Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1930)
- Date
- 1930-11-20
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Sete 10 Nr. 47 ßen die Zwiebeln. Man wußte im Städtchen bald nicht mehr: war Selig ein Melamed, der Zwiebel züchtete, oder -ein Zwiebelzüchter, der mit kleinen Kindern „Olef Beth" lernte . . . Und wenn am Abend die Mütter kamen, um ihre Kindlem zu holen, da sahen sie wohlgefällig über den Bretterzaun und nahmen für einer» Groschen etwas Zwiebel und Lauch, frisch vom Garten weg, für die Suppe mit. Selig bediente sie eigenhändig, lobte die Kinder, lobte die Zwiebel. Unten saß fest im Boden die Mutterzwiebel, eine rotgelbe Hülle um sich ziehend. Wenn im Herbst all die grünen Zwiebelrohre abgeschnitten, verkauft oder verwelkt waren, dann saß die Hauptzwrebel, die Zwiebel der Zwiebel, noch unten im Boden. Diese Zwiebel ist Paradiesapfel des Oststädtchens. Man braucht sie für alle Spesen. Und zerlegt man sie in ihren einzelnen Teilen, so strömen die ineinander sitzenden weißen Zellen einen Duft aus, daß die Augen tränen und einem die Vision des großen Mahles mit dem gutgewürzten Liwjathan die Sinne benimmt. Keine Frau konnte in Burki ihre Sabbatfische füllen und würzen, ohne Selig Zievels zu gedenken. (Fortsetzung folgt.) Die Zahl der Juden. In seinem interessanten Referat auf dem Kongreß für das arbeitende Palästina führt Dr. Arthur Ruppin über die zahlenmäßige Entwicklung des jüdischen Voltes feit der Zerstörung des Tempels etwa folgendes aus: Zur Zeit der Zerstörung des jüdischen Reiches gab es in Palästina eine, Million, in den Nachbarländern 3,l/2 Millionen. Die Juden umfaßten ein Zwölftel der Bevölkerung des römischen Weltreiches. Später verringerte sich ihre Zahl durch die mittelalterlichen Verfolgungen, Wanderungen und Konzentrierung in Städten mit ungünstigen sanitären Verhältnissen; im 17. Jahrhundert gab es nur mehr anderthalb Millionen Juden. Eineneue Epoche beginnt mit der französischen Revolution. Durch Besserung der sanitären Verhältnisse in den Städten steigt die Zahl der Juden. Ende des 18. Jahrhunderts gibt es 2V2 Millionen Juden, davon 1 Million orien» talische und \l/2 Millionen europäische, von denen VU in Polen wohnen. Während die orientalischen Juden sich bis heute kaum vermehrt und ihr kulturelles Niveau! nicht gehoben haben, sind die Juden Osteuropas auf 15 Millionen angewachsen, von denen 5 Millionen nach Amerika auswanderten. Sie sind durch eigene Sprache, Religion, Tradition, Tracht und spezifische Berufe deutlich als ethnische Einheit gegen ihre Umgebung abgegrenzt. Die französische Revolution brachte den Juden Frankreichs individuelle Gleichberechtigung, -erkannte aber nicht das jüdische Volk als eigene Gruppe an, weil die sephardischen Juden Frankreichs assimiliert und die Ostjuden fast völlig unbekannt waren. Für die Ostjuden dauert das Mittelalter bis zum Ende des Zarismus. Seit 1870 tritt in Mitteleuropa (seit dem Kriege auch in Osteuropa), eine rückläufige Bewegung der jüdischen Vermehrung ein, die nur durch Zuzug aus dem Osten einegermaßen kompensiert wird. Die heutigen Juden Westeuropas sind zum großen Teile Nachkommen eingewanderter Ostjuden. Die starke Vermehrung der Juden im Osten führt zu ihrer wirtschaftlichen Entwurzlung. Teilweise wandern sie aus, teilweise führen sie das unsichere Leben von Luftmenschen. Die neueste Entwicklung entzieht ihnen den Boden