dem Volk, dem er von Natur aus angehört. Hat der Jude also das Sehnen, den Geist der individualistischen, lebenzerstörenden Wirkung zu entziehen, Welt und Kultur vor dem Untergang zu retten, lebendig und allein wahrhaft zu denken, so muß er sich dem Denken des jüdischen Voltes hingeben, sein Denken unwillkürlich aus dem Denken des jüdischen Volkes triebhaft hervorgehen lassen, sein Denken nicht wollen, sondern triebhaft entstehen lassen. Für den Juden ist lebendiges,wirkliches Denken das Denken des jüdischen Volkes; der gesunde, mit dem Leben und mit der Natur verwurzelte Jude, der Menschheit- und weltbewußte Jude denkt ausschließlich jüdisch-kollektiv. Ist es denn überhaupt möglich, innerhalb einer individualistischen Umwelt, jüdisch-kollektiv zu denken? Eine Gegenfrage: Ist es möglich, innerhalb einer Welt des Todes zu leben? Ja oder nein? Ja, wenn Du den Trieb und die Freude des Lebens in Dir fühlst, wenn Du des Lebens voll bist bis zum Zerspringen. Wähle nur das Leben, dann wirst Du auch leben. So Du aber Pessimist bist und bleibst, wirst Du das Leben niemals gewinnen. Du vermagst jüdischkollektiv zu denken, so Du mit wirklichem Erschrecken den Todeshauch des individualistischen europäisch-amerikanischen Denkens verspürst hast. Du vermagst es, weil das Mische Volk eine großartige, von keinem Volk der Erde, in dem Maße gekannte Institution des kollektivistischen Denkens sein eigen nennt, die zugleich Ausdruck und Mittel des nationalen triebhaften jüdischen Denkens ist: das „Lernen". Tag und Nacht „lernen" bedeutet, unaufhörlich auf den F l ü g e l s ch l a g j ü dis ch - nationaler Gedankenfl üge zu lauschen, mit ihnen m i t z u f l i e g e n, mit ihrem Wehen sich anzufüll en, ihre Flugrichtung a u ch z ur eigenen zu machen. Und was ist der Inhalt dieses Denkens?. Die Thora, die Halacha, die lebendigen Atembewegungen des jüdischen Volksorganismus. Du denkst daher andie Geheimnisse jüdisch-nationaler Triebbewegungen, Eine 'Ln-Erklärung zu KX’l 'S XXVIII, 14. Die Alten pflegten zu sagen: jeder Tintentropfen ’"En's ist einen Dukaten wert. Wir sehen in '"vn eine solche Präzision, daß wir uns neben ihm wie Stümper Vorkommen. Wollen wir den Inhalt einer ’"«n mit eigenen Worten wiedergeben, so merken wir bald die Schwächen unseres Ausdrucks gegenüber der Klarheit und Genauigkeit, die jedes Wort '"»“vs kennzeichnet. Ursprünglich mögen wohl alle unsere Väter solch feines Unterscheidungsvermögen besessen haben. Wie merkwürdig schön, daß die beiden Söhne der n-m (IV. 20 mirmna) Va; und ^ar» hießen. Man wählte diese Namen doch nicht zufällig, sondern ganz bewußt und unterschied also klar und ohne Schwierigkeit, wo wir ständig Gefahr lausen,. Irr» tümer zu begehen. Uns ist die Finesse verloren gegangen und wir finden sie nur noch bei ganz auserlesenen Geistern wie '"En 'Eraitn ,inry p»* ’"en sagt auf naaai nassi nanpi na’ nsnsi nur vier Worte, die wundervoll gewählt sind und ergründet werden müssen "ps' pi iaa nprm*. Da keiner der bekannten '"an» Erklärer dazu eine Bemerkung macht, so sind wir auf uns selbst angewiesen. Wir fragen uns also: was mag '-sn wohl schwer gewesen sein, daß er sich genötigt sieht, npmi „Du sollst stark werden" zu erküren. Bei genauer Untersuchung finden wir, daß der Segen nsmi sich nach allen vier Richtungen auszubreiten, ein "na ppi rr>b*' ein dornenvoller Segen ist. Wohl ist es ein schöner Segen, sich nach allen vier Richtungen auszudehnen. Dieser Segen birgt jedoch in sich das Unangenehme, daß jede Front naturgemäß nur sehr schwach sein kann. Sagt nun '"an: Trotzdem bei einem Ausbreiten nach allen vier Richtungen jede Seite eigentlich nur recht schwach sein müßte, wird dies bei dir nicht der Fall sein; vielmehr wirst du nach jeder Richtung hin stark sein, nptm Was berechtigt aber '"an als Interpretation anzunehmen ps' pi las nprm? Antwort: Weil in (I 12 ma») derselbe Ausdruck ähnliche Bedeutung hat. Dort heißt es ps' pi nan' p in« w nemai, worauf die Erklärung lautet: piBftfn mainb n"apn al» p al» pnia anv na i-aa- Je mehr durch den Druck eine Verminderung und Schwächung zu erwarten gewesen wäre/ umsomehr erfolgte durch den Segen G. eine Vermehrung. So auch hier: Je mHr durch das Ausbreiten nach allen vier Richtungen eine Schwächung jeder Front zu erwarten gewesen - wäre, umsomehr erfolgte eine Kräftigung und Stärkung, ps' pi laa npim. Dr. M. Ascher. kleines Feuilleton. Birnbaums Jldishkelt in Lushn". Die jiddische Sprache, die Sprache des überaus größten Teiles des