Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-11-20 · Heft 47 (20.11.1930) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 47 (20.11.1930)
Date
1930-11-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450646--77425-2535083
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 47 Seile 5 20. November 1930 zufriedenstellen. Er ließ durchbacken, daß die Juden ein verhältnismäßig größeres Bodenaus-- maß erhalten würden. Beim Kolomalamt, erklärte Paßfield, seien Beschwerden emgelangt, daß in Polen bei der Auswahl der Chaluz'rm durch die Paläftina- Aemter der alte Ty pus d es j üd ische n Si e dl ers f e rn g eh a lt e n un d> nur r adikale Elemente zur Auswanderung nach Palästina zugelassen wer d e n. Paßfield äußerte sich sodann ausführlich über die Nichtbeschäftigung arabischer Arbeiter durch die Juden in Palästina. Die Interviewer wiesen, darauf hin, daß nur in den durch nationale Fonds finanzierten Unternehmungen keine Araber beschäftigt werden. Sie führten im Zusammenhang damit die . Bemerkung des „Manchester Guardian" an, „ein anderer Vorgang wäre mehr als heroische Selbstverleugnung seitens der Juden" und lenkten die Aufmerksamkeit Paßfields auf dys Beispiel Rußlands, wo die Regierung bestimmt hohe, das jüdisches KWital nur zu Hilfswerken für die jüdische Bevölkerung verwendet werden soll. Lord Paßfield setzte sich über diese Argumente vollkommen hinweg und beharrte Darauf, daß das Prinzip ausschließlich jüdischer Arbeit Mißstimmung im Lande erzeugen müsse. Er erklärte: „Wir werden die Juden nicht daran hindern, arabische Arbeit auszuschalten. Sie mögen es weiter , tun, aber wir können es nicht billigen."- Lord Paßfield gab zu,-daß die Amber einen niedrigeren Lohnstandard als die Juden haben, verlangte aber, die Juden müßten darauf hinarbeiten, daß die Araber höhere Löhne bekommen, nicht aber arabische Arbeit ausschalten. Auf die Frage, warum die Palästina-Regierung keine spezielle Arbeitsgesetzgebung erlassen habe, antwortete Lord Paßfield, eine solche sei vor den Augustunruhen in Vorbereitung gewesen, hätte aber nachher nicht durchgeführt werden können. Paßfield erklärte, die Regierungwerde an den Bestimmungendes Mandats getreu festhalten. Falls der Legislative Council -eingesetzt werden sollte, werde <er nicht die Macht haben, Beschlüsse zu fassen, die dem Mandat zuwiderlaufen. Es werde Aufgabe des High Commissioners fein, dafür zu sorgen, daß der Legislative Council feine Kompetenzen nicht überschreite. Der schlechte Eindruck, /den das Weißbuch auf die jüdisch-öffentliche Me inung gemacht habe, sei darauf zurückzuführen, daß es in manch e.n'Punkte n n i cht k l a r u n d a u sführlich genug ab gefaßt sei. Die Regierung werde kein neues Statement veröffentlichen, . sondern > versuchen, die Mißverständnisse durch Abgabe einer erläuternden Erklärung im Parlament zu beseitigest Korrespondenzen « Nacdlicvte«. Deutsches Reich. Eine Generalabrechnung mit der Jüdischen Dolkspartei. Berlin, 16. Noo. Unter dem Titel: „Um die Zukunft der Per-' lstner Jüdischen Gemeinde" veröffentlicht der bisherige einzige Vertreter der konservativen Partei der Berliner Repräsentantenversammlung, Herr Moritz A. Loeb, der nicht mehr kandidiert und sich aus dem öffentlichen Leben zurückzieht, rechtzeitig zum Wahltag eine fesselnd geschriebene Broschüre, die man als eine Generalabrechnung mit der Jüdischen Volkspartei bezeichnen kann. Allerdings muß von vornherein bemerkt werden, daß eine prinzipielle, weltanschauliche Auseinandersetzung mit der Volkspartei fast völlig fehlt, daß das Ganze sich vielmehr auf einer Summe von .scharfen kritischen Bemängelungen an der Geschäfts- _Der 3 s rqeIi t_ führung und der politischen CiNzelarbeit der Volkspartei ausbaut. Die Broschüre geht von dem sattsam bekannten plötzlichen Frontwechsel' der Volkspartei aus, der Ende 1928 erfolgte. Während bis dahin die Volkspartei mit Konservativen und Mittelpartei zu einer Art von Block vereinigt war, schloß die Partei — der £efte Beweis Berlin. Der Rektor der Berliner Universität hat zur Aufrechterhaltung der Ruhe einen Ordnerdien st aus Studenten aller