ihrer traditionellen wirtschaftlichen Betätigung, besonders in Sowjetrußland. Obwohl die Regierung dieses Landes den Juden grundsätzlich wohlgesinnt ist, wirken sich die neuen Wirtschaftsmaßnahmen gerade für die jüdische Bevölkerungsschicht katastrophal aus. Die Vernichtung ihrer bisherigen Eristenzbasis vollzieht sich viel rascher, als die Ueberführung in neue Berufszweige möglich ist. Ein Ausweg aus dieser Situation wäre nur denkbar, durch eine umfassende Industrialisierung Polens oder die Ausschließung neuer Jmmigrationsländer. Infolge der Einwanderungsbeschränkungen ist die überseeische Auswanderung von Juden, die vor dem Kriege 200 000 jährlich umfaßt^ heute auf 40 000 gesunken und sinkt weiter. Die Ausgewanderten können nur zum Teil ihre ethnische Eigenart beibehalten. Das Resultat ist Zerfall der ethnischen Einheit und ein Hinüberwechseln zu anderen Völkern. Hierbei sind drei Stadien zu unterscheiden: 1. Der Zustand fast völliger Einordnung in Leben und Kultur der umgebenden Bevölkerung (Südamerika, Italien, Ungarn). 2. Labiles Gleichgewicht zwischen Zugehörigkeitsgefühl zum jüdischen und zum umgebenden Volk (Deutschland, England, Frankreich). 3. Ueberwiegen des jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühls (Osteuropa). Vermutlich wird aber in Osteuropa dieselbe Entwicklung vor sich gehen wie m Westeuropa. Redner ist der Meinung,, daß die Ansiedlung auch nur von einer Million Juden in Palästina mindestens 20 Jahre erfordern würde. Er glaubt jedoch daran, daß in Palästina ein geistiges Zentrum enstehen wird. Der Israelit 20. November 1930 ' (Ausstellung „Kult und Form" in Berlin.) Am 10. November wurde im Gebäude des alten Kunstgewerbemuseums in Berlin die Kunstdienst-Ausstellung „Kult und Form" eröffnet. Nach Begrüßungsworten der Herren Professor Dr. Kurt Glaser und Reichskunstwart Dr. Redslob hielt Professor Dr. Paul Tilich (Frankfurt a. M.) einen Vortrag über die Beziehungen zwischen religiösem Erleben und künstlerischem Gestalten. In der Abteilung der jüdischen Gemeinde finden wir eine Schau moderner jüdischer K u l t g e r ä 1 e. Viel beachtet -wurden die Metallarbeiten von Ludwig Wolbert, der auf der Ausstellung mit 2 Sabbathleuchtern aus Glas, einem Chanukkah-Leuchter aus Mattsilber, einer Sederschüssel aus Glas und Silber und einem "1,70 m hohen Chanukkah-Leuchter aus Bronce vertreten ist. Diese Arbeiten bringen das Streben nach klaren übersichtlichen Formen unter Vermeidung von Ornamenten und Dekoration besonders deutlisch zum Ausdruck. Erwin Roth stellt Arbeiten in getriebem Silber aus, Hoacry Rofenthal ein ewiges Licht in Form einer glatten Messingkugel, in der hebräfche Schriftzeichen eingestanzt sind. Verschiedene Metalltreibarbeiten, wie Besomim-Büchsen und Kidduschbescher, bringt B. Friedländer. Von der neuen jüdischen Friedhosskapelle in Königsberg, einem Werk des Architekten Erich Mendelsohn, ist ein Altarfenster ausgestellt, das eine gute Vorstellung der durch die Zusammensetzung von rechteckigen bunten Mattglastafeln erziehlten Lichtwirkung gibt, die durch eingeschliffene Horizontalrillen erhöt wird. Zu erwähnen sind ferner Glas-, arbeiten von Mirjam Rosenthal und Keramiken von Lea Halpern und Lotte Bud, sowie eine Sederschüssel in Keramik von Friedrich Adler. Der traditionell deko-, rativen Richtung huldigt Joachim Kahane mit einem Chanukkah-Wandleuchter aus Bronce. Lobende