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Der Israelit · 1930-11-13 · Heft 46 (13.11.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 46 (13.11.1930)
Date
1930-11-13
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Melkemeiers Weg zum Kreml. Ditz Deschichke eines Menschenschicksals und einer mm Zeitepoche. Von S. JzchaN. (Fortsetzung). An der Peripherie der Stadt, wo grüne Wiesen und magere Felder von Steinbrüchen und Hügelketten, die man schon beinahe Berge nennen konnte, unterbrochen wurden, hatten sich Deutsche angesiedelt. Ihre kleinen sauberen Häuschen, mit Blumentöpfen cm den Fensterläden und hübsch gepflegten Gemüsegärten vor den Türen, stachen so sehr von dem Häuflein grauer, verrauchter, baüfälliger und schiefbedachter Häuser und Hütten der Innenstadt ab, daß man sich hier in eine fremde Stadt eines anderen Landes von schönerer Sonne versetzt fühlte. Warum die „deutschen Narren" ihre-Blumen mit so viel Liebe, pflegten, als Mären sie lebendige Kinder, warum sie ihre Gartenbeete inso kunstgerechten Ecken zogen, als wollten sie Misrachbilder zeichnen, warum sie ihren Gartenzaun aus gleichmäßigen Stangen machten und rot oder weiß anstrichen, warum sie Rosenstöcke, die doch nur Duft und keine Frucht gaben, zogen und Bienenschwärme zwischen den Kelchen flattern ließen, die doch einem die Augen ausstechen konnten, das alles war so unverständlich, wie die Deutschen selbst, mit ihrer sauberen kurzen Kleidung, mit ihrer Sprache. Diese war Jiddisch — man verstand jedes Wort — und doch nicht Jiddisch, da sie mit einer unverständlichen Hartnäckigkeit „die " Nase und „das " Messer sagten, statt „der Nos" und „der Messer". Jüdische Händler, die ' mit den Deutschen Geschäfte machten, wurden mit ihnen nicht fertig. Sagten sie „dos" und „wos", sagten Jene „das" und „was", sagte der Jude aber ihnen zu Gefallen, da sie doch einmal in das a so vernarrt waren, „der Taps", so verbesserte Peter, der deutsche Töpfer, „der Topf". Es waren eben „Taitsch-Narren! ..." Mitten in der sauberen stillen Gasse hatten sie eine einfache hölzerne Kirche mit hoher Spitze, die mit ihrer Schindelverkleidung .stets so sauber aussah, als hätte sie sich zueinem Feste mit einem Spitzenkragen geschmückt. - ■ Glocken hatte die Holzzinne. micht,:über am Sonntag morgen; .brausten Töne/ Pfeifen? und Knabenstimmen/duxch die ge-- öffneten Wenster/ die sich wie Wasferbächeu ergossenmndgaNz, so. ganz anders, klangen/ als diemonotonen und unwirschen Gebete, aus der ,katholifchsnMostssickirchfi,-- . Ueberj den.zPach, von der .Russenstadt ,äus, - durch die schwarzen 'Wälder, die - zum Fürsten- - Hofe gehörten, führte, der.Weg -zur nahen preußische n G r e.n 3 e.. Wo der Wald aufhörte, begann der Sumpf, und auf dem welligen Boden hülpexten Me kleinen, jüdischen Muhten und schau-; ketten wie Schifflein auf hoher,, stürmischer See. Die-Gäule waxen echt j ü.dis che Gäule,-mager, ergeben, fromm und geduldig/ mehr mit- Psalmsätzen von ihren Lenkern dirigiert, chs mit Zügel und Peitsche. Sie: dachten nicht an Ausreißen., War es ahnen i zu viel geworden, warfen sie die Reisenden in den meterhohen Morast so weich, daß -kein Glied yn ihnen zu.Schaden kam; man setzte sich wieder ich den Wagen und fuhr weiter, als wäre nichts geschehen. In einer knappen Stunde war man an der kleinen Grenze,, wo eine Welt aufh örte und eine ganz .neue Welt, mit neuen Wegen, neuen Gesichtern, neuer Sprache und neuen Beamtenknöpfen anhub. Die Abwege rechts, und links dieser graden Straße zpr Grenze, die 'je nach der, Jahreszeit entweder verschneit und