Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 47 (20.11.1930)
- Date
- 1930-11-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450646--77424-2535082- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ceite 4 Nr. 47 'Vm ■ '" ■ ■ ..-■ 1 ■■■ - ■ ■ .' Der Israelit ,20.- Noremver 1930 suchen. Heute, da tagtäglich im lieben deutschen Vaterlande das primitive heilige Menschenrecht, ja, das Recht der Toten auf ihren letzten Schlaf, durch die Polizei gehütet und geschützt werden muß — oder sagen wir richtiger: werden m üßte — wäre es ein lächerlicher Anachronismus, von einer Immunität der akademischen Räume zu sprechen. Nicht die Polizei, die als ultimo ratia herbeigerufen wird, um Ordnung zu schaffen, ^entweiht die Hallen der Wissenschaft — und damit das Andenken der deutschen" Männer, die hier gewirkt und der Wissenschaft in der Welt neue Wege wiesen — sondern die „verratenen Jungen", die, von allen guten Geistern verlassen, die Intervention der Polizei unabweislich notwendig machen. „Das ANtzversliindnis". Wir veröffentlichen an anderer Stelle dieser Nummer die ausführlichen Erklärungen, die der Leiter des englischen Kolonialamtes, Lord P a ßfield, der verantwortliche Urheber und ^Zeichner des neuen Weißbuches, einem amerikanischen Journalisten gegenüber abgegeben hat und die — sprechen wir es unverhohlen aus — nicht mehr und nicht weniger darstellen, als eine völlige Rücknahme gerade derjenigen programmatischen Formulierungen. des Weißbuches, die in der ganzen jüMchen Welt ohne Unterschied der parteimäßigen Einstellung Entrüstung und Protest hervorgerufen hatten. Wenn es richtig ist, daß die Regierung nicht beabsichtigt, „irgendjm elche Aenderun g e tt der bisherigen G r u n.h s ätze bezüglich' d er E i n w ander u n g n ach. P a l ä st i n a " vorzünehmen, ...wie-Lord Pahfield jetzt erklärt,.wenn-die Regierung nicht die Absicht hatte, „ ih r e E i n w a stde run g sp o litik zu ändern , wenn die Juden „auch weiter h i n L a n d kaufen können wie bisher", dann hätte man sich das Weißbuch, mindestens soweit es sich auf wirtschaftliche Angelegenheiten bezieht, zum guten Teile sparen können. Aber es liegt nicht in unserer Absicht und liegt nicht im jüdischen Interesse, dem nunmehr offenbar zu klarerer Erkenntnis der Sachlage gelangten englischen Kolonialminister Vorhaltungen über die offenkundigen Widersprüche zwischen Weißbuch und neuer Erklärung zu machen, sondern wir möchten vielmehr mit Genugtuung konstatieren, daß nunmehr jedenfalls die Grundlage zur Wiederherstellung der alten Beziehungen zwischen Mandatarmacht und Agency durchaus gegeben erscheint. Wir sind darum auch optimistisch hinsichtlich des Ergebnisses der von der englischen Regierung inzwischen offiziell eröfsneten Verhandlungen mit Vertretern der Agency,^ die. in dieser Woche unter Vorsitz' des Außenministers Hendsrfon und unter Teilnahme Weizmünns beginnen sollen. ' " - Wenn bei diesen Verhandlungen von der englischen Regierung dafür gesorgt wird, daß der für die Finanzierung dls Druckes und den Vertrieb der Bücher abgenommen werden. Zur Durchführung dieser Vorschläge wurde ein Komitee, bestehend aus Dozent Moses A-uerbach, Oberrabbiner Ehaim Brody, Professor Jsmar Elbogen, Rabbiner Jakob Freimann und als Schriftführer Dr. Esriel Erich Hildesheimer (Berlin N. 24, Linienstraße 111) gewählt. Letzterer ist bsrreit, über die das Werk betreffenden Fragen Auskunft .zu geben und Subskriptionen anzunehmen. Wochenkalender. v. 22.