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Der Israelit · 1930-11-27 · Heft 48 (27.11.1930) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 48 (27.11.1930)
Date
1930-11-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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27. November 1930 Nr. 48 Frankfurt a. M., den 7. Kislew 5691 Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Abonnement ab Juli 1929: Deutschland 1.30 Mark monatlich; Ausland: Bierteljahrpreise (entsprechend dem deutschen Inlandspreis zuzüglich Kosten des Streifband-Versandes) Deutsch-Lfterreich: Schilling 8.—; Amerika 1 Dollar; England 4 sh.; ab 1 Juli. Frankreich 28 Fr.; Belgien ab 1.7.37. Belga 8.; Holland 3 fl.^Italien ab 1.1.38.18 Lire: Jugo- - slavien W Din.; Litauen 7.50 Ltt.; Rumänien ab 1. 7. 97. 150 Lei; Polen 4 deutsche Eoldmark zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei W Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen3.50 Krön.; Schweden 3.50 Krön. , Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 60 Goldpf. für die stebengesp altene Nonpareille-Zeile. Abonnenten zahlen bei Stellengesuchen und Familienanzetgen nur 40 Pf. Die 75 Iinll breite Reklamezeile: letzte Tertseite 3.— Mk., vorletzte Textseite 360 Mk.; Ehiffregebützr in Höhe eines dopp. Fernbriefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Inserataufträgen rarifm. Preiserhöhung jederz. Vorbehalt. Jnferatenannahme durch den Verlag des Israelit T. m. b. H., Frankfurt a. M., Rechneigrabenftraße 7, Tel. Hansa 21084 sow. durch sämtl. Annoncen-Erped. d. In- und Auslands. Alleinige Jnseratenann. für Franks. Gefchäftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, II. Tel. Hansa 25865. Platzvorschr. ohne Verbindlichk. Zahlungen direkt an den Verlag aus Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 19803. — Außerdem an: Postsparkasse Wien Nr. 79605. —Postsparkassenamt Budapest Nr. 18424. —Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. — Postscheckamt Zürich Nr. 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Wer nur seine Augen Mfmacht, wer nicht im trunkenen Dünkel, wie herrlich weit wir es gebracht haben, einherstolziert, wird in allem und jedem unserer Gegenwartskultur die verheerenden Wirkungen unserer rationalen Geisteshaltung anerkennen müssen. Das Denken erstarrt zu Begriffen. :Äus>. Begriffen werden Gesetze. Auf Gesetzen baut man Organisationen und Maschinen auf, in die man den>: lebendigen Menschen hiMnzwängt und — zwingtz So wird schließlich alles, von der Religion an über die Wirtschaft hinüber bis zur Technik, in den ehernen Panzer des Geistes eingespannt und in ihm erdrückt.. Die Natur, Pflanzen- und Tierwelt, wird ausgerottet; fremde Külturen und Kulturvölker vernichtet, oder der Geisteskultur, von Europa-Amerika unterworfen. Alle Lebenserscheinungen werden in Werte umgewandelt, am Geldwerte gemessen, Kunst und Wissenschaft nicht ausgenommen: sogar Religionsübung ist bezahlter Beruf geworden: die Religion wird im übrigen. immer mehr abhängig von der günstigen wirtschaftlichen Lage ihrer Bekenner; sie wird immer mehr Reservat der Wohlhabenden: die Großstadt wächst unheimlich; die Geburtenzahl sinkt; jedes Lebensgefühl, jeder kosmische Lebenstrieb wird erstickt in leinem Wust von Ordnung, Reglements und Wissen. Nicht nur das Abendland, nein, die Menschheit stirbt, stirbt am sogenaünten Fortschritt, stirbt am Geist. Rettungslos? Anscheinend. Denn Ludwig .Klages gibt für den Untergang des Lebens am Geist in seinem erwähnten Werk die philosophische Begründung. Er führt etwa Folgendes aus: Das Leben ist im einzelnen Menschen sowohl wie überhaupt ein ununterbrochenes Fließen von Bildern. Diesem Fließen stellt sich der geistige Besinnungsakt des Menschen entgegen. Durch das Besinnen hebt der menschliche Geist aus dem Strom des Lebendigen gewissermaßen eine Welle heraus und läßt sie nicht'mehr zurücksinken: sie erstarrt zum Urteil; sie bleibt; sie verschwindet nicht