jüdischen Volkes seit vielen Jahrhunderten wenn Du „lernst"; Du fühlst in Dir im „Lernen" den Trieb zur nationalen Thorabewegung, den Trieb zum Lebendig-en stärker und immer stärker werden. Der Trieb zum jüdisch-kollektiven Denken und. der Trieb-zur jüdisch-kollektiven Thorabewegung finden sich im „Lernen" zu einer Einheit zusammen. Der Sinn des „Lernens" ist daher nicht Mehrung' des Wissens, nicht. Schulung der Logik und der sogenannten Geisteskräfte, nicht die Kenntnis von Inhalt und Bedeutung der Noravorschrrften; Sinn des „Lernens" ist allein die Ausdrucksbewegung und Kräftigung des lebendigen Triebes zum jüdischen Denken und das Miterleben der Eigenart jüdischer Denkweise. Nur wer diese Triebkräfte überall M erleben imstande ist, vermag zu „lernen". Alles übrige ist Studium im europäisch-amerikanischen Sinne, ist individualistsches, ' totes Denken. Nur der Jude, welcher „lernt", nur der Jude, w e l ch e r l e b e n dl g „ lernt " , i m „Lernen" d e n S t r o m j ü d i f ch e n D e nk ens u nd j ü d is che n De n ktr ieb es v erspürt, kann jüdisch und lebendig denken. Je lebendiger Du „lernst", je hingegebener der nationalen Eigenartdes jüdischen „Lernens" und des jüdischen Denkens, je versunkener, willenloser im Strom der lebendigen, nie erstarrenden,, nie abbrechenden Diskussion, je länger und häufiger Du auf diese Weise „lernst", desto mehr wirst Du dem individualistischen Denken entwachsen, desto mehr wird Dir das europäisch-amerikanische Denken als Aeuherung einer Dir fremden und fernen- Kultur erscheinen. Du wirst schließlich nicht mehr anders können: Du mußt kollektivistisch, Du mußt triebhaft. Du mußt jüdisch denken. Die europäisch-amerikanische Denkart,' die Dir doch nur als ein äußeres Gewand aufsaß, fällt von Dir ab. Du gewinnst Dein Dir ureigenes Wesen wieder, das jüdisch-kollektive Denken. Deine äußere Betätigung in Beruf und Haus, Dein Verhaltenin Staat und Gesellschaft wird kaum anders sein als es vordem war. Aber eine lebendige, Dich selbst überdauernde Seele hast Du Dir erworben; Du bist ein lebendiges Blatt am Baume des Lebens geworden. Du kannst jetzt dem Untergang des Abendlandes, dem Untergang der Erde am Geist trotzen. Du allein bist der Heros, der die Welt auf feinen Schultern zu tragen vermag; Du allein bist der Natur und dem Leben innig verbunden. Jetzt wirft Du auch verstehen, weshalb das Jud entum es ab lehnen undablehnen muß, ein en Juden als lebendige Zelle der jüdischen Gemeinschaft anzuerkennen, der nicht jüdischnicht kollektivistisch-jüdisch, nicht triebhaft, nicht lebendig lund die, als echter Sproß des jüdischen Hauses, mit jüdischen Gefühl getränkt und mit der jüdischen Seele eng verwachsen ist, besitzt eine Anzahl von Wörtern, für die es in anderen Sprachen gar kein Aequivalent gibt, weil sie für die Eigenart der jüd. Begriffe und Gefühle geprägt sind, diese Sprache droht in den letzten Jahrzehnten der Gefahr unheilbarer Verkrüppelung zu verfallen. Zuerst kamen die Maflilim und entdeckten mit ihrem von der Assimilation infizierten Verstände, daß Jiddisch überhaupt keine Sprache, sondern ein „Jargon", ein „schlechtes Deutsch" sei. Sie gingen auch wirklich daran, sie in ein „gutes Deutsch" umzuwandeln und verschandelten so Sprache, und Orthographie. Später versuchte der geistige Erbe der maskilischen Assimilation, der Nationalismus, der jiddischen Sprache ganz den Garaus zu machen. Wie sollten auch „Geulo-Menschen" eine „Golus-Spxache" dulden? Sie machte sich deshalb an die Arbeit, eine neue, eine „Geulo- Sprache" zu „schaffen". Genau so, wie sie den lebendigen Geulobegriff und -glauben des jüd. Volkes vernichten wollten, um an ihrer Stelle tote moderne Erlösungstheorien zu setzen, so versuchten sie, das lebendige -jidd. Wort durch eine kalte, mechanische Sprache zu verdrängen. Und was tat die Orthodoxie? Eine lange Zeit überhaupt nichts. Sie hatte eher einen heillosen Respekt vor jeder neuen Idee der „Modernen" und „Aufgeklärten" und ließ sie alle gewähren. Später, als die Orthodoxie, dank der Aufklärungsarbeit der Agudas Jisroel ansing, zur Besinnung zu kommen und einzusehen begann, daß sie-selbst an die Arbeit gehen muß, um zu retten, was noch-zu retten ist, wenn nicht alles m der Vernichtung anheimsallen sollte, änderte sich manches zum Guten; das Gebiet der Sprache aber bleibt immer noch reichlich vernachlässigt. Es wurde nichts unternommen, die Sprache von all den fremden Einflüssen, von all dem häßlichen Ansatz der letzten Jahre zu befreien.