—29, November 1930 ' v. 2. — 9. Kislew 6691 Samstag 22 2 n-rtVin Sonntag 23 3 Montag 24 4 Dienstag Nov 25 1^V2 5 '' Mittwoch 26 6 Donnerstag 27 7 Freitag 28 8 Samstag 29 9 KX’l in der' Tat" bisher höchst bedauerliche einseitige Einfluß der. weltanschaulich gänzlich links gerichteten zionistischen Arbeiterorganisationen aus die Immigration eingeschränkt und für u np a r t e iifche Handhabung des Systems der Einwanderungserlaubniss'e 'Sorge getragen wird, so wird die orthodoxe Jüdenheit' der ganzen Welt (übrigens einschließlich der Misrgchi) der Regierung dafür nur dankbar fein. Wir registrieren in diesem Zusammenhang mit Genugtuung, daß ein alter Gewerkschaftler wie Lord Päßfield doch'einsichtig genug ist, um ein gutes, von zionistischer Seite leider selten gehörtes Wort für den alten Typus des jüdischen Siedlers, für den frommen mit schwärmerischer Liebe an den Boden Erez Jisroel hängenden Juden alten Schlages zu finden. Ausführliche Berichte über den Verlauf der am Montag stattgehabten Unterhausdebatt e zur Palästina-Frage liegen uns im Augenblick dieser Niederschrift noch nicht vor. Es ist aber nach den vorausgegangenen Nachrichten kaum zu bezweifeln, daß in dieser Debatte durch die inzwischen erfolgte Umkehr der Regierungspolitik für die Vermeidung 'scharfer Auseinandersetzungen ebenso gesorgt ist, wie es Henderfon seinerzeit in Genf gelang, in einer konzilianten Erklärung dem geplanten Angriff des Herrn von Rees auf die englische Palästina-Politik geschickt die Spitze abzubrechen. Alles bisher Gesagte bezieht sich aus den wirtschaftlichen Inhalt des Weißbuches, der, wie wir von vornherein hervorhoben, für uns durchaus der wichtigere und entscheidende ist. In politischer Hinsicht wollen wir die Hoffnung nicht aufgeben, daß nach Wiederherstellung einer an sich beruhigteren Atmosphäre auch die Agency-Kreise einlenken und statt sich von der 'aufgeregten Stimmung Jerusalems führen zu lasten, lieber auf den Waad leumi dahin einwirken werden, daß er der Bildung eines auf vernünftigen-. Grundlagen aufgebauten Legislative Council feine Schwierigkeiten mehr bereitet. Findet man sich auf arabischer Heite mit den von der Regierung^ ja ausdrücklich betonten Bedingungen — Ausschaltung der Einwanderungs¬ und Bodenverkaufs - Angelegnheiten aus der Kompetenz des Councils — loyal ab, sowärees ein frevelhaftes Spiel mit den jüdischen Interessen, wollte man diese Gelegenheit zu einer sachlichen Zusammenarbeit Mit gewählten Vertretern des arabischen Volkes zu gelangen-, aus Prestigegründen oder aus übertriebenem Mißtrauen ablehnen. Die Nachrichten, die im ersten Momente von der ITA. über angebliche Erklärungen der Agudas Jisroel und des Brith Shalom in Jerusalem gegen den Council verbreitet worden sind, haben sich als unwahr erwiesen. Freilich ist es wünschenswert, auch in dieser' hochpolitischen ^Frage' 'Me südifchh Eitn heitsfront herzustellen. Söll' das aber gelingen/ dann darf auch von Seiten der Agency keifte Festlegung nach außen erfolgen, bevor die neben ihr-vorhandenen, stärke Strömungeft, de^ jüdischen Volkes' repräsentierenden. Faktöreft^dßn. ihnen gebührenden Einfluß auf die' gemeinsame Willensbildung geltend gemacht haben. Daß mit dem Rückzug der englischen Regierung das eigentliche Problem aller Probleme, das arabische, der Lösung mich nur um Haaresbreite nähergeführt sei, wird wohl niemand glauben — je weniger wir aber imstande sind, auf wirtschaftlichem Gebiete Konzessionen zu machen, ohne unser Lebensrecht üufzugeben, eine desto konziliantere Haltung empfiehlt sich in den politisch-nationalen Fragen. Ein neuer Kommentar zum Weißbuch. Wie wir bereits in letzter Nummer kurzmiteilten, hat sich Lord P a ß f i e.l d in einem Interview mit Vertretern eines angesehenen Newyorker Blattes dahin geäußert, daß die Regierung gar nicht beabfrchtige, den Bo - d e n v e r k a u f i n P a l ä st i n ä z u v e r b i eten o d e r d i e E inw a n d e r un g zu unterbinde n, was mit der jetzt erfolgten