Äußerungen wurden auch über einen Misrach von Fanny Hamburg in Form einer farbigen Lithographie, die orientalische Bauformen, Kuppeln und. Zinnen, komponiert, gehört. Die Ausstellung bleibt bis zmn 28. Dezember geöffnet. (Zur Geschichte der Juden in Deutschland.) Das jetzt im Philo-Verlag (Berlin SW. 68) erschienene Oktoberheft der „Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland" enthält an der Spitze einen Beitrag zur Geschichte der Reichshauptstadt, betitelt „Die Juden im Berliner Wirtschaftsleben zur Zeit des Merkantilismus" aus der Feder von Dr. Hugo Rachel, in welchem nachgewiesen wird, welche Bedeutung das Judentum schon in der Voremanzipationszeit für die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Stadt gehabt hat. Dipl.-Ing. Dr. Alexander Pinthus berichtet im zweiten und dritten Teil seiner „Studien über die bauliche Entwicklung den Judengasse in deutschen Städten" über die Beziehungen der Judensiedlungen zum Stadtganzen und ihre Gestaltung im Einzelnen. Dr. Raphael Straus (München) beschließt seine Betrachtungen zur - „Neueren geschichtswissenschaftlichen und zeitgeschichtlichen Literatur" mit einer eingehenden Kritik der Passargeschen Arbeiten. Cecil Roth (London) weist neue Wege zur Erforschung der Geschichte der Marranen in Hamburg; Fundgrube und Ausgangspunkt bilden Protokolle der portugiesischen Jnquisitionsprozchse, ausbewahrt im' Arquivo National da Torre do Tombo in Lissabon«. Studienassessor Hans Lichtenstein (Schlochau) veröffentlicht Klagelieder Elieser Ben Natans und Kalonymus Ben Jehudas über die Opfer der Verfolgungen des Kreuzzugjahres 1096, Prediger S. Steinberg (Wolfenbüttel) veröffentlicht „Bekanntmachungen des Konsistoriums der Israeliten in Kassel aus den Jahren 1808— 1818", jener Zeit, in der Westfalen „Napoleonisches Königreich war. (Jiddisch — echtes Mittelhochdeutsch!) Professor Heinrich Meyer-Benfe y betont in einem Aufsatz der „Preußischen Jahrbücher", daß „Jiddisch", das von annähernd vier Fünftel aller Juden der Erde gesprochen wird und an Bedeutung alle anderen jüdischen Sondersprachen, wie das Judenspanisch, Judenpersisch u. s. w. weit übertrifft, unverkennbar echtes Deutsch ist, aber nicht von der neuhochdeutschen Schriftsprache ausgeht, sondern auf mittelhochdeutscher Grundlage beruht. Früher gab es ein Judendeutsch, das von den deutschen Ghetto- Juden gesprochen wurde, und der Knabe Goethe, der sich so lebhaft für Sprachen interessierte, hat auch das Judendeutsch erlernt und sogar einiges in diesem Idiom — wie das bekannte Fragment einer Judenpredigt — gedichtet. Aber diese jüdisch-deutsche Sprach erlosch seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Juden sich immer mehr in die allgemeine Kultur eingliederten. So ist heute nur das Ost-Jüdische lebendig, das man wieder in zwei Hauptdialekte trennt, die als Litauisch und Polnisch bezeichnet werden. Das charakteristische Merkmal des Jiddischen," das es vom Deutschen unterscheidet, liegt nicht in der Grammatik, sondern in dem Wortschatz, der semetische Bestandteile enthält. Diese hebräischen und aramäischen Worte sind an Zahl nicht, größer als die Lehnwörter, die sich in anderen Sprachen finden, aber sie treten besonders schärf hervor, obwohl sie lautlich dem Sprächcharakter angepaßt sind. Ferner sind in zunehmendem Maße Lehnwörter aus dem Slawischen ausgenommen worden. Trotzdem ist das Jiddisch eine