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Der Israelit · 1930-11-20 · Heft 47 (20.11.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 47 (20.11.1930)
Date
1930-11-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Meikemeiers Weg zum Kreml. Die Geschichte eines Menschenschicksals und einer Zeitepoche. Von S. Jzchaki. (Fortsetzung). Später kamen Frauen mit Hühnern, Händlerinnen mit Gänsen, und sie erzählten, indes.sie die Federn in die Tonne rupften, lange Geschichten und alle Stadtneuigkeiten. In später Stunde konnte Rabbi Jechiel, fein Mittagsmahl einnehmen. Die Kinder Waren längst wieder im Cheder. Der Abend Rabbi Jechiels gehörte wieder dem Beshgmidrasch, der Gemoro. Man ist ja ein Mensch; unh ein. Mde, und die-. Seele-will ihre Nahrung Haben.' . Wenn in lauen Sommerabenden die Bienen und Käfer in der blauen Luft summten, die Frösche im Sumpfe unterhalb des Badehauses im Chore, quakfen und auf dem Njemenftrom auf aus Baumstämmen züsammengebundenen Flößen die aus dem weiten Wolhynien und Podolien oder der Wolgagegend kommenden Holzarbeiter bei Ziehharmonika ihre Wolgalieder mit der Wehmut und Sehnsucht der Steppe sangen, ergab das alles eine Symphonie eigener Art. Die Juden saßen dann vor der Türe ihrer kleinen Häuschen und horchten. Abba Perez, der Stadtchasan, suchte sich sogar einige walachische Motive einzuprägen, um sie als Ouvertüre für die Keduscha oder für die hohen Feiertage zu verwenden. Der kleine Meikemeier war an solchen Abenden schwer zu Bette zu bringen. Das Dicken der Schwarzwälderuhr fügte sich in den Gesang und das Spiel auf dem Strome ein, als gehörte es dazu, und die Töne sangen ihn in den Schlummer und trugen ihn dann hinaus,, in weite weite Fernen, wo Bäume von seltenem Glanze bis in den blauen Himmel wuchsen und die Sonne wie ein großer roter Ball zum Anfassen war. Beile, des Schächters Rabbi Jechiel Weib, war eine vielgeplagte Frau, die das kinderreiche Haus ohne Hilfe zu versorgen hatte und auch noch zum Erwerb für die Familie beitragen mußte. Bon früh bis spät sah man sie seufzend und keuchend bei der Arbeit, gehörte oft schon große, Klugheit und nationalökonomlsches^.Gefchick hazch die knaMen Prötrationen fo efnzu- Leilemdaßsie für. aue reiHterh. und den Mann, der seineii 'heiligen'Berit^ und Ms Beshamidräsch 'hatte, . so. gut, zu versorgen, daß er von all /den kleinlichen Mühsaitn des Lebens.verschont - hlieb. ÄberchrLeben hatte auch'Hohepynk^, die.das gange'Müs und besonders die Kinder in höhere Sphären trugen. Si e'begannen am D o n n e r stag morgen, diese Höhepunkte, und hielten steigend an bis zum SabbataUsgang. Drei volle Tage erhielt die Seele kräftige, gute Nahrung/ und das langte, die anderen'grauen Tage der Woche erträglich zu machen. - Donnerstag morgen, nii-t dem Gegacker der Hühner, dem Geschnatter der Gänse und Gekreisch der Weiber auf dem Markte vor dem Beshamidrasch, begann sich die S a b b a t s e el e im Städtchen zu regen. Es schien, als wäre, der ganze Markt, die Führen, die Bauern, die Hühner, selbst die Bettler mit ihren heiseren Kirchenliedern, nur dazu vom lieben G'tt geschaffen und hierher gesetzt, um den Sabbat vdrzubereiten. Wer Ohren hatte, zu hörest, hörte deutlich, wie die Bauern gröhlten, die Kühe chuhten, die Pferde wieherten, die Hähne krähten: /„Schabbos kommt! . . Lebte man die Woche hindurch im Haufe Rabbi Jechiels, wie in den meisten Häusern, in der Hauptsache von Pellkartoffeln und Hering oder einer mageren Graupensuppe, so hatte es doch der liebe