vereist.odMÄbMchwöÄrmt lagen, gehexten den S chrst.u g g l e r n, die Wchtlicherweise, mit oder ohne Wissen der Grenzbeamten und Soldaten, Menschen und Ware über die Grenze brachten; Menschen^ weil sie keinen Paß hatten und doch nach Amerika mußten, und Ware n, die man, bei UmcsehuNg der Zollgebühren, auf dem Tilsiter Markt mit Gewinn absetzen konnte. Andere Wege, die als legal gelten konnten, zweigten von diesem Grenzwege nördlich nach T a u r o g g e n ab und südlich nach R o s j e n i, der litauischen Kreisstadt, wohin man sich nur begab, wenn man mit der Kreisbehörde etwas zu schaffen hatte, was man aber möglichst vermied. " .; Neben den Fuhrwerken hielten, im Städtchen auch Dampfer, sogar gtzäurUige und fchöngebaute Dampfschiffe, den Verkehr mit der Welt aufrecht. Rechtsab durften sie den NjLmen nicht hipunterfahsen, weil dort^ schon nach wenigen Wassermeilen, der Strom breit und tief und preußisch wurde und gar nicht mehr Njemen, sondern „Memel" hieß. Die Memel schämte sich gewissermaßen ihres etwas herabgekommenen tchsischen Bitters Njemen' "und nahm den' Verkehr mit ihm nicht auf. Dagegen fauchten und dampften die Schiffe ungehindert und mit viel Betriebsamkeit nördlich den Strom hinauf bis K o w n o, eine Fahrt, für die man einen vollen Tag brauchte. Die Dampfer waren stets bis zum Brechen vollgefüllt mit Bauern, Juden, Tonnen, Säcken und Körben, Holz und Früchten. Nie hatte ein Dampfer Menschen oder Ladung wegen Ueberfüllung zurückgewiesen. Sie schwammen wie die Heringstonnen auf dem meilenweit verschlammten Wasser und blieben alle paar Stunden auf irgend einer Sandbank festgerammt stehen/ Von einer Eisenbahn erzählte man sich im Städtchen, wie von einem Wundermärchen, an das die Alten nicht glaubten, das in den Herzen der Kinder Visionen aus „Tausend und einer Nacht" auslöste. Jossel, der Melamed, der in der Welt war — die Welt war östlich K o w n o und westlich Königsberg — und den „Wagen ohne Roß" genau beschrieb, bewirkte bei den Alten ein ungläubiges Kopfschütteln, den ganz Jungen war die Schilderung zu nüchtern und zu prosaisch. II. Das die weitere Umwelt, in die die Kindheit Meitzemeiers eingesponnen war. Seine e n g e r e West war-das Schächterhäuschen am Rande der „Bodgaß", da, wo die Gaffe schön heinah^ aufhörte, eine Gasse zu. sein und üsir" nochj';>einen grauen. Haufen kleiner, baufälliger^ -winoschiefM Holzhäuschen,?-wie - vom Winde züsammengettagen, darstellte. .--! | . 5 / >;:^:Das Häuschen Mar klein,; bestand aus. .einer -großen Stube, diechürch eine dunste Vretterwand in zwei. Räume geteilt war, und. zwei kleinen Kammern, beide fensterlos. In dem Vorderraum standen die großen Tonnen, in die die Federn her von Rabbi Jechiel geschachteten Hühner hineingerupft wurden. In diesem Raume flogen stets die Federn -umher wie Schneeflocken/ Beile, die vielgeplagte Frau Jechiels, hatte die Federn zu sortieren, zu verpacken und an den Mann zu bringen. Der andere Raum, nicht viel größer, aber durch zwei . Fenster von der Sonne gut belichtet, war Wohn-, Speisezimmer und Empfangssalon zugleich. Dort befand sich der alte Bücherschrank aus poliertem Holz mit einer Glaswand, Jechiels Heiligtum. Es waren nur alte, heilige Bücher darin, neben Bibeln- und- Gebetbüchern, eine komplette Talmudausgabe, Schulchan-Aruch und alle rabbinischen Schriften/ die irgendwie mit der Schächtlehre in Verbindung standen. Darüber hing eine alte Schwarzwälderl)r. 46 1936 uhr mit schweren Gewichten, die Rabtsi Jechiel schon als Altertum mit in die Ehe gebracht hatte und die den Kindern, wenn sie nachts wach auf den