Parteinchtungen organisiert. Wie diese Ordner, die zu einem großen Teil aus Nationalsozialisten bestehen, zu Werke gehen, schildert ein Augenzeuge dem „Vorwärts". Mit großen Hakenkreuzen geschmückt, patrouillieren diese Studenten durch die Gänge, um alle Personen anzupöbeln, die ihnen aus irgend einem Grunde nicht gefallen. Köln.a Rh. Der Stahlhelmrummel am Rhein vor drei Wochen hat ein junges Menschenleben als Opfer gefordert. Von übelwollenden Geschäftsleuten waren die Inhaber des Hotel Grünewald in Cäüb, die Familie, Meyer, den Stahlhelwern als „Separatisten" denunziert worden. Diese Denunziation entbehrte jeder Grundlage, bewirkte aber, daß eine Menschenmenge das Haus stürmte, so baß die Familie flüchten Müßte.- Die furchtbare Aufregung hat die Tochter des Hauses gesundheitlich derart angegriffen,,daß sie an den Folgen starb. Minden. Ein etwa 30 Mann starker. Trupp Nationalsozialisten durchzog die Ortschaft B a r k h a usen an der Porta, machte vor dem Hause eines jüdischen Schlächtermeisters halt und' provozierte hier durch Rufe. Die beiden Söhne des Schlächtermeisters kamen ahnungslos aus dem Hause und wurden auf ein Kommando hin von den Rowdies mit Stöcken, Messern und Schlagringen blutig geschlagen. Nach vollbrachter Tat flüchteten die Hakenkreuzritter, von denen jedoch zwei Mann gestellt werden konnten. Breslau. Wie bereits mitgeteilt, wurde in Trebnitz der jüdische Friedhof in unerhörter Weise geschändet. Die Polizei konnte die. Täter ermitteln. Es sind drei jugendliche Burschen, die alle Mitglieder der nationalsozialistischen Arbeiterpartei sind. Kassel. Der Schriftleiter des obskuren Blättchens „Der Sturm", Wolfgang Bergmann, der seinerzeit behauptet hatte, die Juden würden nach ihren Religionsgesetzen verunreinigtes Fleisch an Christen verkaufen, ist von der Berufungsinstanz anstelle einer verwirkten Gefängnisstrafe zu einer G e l d st r a f e von Mk. 180 bestraft worden. Kläger war d^r „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens." Budapest. Rektor Dr. N e k a m hat am Schwarzen Brett der Universität einen Mahnruf an die Hochschuljugend anbringen lassen, in welchem er die Jugend daraus aufmerksam macht/ daß es nach § 65 der Studienordnung ein schweres Vergehen bildet, wenn jemand einen inskribierten Hörer der Uinversität am Besuche der Vorlesungen behindert. Gegen diejenigen,; die sich etwa eine Ehrenbeleidigung oder Strafhandlungen gegen die persönliche Freiheit,, die körperliche Unversehrtheit oder gegen das Vermögen zuschulden kommen lassen, wird er Schritte zur strafrechtlichen Verfolgung unternehmen. Bukarest. Der rumänische Ministerrat beschloß, den Juden von Dorscha eine Unterstützung von 250 000 Lei zu bewilligen. Die Juden von Borscha befassen sich zum größten Teil mit Landwirtschaft und könnten ohne, die/Unterstützung ihre Felder für den kommenden Frühling nicht bestellen. Marschau. In der Nacht zum Wahlsonntag drang ein starker Trupp politischer Gegner in ~ das Haus der großen zionistischen Tageszeitung „ H a j n t" in Warschau ein, zerstörte die Inneneinrichtung der Redaktion, warf die Setzerei auseinander und zerstörte die Druckerei. Der einzige im Hause anwesende Setzer wurde blutig mißhandelt. — In Lodz verstarb im Alter von 119 Jahren Frau Scheindel H i r s ch k o r n. Sie ernährte sich ihr Leben lang vom Hausierhandel, war bis zu ihrem Tode körperlich rüstig und konnte ohne Brille lesen. An ihrer Bestattung nahmen fünf Generationen ihrer Nachkommenschaft teil. für ihre Prinzipienlosigkeit — damals^ ein Abkommen mit den Liberalen, das diesen die Abkürzung der Wahlperiode und die Aufhebung der Trennung der Geschlechter in der Synagoge Prinzregentenstraße usw. konzedierte, wogegen man allerlei Vorteile aus dem Schulgebiete und für die Universität in Jerusalem einheimste. Loeb zerpflückt dann mit unbarmherziger, auf die intimste Kenntnis des Gemeindehaushalts begründeter Kritik die Lorbeeren, die sich Herr Kareski als Finanzreferent seiner Partei in öffentlichen Versammlungen um die gekrönte Präsidentenstirne zu winden pflegt. Die Ersparnisse, die man gemacht haben will, sind lediglich alte, schon