G'tt, und nach ihm die Klugheit Beiles, stets so gefügt, daß zu Sabbat Rabbi Jechiel mit den unzähligen Hühnern und Gänsen anderer Leute ein solches Federvieh auch für seinen eigenen Haushalt schachten könnte. Den Donnerstag, hindurch wurden im Vorzimmer Federn gerupft, im anderen Zimmer wurde für den heiligen Sabbat geschrubbt und gescheuert. Die Sabbatseele war im Wachsen. Mit dem dicken Rauche, der am Freitag in aller Frühe aus dem Vadehause aufstieg, war schon die Sabbatseele um einen merklichen Schritt weiter gerückt. Beile , -aber stand, wie alle Frauen im Städtchen, am Freitag schon lange vor Tag auf, heizte tüchtig den Ofen ein, der wie ein Monstrum mit seinen Weißgekalkten Wänden nach sämtlichen. Zimmern, ging. Meikemeier, der als Jüngster den Vorzug genoß, im der Schlafkammer der Eltern auf der Bank an der Ofenwand zu schlafen, wurde von der behaglichen Wärme geweckt und wieder sanft in den Schlaf gebettet, und er wußte, es., sei Freitag, und die Mutter backe die Sabbatbrote. :? <!' Nach einer Stunde, in der Beile noch im Halbschlafe im Bette verbrachte, stand sie endgültig auf. Das Holz im Ofen war ausgebrannt und dieser genügend erhitzt für den Backprozeß. Nun wurden die glühenden Kohlen bei Seite gescharrt, die über Nacht weit aus sich herausgequollenen, mit Schnörkeln und Flechten ver? zierten Teigstücke in den Ofen geschoben. Kurze leise Gebete murmelte Beile dabei. Alles "war eine heilige Handlung, die Sabbatseele wuchs und wuchs und erhielt vom Ofen her die richtige Wärme. Und wenn sie dann eine Stunde vor,. Nacht die Talgkerzen in den blankgeputzten Messingleuchtern anzündete, die fläche Hand' über die Augen legte und das Gebet aus dem Techinobuche sprach, waren Müh und Sorgen der Woche weggewischt. Es waltete nur noch die Sabbatseele, und für nichts anderes hatte ihr Herz und das Häuschen noch Raum. Im Vorraume waren die Federntonnen mit weißen Decken überzogen, aus dem Hausgange der Blutoimer weggeschafft. Die Fische waren, wenn Rabbi Jechielvom Beshamidrasch kam, seine Begrüßungslieder sang und mit den Kindern bei Tisch saß, gut gepfeffert, die Nudelsuppe dampfte. Etwas „Gefülltes^,, war,, auch da, und der, Zimmes war nstt Fy,ßknpchen so fett und gut . geraten, daß, ob,wohl.' er als jetzter Gang auf den Tisch kam, Hine Spur, davon übrig blieb. Rabbi Jechiel /fang den Wochenabschnitt und Beile las weinerlich. au^ dem . „Zeno Urenoh" „was Rahbenu B^chafe. fggt"^ /^Vis Beiden die 2lugen zugingen. Das war der Sabbat im Haufe Rabbi Jechiels, im Städtchen Burki, in allen jüdischen Häusern, in allen jüdischen Städtchen.- * III. Aus seiner „prähistorischen" Zeit waren Meikemeier' zwei Erlebnisse haften geblieben, die aus seiner Söele auch später durch keinen Sturm mehr auszumerzen waren. Die Dinge lägen dunkel, .aber unverschiebbar in der Dunkelkammer feistes frühesten Erlebens. Er sah, wie viele Menschen, besonders Frauen, das Häuschen anfüllten. Die Türen standen weit offen. Auf dem Boden lag etwas, schwarz bedeckt, und zwei Kerzen brannten davor, ebenfalls auf dem Böden. Alle. Meintest, er auch, weil es die anderen taten. Aus späteren Berichten schloß er, daß es der Tod der Großmutter gewesen sgin muß. An die l e b e n d e.Großmutter .hatte er keine Erinnerung. Ein anderes Ereignis lag noch grausiger in Df. 47 wo ,_ __Mf ri. Der untersten Schicht seiner Erinnerungen. Alle schrieen und liefen durcheinander. Große Tücher lagen auf dem Boden ausgebreitet, und darin wurde alles mit größter Eile gepackt und geborgen, was