harten Strohsäcken lagen, wie eine uralte Freundin mit ihrem vertrauten Ticktack gar seltsame Geschichten erzählte. Oft waren die Geschichten so, daß man im.Bette erschauerte. Stellte aber einmal die alte Uhr aus irgendeinem Grunde ihr . Ticken -ein, überkam die Kinder ein Gefühl der Oede, Einsamkeit und Aengstlichkeit, wie damals, als die Großmutter auf dem Sterbebette plötzlich zu röcheln aufhörte ... Es war zum Aufheulen, wenn die alte Schwarzwälderuhr schwieg und die Melodie nicht mehr gab zu den Mären, die in den kleinen Gehirnen webten und aufeinander jagten. Die kleine dunkle Kammer, die nach dem Hauptraume geöffnet, war, diente als Schlafgemach für die Eltern. ..Die? andere? noch dunklere Kammer , zum Vorraume war Schlafftätte der Kinder/. Als sie-sich?-vermehrten, mußtensich nachts auch die anderen Räume in Schlafstätten verwandeln. In dieser Umgebung verbrachte Meikemeier seine ersten Kindheitsjahre, mitten im Gegacker von Hühnern, Schnattern von Gänsen und dem Gekreisch der Frauen, die sie zur Schlachtbank ins Schächterhaus brachten und sich um den Vorantritt zur Schlachtstelle zankten. In einer Wolke wuchs er heran, es waren die Federn, die in der Luft herumflogen. Draußen im Hausgange war der Eimer stets voll des Blutes vom geschächteten Geflügel, und die Borstentiere Procherows, des Sabbatgoj, drängten sich an ihn, ohne sich durch Fußtritte davon abhalten zu lassen. Vom nahen G e m e i n debad, das von Prochorow geheizt wurde, stiegen am-Freitag morgen dicke Rauchschwaden auf, untermischt mit Feuerfunken, die die Luft mit brenzligem Geruch erfüllten, als wollten sie die Welt in Brand setzen. An der hinteren Bademauer hatten sich Kehricht und Unrat zu einem respektablen Berge angehäuft, den man im Winter, wenn der Frost ihm die Glasur gab, hinunterrodeln konnte. Im Frühjahr schlug der Njemen aus, trat über seine Ufer weit in das Städtchen hinein. Die schwimmenden Eisblöcke hackten anein-cmder und rissen der "Fassade des Büdehauses einen Stein nach dem anderen weg. Im Sommer glitzerte das Wasser weit.zurück. Zwischen Badehaus und Njemen lag ein von Fröschen reich bevölkerter Sumpf, dahinter eine kleine Sandwüste. Vom Fenster des Schächterhauses aus sah man den Strom fließen UW darauf 'hie weißen und grünen Dampfer nach Kowpo schaukeln.', Diese Dampfer bargen :füst die Kinder das.Geheimnis der Wett-. Es waren schwimmende Märchen, Archen, die. in ein fernes PöraMs. /steuerten. Schon der- Anblick des-Schiffes /Mit feinen Brücken, Schornsteinen und Kajüten war ein Erlebnis, eine Märchenfahrt den Ststom entlang, an den -Schilfinseln vorher, den schwarzen Wäldern zu beiden Seiten, den vielen Städtchen und Dörfern an beiden Ufern, war das Ziel schöner Sehnsucht, das zu erreichen, Kindern selten beschieden. war. Das Leben im Schächterhause ordnete sich fast nach feststehenden Gesetzen. In aller Frühe erhob sich Rabbi Jechiel von seinem Lager, murmelte Gebete, trank den Tee, den ihm Belle, die schon früher aufstand, bereitete, ging dann ins Beshamidrafch, um noch gut eine Stunde vor dem Gebete zu lernen. Nach dem Gebete saß man am langen Tisch im Lehrhause und lernte behaglich einen ganzen Abschnitt aus der Mifchna. Behäbig und bedächtig, ohne Elle, begab sich Rabbi Jechiel, den Tallisbeutel unter dem Arm, nach Hause, um zu frühstücken. Es begann dann die Berufsarbeit mit dem Schleifen der Schächtmeffer. Metzger kamen, Rabbi Jechiel zu melden, daß ihre Ochsen oder Hämmel im kleinen Schlachthof außer der Stadt bereits seiner harrten. „Nicht

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