vor der volksparteilichen Herrschaft angesammelte Reserven. Die Ausgaben haben unter der volksparteilichen Herrschaft um 1 Million, d. h. um 9 Proz. zugenommen. Die großen sozialen Pläne, mit denen der volksparteiliche Gemeindevorstand sich trägt, erklärt Loeb für utopisch. Verblüffend sind die Mitteilungen der Broschüre über die ganze, jeder Kontrolle und jeder Revision aus dem Wege gehende Finanzgebahrung des Gemeindevorstandes. Ohne daß irgend ein Anlaß bestände, die Ehrlichkeit dieser Finanzgebahrung zu bezweifeln, ist es doch eine erstaunliche Tatsache, daß dem amtlichen Revisionsausschuß der Gemeinde seit 1924 noch niemals ein Rechnungsabschluß zur Prüfung vorgelegt werden konnte. Gründe kür diese wohl beispielslos dastehende Tatsache, hat der Gemeindevorstand bisher überhaupr nicht anzugeben gewußt. Eben so wenig ist eine Kassenrevision möglich, weil die Unterlagen fehlen. Loeb setzt sich dann mit dem spezifisch Monistischen Glaubensbekenntnis der Volkspartei auseinander und' geht hierauf zur P e r s o n a l p o l i t i k des oolksparteilichen Regimes über.. An 8 tatsächlichen Beispielen wird der Beweis zu erbringen gesucht, daß die Anstellungen vorwiegend nach parteipolitischen Rücksichten erfolgen, daß also Nichtzionisten der Regel nach keine Aussicht haben, in der Berliner Jüdischen Gemeinde ein Amt zu erhalten. Es ist schade, daß der Verfasser der Broschüre vergessen hat, für diese engstirnige, von Haß und Verblendung diktierte Parteipolitik, z. B. auch die interessante Tatsache anzuführen, daß eine objektive, literarisch einwandfreie Darstellung der Tätigkeit des Bajs Jako w-Schulwerkes im Osten in das Berliner Jüdische Gemeindeblatt nicht ausgenommen werden darf, äusgespröchenermaßen deshalb, weil die Bajs Jakow- Bewegüng der Agudas Jisroel nahe steht, also nicht der zionistischen Parteidiktatur unterworfen ist! Einen solchen Fanatismus entfalten dieselben Männer, die sonst immer Oie demokratische Phrase und das Wort von der Gleichberechtigung der religiösen Richtungen im Munde führen. Loeb berichtet dann die interessante Geschichte der Berufung des Herrn Dr. Klee in die Verwaltung der Jca, um endlich die Beziehungen der Volkspartei zur konservativen Richtung zu erörtern." Bei diesem letzten Kapitel vermißt man am schmerzlichsten die prinzipielle Auseinandersetzung, denn es will uns scheinen, als ob all die kleinen Nadelstiche, die die Volkspartei den konservativen Interessen praktisch zusügt, völlig zurücktreten hinter dem alle altjüdische Wahrheit negierenden Charakter ihrer grundsätzlichen Einstellung zur Frage der Autorität des Religionsgesetzes in den jüdischen Gemeinden. Allerdings nimmt der Verfasser der Broschüre einen kleinen Anlauf zu dieser prinzipiellen Auseinandersetzung, in dem er die Haltung der Volkspartei zur Frage der getrennten Kultusausschüsse für die Liberalen und Konservativen ansührt. In der Gegnerschaft gegen diese Trennung der Kultusausschüsse zeigt sich am deutlichsten die zionistische Ideologie, die das religiöse Moment völlig in den Hintergrund drängt. Das Verlangen nach endlicher Schaffung dieser Kultusautonomie der sogenannten religiösen „Richtungen" und in der Forderung einer durchgreifenden Verwaltungsreform gipfelt die Broschüre, deren reicher Inhalt von den Berliner Gemeindewählern bei den Wahlen vom 30. November beherzigt werden sollte. Eine Riesenstiftung für Jeschiwoth. B er l i n, 15. Nov. Am 12. November fand unter Vorsitz von Herrn Dr. James Simon eine Sitzung tes Geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsoereins der deutschen Juden statt, der als Hauptpunkt der Tagesordnung die Beschlußfassung über die Verwaltung der H a f f k i n e - Stiftung vorlag. . Der vor kurzem in Lausanne verstorbene hervorragende Bakteriologe, Professor W. M. H a s s k i n e. der im Jahre 1860 in Odessa geboren ist, hinterließ in hochherziger Weise ein Kapital von etwa anderthalb Millionen schweizer Francs zwecks Bildung einer Stiftung in der Schweiz, die von einem dortigen Bankin st itut verwaltet wird, und aus dessen Erträgnis-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.