deutsche Sprache, und zwar entzückt sie den Sprachfreund, denn sie lebt im Munde des Volkes. „Am Jiddischen kommt uns so recht zum Vewußt-- iein", sagt der Verfasser, „was es bedeutet, daß unser geliebtes Neuhochdeutsch als Kanzleisprache entstanden ist und Jahrhunderte der Zucht und Tyrannei von Schulmeistern ausgeliesert war. Der erquickende Hauch quellfrischer Natürlichkeit, der den Reiz der Mundart ausmacht. weht uns auch, und vielleicht in noch höherem' Grade, aus dem Jiddischen entgegen." Obwohl es als gesprochene Volkssprache entstanden ist, hat das Jiddisch doch schon früh literarische Verwendung gefunden. Es wurde zunächst für religiöse Schriften benutzt, erscheint aber bald auch in der weltlichen Literatur. Das erste jüdisch-deutsche Büch erschien 1507 zu Venedig im Druck und ist/die metrische Ilebertragung eines englischen Romans. Etwa ebenso alt ist die älteste. Handschrift einer Dichtung in Reimpaaren ,„Der Artushof". Die Ueberlieferung erlischt im'Laufe des 18'. Jahrhunderts,, doch nahm die jiddische Literatur seit 1860 einen erstaunlichen Aufschwung Und besitzt eine Anzahl bedeutender Dichter. Sie hat auch einen rechten Schätz an Volksliedern. Der bedeutendste " wissenschaftliche Erforscher des Jiddischen ist heute Dr.. S alo mon B irnbaum in Hamburg: erfreulicher Weise sind Bestrebungen im Gangean einer deutschen Universität einen Lehrstuhl für das Jiddische zu schaffen, für -dessen Besetzung wohl Dr. Birnbaum in erster Reihe in Betracht käme. Uinderecke. Wer weiß es? Von P. Burgwalder. 1. Wer schützte ein Gelübde vor Und schwang zum König sich empor? 2. Wie hieß der allerältste Lug? Noch heute währet der Betrug. 3. Wer hat den frechsten Lug geglaubt Und sich des besten Knechts beraubt? 4. Mit Trug muß der Gast den König speisen, Sonst würde ihm der die Türe weisen. 5. ' Sie ließ auf Diebesart - den Gatten fliehn Und schützte schlau mit Trügspiel ihn. 6. Zwei Zeichen wünscht der junge Held, Daß wahr, was ihm der Engel meld't. 7. Versprach die Tochter als Siegespreis Und weigert dem Sieger sie schnöderweis. 8. Dem König hätte willfahret er gern,' Doch konnte nicht lügen er wider den Herrn. 9. Der Falsche findet durch Arglist sein Ende Ein Kuß verdeckt ihm des Mörders Hände. 10. Noch das Antlitz sie schminkt. Da der Tod ihr schon winktt 11. Zwei freche Lügen sprach sein Mund: Er ward entlarvt, bestraft zur Stund'. 12. '' ’ j:[ Zwei Frauen stehen vor Gericht,- .. Die eine lügt, die andere nicht. . 13. Zum Zeichen, daß vom Herrn das Feuer war, Fraß Wasser es und Steine am Altar. 14.! ■ Der sich als Mörder ausgegeben. Bezahlt die Lüge mit dem Leben. 15. Der Mord will hinter Lüge sich verstecken.- ' Will selbst vor G'tt mit Leugnen frech sich decken. 16. Das Volk verlangt's und G'tt verzeiht. Daß er nicht hält den grausen Eid. 17. Der Knecht verleumdet seinen Herrn, Er hätte dessen Acker gern. 18. Sie wurden als" Spione angefahren Und das mit Recht, wiewohl sie es nicht'waren. 19. -• - Dreimal hat heilig er versprochen — Und allemal fein Wort gebrochen! - Verantwortlich für den alkgemetnen Teil und das Feuilleton S. Sch achnowttz, Frankfurt a. SW.; Inserate i. B.: S. Schach nowitz, ebenda. — Ja-fit, die pädagogische Beilage: Lehrer L Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbach). — Berlar des Israelit und Hermon G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck Hermon-Druckeret, Frankmrt a. M.