wieder im Strome des Lebendigen. Das Besinnen ist ein Unterbrechen, ein Anhalten des Stromes des Lebendigen; es trägt den Charakter des Erstarrens und des Erstarrten, den Charakter des Todes in sich. Daher ist jeder geistige Besinnungsakt notwendig etn Feind des Lebendigen. Alle übrigen Erscheinungen, die das Leben ersticken, ergeben sich daraus mit unerbittlicher Konsequenz: Der Besinnungs- und Denkakt wird zum Urteil, das Urteil zum Begriff, der Begriff zum Gesetz usw. Der Geist tötet alles Leben auf Erden. Pessimismus schleicht durch die Lande und droht, alle Freude und Fröhlichkeit zu vergiften. Wenn es so wäre,^wenn Geist alles Leben vernichtet, dann hätte Eduard von Hartmann Recht, der behauptet, daß das Nichts das Ziel alles Lebens sei; dann würde der lebentötende Geist nur der Henker sein, der die Erde und die Menschheit vom Leben in das Nichts befördert. Ja, die Pessimisten haben Recht,Feiden Recht: Der Geist ist der Widersacher der Seele; das Leben geht unter am Geist. Ein Zweifel 'ist nicht möglich. Aber, so fragen wir, welcher Geist? Hjer begehen die Pessimisten denselben Fehler, der vöst jeher gemacht worden tst, seit griechische Philosophen das Wesen und die Funktionen des Geistes einer Untersuchung unterzogen haben. Sie setzen nämlich diejenige Art/in welcher der Mensch des europäisch-amerikanischen Kulturkreises zu denken pflegt, als das Denken, als die einzig mögliche Art des Denkens stillschweigend voraus. Es hätte sie schon stutzig machen müssen, daß andere Kulturkreise auf Grund einer anderen Einstellung zum Denken zu Denkergebnissen mit ganz anderer Klangfarbe gelangt sind. So ist auch dem europäisch-amerikanischen Denken eine besondere Grundhaltung eigen. Typisch für diese Grundhaltung ist der berühmte Satz des Descartes: „Cogito, ergo sum", „ich denke, also bin ich da". I ch, das Individuum, denke, also bin ich als Individuum vorhanden. Niemand ist auf die Idee gekommen daß es vielleicht auch anders sein könnte: daß nicht i ch denke, sondern daß in mir und durch mich als sein Denkorgan ein Wesen denkt, von dem ich nur ein Teilchen bin. Der Satz des Descartes müßte dann sinnentsprechend lauten: „Das mir übergeordnete Wesen denkt (durch mich), also ist dieses mir übergeordnete Wesen da." Mit anderen Worten ausgedrückr: Im europäisch-amerikanischen Kulturkreise denk: jeder Mensch für sich. I ch denke und D u denkst. Zwar kann ich Dein Denken und Du mein Denken zu beeinflussen versuchen, aber grundsätzlich haben unsere Denkinhalte nichts miteinander zu tun. Sie fließen aus verschiedenen Quellen, nämlich aus dem individuellen Denken eines jeden einzelnen. Jeder einzelne wird nach seiner individuellen Fasson selig. Jeder muß daher auch das Denken des anderen als gleichberechtigt dulden. Der Individualismus und das Toleranzprinzip haben hier ihre Wurzel. Ganz anders der kollektivistische Mensch. Nicht e r denkt, sondern seine Gemeinschaft. Es ist ihm gar nicht möglich, anders zu denken, als die Gemeinschaft denkt. Sein Denken^, fließt triebhaft aus dem Gemeinfchaftsorganismus. Er steht eben nicht als Individuum für sich; er ist weiter nichts als eine Zelle des Wemeinschaftsorganismus; er hat den natürlichen Zusammenhang mit dem lebendigen Gemeinschaftsorganismus noch nicht verlorenen''Er ist, deW.. gewaltigen. Gebilde des Lebenditzen über ihm und umihn naturhaft hingegeben. Schon hier erkennen wir, daß ein solcher" Mensch in enger Umannung mit dem Lebendigen steht, während dem individualistisch Denkenden die Wurzeln seiner Lebenskraft abgeschnitten sind. Wir sehen jetzt auch klar, weshalb die Philosophie Ludwig Klages' von der lebentötenden Funktion des Geistes nur Recht hat für das individualistische, für. das europäisch-amerikanische Denken. - Hier stellt sich allerdings der Besinnungsakt dem unaufhörlichen Fluß des Lebendigen chemmend entgegen. Wie aber, wenn der Besinnungsakt, wenn das Denken selbst dem

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