rm Haus an beweglichen Gegenständen, an Betten' und Geräten, gerade greifbar war. Man trug die Bündel hinaus. Er trug, oder man trug, ihn mit. Draußen aber war er geblendet von einer Helligkeit, wie er sie nie mehr gesehen, obwohl es Mitternacht war. Wie eine goldene Wand stand das Feuer, hüpfte dann wie ein brüllendes Tier von Dach zu Dach, und Balken krachten, Funken sprühten und Menschen liefen mit Eimern und schrieen. Man trug die Bündel über den Sumpf auf die Sandebene bis zum Njemen. Das muß, -nach späteren Kombinatwnen, der große Brand gewesen sein, der,:vom Badehaus ausgehend, das halbe Städtchen einäscherte. Die Schrecken dieser beiden (Ereignisse saßen in« seiner Kinderseele wie Träume ohne, konkrete/Unterlagen, ohne Umkleidung greifbarer Ereignisse. Die Kette seiner klaren Erinnerungen, aus der fortan kein Glied mehr verloren oder verrückt ging, begann mit seinem ersten Schultage. Es war im Frühling, der zum fünften Male in feinem Leben erblühte, als ihn die Mutter, in einen Talis eingehüllt, ins Kleinkindercheder von S e l i g Z i e b e l brachte. Es war ein heller Tag nach dem.Peßachfeste, und der Engel, der ihm durchs Dach eine mürbe, fchöngeflöchtene Butt^rbretzel auf den Tisch warf, schien sich in dex hellfeidenen Wolke über dem Hause Seligs aüfzuhaltem und dort auf'ihn-zu warten . . . Selig Ziebel war ein Melamed, der ganz kleinen Kindern die ersten Kenntnisse des Olef Bes beibrachte. Cr hatte im Städtchen nur einen Konkurrenten, ein kleines Männchen, der Leibe Darses genannt wurde. Dieser hatte bereits drei Generationen im Städtchen durch die ersten/Geheimnisse der schwarzen Buchstaben in Sphären höherer Erkenntnis geleitet und war abgetakelt. Selig war jünger und im Aufblühen, wie feine Zwiebeln im Garten, die ihm den Namen gaben. Ein merkwürdiger Mann, dieser „Selig Ziebel". Woher er bei seinem kleinen düsteren Leben und-bei seinem Berufe, der sich tagsüber im dumpfen Zimmer abspielte, die Liebe zur freien Natur und zur Pflanze her Hatte, war ein Rätsel. Vielleicht saß in ihm die Bauernseele vorzeitiger Ahnen, die bei Bethlehem ihre Felder bestellten. Auf alle Fälle war er der einzige im Städtchen, der auf den Gedanken kam/ daß das freie Stsick Sumpfboden-, vor., feinem Häuschen nicht allein für die Käfer und Wespen, Frösche und Gewürm bestimmt sein muß, daß auch dieses Stückchen schwarzer schmutziger Erde, vom gleichen G'tt geschaffen, .der die.. ganze. schöne Welt MS, Leben rief, sich irgendwie zum Wohle der Menschheit verwerten ließe. Und kurzentschlossen zog er einen Bretterzaun um dieses „Grundstück". Keiner protestierte, folglich war der Boden nach altem talmudischem Recht sein Eigentum, wiewohl er es mit keinem Grundbuch beweisen konnte. Hier setzte er mit Hilfe Prochorows, den er aber bald schon entbehren konnte, dieweil er die Kunst selbst erlernte, Lauch und Zwiebeln, so weit der Boden reichte, Reihe um Reihe, Beet um Beet, nichts uls Lauch und Zwiebeln. Schon nach wenigen Tagen standen die grünen dünnen Röhrchen stramm, in Reih und Glied, ganze Zeilen, wie die Grenzsoldaten, die jenföits des „Hofes" Parade abhalten. Er, Selig, nahm die Parade ab. Täglig ging er durch die Reihen, grüßte jedes Blatt mit strahlendem Gesichte, sah und hörte förmlich, wie sie wuchsen, höher und breiter. Es war der gleiche Vorgang wie im Ehester drin, wo die Knirpse das „Komez Alef O!" sangen und zusehends mit jedem Tage weiter kamen . . . Drinnen die Kindlein, drau-

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