Freigabe der Arbeitereinwanderung reichlich bewiesen sei. Dieser...AMmentar wirkt, wenn nicht das Ganze von vorftHerein auf einem Mißverständnis beruht.. hybM^ufWe/. wie em Rückzug, der, wenn -ernstgemeint und aus besserer Einsicht geboren, der englischen Regierung, zur Ehre gereichen kann. •* " Aus den weiteren Ausführungen Lord Paßfields feien folgende.; grundlegenden Sätze wiedergegeben: -... Die Juden werden auch weiterhin Land kaufen können wie bisher, nur will die Regierung Sicherheiten dafür schaffen, daß die auf dengekauften Böden lebenden Araber durch diese Käufe nicht landlos gemacht werden. Die Regierung wird, nur in jenen Fällen eingreisen, in denen Bodentransaktionen die Entfernung arabischer Siedler von dem bisher innegehabten Land zur Folge haben könnten.' Dis Juden haben genüg Boden, um fünf Jahre hindurch kolonisieren zu können. Sie mögen ihre Arbeit sortsetzen. Lord Päßfield gab feinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß von manchen Seitt'n die Meinüüg geäußert wurde, die Regierungserklärung fei bör ihrer Veröffentlichung dem Mrmsterrat nicht zur Genehmigung vorgelegt worden (wie z. V. in der vorigen Woche „News Chronicle" schrieb). Das Weißbuch,- für das er nur ist technischem Sinne verantwortlich sei, sei nicht ein von ihm, sondern ein vom Kabinett herausgegebenes Dokument. Auffallend war der feindselige Ton, in dem Lord Päßfield als alter Sozialist über die Tätigkeit der jüdischen Arbeiterorganisation Palästinas und die auf deren Veranlassung nach Palästina kommenden Einwanderer sprach. Die jüdischen Gewerkschaften, erklärte Pahfield, seien keine reinen Gewerkschaften, sondern zionistische Organisationen und das sei der Grund-, warum die arabischen Arbeiter ihnen nicht beitreten. Er ziehe den Vorkriegstypus des jüdischen Einwanderers, den „frommen Juden", wie' er sich aüsdrückte, dem neuen Einwanderertyp vor. Die Juden dürften nicht den Grundsatz aufstellen, daß in bestimmten Gebieten des Landes keine Araber beschäftigt werden dürfen. Ein solcher Grundsatz erzeuge Mißstimmung. Was würden Sie dazu sagen, fragte Päßfield, wenn wir.-erklären würden, daß in bestimmten hegenden Englands keine Juden beschäftigt werden dürfen!? Im weiteren Verlauf des Gesprächs gab Lord Päßfield zu, daß die Juden in den Fällen, in denen Araber infolge von jüdischen Bodenkäufen Grundstücke räumen mußten, für diese Araber entsprechend Vorsorge getroffen haben. In vielen Fällen hätten 'es die, Juden den, Arabern ermöglicht, auf einet kleineren Vodensläche ststKkömfnlicher zu leben als bisher, und jeM Araber, die'ihren Bodenbesitz vollständig' .aftf^ejöen mußtest, feiest reichlich. est-tMähigt: wÜMm ''Häufig aber hätten -die'Araöet'dÄtAM' tze.nl'Hujden-.er^ hÄtene Geld vergeudet, seiest verarmt üD 'unzstfrieden züruckgekomm^n: unft^so ftt eistem unruhigen und gefährlichen Element im Lande geworden. Es fei öie Absicht der Regierung, dies für die Zukunft zu verhindern. . Die Regierung beabsichtigt, die Landentwicklung in großem Maßstahe durchzuführen. Ueber die Art der Pläne zu dieser Landentwicklung und ihre Finanzierung könne er allerdings keine Mitteilungen machen. Rach Durchführung der Landentwicklung werden in erster Reihe die depossedierten Araber bei der Bodenverteilung^berücksichtigt werden, doch sei dies kein GrMÜ für Besorgnisse seitens der Juden, da die Zahl der in Betracht. kommenden Araber vermutlich geringer als 30.000-sein werde. -Rach Befriedigung dieser Kategorie landloser Araber werden Juden und Araber in gleicher Weise berücksichtigt werden. Auf die Frage, ob der. Boden unter Juden und Arabern im Verhältnis. der Bevölkerungzahl aufgeteilt werden würde, antwortete Lord Päßfield, dies würde die Juden vermutlich nicht